Der Mensch hinter der Schlagzeile

"Von Ratten totgebissen" titelten die Zeitungen in der vergangenen Woche. Doch wer war dieser obdachlose Deutsche? Eine Spurensuche

30.05.2013 | 01:15
Ein Herz und eine Seele: Charlie und sein Wuschelhund Bobby, aufgenommen vor rund drei Jahren in Artà. Die Gedichte auf diesen Seiten stammen aus Charlies Feder.
Ein Herz und eine Seele: Charlie und sein Wuschelhund Bobby, aufgenommen vor rund drei Jahren in Artà. Die Gedichte auf diesen Seiten stammen aus Charlies Feder.

Das Blau des Kugelschreibers ist verblasst, das Papier feucht geworden und längst modrig. „Irgendwann komme ich zurück" steht darauf geschrieben. Hinter dem Satz prangen drei dicke Ausrufezeichen und die Unterschrift „Charlie". Entdeckt hat den Zettel Jeroni Mestre, Chef der Ortspolizei von Artà, in einem von Pflanzen zugewucherten Schuppen, etwa zwei Kilometer außerhalb des Dorfes. Eine alte Schreibmaschine steht noch auf dem Tisch, an der Wand hängt eine Gitarre, zwischen Koffern und Tüten voller Klamotten und Gerümpel liegen eine Agenda und das Foto eines Hundes. „Er hat nichts mitgenommen", sagt Mestre. Lediglich mit einem Rucksack bepackt verließ Charlie die kleine Hütte bei Artà, in der er rund drei Jahre gelebt hatte. Es soll der Ostersonntag oder -montag gewesen sein, im Frühjahr 2011.

Zurückgekehrt ist Charlie nie wieder. Am Nachmittag des 6. Mai 2013 ist er im Krankenhaus Son Llàtzer an multiplem Organversagen gestorben. Tags zuvor hatte man ihn bewusstlos und mit Ratten­bissen übersät in einem Abwasser­kanal in Sóller, seinem letzten Zuhause, gefunden. Das ist die einzige gesicherte Information, die es über das Leben dieses Mannes gibt. Eines Tages ist er, wie aus dem Nichts, auf der Insel aufgetaucht. Und eines Tages ist er fast ebenso sang- und klanglos wieder verschwunden. So wie zig andere Vagabunden.

Der Unbekannte

Während ganz Sóller am Freitagabend dem Auftakt des legendären Dorffestes „Es Firó" entgegenfiebert, haben sich in der Hauptkirche Sant Bartomeu rund 50 Menschen zur Totenmesse für Charlie versammelt. Darunter Uwe, ein anderer deutscher Obdachloser aus dem Ort, Renate, eine Deutsche aus Port de Sóller, eine Mallorquinerin, die Rotz und Wasser heult, und viele andere, die ihn gekannt hatten. „Lasst uns beten für Charles Mario Dzikowski", sagt der Pfarrer und blickt in die Gesichter der Trauernden. So hat sich Charlie selbst genannt, und unter diesem Namen wird er nun beerdigt. Obwohl man nie einen Ausweis gefunden habe, sagt Polizeichef Mestre aus Artà, den das nicht weiter wundert. ­„Solche Menschen haben keine Papiere. Sie wollten ihr altes Leben bewusst zurücklassen und mit der Vergangenheit brechen." Auch Charlie, davon sei er überzeugt.

Sein genaues Alter – meist ist von 56 oder 58 die Rede – ist daher genauso ein Rätsel wie seine Herkunft. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er hier in Artà in einem weißen Mercedes ankam, zusammen mit zwei anderen Landstreichern", erzählt Jeroni Mestre. Doch woher? Aus Cala Ratjada, sagt Darius Olszynki, der in Artà eine Bäckerei besitzt. Zuvor habe Charlie sich in Palma als Parkplatzanweiser durchgeschlagen. „Der hatte ja schon fast die ganze Insel durch". Denn nach Mallorca sei er bereits vor
14 Jahren gekommen, glaubt Olszynki zu wissen. Davor habe er sich angeblich in Frankreich und auf dem spanischen Festland herumgetrieben.

Noch schwieriger nachzuverfolgen ist die Spur nach Deutschland. „Der kommt aus Köln", sagt Dietmar, ein Deutscher, der zusammen mit seiner Katze Schneewittchen in einem Wohnwagen in Artà lebt, und Charlie zwischen 2008 und 2011 ab und an vor dem dortigen Eroski-Supermarkt Gesellschaft leistete. „Oder war es Jülich?" Deutsche Urlauber, die regelmäßig in Artà sind, bringen schließlich Dortmund ins Spiel, während Renate aus Port de Sóller sicher ist, dass Charlie aus Berlin stammt. „Ich glaube, dort hatte er Verwandte." Ein Telefonanruf in der Hauptstadt bringt nur wenig Licht ins Dunkel: Der Herr mit dem selben Nachnamen legt, nach Charlie befragt, kommentarlos auf. Auch das deutsche Konsulat in Palma kann keine genaueren An­gaben machen.

Der Hundefreund

Fest steht dagegen, wer Charlies ständiger Begleiter auf Mallorca war: Bobby, ein Hund mit hellbraunem Wuschelfell, der nicht von seiner Seite wich. Charlie nannte ihn „Sir Robert" oder „Señor Roberto". Bevor er für sich etwas kaufte, kaufte er Futter für den Hund. „Die beiden waren unzertrennlich", sagt Veronika, eine Deutsche mit schwäbischem Akzent, die Charlie noch aus Artà kennt. Sie hatte ihn immer vor dem Supermarkt in der Fußgängerzone sitzen sehen. Doch erst als die Polizei ihm Bobby wegnehmen und ins Tierheim stecken wollte, weil er angeblich eine Passantin gebissen hatte, wurde sie hellhörig. „Wir haben bei der Polizei so lange Radau gemacht, bis wir den Hund wieder frei hatten", erzählt sie. Um zu verhindern, dass so etwas noch mal passiert, ließ Veronika den Vierbeiner sogar auf ihren Namen
registrieren.

Der Mitmensch

Von diesem Tag an seien auch sie und Charlie unzertrennlich gewesen. „Wir haben sogar zusammen Weihnachten gefeiert", sagt die alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Sie brachte ihm einen Gaskocher und warme Zudecken für den Winter. „Das hat er mir alles bezahlt, er wollte sich nicht einladen lassen. Obwohl er selbst immer alles teilen wollte." Als sich Charlie eines Tages eine Blutvergiftung eingefangen hatte, fuhr Veronika ihn unter Protest ins Krankenhaus. Sie ließ ihn bei sich duschen und pflegte sein offenes Bein. „Er war für mich ein Mensch wie jeder andere, und so habe ich ihn akzeptiert", sagt die 48-Jährige. Auch Charlie war wohl viel an Veronika gelegen. „Er hat immer gesagt: Dich heirate ich mal", erzählt sie und schmunzelt. Bis vor drei Monaten sein Handy nicht mehr funktionierte habe er sie regelmäßig aus Sóller angerufen, von den netten Menschen dort erzählt und dass es ihm gut gehe. Nach Artà, wo es im Winter nicht so kalt ist, zurückzukehren, davon konnte Veronika ihn ebenso wenig überzeugen wie damals vor zwei Jahren, als sie Charlie zum Verbleib in Artà überreden wollte. „Er hatte seinen eigenen Kopf." Dass die Polizei ihn zum Wegzug gezwungen habe, weil es zunehmend Beschwerden gab, stimme nicht, sagt Veronika. Polizeichef Mestre bestätigt das. „Er war ein angenehmer Zeitgenosse."

Der Alkoholiker

Nur manchmal, wenn Charlie und ein paar andere Obdachlose vor dem Eroski ihre Trinkgelage abhielten, sei es den Anwohnern und Gastronomen einfach zu viel geworden. Dass Charlie nicht selten einen über den Durst getrunken hat, ist niemandem in Artà entgangen. „Er hat hier mehr Wein als Essen eingekauft", sagt Tomeu, der Chef des Eroski-Markts. Gegen Ende seiner Zeit in Artà habe er immer öfter dem Alkohol zugesagt, erzählt auch Bäcker Olszynki. Er habe sich immer seltener gewaschen und immer öfter gepöbelt, weshalb die Leute immer weniger Münzen in die Wasserschale, die eigentlich für Hund Bobby gedacht war, warfen. „Das war sein Ende in Artà." Doch Charlie trank auch in Sóller weiter.

Der Geschichtenerzähler

Viele Menschen aus Artà und auch aus Sóller werden Charlie als einen Entertainer und Showman in Erinnerung behalten. Der seine Späße machte. Der die Kinder begeistern konnte. Der sich mal richtig in Schale schmiss und im Café Parisien mit dem Kommentar „heute mache ich mal nicht auf Bettler" Cocktails bestellte. Und der den Leuten gerne auch den Spiegel vorhielt. Mal gab er sich als Meister im Judo aus, mal behauptete er, sich seinen Lebensunterhalt in Deutschland als Straßenmusiker verdient zu haben. „Charlie erzählte den Leuten das, was sie hören wollten, und darin war er genial", sagt Egbert Babst, von Beruf Psychologe, der seit über 30 Jahren zwischen Deutschland und Artà pendelt, wo er eines Tages mit Charlie ins Gespräch kam. „Ich hätte das natürlich auch psychologisch hinterfragen können", fügt er hinzu. Studien zufolge sind Obdachlose fünfmal häufiger psychisch krank als andere Menschen.
Persönlichkeitsstörungen sind keine Seltenheit. „Aber für mich war er einfach nur ein fantasievoller Geschichtenerzähler", sagt Babst.

Dass Charlie mitunter gewaltige Märchen auftischte, wurde Babst und seiner Frau bewusst, als die Besuche seiner angeblichen Kinder ein ums andere Mal platzten. Einmal sei plötzlich die Schwester gestorben, einmal ein Sohn im Ferrari in den Tod gerast. „Charly lebte in einer Traumwelt", sagt Veronika dazu. Auch ihr habe er immer wieder von seinen Kindern, vier an der Zahl, erzählt, die er zu Weihnachten einladen wollte. Zu Gesicht bekam Veronika sie nie. Nicht mal Fotos habe sie gesehen. „Ich glaube schon, dass er tatsächlich Kinder hatte, aber ich weiß es nicht genau."

Ein anderes Mal erzählte ­Charlie, der Musiker Xavier Naidoo wolle ihm die Rechte an einem seiner Gedichte abkaufen – für 50.000 Euro – und daraus einen Song machen. „So war er halt, das darf man doch nicht alles glauben", sagt Veronika. Manche in Artà nannten ihn deswegen Münchhausen. Sein Kumpel Dietmar etwa, aber auch der polnische Bäcker Olszynki. Wobei auch der ihm eine Gabe im Geschichten­erzählen attestiert. „Und er war hochintelligent, er muss eine gute Schulbildung gehabt haben."

Der Dichter

Hinter den Gedichten, die Charlie geschrieben hat, und den Bildern, die er malte, steckte jedenfalls kein dummer Kopf. Manche der Texte sind Blödelei, andere dagegen sind voller tiefsinniger Gedanken. Es geht um Träume, die Einsamkeit und die Liebe. Mal appelliert er an den Menschenverstand, mal mahnt er, sich mehr Zeit zu nehmen. Und in vielen Zeilen verbirgt sich sicherlich auch ein Stück Autobiografie. Es geht daraus hervor, dass er manchmal Gelegenheitsjobs annahm, Rasen mähte oder Wände strich. Auch dass er eine Stelle auf dem Bau in Peguera ablehnte: „So etwas Exotisches macht mich immer bloß müde." Egbert Babst hat oft mit Charlie über seine Gedichte gesprochen, sagte ihm, was ihn störte, und was ihm wegen der feinen Satire besonders gut gefiel. „Er suchte immer Leute, mit denen er kritisch diskutieren konnte."

Bereits 2010 habe ihm Charlie ein Büchlein, auf seiner Schreibmaschine getippt, übergeben. Daraus habe er inzwischen ein druckfertiges, digitales Exemplar erstellt. „Ich möchte Charlie seinen Wunsch erfüllen und es veröffentlichen", sagt Babst. Für ein richtiges Buch werde sich vermutlich kein Geldgeber finden, aber auf seiner Facebook-Seite (Egbert Babst) sei es für Freunde und Fans bereits ­einsehbar.

Das Vermächtnis

Übrig bleiben neben den Gedichten auch Charlies Bilder, die er während seiner Zeit in Sóller gemalt hat. Allesamt abstrakte Gemälde, teils in grellen Farben, teils düster und schwarz. Cristobal Miquel aus Sóller hatte Charlie schon zu Lebzeiten welche abgekauft, die restlichen fünf oder sechs hat er nun an sich genommen, um sie rahmen und anschließend zugunsten eines Tierschutzvereins versteigern zu lassen.

Hund Bobby indes hat bei Miquels Tochter Susana und ihrem Mann Peter Owen, einem US-Amerikaner, ein Zuhause gefunden. Das sei so mit Charlie abgesprochen gewesen, versichern die beiden. Nach der Trauerfeier laden sie Veronika zu sich nach Hause ein, damit sie sich selbst davon überzeugen kann, dass Bobby in guten Händen ist. Man plaudert, über ­Charlie, Bobby, die anderen Hunde von ­Susana und Peter, lacht, macht Fotos.

Und so hat Charlie doch ­Spuren hinterlassen auf der Insel. Er habe nicht verdient, allein mit der Schlagzeile „Obdachloser von Ratten tot gebissen" aus dem Leben zu scheiden, sagt Ulrike Babst aus Artà. „Das wird seiner Person nicht gerecht."

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