Neue Wege in der Tramuntana: Ist das die Bergrettung?

Das steigende Wandereraufkommen auf den klassischen Routen oberhalb von Valldemossa geht an der Natur nicht spurlos vorüber. Erstmals will eine Privatinitiative Tourismus, Wald und Welterbe in Einklang bringen

06.11.2014 | 17:16

Schon wieder eins. Tomeu Pizá macht ein paar bestimmte Schritte Richtung Unterholz und hebt ein Papiertaschentuch auf. Vermutlich die Hinterlassenschaft eines Wanderers, der ein Stück abseits des Weges seine Notdurft verrichtet hat. „Das ist ja in Ordnung in der freien Natur", sagt der gut gebaute Mittvierziger, der den Berg hinauf ein beachtliches Tempo an den Tag legt. Wenn diese verdammten Kleenex nicht wären. „Die verrotten nicht in drei Tagen, sondern bleiben ewig hier liegen." Hunderte. Tausende.

Der Weg von Valldemossa hoch zum Pla des Pouet und die von dort abzweigenden Routen gehören zu den meist begangenen Wanderwegen der Insel, fast alle lokalen und ausländischen Touranbieter haben sie im Programm. Man gelangt von hier zum beliebten Aussichtspunkt Can Costa, den einst der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator anlegen ließ. Oder auf den nach ihm benannten Camí de s´Arxiduc und weiter nach Deià. Auch wer den Gipfel des Teix oder die Talaia Vella erklimmen will, auf der die inzwischen restaurierte Schutzhütte des Erzherzogs thront, kommt hier vorbei.

An der Natur geht das nicht spurlos vorüber. „Aber das Problem sind nicht die Wanderer an sich, sondern dass sie vollkommen unkontrolliert herumlaufen", sagt Tomeu Pizá, der an einem Projekt mitarbeitet, das bisher einmalig auf Mallorca ist – und nicht nur den trampelnden Massen Herr werden will.

Dort oben in der Tramuntana liegt noch einiges mehr im Argen, für das man nicht allein Ausflügler und Touristen verantwortlich machen kann. Man denke etwa an den stellenweise vollkommen verwahrlosten Wald, an die vielen Ziegen, die die Baumtriebe abfressen, weshalb kaum mehr junge Eichen nachwachsen, oder an die jahrhundertealten Trockensteinmauern, die vielerorts zugewuchert und zerfallen sind.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig – und altbekannt. Die Leier von den Privateigentümern, denen die Tramuntana zu über 90 Prozent gehört, die sich aber um nichts kümmern – warum auch, wenn mit den Bergen doch schon lange kein Geld mehr zu verdienen ist? – ist so abgedroschen wie der Vorwurf an die politisch Verantwortlichen, untätig zuzusehen. Oder, schlimmer noch, die zum Welterbe erklärte Serra gar kaputtzusparen. Dabei quellen die Schubladen von Balearen-Regierung und Inselrat über vor Masterplänen und Maßnahmenpaketen, wie man die Bergen mit ihrer wertvollen Flora und Fauna besser schützen oder der traditionellen Landwirtschaft zu neuen Einnahmen verhelfen könnte.

Doch Papier ist geduldig. Die Initiatoren des Projekts „Muntanya des Voltor" sind ­hingegen zur Tat geschritten – auf einem mehr als 300 Hektar großen Areal oberhalb von Valldemossa. Weil der Mönchsgeier seit einiger Zeit wieder in der Gegend brütet, benannten sie ihr Experimentierfeld, das die Fincas Son Gual, Son Gual Petit, Son Moragues, Can Costa, Son Galceran, Son Gallard und Miramar umfasst, nach dem mächtigen Greifvogel. In Absprache mit den Grundstücks­eigentümern und der Gemeinde Valldemossa hat die Naturschutz-Stiftung „Vida Silvestre de la Mediterrània" gewissermaßen das Sorgerecht für dieses Stück Land übernommen. In einer zunächst auf zwei Jahre angelegten „Testphase" sollen Mittel und Wege gefunden werden, um die touristische Nutzung besser zu organisieren, den Wald gesund zu pflegen und ethnologische Überreste wie Kalköfen oder Brunnen zu restaurieren.

Acht Mitarbeiter, darunter eine Biologin, ein marger, also ein Experte für den Bau von Trockensteinmauern, und Tomeu Pizá („Ich bin der Koordinator vor Ort, das Mädchen für alles") sind für das Projekt abgestellt. Ihre Gehälter sowie alle anderen Kosten – das Jahresbudget ist mit veranschlagten 85.000 Euro auf Kante genäht – werden größtenteils über Privatspenden finanziert. Essentielle Geldgeber sind in diesem Fall die Eigentümer der involvierten Fincas, zu denen ebenso wohlhabende wie engagierte spanische Familien zählen. Dazu kommen hoffentlich noch einige kleinere Beträge aus EU-Fördertöpfen.

Vor rund einem halben Jahr legten die Arbeiter los. Zunächst habe man Müll und Unrat eingesammelt, berichtet Tomeu Pizá. Über eine halbe Tonne Plastiktüten, ausgedientes Schuhwerk, Glasflaschen, Papiertaschentücher. Danach nahmen sie den Pfad hoch zum Pla des Pouet in Angriff, den in den 50er Jahren noch die Köhler und Kalkbrenner mit ihren voll beladenen Karren passierten. An manchen Stellen sind noch die Spurrillen zu erkennen, doch seit oben im Wald keine Kohle und kein Kalk mehr hergestellt werden, hat sich die Natur den einstigen Fahrweg in weiten Teilen zurückerobert. Genauso wie die aus der Zeit der Mauren stammenden Bewässerungsgräben, die zunehmend verstopften oder zerfielen. Noch im Frühjahr musste man sich den Weg nach oben anhand eingestürzter Steinmännchen mühsam suchen. Nun erwartet einen ein nicht mehr zu verfehlender Pfad, den wieder aufgerichtete Steinmauern oder restaurierte Wasserbecken säumen.

Am Ausgangspunkt der Wanderung, wo man früher über eine Eisenkette steigen musste, steht nun eine Hütte, die an ein Kassenhäuschen erinnert, und davor ein netter Herr, der wie Tomeu die olivgrüne Uniform der Projektmitarbeiter trägt. Er heißt Bernd Hagmüller, ist vor rund zehn Jahren von München nach Valldemossa gezogen und spricht fünf Sprachen. Statt Eintritt zu kassieren, klärt er Wanderer, aber auch Reiseleiter und Bergführer über das Vorhaben auf. Wer will, kann eine Spende in eine Blechdose werfen.

Nachdem der Deutsche zwei Touristen die möglichen Wanderrouten auf einer Karte gezeigt hat, bittet er sie um einige Angaben für eine statistische Erhebung. Er interessiert sich für Nationalität und anvisierte Wanderstrecke, will aber auch wissen, wo die beiden untergebracht sind und ob sie ihre Brotzeit im Rucksack tragen oder nach der Tour womöglich irgendwo im Dorf einkehren. Mithilfe dieser Befragung wolle man sich ein Bild von der Lage machen, sagt Juan José Sánchez Artés, Geschäftsführer der Stiftung „Vida Silvestrea" und Leiter des Projekts „Muntanya des Voltor". Offizielle Daten über die immer zahlreicher werdenden Freizeitaktivitäten in der Tramuntana gebe es bisher nicht. „Die Landesregierung hat keine Ahnung, was da oben los ist", sagt Sánchez. Der Vorwurf, dass es sie offensichtlich auch nicht interessiere, schwingt in seinen Worten unüberhörbar mit.

Es waren deshalb die Grundstückseigentümer, die im vergangenen Winter in Eigenregie erste, stichprobenartige Erhebungen durchführten (siehe Kasten). Im Frühjahr kam dann die Idee auf, der Stiftung das Management der beliebten ­Ausflugsgegend zu übertragen. Seit diesem Sommer führen nun Hagmüller und seine Kollegen Buch. Am letzten Sonntag im Oktober – perfektes Bergwetter – zählten sie über 400 Wanderer. Eine Zahl, die Juan José Sánchez noch Tage danach aus der Fassung bringt. Für die Tramuntana sei das zu viel, ist er sich sicher.

Tomeu Pizà, der in Valldemossa aufgewachsen ist, trauert manchmal der Bergsteiger-Romantik hinterher, die in seinen Augen längst Geschichte ist. „Heute kommen nicht Bergsteiger, sondern Besucher – manche davon in Flipflops." Die Serra sei für sie nichts weiter ist als eine Freizeiteinrichtung. Wie in einem Spaßbad oder einer Kletterhalle müssten deshalb auch in der Tramuntana Regeln gelten: nicht von den Wegen ablaufen, kein Feuer machen, keine Tiere mitnehmen. Abgesehen vom Hundeverbot, das manchmal für Diskussionen sorge, zeige sich das Gros der Wanderer verständnisvoll.

Befragung im Winterhalbjahr 2013/2014

Zwischen Oktober und Dezember 2013 sowie von März bis Mai 2014 ließen die Grundstückseigentümer an fast 100 Tagen die Menschen zählen, die sich oberhalb von Valldemossa, am Zugang zur Finca Son Gual Petit, an den Aufstieg zum Pla des Pouet machten. Es waren knapp 11.482 Personen, von Montag bis Freitag lag der Tagesschnitt bei 139, an den Wochenenden sogar bei 187. Fast die Hälfte der registrierten Wanderer stammte aus Deutschland, etwa ein Drittel waren Mallorquiner, 41 Bewohner kamen aus Valldemossa. 52,6 Prozent waren Teilnehmer einer geführten Wandertour, während knapp ein Viertel über Mund-Propaganda auf die anvisierte Tour aufmerksam geworden war. Fast 7.600 Befragte haben einen der Klassiker, die „große Runde um Valldemossa" über Es Cairats oder den Camí de s´Arxiduc zurückgelegt. Fast 2.000 wanderten bis nach Deià.

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