Gründerzeit auf Mallorca:Stressig, so ein Lebenstraum

Alle Jahre wieder wagen auf der Insel auch zahlreiche Deutsche den Sprung in die Selbständigkeit – am liebsten als Gastronomen in einer klassischen Urlauberhochburg wie Peguera. Ein Besuch

27.04.2015 | 19:31
Neuer Job mit Meerblick: Markus und Caroline Schönekerl von der Strandperle, Sabine Kern (Mi.) von der Cafeteria Europa mit ihren Mitarbeiterinnen Marina und Paki sowie Britta Holi und Liane Berger (v. li.) vom „Sturm der Liebe?-Café

Frühlingszeit ist Gründerzeit auf Mallorca. Parallel zu den Temperaturen auf dem Thermometer steigt in den ersten Monaten des Jahres die Zahl der neuen Bar-, Restaurant- und Ladenbetreiber sprunghaft an. Pünktlich zum Saisonstart wagen alle Jahre wieder auch zahlreiche Deutsche den Weg in die Selbst­ständigkeit – bevorzugt mit einem Gastronomiebetrieb in einer der Urlauberhochburgen ­der Insel.

„Unser Durchschnittskunde erfüllt sich seinen Lebenstraum, kommt mit 50.000 bis 100.000 Euro Startkapital an und hätte gern ein Lokal am Meer", sagt Jan Prollius von der Firma Gastro Consulting Mallorca. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Markus Mayer begleitet er an die 15 Neueröffnungen pro Jahr – von der Suche nach der passenden Immobilie über die Umschreibung der Lizenzen bis hin zur Gestaltung der Speisekarte. Besonders beliebt bei ausländischen Existenzgründern sind ­Prollius zufolge die Playa de Palma („wenn man damit klarkommt") und vor allem der Südwesten der Insel. „Peguera ist derzeit der Renner."

Letzteres liege zum einen daran, dass viele seine Kunden – in der Regel handelt es sich um Auswanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – der Landessprache noch nicht mächtig seien und sich deshalb am liebsten für eine Gegend entschieden, in der man auch ohne große Spanischkenntnisse zurecht kommt. Zum anderen sei in dieser Ecke auch im Winter ein bisschen was los – im Gegensatz zu Cala Ratjada oder Cala Millor. Und nicht zuletzt spiele die Nähe zu Palma, und damit etwa zu deutschen Schulen für die Kinder, eine wichtige Rolle, sagt Prollius.

Genau dies war für Markus und Caroline Schönekerl einer der Gründe, sich in Peguera niederzulassen. „Hier gab es einen Bus zur deutschen Schule in Marratxí, der nun dummerweise gar nicht mehr fährt", erzählt die 45-Jährige. Mit der Standortwahl für die Strandperle, ein kleines Bistro-Café mit Terrasse, keine 50 Meter vom Meer entfernt, ist das Paar dennoch zufrieden. „Der Blick hier ist ja wohl nicht schlecht, oder?", sagt die zweifache Mutter und zeigt auf die Palmen und den Strand im Hintergrund.

Das Lokal haben die Schönekerls, die bereits ab 2008 einige Jahre in Spanien lebten und unter anderem eine Bar auf Fuerteventura betrieben, übers Internet gefunden. Anfang Februar kamen sie auf die Insel, um mit den Renovierungsarbeiten zu beginnen. „Wir haben viel selbst gemacht, mussten aber einiges reinstecken, die Terrasse etwa war ziemlich kaputt", erzählt der aus Wuppertal stammende Markus. Mitte März konnten sie – mit leichter Verzögerung, da es anfangs Schwierigkeiten mit der Stromversorgung gab – eröffnen. Bisher laufe es ganz gut. „Auch wenn es gerade nicht so aussieht", sagt der gelernte Koch und blickt auf die verwaisten Tische. „Aber gestern waren viele Leute da, anscheinend ist heute Abreisetag."

Keine zwei Minuten später kommt eine Gruppe Radfahrer herein. Die einen bestellen kühle Getränke und frittierte ­Mini-Tintenfische, andere Kaffee und Käsesahne. „Wir bieten Frühstück, eine Mittagskarte mit spanischen und deutschen Kleinigkeiten und selbst gebackene Torten", erklärt Markus Schönekerl das gastronomische Konzept. Während fürs Backen seine Frau als gelernte Konditorin zuständig ist, kümmert er sich um Tapas und hausgemachte Reibe- oder Pfannkuchen.

Die neuen Pächter der Strandperle haben damit in den Augen von Jan Prollius schon mal eine ganze Reihe klassischer Anfängerfehler vermieden. Die Lage direkt am Strand sei gut gewählt. „Meist ist es besser, mehr für die Miete auszugeben, dafür aber auch mehr Laufkundschaft abzubekommen", erklärt er. Wer sich dagegen ein Lokal in der dritten Reihe andrehen lasse, wo es noch nie lief, werde es vermutlich sehr schwer haben.

Zudem hätten die beiden ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Denn der gern zitierte Spruch „Wer nichts wird, wird Wirt" sei leider in vielen Fällen durchaus zutreffend, sagt der Gastro-Berater. „Viele denken, eine Currywurst kann jeder ­braten." Dabei seien gerade in den touristischen Gegenden etwas kreativere Ideen gefragt. Und wenn Laien das Menü zusammenstellten, begingen sie immer wieder die selben Fehler, weiß Prollius aus ­Erfahrung: eine zu große Auswahl auf der Speisekarte und noch dazu schlecht kombinierbare Zutaten, die einen umfangreichen Einkauf erforderlich machen – sodass es nicht selten vorkomme, dass viel Ware weggeschmissen werden muss. Das könne ebenso ins wirtschaftliche Verderben führen, wie wenn man gleich für viel Geld einen professionellen Koch verpflichte, warnt der Experte.

Für Sabine Kern ist das alles ein alter Hut. „Ich bin vom Fach", sagt die 37-Jährige, die Anfang März die Cafeteria Europa, zwischen Boulevard und Strand gelegen, übernommen hat. In dem Lokal hatte drei Jahrzehnte lang Toni, ein Andalusier, der in Peguera längst als Urgestein galt, das Sagen. „Ich habe also nicht im Traum daran gedacht, den Namen zu ändern", erklärt die gelernte Fachkraft für Systemgastronomie, die zuletzt eine Snackbar an der südlichen Weinstraße in Rheinland-Pfalz führte. „Cafeteria Europa ist sogar jedem Taxifahrer in Palma ein Begriff – und das stimmt: meine Mutter hat es am Flughafen bereits ausprobiert."

Während auch die Preise für den "café con leche" oder ein Glas Bier – was die einheimische Kundschaft üblicherweise bestellt – gleich bleiben, gibt es kulinarisch gesehen einige Neuerungen. Neben ­bocadillos und den typischen Tapas bietet die neue Wirtin internationale Salatvariationen (etwa die „Ensalada Chakalaka" aus Südafrika) oder Kartoffel­ecken mit hausgemachten Dips an. „Und das schreiben wir nicht nur, die machen wir auch tatsächlich selbst", betont Sabine Kern in Anspielung auf manch falsche Versprechung der Konkurrenz.

Für Mallorca haben sich die Mutter eines knapp zweijährigen Sohnes und ihr Mann wegen des Klimas und der guten Erreichbarkeit entschieden. „Hier ist es nicht so kalt wie in Deutschland, und trotzdem kann die Oma mal ihren Enkel besuchen." Ansonsten gäbe es allerdings keine allzu großen Unterschiede zwischen beiden Ländern. „Als Selbstständiger in der Gastronomie musst du überall 24 Stunden am Tag arbeiten", sagt Sabine Kern. Und auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen seien, dank EU, ähnlich. „Es gibt Hygiene­vorschriften, eine Berufsgenossenschaft und so weiter." Von daher sei es eigentlich nichts anderes, als das Bundesland zu wechseln. „Gut, hier kommt noch die Sprache hinzu", muss sie sich eingestehen. „Aber wenn ich von Nordrhein-Westfalen nach Bayern gehe, kriege ich auch die Krise, weil alles anders heißt."

Noch schwieriger als in Deutschland, wo das Hotel- und Gaststättengewerbe aufgrund der Arbeitsbedingungen zunehmend an Attraktivität verliere, empfand die neue Café-Betreiberin allerdings die Personalsuche. „Die Leute hier haben zwar Arbeitserfahrung, aber keine fundierte Berufsausbildung." Und unbezahltes Probearbeiten sei im spanischen Arbeitsrecht nun mal nicht vorgesehen. Die Warnung, „bloß keine Spanier einzustellen", hält Kern trotzdem für völlig unangebracht. Sie sei sehr zufrieden mit ihrer mallorquinischen Köchin Paki und Kellnerin Marina, die ursprünglich aus Italien stammt und die Gäste sogar auf Deutsch bedienen kann.

Horrorszenarien, wie sie in den einschlägigen TV-Auswanderer-Shows dargestellt werden, seien jedenfalls übertrieben, ist Sabine Kern überzeugt. „Es ist nicht so, dass hier überhaupt nichts klappt. Man muss sich eben an die Regeln halten." Und wer es als Wirt zu Hause nicht schaffte, dem werde es vermutlich auch hier nicht gelingen.

Dass Mallorca, wenn es ums Geschäftliche geht, nicht anders sei als Deutschland, bestätigt auch Liane Berger, die zusammen mit Britta Holi seit dieser Saison das „Sturm der Liebe"-Café in Peguera betreibt. „Es ist ein Job, und es gibt viel zu tun", sind sich die beiden Frauen einig. Während die 42-jährige Britta, die seit 15 Jahren in der Gastronomie tätig ist, für den praktischen Teil zuständig ist, kümmert sich Liane, die Erfahrungen im Event-Management und ein abgeschlossenes Studium der Hotelbetriebswirtschaft vorweisen kann, ums Organisatorische. Einkauf, Genehmigungen, Anmeldung – das sei alles kein Hexenwerk. „Die Behördengänge hatten wir in ­weniger als einer Woche erledigt" sagt die 37-Jährige. In Eigenregie. Nur für die Steuer werde man sich später, wie auch in Deutschland, einen Steuer­berater ins Boot holen.

Obwohl allein der Name des Cafés dank der seit 2005 in der ARD laufenden, gleichnamigen ­Telenovela scharenweise Fans anlocken dürfte, wollen sich die neuen „Sturm der Liebe"-Chefinnen darauf allein nicht verlassen. „Man braucht einen Plan, ein Konzept", sagen die beiden Freundinnen, die sich vor rund 15 Jahren in Dresden kennenlernten. Neben mehr Autogrammstunden und Events mit den Stars aus der Serie will Liane Berger vor allem auf ein vielfältiges Kulturprogramm setzen: Konzerte, Kabarett, Lesungen. „Also Veranstaltungen, die auch für Leute interessant sind, die keine Fans sind." An Ostern sei unter dem Motto „Wenn der Gast selbst Chefkoch ist" ein großer Brunch geplant, samt Grill-Spaß auf der Terrasse. Dass die nun, obwohl gerade frisch gefegt, schon wieder vom Blütenstaub der nahen Kiefern übersät ist, sei eben eine der Tücken, die einem erst vor Ort bewusst würden, sagt Britta. „Und im Sommer wird dann alles voller Sand sein", fügt Liane hinzu. „Egal, dann machen wir hier eben einen Beach-Club."

Zu akzeptieren, dass in anderen Ländern andere Sitten herrschen, ist auch in den Augen von Gastro-Berater Jan Prollius sehr wichtig. Und noch eine essentielle Faustregel haben alle drei Neu-Gastronomen immerhin schon mal eingehalten: Sie waren alle rechtzeitig da. „An Ostern muss alles unter Dach und Fach sein", sagt Prollius. Einerseits sei das gute Personal danach bereits vergriffen. Andererseits könne, wer jetzt noch nicht geöffnet habe, kaum mehr genug Einnahmen erzielen, um die mageren Wintermonate vorzu­finanzieren.

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Caroline Schönekerl und ihr Mann haben natürlich auch an dieses Detail gedacht: „Klar, man muss hier für den Winter vorarbeiten", sagt die neue Wirtin aus der Strandperle. Obwohl sie versuchen wollen, das Lokal auch in der Nebensaison so lange wie möglich offen zu lassen, könnte es somit ein arbeitsreicher Sommer werden. „Vielleicht insgesamt sogar stressiger als in Deutschland. Aber dafür hat man hier Meer und Sonnenschein."

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