Alice Weber - die erste Deutsche im Stadtrat Inca

Die 39-Jährige hat bei den Kommunalwahlen am Sonntag (24.5.) als einzige Deutsche den Sprung von der Wahlliste in die politische Institution geschafft

26.05.2015 | 02:30
Alice Weber

Alice Weber hat es geschafft: Die 39-Jährige ist nach bisherigem Stand als einzige Deutsche auf Mallorca bei den Kommunalwahlen am Sonntag (24.5.) in einen Gemeinderat gewählt worden. Ihre Partei, das Linksparteienbündnis Més per Mallorca, zieht mit drei Vertretern in den Stadtrat von Inca ein - Weber kandidierte auf Platz zwei.

"Ich bin überglücklich", so die Pharmaziereferentin telefonisch gegenüber der MZ. Die Wahlnacht sei sehr aufregend gewesen, jetzt sei sie erstmal absolut platt und froh, dass sie am Montag und Dienstag nicht arbeiten müsse. Sie freue sich, dass nun keine Partei mehr die absolute Mehrheit in Inca habe - die bislang regierende PP ist von elf auf sechs Sitze abgestürzt - und sei gespannt auf die Koalitionsgespräche.

Die Feuertaufe als Politikerin hatte Alice Weber eigentlich schon im September 2013. Damals, zwei Tage vor der großen Demonstration gegen das Drei-Sprachen-Modell (TIL) in Palma, bei der mehr als 100.000 Personen gegen die Bildungspolitik der regierenden Volkspartei (PP) auf die Straße gingen, sprach die Deutsche im Stadtrat von Inca.

Als Vorsitzende des Elternbeirats und im Namen von rund 2.000 Familien in der Gemeinde Inca prangerte sie an, was ihrer Meinung nach im balearischen Bildungssystem alles schief läuft – engagiert, 15 Minuten lang, auf Katalanisch. „Am Tag davor war ich sehr nervös", meint Weber. „Aber danach sind alle Stadträte außer der PP sowie die Zuschauer aufgestanden und haben eine Minute lang applaudiert."

Die Deutsche trat als eine von rund zwölf deutschen Kandidaten bei den Kommunalwahlen an. Im Gegensatz zu so manchen ausländischen Kandidaten, die von den großen Volksparteien aufgestellt werden, war ihre Kandidatur weder symbolisch, noch ein bewusst ausgelegter Köder für ausländische Stimmen. Vielmehr hatte sich die Deutsche selbst für die Vorwahlen gemeldet und sich Platz zwei mit der Zahl der für sie abgegebenen Stimmen erarbeitet – sie hat bereits einen Namen.

Ihr Einstieg in die Politik war genauso zufällig wie folgerichtig. „Ich bin so ein bisschen reingerutscht", meint die gebürtige Königswinterin, die seit 24 Jahren auf der Insel lebt und mit einem Mallorquiner verheiratet ist. Ihr Engagement begann vor zwei Jahren, als sie dem Elternbeirat beitrat, kurz darauf zur Vorsitzenden gewählt wurde und damit begann, Kommissionen zu gründen und Projekte anzustoßen. Hohe Schulabbrecherquoten, zu wenige Lehrer, zu volle Klassenzimmer – es gibt zu viele Probleme im Bildungsbereich, als dass sie hätte untätig bleiben wollen.

Hinzu kam der TIL, der Unterricht zu gleichen Teilen auf Spanisch, Katalanisch und Englisch vorsah. Natürlich müssten die Schüler mehr Englisch lernen, „aber nicht mit so einer Schlamperei", so die Mutter zweier Jungen im Alter von sechs und neun Jahren über das weitgehend gescheiterte Projekt der Landesregierung. „Da nehmen sie unsere Kinder und machen aus denen Versuchskaninchen." Bevor mit so einem Projekt begonnen werde, müsse zunächst die Ausbildung der Lehrer reformiert und verbessert werden, „meine Kinder sollen doch kein Spanglisch reden".

Alice Weber engagierte sich also bei Kundgebungen und Aktionen, vernetzte sich mit anderen Elternbeiräten und beantragte schließlich im Rathaus, bei der Sitzung des Stadtrats gehört zu werden. Es war ein Schlüsselerlebnis. „Ich hatte das Gefühl, dass sich die Politiker gar nicht gegenseitig zuhören." Statt sich mit den Argumenten des politischen Gegners zu beschäftigen, werde getuschelt oder mit dem iPad gespielt. Für die Deutsche stand schließlich fest: Sie will gehört werden. Alle vier Jahre zu wählen, ist ihr nicht genug.

Durch ihre Rede im Stadtparlament kam der Kontakt zu Politikern aller Parteien zustande. Mit ihrem Engagement für Partizipation und Transparenz, ihren Überzeugungen zu Umwelt- und Landschaftsschutz – die Pläne zur Suche nach Erdgas und Erdöl vor Mallorca bringen sie auf die Palma – sowie ihrer Wertschätzung für die Inselsprache fand sie ihre politische Heimat bei Més, einem Verbund aus der linksregionalen PSM, der ökologischen Iniciativa Verds und unabhängigen Kandidaten. „Hier fühle ich mich zu Hause."

Die neue Linkspartei Podemos, die sich ebenfalls für mehr Transparenz, Partizipation und politische Erneuerung einsetzt, sei hingegen keine Option gewesen. Da fehle ihr die politische Erfahrung, so Weber, „die Partei muss erst einmal etwas beweisen". Und PP oder PSOE, die „alten Parteien", seien für sie nicht in Frage gekommen – schon allein, weil keine Abstimmung über die Wahlliste stattfinde. „Da habe ich kein Vertrauen."

Im Fall von Més hingegen konnten sich all jene Residenten im Gemeindegebiet zur Wahl aufstellen lassen, die sich nicht für eine andere Partei engagieren. Auch die Stimmabgabe war für registrierte Nicht-Parteimitglieder offen. Zum Zeitpunkt der Abstimmung war Weber auch noch gar nicht Mitglied von Més. Inzwischen hat sie einen Parteiausweis und den ersten offiziellen Auftritt hinter sich. Auf ihrem Handy zeigt sie ein Wahlkampfvideo vom 19. April, das die offizielle Vorstellung der Més-Kandidaten in Inca dokumentiert: „Das war schön."

Beim Argumentieren und Debattieren ist die Deutsche in ihrem Element. In ihrer Familie habe immer jeder seine eigene Meinung gehabt, und es sei darum gegangen, die anderen zu überzeugen. In den Inselsprachen scheint ihr das inzwischen noch besser zu gelingen als auf Deutsch. „Seien Sie froh, dass wir nicht auf Spanisch sprechen, ich rede wie eine Nähmaschine."

Als Weber mit 15 Jahren nach Mallorca kam – ihre Mutter hatte die Lebensqualität auf Mallorca der in Deutschland vorgezogen – besuchte sie zunächst ein Jahr lang eine deutsche Privatschule, nach einem Jahr ging es auf die öffentliche Schule. „Als Jugendliche wollte ich eigentlich nicht aus Deutschland wegziehen, habe mich dann aber hier sofort eingelebt." Bald schon lernte sie ihren jetzigen Mann kennen, der heute im Tourismusmarketing arbeitet.

Auch ins Mallorquinische ist die Deutsche hineingeschlittert. Von einem Tag zum anderen habe sie beschlossen, beim Bäcker bon dia zu sagen und sich Mallorquinisch anzueignen, um wirklich auf der Insel dazuzugehören. Wer nur Spanisch spricht, hat es denn auch schwer in der Kommunal-politik auf Mallorca: In den meisten Gemeinde-räten wird Katalanisch gesprochen. Auch wenn Més als Hüterin der lange Zeit zurückgedrängten Inselsprache gilt, werde das Thema in der Partei pragmatisch gehandhabt, so die Deutsche – je nach Situation wechsle sie zwischen den beiden Sprachen.

Im Wahlkampf auf dem Marktplatz von Inca hätten viele gar nicht gemerkt, dass sie von einer Deutschen angesprochen werden, erzählt Weber. Sie hasst Parolen nach dem Motto „Wir brauchen eine bessere Bildung". Stattdessen wolle sie „ernste, konzise und konkrete Vorschläge" machen – am besten im Gespräch, denn das Wahlprogramm lese sich sowieso fast niemand durch. Jeden Tag stand sie nach der Arbeit zumeist zwei Kaffeerunden mit Vertretern von Vereinigungen oder Bürgern an.

Nun steht Weber vor der Aufgabe, politisches Amt und Job – als Pharmareferentin klappert sie die Krankenhäuser ab – unter einen Hut zu bekommen. Auf keinen Fall wolle sie ihre politische Verantwortung nebenher wahrnehmen. Vor allem im Fall der jetzt wahrscheinlichen Regierungsbeteiligung von Més würde somit die Lokalpolitik zum Fulltime-Job.

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