Achtung, Schlagloch!

Dieser Tage sausen sie wieder heran, die Zehntausenden Radsportler aus dem Norden. Sie fahren auf Straßen, die vielerorts dringend erneuert werden müssen. Teilweise geschieht das auch, aber längst nicht überall. Wir haben die gefährlichsten Abschnitte ermittelt

02.03.2015 | 10:51
Rasante Abfahrten trotz unbefestigter Straßenränder: ein Radrennen in der Serra de Tramuntana.

Es war der dritte Tag bei der Profi-Radrundfahrt Mallorca Challenge, der einmal mehr die Alarmglocken schrillen ließ. Am Coll d´Honor zwischen Bunyola und Alaró nahe Orient verloren mehrere Fahrer die Kontrolle über ihre Räder und stürzten. Einige schwerere Blessuren waren die Folge. Die Bilder gingen dank der Kameras von „Teledeporte" und später im Internet um die Welt. Schuld an den Stürzen waren dabei weniger die Radsportler als vielmehr der klägliche Zustand der Straße. Schlaglöcher, notdürftig geflickte Stellen und aus dem Gebirge abfließendes Wasser halten hier einen gefährlichen Cocktail bereit. „Es ist eine Schande, welches Bild Mallorca im Fernsehen abgegeben hat", poltert Xisco Lliteras, Vizepräsident des balearischen Radsportverbandes.

Wie auch andere fürchtet Lliteras, dass solche Aufnahmen Rad­touristen abschrecken, die im Frühjahr zu Zehntausenden nach Mallorca strömen und damit für die einzige Form des Tourismus sorgen, die in der Nebensaison wirklich funktioniert. Man fordere ja gar nicht viel, sagt Marcel Iseli, Sportdirektor beim führenden Anbieter Bicycle Holidays by Max Hürzeler. „Wir brauchen keine neue Infrastruktur, aber die bestehende muss dringend besser gepflegt werden." Sonst gehe es Mallorca so wie der Toskana, die vor einigen Jahren noch führend im Radtourismus gewesen sei, aber durch einen mangelhaften Unterhalt der Straßen inzwischen kaum noch von Bedeutung ist. Vor allem seien es Schlaglöcher und ungereinigte Straßenränder, die die Radsportler immer wieder in Gefahr bringen. In Gesprächen mit Anbietern von Radurlauben und Mitgliedern der zahlreichen Radclubs der Insel haben wir eine Karte mit den gefährlichsten Abschnitten erarbeitet.

Miguel Mas von der Penya Ciclista Manacor spricht einen der Gefahrenpunkte an. „Gerade die Wurzeln der Kiefern hier sind ein großes Problem, weil man die Unebenheiten auf der Straße nicht sieht. Da hebt es einen manchmal richtig aus den Angeln", erzählt der 72-Jährige, der in seiner Jugend im Jahr 1965 Steherweltmeister war und immer noch beinahe täglich auf den Inselstraßen unterwegs ist. Vor ein paar Jahren war Jaime Fullana, der Vater der Mountainbike-Weltmeisterin Marga Fullana, bei einer Rundfahrt mit Mas über eine solche Wurzel gestürzt und zog sich einen Schädelbruch zu. „Er hat nur überlebt, weil er einen bewundernswerten Willen an den Tag gelegt hat." Statistiken über unter ähnlichen Umständen verletzte Radfahrer gibt es nicht, aber es ist kein Einzelfall.

Immerhin: Das Problem ist erkannt. Seit 2013 eigens eine Kommission für Rad-Verkehrssicherheit gegründet wurde, habe der Inselrat zahlreiche kritische Stellen hergerichtet, lobt Xavier Bonnín, der beim Verband für die Straßensicherheit verantwortlich ist. „Das Positive ist vor allem, dass man uns jetzt endlich zuhört. Jahrelang war das nicht der Fall."

Auch Marcel Iseli und Matias Ximelis, der die Website www.­ciclismoenmallorca.com betreibt, betonen die stark gestiegene Bereitschaft des Inselrats, auf die Klagen einzugehen und aktiv zu werden. So sei endlich die Straße zum Leuchtturm Formentor erneuert worden. „Da konnte man vorher wirklich nicht mehr guten Gewissens fahren", sagt Ximelis. Auch die lange geforderte Beleuchtung des Monnàber-Tunnels in der Tramuntana ist inzwischen realisiert und bei der Challenge Mallorca bereits getestet worden. In den nächsten Tagen soll der reguläre Betrieb der mit Solarzellen betriebenen Beleuchtungsanlage starten.

„Der Inselrat hat in den vergangenen Jahren Millionen ausgegeben, um die wichtigsten Straßen instand zu setzen", lobt Bonnín. Bei einem der dringendsten Projekte allerdings, dem Camí Vell de Muro, „der Radlerautobahn", wie Iseli den Abschnitt zwischen Santa Maria del Camí und der Kreuzung mit der Straße Inca-Llubí nennt, warten die Radfahrer seit Jahren auf eine Verbesserung. „Die meisten ­Schlüsselbeinbrüche haben wir auf dieser Strecke", sagt Iseli, der schätzt, dass in der Radlerhauptsaison zwischen Anfang März und Ende April mindestens 2.000 Radsportler täglich diese Strecke befahren. Davon weiß auch der Inselrat, doch „hier können wir leider nichts ausrichten, die Straße fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich", erklärt der für die Landstraßen zuständige Generaldirektor Rafel Gelabert der MZ. Der Camí Vell de Muro ist eine Ortsverbindungsstraße und führt durch sieben verschiedene Gemeindegebiete. In den betreffenden Rathäusern hat man derzeit kein Geld für eine Erneuerung oder setzt andere Prioritäten.

Bei einem anderen Problem verspricht Gelabert schnell Abhilfe: Die starke Verschmutzung der Radstreifen, vor allem in der Bucht von Alcúdia, sollen in den nächsten Tagen verschwinden. „Die Kehr­maschinen sind schon im Einsatz."


Welches sind die gefährlichsten Stellen? Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 12. Februar (Nummer 771) finden Sie eine detaillierte Karte mit Hinweisen auf die problematischten Abschnitte

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