Schöner Shoppen auf dem Dorf

Zum Einkaufen fährt man in die Stadt – auf Mallorca also meist nach Palma, wo Fußgängerzonen und Malls keine Wünsche offen lassen, dachten wir. Bis uns ein Streifzug durch die kleinen Läden und Boutiquen im Inselinneren eines Besseren belehrte

02.09.2015 | 09:04
Juana Maria Palmer vom "Ropero de Sineu".

Toni Ribas ist zwischen Hosen und Hemden aufgewachsen, im Bekleidungs­geschäft „Mans" in Porreres, das vor mehr als 60 Jahren sein Großvater gegründet, später seine Mutter übernommen und wo nun er das Sagen hat. Der Opa war Schneidermeister und beschäftigte bis zu ­30 Näherinnen, die alle Kleidungsstücke nach Maß anfertigten. Der Enkel ist hingegen Einzelhändler aus der Modebranche, die er weit über die Inselgrenzen hinaus im Blick hat. „Es ist alles professioneller geworden, globaler", sagt Ribas.

Für Messen und Modenschauen reist der Mallorquiner durch ganz Europa – wobei man die Desigual-Kleider und Tommy Hilfiger-Jeans an seinen Kleiderständern ebenso in Palma oder München erstehen könnte. Die gängigen Marken seien Pflicht, rechtfertigt er sich. Doch daneben versucht Ribas seinen Kunden etwas anderes zu bieten. „Dieses Kleid von einem Label in Barcelona etwa habe ich nur einmal in jeder Größe. Wer es kauft, muss nicht fürchten, dass beim nächsten Fest noch eine ganze Fußballmannschaft das gleiche Modell trägt."

Fährt man zum Shoppen also besser aufs Dorf als nach Palma, wo die einschlägigen Einkaufsstraßen immer mehr zum Einheitsbrei aus internationalen Ketten und Billig-Ramsch aus Fernost verkommen und sich zur Hochsaison obendrein bis ins Unerträgliche füllen? Gar keine Frage, sagt Toni Ribas – logischerweise. Doch er hat auch gute Argumente. „Wer zu uns kommt, auch aus den umliegenden Orten, der ist mit seinem Einkauf schneller wieder zu Hause als er in Palma einen Parkplatz findet."

Auch andernorts fürchten sich die Einzelhändler nicht vor der Konkurrenz aus der Inselhauptstadt. Sie hätte sogar Kundschaft aus Palma, berichtet Ana Aguiló vom Herrenmodegeschäft „Gaspar Bou" in Muro. „Dort gibt es ja wegen des Corte Inglès und der großen Einkaufszentren kaum mehr so nette kleine Läden." Läden wie den ihren, in denen persönliche Beratung groß geschrieben und die ­Familientradition aufrecht erhalten wird: „Gaspar Bou" wurde einst von Anas Großvater gegründet – wie auch das 100 Jahre alte Damen­modengeschäft „Niell" nebenan, das heute ihre Cousine Margarita führt. Fündig werden in den beiden Läden ältere Damen ebenso wie Jugendliche, neben Schürzen und Bundfalten­hosen hängen modische Tops und hippe Hemden.

Auf etwas exklusivere Damenmode und Accessoires setzt Maria Antonia Vanrell, die vor sechs Jahren einige Straßen weiter die Boutique „Tendències" eröffnete. „Wir sind mitten im Schlussverkauf, allzu viel ist nicht mehr da", entschuldigt sie sich und räumt einige leere Kartons in die Ecke. In ein paar Wochen kommt schließlich schon die Winterkollektion, da muss Platz geschaffen werden. Übers Geschäft könne sie nicht klagen, inzwischen habe sie viele Stammkunden, sagt die Frau aus Muro. „Und die Krise habe ich gut überstanden." Zuvor hat Vanrell einen Souvenirladen in Port d´Alcúdia betrieben – dem sie längst nicht mehr hinterhertrauert: „Das hier macht mir wesentlich mehr Spaß und ich bin nicht mehr abhängig von der Saison." In all den Jahren hat höchstens eine Handvoll Touristen ihren Laden betreten.

Pilar Fiol aus Alaró indes hat nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit die Initiative ergriffen und sich Ende 2013 mit dem Spielzeugladen „Fiuuu" schräg gegenüber des Dorfplatzes selbstständig gemacht. „Mit drei u, Fiuuu, so wie die Flugzeuge machen", erklärt die gelernte Pädagogin und lässt ihre Hand durch die Luft segeln. Neben Klassikern von Lego und Playmobil stehen in den Regalen vor allem pädagogisch wertvolle Lernspiele oder Spiel­sachen aus Holz. Ihre Kunden kämen größtenteils aus dem Dorf – darunter auch viele deutsche Residenten, die Fiols Sortiment besonders schätzen.

Vor Branchenriesen wie „Toys ´R´ us" hat Fiol keine Angst. „Für die Leute hier ist das praktisch, weil sie sich die Autofahrt nach Palma oder Inca sparen." Und wenn es mal, etwa für ein Geburtstagsgeschenk, ein ganz bestimmter Artikel sein soll, bestellt sie ihn gerne bei einem Großhändler in Palma, mit dem sie zusammenarbeitet. „Innerhalb von zwei, drei Tagen bekomme ich alles geliefert, was die Kunden wünschen."

Etwas schwieriger gestaltet sich die Lieferung bei Kollegin Margarita Gelabert, die seit sechs Jahren etwas weiter unten im Dorf das „Kurma" betreibt. In dem kleinen Laden stapeln sich farbenfrohe Klamotten aus Indien und Nepal, dazu Schmuck, Taschen und Buddha-Figuren. Es riecht nach Räucherstäbchen. „Ich bin jedes Jahr ein paar Monate in Indien, kaufe die Ware und lasse sie mir dann schicken", erklärt Gelabert, die einen Teil ihrer Einnahmen an eine Hilfsorganisation in Nepal spendet. „Es bleibt nicht viel übrig, aber mir reicht es", sagt sie, lächelt zufrieden und verschenkt zum Abschied noch zwei Schlüsselanhänger.

Ihr inneres Gleichgewicht hat auch Geschäftsfrau Marilen Mas aus Palma gefunden – und zwar mit ihrer Anfang 2014 eröffneten Boutique „Shabby Chic" in Llucmajor. „Ich war das Stadtleben, den Stress und den vielen Verkehr satt und wollte auf dem Dorf arbeiten. Der Laden ist wie eine Therapie für mich", erzählt die Mallorquinerin und lacht. Ihre Familie hingegen schüttelte mit dem Kopf, und einige ältere Damen machten ihr umgehend klar, dass so ein Laden – getreu seinem Namen mit alten Möbeln und allerlei Flohmarkttrödel eingerichtet – hier nicht laufen würde. Bei „Shabby Chic" gibt es Mode aus Mailand und Paris, wenngleich zu erschwinglichen Preisen, fast ausschließlich aus Seide, Leinen und Baumwolle und in zarten Pastell­tönen; dazu Modeschmuck und Accessoires von den Kanarischen Inseln und aus Barcelona.

Doch Marilen Mas belehrte die Skeptiker eines Besseren. „Die Leute rennen mir die Bude ein." Sowohl Einheimische als auch Urlauber, die in den umliegenden Landhotels absteigen oder für den Wochenmarkt nach Llucmajor kommen. Und im Gegensatz zu Palma sei die meist weibliche Kundschaft auch noch bestens gelaunt. „Während du in der Stadt angemeckert wirst, heißt es hier: ´Hallo Marilen, ich hab´ dir einen Kaffee mitgebracht.´"

Kein Wunder also, dass ihre Idee inzwischen sogar Schule gemacht hat. Im Frühjahr kam eine zweite Filiale in Campos hinzu, etwa zeitgleich eröffnete Marilens Schwester Cristina in Llucmajor den Kinder­modeladen „Shabby Kids". Die gelernte Krankenpflegerin nahm sich hierfür zunächst eine unbezahlte Auszeit, doch innerhalb kürzester Zeit war auch sie vom Einzelhändlerdasein auf dem Land überzeugt. „Ich bin hier viel glücklicher, ich hab´ den ganzen Tagen ein Lachen auf den Lippen", schwärmt Cristina, die die neu gewonnene Lebensqualität nicht mehr missen will – und demnächst sogar mit ihrer Familie die Stadtwohnung in Palma gegen ein Eigenheim in Llucmajor tauschen wird.

Auch Juani und ihr Mann Toni Soto zogen vor gut einem halben Jahr von Palma, wo die Familie seit fünf Jahrzehnten einen Klamottenladen direkt an der Kathedrale betreibt, nach Santa Maria – und machten dort kurzerhand eine Filiale auf. Bei „Gemma Bohème" gibt es kunterbunte Hippie-Klamotten – von der Schlabberhose aus Thailand bis zum Alpaka-Pulli aus den Anden –, aber auch Taschen, Lampen und sonstigen Krimskrams. Dinge also, die in Santa Maria durchaus als exotisch gelten. „Wir dachten uns, wir probieren es mal aus", erzählt Juani. Und das Experiment scheint zu glücken. „Es ist ein Dorf und deshalb nicht ganz einfach, aber bisher läuft es ganz gut."

Wieder gut laufen die Geschäfte mittlerweile bei Carme Borras, die seit 18 Jahren das Schreibwarengeschäft „Paper Paper" in Bunyola betreibt, wo es seit jeher auch Geschenkartikel und Spielsachen gibt. Vor drei Jahren beschloss sie, ihr Sortiment um Klamotten und Schuhe zu erweitern. „In der Krise muss man eben Neues ausprobieren, um zu überleben", sagt Carme Borras. Und die Rechnung ging auf. Die Kleider und Tunikas im luftig-leichten Hippie-Stil bekommt sie von Freunden, die mehrere Läden auf Ibiza und Formentera besitzen, die T-Shirts aus Öko-Baumwolle mit originellen Mallorca-Aufdrucken stammen von Insel-Designern und die Schuhe vom spanischen Festland. „Das ist unser Kampf gegen die Globalisierung." Neulich seien Touristen aus England im Laden und total begeistert gewesen, da sie solche Sachen nicht mal in London bekämen, erzählt sie stolz. Doch auch Einheimische, egal ob aus dem Dorf oder aus anderen Ecken der Insel, würden ihr Angebot zunehmend schätzen – und die vertraute Atmosphäre. „Das gibt es eben bei H&M und Zara nicht."

Ebenfalls als Anti-Krisen-­Projekt ist der „Ropero de Sineu" – zu Deutsch „Kleiderhändler von Sineu" – entstanden. Seit drei Jahren verkauft Maria Juana Palmer dort Secondhand-Klamotten, aber auch gebrauchte Möbel, Deko­artikel und Schmuck. „Mallorcas Dörfer haben inzwischen modemäßig viel zu bieten." Und meist sogar zu einem besseren Preis als vergleichbare Geschäfte in Palma. „Vor allem alles, was irgendwie Vintage ist, ist dort übertrieben teuer", sagt Palmer. Das Konzept habe sie sich in Hamburg abgeschaut, wo sie eine Zeitlang lebte, erzählt die Mallorquinerin. „Wobei die Deutschen das nicht machen, weil sie kein Geld haben, sondern weil es ihnen gefällt und sie gerne recyclen." Zu ihrem Kundenkreis zählen deshalb neben Einheimischen auch zahlreiche Touristen. „Dank des Mittwochsmarkts in Sineu kann ich überhaupt überleben." Denn leicht habe man es als Ladenbesitzer auf dem Land nicht.

Das ist auch all den anderen Einzelhändlern im Inselinneren bewusst. „Einer Verkäuferin von Mango mit befristetem Teilzeitvertag ist es egal, wie viel sie während ihrer Schicht verkauft", sagt Toni Ribas aus Porreres. Ihm hingegen nicht. Er müsse Tag für Tag ranklotzen, damit der Familienbetrieb weiterläuft, ohne Angestellte, ohne Ferien. „Aber ich mache es ja gern, sonst hätte ich mir einen anderen Job gesucht."

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