An der Kette von All-inclusive

Die einen wollen dem Urlaubskonzept den Kampf ansagen, die anderen haben bereits resigniert: Wie sich die Rundum-sorglos-Pakete der Reiseveranstalter auf die Urlaubsregionen der Insel auswirken

11.05.2015 | 14:50
An der Kette von All-inclusive

Der trostlose Anblick der vergangenen Monate war nicht nur der Nebensaison geschuldet: Auf einem Straßenabschnitt von knapp 500 Metern suchen in Port d´Alcúdia gleich sechs Restaurants und Bars neue Besitzer oder Pächter. Rund 20 Prozent der gastronomischen Betriebe der Gemeinde habe im vergangenen Jahr schließen müssen, schätzt Paco Baeza. Schon 2011, so der Vorsitzende der Lokalpartei „Ciudadanos Islas Baleares", habe er diese Entwicklung vorausgesagt: Mit der Krise auf der einen Seite und der explosionsartigen Vermehrung des All-inclusive-Angebots der Hotels auf der anderen werde einer nach dem anderen hier dichtmachen müssen. Jetzt hätten sich seine Prophezeiungen bewahrheitet: „Port d´Alcúdia gleicht einer Wüste. Die einzigen, die noch zu tun haben, sind die Hotels."

Baeza, das muss man dazu sagen, gehört selbst zu den Betroffenen. 14 Jahre lang betrieb er in dem Urlauberort seine Bar Don Pedro, 2011 musste der 58-Jährige sie aufgeben. Denn während die Steuern und Abgaben in die Höhe schossen, und die Banken keine Kredite mehr vergaben, wurde die Zahl der Gäste in der Bar immer weniger. Warum sollten sie auch ihre Hotelanlagen verlassen – wo sie dort doch den lieben langen Tag kostenfrei essen und trinken können?

Damit es nicht noch schlimmer wird, will Baeza nun erneut für den Bürgermeisterposten kandidieren. Ganz oben auf seiner politischen Agenda steht der Kampf gegen das Urlaubsmodell, das sich auf dem deutschen Markt wegen der kalkulierbaren Verlässlichkeit nach wie vor wachsender Beliebtheit erfreut: „All inclusive hat den ´Billig-­Charakter´ von früher verloren", sagt Helmut Wachowiak von der Tourismusfachhochschule in Bad Honnef. All-inclusive (AI) sei weiter auf dem Vormarsch, bestätigt man bei der Tui, die auf eine Studie der Gesellschaft für Konsum­forschung verweist: Bei nahezu einem Viertel aller in deutschen Reisebüros oder bei den Veranstaltern gebuchten Urlaube handle es sich um All-inclusive-Pakete. Für Mallorca liege die Zahl sogar noch höher: In der vergangenen Saison hätten bereits 37 Prozent der Urlauber, die Tui auf die Insel bringt, die Rundumversorgung gebucht.

Allerdings, so betont die Tui, böten die meisten Hotels All-inclusive nicht als alleinige Verpflegungsform, sondern zusätzlich zur Halbpension an. Für Baeza nur ein kleiner Trost – aber doch ein Schritt in die richtige Richtung. Ein All-inclusive-Verbot, sagt er, strebe seine Partei denn auch gar nicht an: „Wir wollen das Angebot regulieren, damit auch kleinere Betriebe eine Chance haben, vom Tourismus zu leben."

Das Problem: Auf Gemeindeebene lässt sich da wenig machen, die Zuständigkeit liegt bei der Landesregierung. Sollte er denn tatsächlich Bürgermeister werden, wolle er deshalb beim Tourismusministerium in Palma Druck machen – und so mit gutem Beispiel vorangehen: „Alle Küstenorte der Insel sollten das tun."

Tatsächlich ist das Thema All-inclusive – pünktlich zum beginnenden Wahlkampf – auch im Ministerium wieder auf die Tagesordnung gerutscht. Tourismus­minister Jaime Martínez traf sich in der vergangenen Woche mit den verschiedenen Interessenvertretern des touristischen Freizeitangebots. Besonders ergiebig war das nicht: Man habe beschlossen, ein Register einzuführen, dass all jene Hotels erfassen soll, die AI anbieten, um diese besser kontrollieren zu können, hieß es danach.

Nun müsse das Ministerium erst einmal prüfen, wie ein solches Register eingeführt werden kann, berichtet Antonio González Clemente, der als Vorsitzender der touristischen Interessenverbände CPTIB an dem Treffen mit dem Minister teilnahm. Ein Verbot von All-inclusive, wie es nach dem Wahlsieg der Linkspartei Syriza kurzzeitig in Griechenland im Gespräch war, kann sich der Direktor des Palma Aquariums ebenso wenig vorstellen wie Lokal­politiker Baeza: „Das Konzept wird vom Markt nachgefragt und muss dementsprechend angeboten werden", sagt er. Aber wenn schon All-­inclusive, dann doch bitte auf hohem Niveau: „Alles andere zieht nur noch mehr Urlauber an, die dann vor Ort nichts ausgeben."

Das klingt alles nicht neu. Tatsächlich steht schon in dem 2012 veröffentlichten Tourismusgesetz der Balearen, dass All-inclusive-Anbieter einen „gesonderten Qualitäts­plan für diese Modalität" erfüllen müssen. Eine genaue Definition dieses Qualitätsplans oder seiner Anforderungen hat das Ministerium seither aber nicht erarbeitet. Immerhin ist man dort nicht ganz so ahnungslos, wie der Vorschlag einer Registrierung der AI-Hotels vermuten lässt: Die Pressestelle jedenfalls gibt an, dass in der vergangenen Saison 54 Hotels der Insel die Rundumversorgung anboten. Und dass es weniger würden: 2011 habe man noch 75 solcher Hotels verzeichnet.

Die Zahlen decken sich mit den sicherlich nicht ganz uneigennützigen des Hoteliersverbandes FEHM: Mit 17 Prozent der Insel­hotels, die 2014 AI angeboten hätten, sei deren Anteil rückläufig. In den vergangenen Jahren habe die Quote schon mal 23 Prozent betragen. Bei der Bewertung dieser Entwicklung hält sich Verbands­sprecherin Inma de Benito indes zurück: Man müsse eben die Kunden­wünsche berücksichtigen, um wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Dass der Anteil der AI-Hotels noch einmal ein wenig sinken dürfte, könnte auch an Melià liegen. Der mallorquinische Tourismuskonzern bietet im neu renovierten „Calvià Beach" Resort, dessen Modernisierung auf Vier-Sterne-Niveau sich Geschäftsführer Gabriel Escarrer Millionen hat kosten lassen, keine All-inclusive-Pakete mehr an – das passe nicht zu dem neuen Lifestyle-Konzept am Strand von Magaluf.

Es handle sich aber nicht um eine Grundsatzentscheidung: In gewissen Zielregionen wie der Karibik mache AI nach wie vor Sinn –wenn denn die Qualität stimme. „Billige und schlechte AI-Pakete bringen die Destinationen in Verruf, dem Ort keinen gesellschaftlichen Nutzen und sorgen auch nicht für eine gerechte Verteilung der Einkünfte aus dem Tourismus", erklärt Melià auf Anfrage. Gänzlich darauf verzichten will und darf man aber in Magaluf nicht: In zwei Familienhotels des bei Briten beliebten Urlauberortes wird AI nach wie vor angeboten.

Auch bei der Tui ist man prinzi­piell der Meinung, dass Mallorca keine klassische AI-Destination sei. Doch gerade Familien wüssten den Komfort und die Budgetsicherheit dieser Verpflegungsvariante zu schätzen, weshalb AI in den Familienhotels des Konzerns zum Standard gehöre. Auch jüngere Leute macht man als Zielgruppe für die 24-Stunden-Versorgung aus. Allerdings setze man hier auf Kooperation mit der lokalen Gastronomie: In den Pabisa-Hotels an der Playa de Palma, deren Angebote sich an „junge, spaßorientierte Gäste" richte, sind unter dem Label „All-inclusive Plus" alle natio­nalen Getränke in den benachbarten Vergnügungstempeln Bierkönig und Oberbayern frei – jeweils zeitlich begrenzt, aber immerhin. Das funktioniert zwar nur deshalb, weil beide Locations der Pabisa-Gruppe gehören, aber es beweist, dass die Reiseveranstalter langsam merken, dass AI sich auch negativ auf das Geschäft auswirken kann (siehe Interview rechts): Wenn es rund um die Hotels so gar keine anderen Angebote mehr gibt, fühlt sich der Urlauber eben auch nicht wohl. Nach einer gewissen Zeit regelt der Markt es also doch hin und wieder ganz allein.

In Alcúdia ist es noch nicht so weit. Ein neues Fünf-Sterne-Hotel, das erst im Frühling eröffnet, kommt mit gleich fünf thematischen Restaurants in der Anlage daher, zudem weiten die Hotels ihr internes Angebot Paco Baeza zufolge weiter aus: „Mittlerweile gibt es in den Hotels kleine Boutiquen, Fitnessstudios – was für einen Laden willst du denn noch eröffnen, wenn es alles innerhalb des Hotels gibt?". Und trotz eines kleinen Hoffnungsschimmers („In diesem Jahr wollen einige auf AI verzichten, weil es einfach nicht rentabel ist") will er weiter für eine Regulierung der All-inclusive-Anbieter kämpfen. Für den 28. März plant er eine große Demonstration in Alcúdia. Zulauf dürfte ihm sicher sein – die zahl­reichen Bar- und Restaurant­betreiber, die in der letzten Saison schließen mussten, werden ihm wohl folgen.

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