Jagdszenen an der Playa

Deutsche Urlauber und senegalesische Händler liefern sich Massenschlägereien. Gerät die Mischung aus Alkohol, latentem Rassismus und Ärger um den Straßenverkauf diesen Sommer außer Kontrolle?

06.06.2013 | 01:15
Harte Jungs auf beiden Seiten: Straßenverkäufer und Urlauber an der Playa de Palma.
Harte Jungs auf beiden Seiten: Straßenverkäufer und Urlauber an der Playa de Palma.

Ein älteres Ehepaar lehnt mit einem freundlichen „nein danke" ab. Zwei kichernde Teenager erstehen zwei rosafarbene Sonnenbrillen. Dann umzingelt ein gutes Dutzend Halbstarker, Bierdosen in der Hand, den Pulk senegalesischer Straßen­händler. Laut grölend machen sie sich über die zum Sortiment gehörenden tanzenden Esel lustig, schießen schließlich ein paar Handyfotos von sich und den Verkäufern und ziehen nach fünf Minuten wieder ab.

Keine 200 Meter weiter, die Schinkenstraße von Mallorca hinauf, bietet ein Schwarzafrikaner einem Glatzkopf Armbanduhren und Modeschmuck an. Der Deutsche, eingefleischter FC Nürnberg-Fan, wie seine Tattoos verraten, schüttelt mit dem Kopf. Der Verkäufer insistiert, tippt ihm grinsend auf die Schulter. Da verliert der Franke die Geduld, ein Kumpel hält ihn gerade noch zurück. „Diesen Neger hätt´ ich fast verprügelt", sagt er nachher, an einen Stehtisch im Bamboleo gelehnt, und nimmt einen kräftigen Schluck Bier. „Die können hier gerne ihr Zeug verkaufen, aber wenn ich einmal Nein sage, muss es gut sein, das geht mir echt zu weit", rechtfertigt er sich.

Szenen wie diese sind an der Playa de Palma, wo fliegende Händler und Urlauber tagein, tagaus aufeinandertreffen, an der Tagesordnung. Meist enden sie glimpflich, doch immer wieder kommt es auch zu Konfrontationen und gar gewalttätigen Auseinander­setzungen, die am vergangenen Wochenende einen neuen Höhepunkt erreicht haben.

Rund um die Schinkenstraße gab es mehrere Schlägereien, in die laut Polizei 20 bis 25 Deutsche und rund 40 Afrikaner involviert waren. „Eskaliert ist das Ganze am Samstagabend vor dem Bierkönig", sagt Polizeioffizier Toni Barceló, der in Arenal Dienst tut. Eine Gruppe deutscher Skinheads, wie er sie nennt, hätten zunächst einen für ihren Geschmack zu aufdringlichen Händler verprügelt. Dem Attackierten seien wenige Minuten später mehrere Dutzend Schwarzafrikaner, die alle in einem naheliegenden Hochhaus wohnen, zu Hilfe geeilt. Die Polizei habe die Lage wieder unter Kontrolle gebracht und die Personalien der Beteiligten aufgenommen. Es sei allerdings davon auszugehen, dass es bereits am Vorabend und tagsüber zu kleineren Auseinander­setzungen zwischen den beiden Parteien kam, von denen die Polizei nichts mitbekam.

„Lauf davon!"
Am Sonntag (19.5.) folgte dann ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel. „Einmal waren die Deutschen hinter den Afrikanern her, einmal andersherum", sagt Barceló. Die Kellner im Lino´s an der Schinkenstraße konnten die Hetzjagd hautnah mitverfolgen. Ein Deutscher habe auf einmal im Lokal gestanden, draußen näherten sich bereits rund 15 Schwarze. „Ich sagte nur: ´Lauf davon!´, weil ich Angst hatte, die bringen den hier drinnen um, hier stehen überall Messer und ­Flaschen", berichtete einer von ihnen.
Auch Heinz, Horst und Hans aus dem Saarland, Stammgäste am Ballermann, staunten nicht schlecht, als zuerst ein im Gesicht verletzter Senegalese die Schinkenstraße hochlief. Wenig später griffen Landsleute von ihm eine Gruppe Deutscher an. „Ich komm´ seit 15 Jahren hier her, aber so etwas hab´ ich noch nicht erlebt", sagt Heinz am Tag danach. Dass es sich bei der einen Partei, wie die Polizei zunächst vermutete, um Neonazis handeln könnte, die eigens aus Deutschland angereist sind, hält der Mann mit dem Schnauzer für unwahrscheinlich. „Nazis habe ich hier noch keine gesehen, da war wohl eher der Alkohol schuld."

Auch Toni Barceló kann den anfänglichen Verdacht nicht bestätigen. Ob die Deutschen tatsächlich der rechtsradikalen Szene angehören, müssten die Ermittlungen der Nationalpolizei in Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden klären, da die Gruppe am Dienstag bereits wieder abgereist sei. „Rein äußerlich sahen sie so aus, da sie Glatzen und Tätowierungen hatten", sagt Barceló. Doch das allein beweise ja nichts.

„Keine Angst, aber Respekt" Wenngleich zwischen Schlagergedudel, Cocktail-Eimern und Souvenirläden alles seinen gewohnten Gang zu gehen scheint, herrscht dieser Tage eine eigenartige Stimmung auf Arenals Partymeile. Die Polizei hat ihr Aufgebot seit Samstagabend enorm verstärkt, alle paar Minuten fährt ein Polizeiauto die Promenade entlang. Auch Michael, ein Senegalese um die 30, der sich seit sechs Jahren als Straßenverkäufer in Arenal verdingt, wirkt angespannt. „Ich habe keine Angst, aber Respekt", sagt er. Seine Augen wandern dabei immer wieder von links nach rechts. Mehr Beamte bedeuten für die fliegenden Händler, deren Tätigkeit dem Gesetz nach illegal ist, schließlich nicht unbedingt mehr Sicherheit, sondern vor allem ein höheres Risiko, ein Bußgeld zu kassieren oder die Ware abgenommen zu bekommen.

„Diese Deutschen kamen nur, um sich zu schlägern", mischt sich sein Kollege ins Gespräch ein. Aber an sich sei das ja nichts Neues. „Es gab auch die vergangenen Jahre schon Ärger." An den Tätowierungen der Glatzköpfe, wie Aliou Thioub, der Sprecher der Vereinigung senegalesischer Einwanderer auf Mallorca, sagt, hätte er sofort erkannt, dass es die selben Typen wie im Vorjahr waren. „Radikale Nazis." Er habe, als er von den ersten Vorfällen Wind bekommen habe, seine Landsmänner verständigt und sie inständig gebeten, sich bloß nicht diesen „gefährlichen Deutschen" zu nähern. „Die suchen Schlägereien, wir dagegen versuchen, uns irgendwie unseren Lebensunterhalt zu verdienen, wir wollen keinen Ärger." Am Ende knallte es doch.

„Wenn die hören, dass einer Scheiß-Neger zu ihnen sagt, lassen die das halt auch nicht einfach so auf sich sitzen", nimmt ein junger Deutscher mit Laptop, der einige Meter weiter in einem Café sitzt, die Senegalesen in Schutz. Allerdings sei es auch nicht richtig, alle Menschen mit Glatze über einen Kamm zu scheren: „Ich hab´ auch eine Glatze und bin kein Nazi", sagt der Mann, der seit zwei Jahrzehnten am Ballermann mitmischt und seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Im Grunde sind das doch arme Schweine", fügt er hinzu und zieht an seiner Zigarette. Die meisten der senegalesischen Händler hätten keine Aufenthaltsgenehmigung, arbeiteten hart von früh morgens bis spät abends und teilten sich zu zehnt eine Wohnung.

Der junge Verkäufer im Supermarkt nebenan sieht es ähnlich. „Lasst die armen Schwarzen in Frieden, die machen doch nichts Böses." Dass immer mehr Polizisten Jagd auf die Straßenverkäufer machen, kann er nicht gutheißen. „Das ist schlecht fürs Image, die Touristen denken dann, die würden klauen – aber das stimmt nicht."

Dass die Schwarzafrikaner weder Urlauber berauben, noch mit Drogen dealen würden, bestätigt auch ­Polizeioffizier Barceló. Dennoch wünschen sich viele mehr Uniformierte an der Playa de Palma. „Wir wollen mehr Sicherheit und dass die Gesetze eingehalten werden", sagt Pepe Tirado, der Vorsitzende von Acotur, Mallorcas Vereinigung der Händler und Tourismus­dienstleister.

Mehrere Verbände hatten deswegen am Samstag (18.5.) zu einer Demonstration in Arenal aufge­rufen, bei der mehr als 200 Anwohner und Händler ein striktes Vorgehen gegen die Straßenhändler, aber auch die Hütchenspieler und Prostituierten forderten. Es könne schließlich nicht sein, dass die Polizei nur in den Läden Genehmigungen und Waren kontrolliere und Bußgelder verhänge, etwa wenn jemand unerlaubter­weise Tabak verkaufe. „Nur weil wir leicht zu orten sind und nicht weglaufen können."

„Alle 20 Sekunden belästigt"
Von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hingegen will Tirado nichts wissen. „Wir respektieren diese Leute sehr. Aber wenn gegenüber von deinem Laden drei Afrikaner stehen, und ihr Zeug verkaufen, bekommst du eine richtige Wut." Zumal die Verkäufer immer mehr und aufdringlicher würden. „Wenn man auf der Terrasse eines Restaurants sitzt, wird man alle 20 Sekunden von einem Schwarzen belästigt."

„Reinkommen dürfen sie nicht"
Auch der Uruguayer mit dem breiten Kreuz, der im Restaurant „Zur Krone" hinterm Tresen steht, kennt das leidige Thema zu gut. „Reinkommen dürfen sie nicht, aber draußen nerven sie die Gäste von der Straße aus." Doch dagegen könne – und wolle – er nichts unternehmen. „Wenn ich sie anzeige, weiß ich nicht, was passiert, die haben schließlich auch ihre Leute", sagt er und zuckt mit den Schultern.
Und da man dem Problem von offizieller Seite scheinbar nicht Herr zu werden scheint, kann zumindest Enrique, Kellner im Bamboleo, durchaus verstehen, wenn sich ein Tourist auch mal mit Fäusten zur Wehr setzt – egal ob der nun eine Glatze oder bestimmte Tattoos trage. In seinen Augen liegt die Schuld eindeutig bei den Straßenhändlern – auch wenn die Polizei nun von Skinheads spreche, die die Schlägereien angezettelt haben sollen. „Die sind so nervig, dass ich es vollkommen verstehe, wenn es jemandem mal zu viel wird", sagt der Galicier, der seit 13 Jahren den Sommer über in Arenal arbeitet. Die schwarz­afrikanischen Verkäufer sorgten an der Playa seit fünf, sechs Jahren für Verstimmungen. Doch in letzter Zeit werde es immer schlimmer. „Und weder die Polizei, noch die Politiker tun etwas dagegen."
Der Polizei ist die Problematik mehr als bewusst. Im Vergleich zu früheren Jahren habe die Zahl der Straßenhändler an der Playa deutlich zugenommen, räumt Polizeisprecher Ángel García ein. Allein zwischen den Balnearios 6 und 8, dem Epizentrum der Partymeile, seien derzeit um die 260 Schwarz­afrikaner unterwegs. Doch man habe keine Handhabe gegen sie. Einer Vorschrift der Stadtverwaltung zufolge ist der fliegende Handel zwar verboten, Zuwiderhandlungen seien aber keine Straftat, sondern nur eine Ordnungswidrigkeit. „Um daran etwas zu ändern, bräuchte es einen Beschluss der Zentralregierung in Madrid", sagt García. Aber ein entsprechendes Gesetz könne angesichts eines lediglich in touristischen Zentren auftretenden Problems ja nicht das Ziel sein.

Und so werden die Polizei­beamten – mindestens 115 sind es während des Sommers in Arenal – weiter Präsenz zeigen, Verwarnungen aussprechen und den Senegalesen gelegentlich ihre Ware abnehmen. Wenn ihnen das immer und immer wieder passiere, sei das Geschäft auf der Straße vielleicht irgendwann nicht mehr rentabel genug, hofft García. „Vielleicht suchen sie sich dann andere Jobs."
Aliou Thioub, der Sprecher der Senegalesen, würde das lieber heute als morgen tun. „Aber wir können die Straße nicht aufgeben." Im krisengebeutelten Spanien gebe es für sie im Moment keine Alternative – obwohl viele von ihnen gut ausgebildet seien. Er selbst hat Tourismus studiert, einer seiner Landsmänner ist Ingenieur, spricht drei Sprachen. Sie alle seien nach Spanien gekommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben – und um am Monatsende ein bisschen Geld in die Heimat zu schicken. „Das war früher möglich, aber jetzt reichen die Einnahmen nicht mal mehr zum Leben", sagt sein Kollege Michael.
Die meisten Männer haben ihre Familien im Senegal zurückgelassen. Aliou Thioub hat inzwischen eine Aufenthaltsgenehmigung, sodass er seine Frau und die beiden Kinder sogar während des Winters sehen kann – vorausgesetzt das Geld reicht für einen Flug. Viele seiner Kollegen hingegen, die auf Flüchtlingsbooten nach Europa gekommen sind und sich nach wie vor ohne Papiere hier aufhalten, könnten davon nur träumen.

„Leben und leben lassen"
„Wir sind absolut friedlich", sagt Thioub dann. „Leben und leben lassen, warum ist das denn nicht möglich?", fragt der 29-Jährige und blickt sich um, wie in der Hoffnung, dass ihm die anderen Straßen­verkäufer gleich beipflichten. Doch der Pulk hat sich schlagartig aufgelöst, sämtliche Sonnenbrillen, Uhren, CDs und all der andere Krempel sind plötzlich wie weggezaubert. „Polizisten in Zivil", ruft einer von einer Parkbank herüber. Drei Minuten später geht das geschäftige Treiben an der Strandpromenade weiter, wie wenn nichts gewesen wäre.

Dieses Katz-und-Maus-Spiel werde ihn und seine Kollegen den ganzen Sommer über beschäftigen, sagt Polizeioffizier Barceló. Die Hetzjagd, die sich Deutsche und Afrikaner am Wochenende geliefert haben, bezeichnet er dagegen als Einzelfall. „Die Menschen hier sind nicht schwarzenfeindlich", beteuert er. Das mit den Straßen­händlern sei vielmehr ein soziales Problem. Für das die Angestellte eines Fahrradverleihs eine einfache Lösung wüsste. „Warum gibt man ihnen nicht einen Strand­abschnitt, wo sie ihr Zeug verkaufen können", schlägt sie vor. Eine Art abgesperrten Afro-Markt. „Oh, bin ich böse", sagt sie dann und lacht hämisch.

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