Katalanisch: die ganz normale Inselsprache

Nach dem Regierungswechsel rückt die Sprache wieder in den Vordergrund. Der Umgang mit dem heiklen Thema ist dennoch unaufgeregt

14.09.2015 | 10:27
„Katalanisch ist meine Sprache, liebst du deine nicht?", fragt Ara-Chefin Cristina Ros. Viel zu tun, Verteidigung und Kampf fällt ihren Kollegen zur Inselsprache ein

Manche sehen sie als etwas Rückständiges, das es zu überwinden gilt. Als etwas Minderwertiges, für das man sich schämen sollte. Als etwas Unnötiges, das man nicht braucht. Als störendes Makel. Kurz: als Problem. Dabei ist Katalanisch etwas ganz Natürliches, eine Bereicherung für die kulturelle Vielfalt, vielleicht sogar ein Plus für den Lebenslauf, eine Sprache mehr, ein Idiom wie jedes andere.

Sagen zumindest die fünf für diesen Artikel interviewten Frauen. Solche Worte hört man gern – nach dem erbitterten Sprachstreit, den die Insel unter der im Mai abgewählten PP-Regierung erlebte. Doch so einfach ist es nicht, das wissen auch sie. Katalanisch ist ein Politikum, ob es gefördert oder zurückgedrängt wird, hängt von der jeweiligen Regierung ab. Nach der vierjährigen Amtszeit von José Ramón Bauzá, der ­Spanisch im Schulunterricht stärken wollte, während er Katalanisch vor allem für den Hausgebrauch empfahl, erlebt die Inselsprache unter der neuen Linksregierung gerade eine Renaissance.

Vom Normalzustand – in dem catalán als ganz gewöhnliche Sprache, nicht mehr und nicht weniger, angesehen wird – scheint Mallorca trotzdem noch weit entfernt. Das spiegelt sich allein darin wider, dass man versucht, der Sprache mit Zahlen und Gesetzen beizukommen. Im gesamten katalanischsprachigen Raum bezeichnen nur noch rund 30 Prozent der Befragten catalán als ihre Alltagssprache, wie aus dem diesjährigen „Bericht zum Zustand der katalanischen Sprache" hervorgeht. Katalanisch sei bei weniger Leuten fest verwurzelt als es angesichts der Größe der einheimischen Inselbevölkerung der Fall sein sollte, sagt Cristina Ros, Chefredakteurin von „Ara Balears". Dass es sich bei dem 2013 erstmals auf den Balearen erschienenen Blatt derzeit um ­Mallorcas einzige katalanisch­sprachige Tageszeitung handelt, ist in ihren Augen ein weiterer Beweis für das sprachliche Missverhältnis.

Cristina Ros bereitet diese Situation Sorge, und das hat vermutlich mit ihrer Biografie zu tun. Weil unter der Franco-Diktatur an den Schulen nur Spanisch gelehrt wurde, erhielt sie selbst erst im letzten Schuljahr Katalanischunterricht. „Ich lernte erst an der Uni in Barcelona, in meiner Muttersprache zu schreiben." Und ihre Cousine, die wie sie in einem rein mallorquinischem Umfeld aufgewachsen ist, schreibe ihr E-Mails auf Spanisch, weil das die ihr ­vertrautere Schriftsprache sei. Heutzutage, wo kein Kind mehr die öffentlichen Schulen verlässt, ohne catalán in Wort und Schrift zu beherrschen, sei man natürlich viel weiter. „Dennoch kann von Normalität noch keine Rede sein", sagt Ros.

Aber kann man Normalität erzwingen? Etwa indem man Katalanischkenntnisse für Angestellte im öffentlichen Dienst verpflichtend vorschreibt? Das war bereits unter früheren (Mitte-)Linksregierungen der Fall, wurde von der PP abgeschafft und wird nun von der neuen Regierung wieder eingeführt. Wenn jemand etwas als Pflicht empfinde, erreiche man oft genau das Gegenteil, nämlich Widerstand, räumt Marta Fuxà ein, seit Juni Generaldirektorin für Sprachpolitik im balearischen Kulturministerium. Aber es brauche ein gewisses Maß an ­Vorschriften, um die Sprache zu stärken, ja zu schützen. „Außerdem gibt es so viele Regelungen, die uns in anderen Bereichen einschränken, deren Sinnhaftigkeit nie jemand hinterfragt." Aber die beträfen eben kein so hochemotionales Thema wie die Inselsprache.

Wer sie benutzt, wird schnell in die Ecke der radikalen Unabhängigkeitsbefürworter gestellt, wer sie nicht spricht, macht sich als Verleumder der inseleigenen Kultur und Identität verdächtig. Dieses Dilemma gilt es zu entschärfen – nur wie? Die Strategie der neuen Linkspartei Podemos scheint immerhin vielversprechend: „Bei uns ist die Sprache frei", sagt Mireia Rubio, die sich bei Podem Palma engagiert. Will heißen: Jeder Zirkel, jedes Mitglied und jeder Sympathisant kann selbst entscheiden, in welcher Sprache er ­kommunizieren möchte. Meist fällt die Wahl auf Katalanisch, jedoch werden diejenigen, die auf Spanisch das Wort ergreifen, etwa weil sie aus Südamerika stammen, nicht schräg beäugt. „Und wenn jemand auf Katalanisch nicht alles versteht, bekommt er es gerne von seinem Nebenmann übersetzt", erzählt Rubio. Die Überlegung, den ganzen Podemos-Schriftverkehr auf Spanisch abzuwickeln, damit man mehr Leute erreicht, habe die junge Partei aber schnell wieder verworfen. „Weil man zugleich viele andere Leute ausgrenzen würde."

Eine ganz ähnliche Ansicht hat Generaldirektorin Marta Fuxà bezüglich des Kulturbereichs – wo seit Jahren eine ähnliche Debatte stattfindet: dass Kulturveranstaltungen auf Spanisch ein viel breiteres Publikum fänden und deshalb viel lukrativer wären. „Quantität zählt hier nicht", sagt die Menorquinerin. Und überhaupt: „Warum sollte man sich als Nicht-Muttersprachler nicht ein Theaterstück oder ein Konzert auf Katalanisch ansehen oder anhören?" Das sei doch ein prädestiniertes Feld, um Zugezogenen und Besuchern die katalanische Kultur näherzubringen. „Auf Englisch verstehen wir auch längst nicht jedes Wort oder jeden Liedtext, das ist doch auch kein Problem."

Aber Katalanisch sei eben keine Sprache wie jede andere. Katalanisch hat ein Imageproblem. Viele Urlauber würden nicht mal merken, dass die einheimischen Inselbewohner eine eigene Sprache haben. Wie auch, wenn man sich selbst als Einheimischer manchmal schwer tut, im Restaurant eine Karte auf Katalanisch zu erhaschen, muss sich Fuxá eingestehen. „Auch hier müssen wir ansetzen. Wir müssen unsere Sprache als Reichtum verkaufen, und dabei ist auch die Tourismusbranche gefragt."

Katalanisch braucht also eine PR-Kampagne. Damit es nicht länger als Schwierigkeit oder Hindernis wahrgenommen wird, sondern als das, was es in den Augen der Gesprächspartnerinnen ist: ein Türöffner. Festlandspanier oder Ausländer, die es nicht lernen, verpassten die Möglichkeit, wirklich in die Gesellschaft einzudringen, sagen alle fünf Frauen. Es sei einfach eine Frage von Respekt und Integrationswillen, sagt Marta Fuxá. „In jedem anderem Land würde man es gar nicht in Frage stellen, die Landessprache zu lernen."

Alice Weber hat das Beherrschen der Inselsprache bei den Kommunalwahlen im Mai sogar die Tür in die Politik geöffnet. „Wir sollten uns endlich verabschieden von der Aussage, dass Katalanisch nicht so wichtig ist", sagt die Deutsche, die mit 15 auf die Insel kam, fließend mallorquín spricht und für die Linkspartei Més im Stadtrat von Inca sitzt. Dass es auf den Balearen zwei Sprachen gibt, sollte als Plus, nicht als Nachteil betrachtet werden. Die immer wieder von Eltern – mallorquinischen wie zugezogenen – geäußerte Sorge, die Kinder könnten am Ende ihrer Schullaufbahn wegen der Dominanz des Katalanischen im Unterricht, nicht richtig Spanisch, hält Weber für unbegründet. „Ich kenne keine Person, die perfekt Katalanisch spricht und schreibt und nicht auch perfekt Spanisch spricht und schreibt."

Doch das eine sind Grammatik und Rechtschreibung. Das andere ist das, was Maribel Servera Matamalas Sprachgefühl nennt. „Es ist ein Irrglaube, dass wir Mallorquiner beide Sprachen gleichermaßen beherrschen", sagt die Lehrerin aus Manacor, die auch als glosadora auftritt und als solche etwa bei Dorffesten improvisierte, sozialkritische Reime zum Besten gibt. „Meine gloses sind immer auf Mallorquinisch, weil ich mich da besser ausdrücken kann."

Unbegründet ist ihrer Meinung nach zudem der Verdacht mancher Zugezogener, die Inselbewohner sprächen absichtlich Katalanisch, um Nicht-Mallorquiner auszugrenzen. „Wir tun das einfach deshalb, weil es unsere Muttersprache ist." So wie Franzosen in Frankreich Französisch sprächen oder Deutsche in Deutschland Deutsch.

Mahnende Worte findet die glosadora aber auch für ihre mallorquinischen Mitbürger: „Wir müssen auch gewillt sein, Ausländer zu integrieren." Denn Sprachfanatiker, die jeden der nicht perfekt mallorquín spricht, außen vor ließen, seien im Bemühen um sprachliche Normalität nicht förderlich.

Genauso sieht es die Journalistin Cristina Ros – die mitten im Gespräch auf einmal innehält und selbstkritisch einwirft: „Wir müssten diese Normalität, mit der wir Katalanisch sprechen, auch beibehalten, wenn wir uns mit Ausländern unterhalten. Wenn wir nicht immer gleich ins Spanische wechseln würden, wäre auch euch geholfen", sagt sie – kehrt aber schon nach wenigen Sätzen wieder zum castellano zurück.

Alles nicht so einfach, irgendwie. Was also tun? Maribel Servera hält eine prokatalanische Sprachpolitik für unabdingbar. Ara-Chefredakteurin Ros stimmt dem zu, warnt aber explizit vor einer aggressiven politischen Haltung. Die Regierung dürfe gerne Katalanisch-Offensiven ins Leben rufen. „Aber sie sollte nicht alles unterstützen, bloß weil es auf catalán ist, sondern nur das, was tatsächlich gut für die Sprache ist." Denn das hehre Ziel sollte in ihren Augen lauten: Die Qualität muss über der Sprache stehen. Egal ob bei „Ara Balears", im Bildungswesen oder in der Sprachpolitik. „Wir wollten natürlich bewusst eine katalanische Zeitung, aber das Wichtigste ist für mich stets, dass es eine gute Zeitung ist", beteuert Ros. Und dasselbe gelte für das Schulsystem – egal ob ein-, zwei- oder dreisprachig – und letztlich für die gesamte Politik.

Stadträtin Alice Weber glaubt, dass die neue Regierung in dieser Hinsicht auf einem gutem Weg ist. Statt beispielsweise in der Schulpolitik nach dem Scheitern des Drei-Sprachen-Modells wieder eine 180-Grad-Wendung zu vollziehen, wie es nach wie vor Teile der Lehrer­vollversammlung fordern, hätten viele im Bildungsministerium einen kühlen Kopf bewahrt, um das Thema wohlüberlegt anzugehen. Als positives Zeichen wertet es die Deutsche auch, dass Ministerpräsidentin Francina Armengol (PSOE) kürzlich bei einem offiziellen Anlass Mallorquinisch sprach, während ihr Partei­genosse, Palmas Bürgermeister José Hila, sich auf Spanisch an die Zuhörer wandte – ohne dass großes Aufheben drum gemacht wurde.

Noch besser wäre es allerdings, wenn diese Begebenheit so belanglos wäre, dass man nicht mal drüber sprechen würde. Dann wäre vermutlich der Normalzustand erreicht.

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