Mobiles Arbeiten: Mallorca - oder wo auch immer

Internet und Notebook machen's möglich: Immer mehr Menschen arbeiten von der Insel aus für Auftraggeber in der alten Heimat. Drei Geschichten aus der mobilen Arbeitswelt

01-03-2012  
Arbeiten, wann und wo er will. „Das ist ein gewaltiges Plus an Lebensqualität
Arbeiten, wann und wo er will. „Das ist ein gewaltiges Plus an Lebensqualität", sagt Michael Kaindl F.: Bendgens

SILKE DROLL Sonne, Strand, Berge – und mehr als 20 Prozent Arbeitslosigkeit. In Zeiten der Dauerkrise hat der Mallorca-Traum zwar seinen Reiz nicht verloren. Es ist aber deutlich schwieriger geworden, seinen Lebensunterhalt auf der Insel zu verdienen. Und Ausländer, die nicht gut Spanisch oder Katalanisch sprechen, haben es auf dem hiesigen Arbeitsmarktes ohnehin schwer. Die Lösung heißt: ortsunabhängiges Arbeiten. Dank Internet gibt es immer mehr Möglichkeiten, seinen Job einfach mitzubringen. Das geht besonders gut, wenn das einzige Arbeitswerkzeug das Notebook ist und keine persönlichen Treffen mit Kunden oder Mitarbeitern notwendig sind.

Geeignete Berufe sind: Übersetzer, Texter und Autoren, aber auch Grafiker und Web-Designer, Programmierer, Community-­Manager oder Online-Marketing-Experten. Mike Kaindl (siehe rechts) macht etwa in Palma Suchmaschinenoptimierung für seine Kunden in Deutschland. Eine überraschende Lösung hat Karin Rad-Heidotting bei Son Servera gefunden. Ihr reichen Internet und Telefon, um Fachpersonal für SAP-Beratungshäuser in Deutschland zu finden. Das funktioniert, weil sie auf ein über Jahre aufgebautes Netzwerk in der Branche zurückgreifen kann. Ihr Mann Werner unterstützt sie und entwirft außerdem Internetseiten. Die Österreicherin Susanne
Baumann-Cox hat sich einen flexiblen Aufgaben-Mix aus Übersetzen, Dolmetschen und Texten aufgebaut, den sie mal in Graz, mal in Palma, mal in Porto Cristo oder ganz woanders erledigt.

Zufrieden sind sie alle drei. Sie schätzen es, ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort selbst bestimmen zu können. „Wieder irgendwo um acht Uhr im Büro antanzen zu müssen, kann ich mir gar nicht vorstellen", sagt Werner Heidotting. Bei Mike Kaindl hat die Umstellung auf Home- beziehungsweise Mobile Office auch Stress reduziert. „Ich habe jetzt viel mehr Ruhe in meinem Leben."

Arbeiten nach Sonnenstand: Mike Kaindl

Rund 20 Grad im Februar, Sonnenbrille im Gesicht, der Kellner bringt den Milchkaffee. So hat sich Michael („Mike") Kaindl sein Arbeitsleben auf Mallorca vorgestellt. Und so ist es nun auch. In seinem Lieblingslokal ­„Brisas" direkt am Strand an der Playa de Palma. Einziger Nachteil: Die Mittelmeersonne blendet dermaßen heftig, dass Kaindl (50) auf der Terrasse die Schrift auf seinem Laptop-Bildschirm nicht erkennt. Deswegen macht er nur die Pausen draußen und geht zum Arbeiten in den Innenraum. Natürlich an einen Tisch mit Meerblick. Von dort aus betreut der Geschäftsführer der Online-Marketing-Agentur „Syncron Marketing" seine Kunden in Deutschland – per E-Mail. Das könnte er auch in München tun, wo er bis vor kurzem gelebt hat. Oder auf Bali, wo er auch mal gern wohnen würde.

Kaindl hat es geschafft, seine Arbeit nahezu vollständig zu „virtualisieren", wie er es nennt. Er hat kaum noch Anrufe und noch weniger persönliche Termine. Seine Arbeitszeiten bestimmt er. Meistens reichen vier Stunden am Tag. Dafür brauchte es viel Vorbereitung. Jetzt genießt er seinen Traum. „Für mich ist es genial, ein gewaltiges Plus an Lebensqualität. Ich kann aufstehen, wenn ich aufwache. Muss mir keinen Wecker mehr stellen. Wenn mir danach ist, gehe ich erst einmal am Strand joggen", sagt Kaindl, der vorher Jahrzehnte in „festen Verhältnissen" mit Firma, Familie, großem Haus und dickem Auto gelebt und sich nach „mehr Freiheit beim Arbeiten und Leben" gesehnt hatte.

Die Anleitung dazu fand er bei US-Bestsellerautor Tim Ferriss. „Ich las sein Buch ´Die 4-Stunden-Woche´ und lernte, dass das wichtigste Prinzip ist, Ballast abzuwerfen." Diesem Rat folgte er konsequent. Kaindl gab sein 250-Quadratmeter-Haus auf und zog in eine WG, er verkaufte seinen Wagen. Die feste Belegschaft seiner Firma von zeitweise bis zu 16 Mitarbeitern reduzierte er auf ein Minimum und stellte die verbleibenden Angestellten auf Home-Office um. „Dadurch reduzierte sich der Umsatz, aber der relative Gewinn erhöhte sich." Als schwierigste Aufgabe erwies sich die Umerziehung seiner Kunden zur digitalen Kommunikation. „Weniger wichtige Kunden rief ich einfach nicht mehr zurück, antwortete nur noch per Mail. Wichtigeren Kunden stellte ich persönliche Treffen erst in zwei Wochen in Aussicht, beantwortete E-Mails aber sofort und effektiv, so dass sie merkten, dass sie auf diesem Weg besser vorankommen. Kein einziger Kunde sprang deswegen ab."

Im vergangenen Dezember machte Kaindl ernst. Er flog mit einem Koffer und seinem Laptop nach Mallorca, um herauszufinden, ob das mobile Online-Arbeiten im Ausland wirklich funktioniert. Das Ergebnis nach einem dreimonatigen Test ist positiv. Zu Beginn gab es allerdings auch Rückschläge. „Manchmal ist es schwierig, die erforderliche Disziplin aufzubringen." Auf Mallorca ist das Wetter einfach zu schön. Die Sonne treibt Kaindl regelmäßig aus der Wohnung. Er arbeitet dann im Café oder schaltet den PC erst ein, wenn es dunkel wird.
Seinen Neustart dokumentiert Mike Kaindl auf seinem Blog www.stressfreie-karriere.de/mallorca

Deutsche Personalsuche auf der Finca: Karin und Werner Heidotting

Unser Großraumbüro", sagt Werner Heidotting (63) und zeigt auf die beiden Schreibtische im Eingangsbereich seiner kleinen Finca bei Son Servera. Seiner steht in der Ecke, gleich neben der Eingangstür. Der Arbeitsplatz seiner Ehefrau Karin Rad-Heidotting (52) ist dagegen mitten im Raum, unter dem Rundbogen, der den Arbeitsbereich optisch vom Wohnzimmer trennt. Wenn Sie Pause machen, gehen die Heidottings ein paar Minuten vor die Tür und schauen ihren Schafen beim Grasen zu. „Wir sind beide Landeier und brauchen die Stille", sagt Werner Heidotting. Ihr Mallorca-­Zuhause ist auch die Schaltzentrale ihrer Firma Törnover-Consulting. Von der Insel aus sucht das Ehepaar  über Internet und Telefon Fach- und Führungskräfte für SAP-Beratungshäuser in Deutschland.

Den Job haben sie sich aus der Bundesrepublik importiert. Als Karin im Jahr 2006 zum zweiten Mal Werner heiratete und zu ihm nach Mallorca zog (die Heidottings waren bereits einmal verheiratet, ließen sich scheiden und fanden sich nach 14 Jahren Trennung wieder), suchten sie nach einer gemeinsamen Aufgabe. „Die Idee war, mein Netzwerk aus Deutschland zu nutzen", sagt Karin Rad-Heidotting. Sie arbeitete 18 Jahre in Vertrieb und Marketing für eine Tochterfirma des Softwareherstellers SAP und hat viele Kontakte aus dieser Zeit. Als sie schon auf der Insel lebte, half sie so einem alten Kollegen bei der Suche nach einem SAP-Berater. „Ich merkte, das macht mir Spaß, das kann man ausweiten."

Ihr Mann Werner macht nun eine Vorauswahl möglicher Kandidaten. Karin, die das spezielle SAP-Vokabular beherrscht und die Branche genau kennt, führt die Telefongespräche. Außerdem polieren sie zusammen die Bewerbungsunterlagen ihrer Kandidaten auf. Für persönliche Gespräche vor Ort gibt es noch einen dritten Mitarbeiter der Firma in Deutschland. Ihren Aufenthaltsort verheimlichen die Heidottings nicht. „Jeder weiß, dass ich von Mallorca aus akquiriere. Das legen wir immer offen", sagt Karin. Obwohl sie ausschließlich auf dem deutschen Markt aktiv sind, könnten sie ihrer Arbeit auch an jedem anderen Ort der Welt nachgehen. Das gilt auch für Werners Zweitjob: Er designt Internetseiten. „Manche Kunden spreche ich nicht einmal am Telefon. Alles läuft über Mail." In Deutschland waren die Heidottings seit fünf Jahren nicht mehr.  www.toernover.com

Zwischen Graz und Palma: Susanne Baumann-Cox

Als Konferenz-Dolmetscherin und Übersetzerin hatte Susanne Baumann-Cox (47) eigentlich schon den idealen Beruf, um flexibel und mobil zu arbeiten. Mit dem Gedanken, ihre Übersetzungsaufträge aus Graz einfach mitzunehmen, kam sie 2010 mit ihrem Sohn Jamie (10) auf die Insel. Job-Potenzial sah sie auch im künftigen Kongresspalast in Palma. „Auf der Insel gibt es kaum Konferenz-Dolmetscher."

Es kam zwar anders, aber ihr Traum erfüllte sich dennoch. Heute hat sie einen ganzen Bauchladen voller Jobs, von denen sie die meisten sowohl in ihrem Haus in Porto Cristo als auch daheim in Graz ausüben kann. Zunächst sah es allerdings eher düster aus. Die Übersetzungsaufträge gingen zurück. „Vieles blieb bei meiner Agenturpartnerin in Österreich hängen."

Über das Business-Netzwerk Xing fand sie Kontakt zur Marketing-Agentur DPNY Communications, die von Palma aus hauptsächlich für deutschsprachige Kunden tätig ist. Einer der Hauptauftraggeber ist das Unternehmen Medicom, das Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Arzneimittel vertreibt. Nun schreibt sie für das Medicom-Kundenmagazin und die Frauenzeitschrift „Avive".

„Seit kurzem arbeite ich außerdem an Texten, Design und Marketing für ein neues Produkt von Medicom mit." Außerdem schreibt sie weiterhin für eine Online-Architekturzeitschrift in Österreich, ein Auftrag, den sie bereits seit Jahren hat. Und sie arbeitet immer wieder als Dolmetscherin und Moderatorin auf Kongressen.

Ihre Zeit teilt sie zwischen Mallorca und Graz. Ihr Sohn geht seit diesem Schuljahr wieder dort zur Schule, ihr Ehemann übernimmt nun die Haupterziehungsaufgabe. „Es passt für uns alle gut", sagt Baumann-Cox. Sie selbst ist zufriedener denn je. Die Vielfalt an Aufgaben und Orten empfindet sie als bereichernd – und nur manchmal als anstrengend. www.baumann-cox.com

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