Son Banya: Gefangen im Schattendasein

Alles soll schöner werden, verspricht die Stadt Palma – klingt also nicht so, als ob man der Drogensiedlung den Garaus machen wollte

29.10.2015 | 08:50
Fotogalerie: Ein Streifzug durch Son Banya

Es dürfte kaum eine andere Person auf Mallorca geben, die Son Banya so oft betritt, ohne dort zu wohnen, wie Gerardo. Er ist Busfahrer und seit sieben Jahren auf der Linie 18 unterwegs, deren Endstation Son Riera heißt – so der offizielle Name der Barrackensiedlung hinter Palmas Großmarkthallen zwischen Coll d´en Rabassa und Son Ferriol. Bekannt ist der abgelegene Ort aber vor allem als Mallorcas Drogensupermarkt, wo gitanos, wie die Angehörigen der Roma-Minderheit auf der Insel genannt werden, 24 Stunden am Tag alles verkaufen, was Junkie- und Yuppie-Herzen höher schlagen lässt.

Busfahrer Gerardo ist das einerlei. „Ich habe kein Problem damit, für mich sind die Menschen hier Fahrgäste wie alle anderen", sagt er, während er sich auf dem staubigen Vorplatz zwischen den ebenerdigen Hütten und der kleinen Landstraße die Füße vertritt. „Son Banya wurde von der Stadt jahrelang vernachlässigt, daher sind die Leute jetzt sehr dankbar, dass sich endlich was tut", erzählt er – und meint damit, dass die Stadtwerke Emaya vor einigen Wochen erstmals zwei Mülleimer in der Siedlung aufgestellt haben.

Ihr typisches Design ist das einzig zuverlässige Zeichen dafür, dass man sich auf Mallorca und nicht in einer brasilianischen favela befindet. An der Zufahrt stehen seit Neuestem auch mehrere Container für all den Schutt und Unrat, der in den nächsten Wochen von dem Gelände entfernt werden soll. Und in naher Zukunft will die Stadt sogar die Straßen zwischen den schäbigen Hütten asphaltieren und mit Straßenlaternen versehen. „Fragt sich nur, ob die Politiker Wort halten", sagt Gerardo.

Antonio Amaya, der sich als presidente vorstellt, ist zuversichtlich. „Ich bin bisher sehr zufrieden, aber wir sind erst am Anfang", wiederholt er immer wieder, während er durch die holprigen und mit Schlaglöchern übersäten Straßen der Siedlung führt. „Alte Leute können sich hier zu Tode stürzen, und bei Regen verwandelt sich das in einen Sturzbach", erläutert der kleine Mann mit dem tief ins Gesicht gezogenen Panama-Hut. Im Mai hätten ihn die Bewohner zum Präsidenten der Siedlung gewählt. Zusammen mit Juan Amaya, dem Bürgermeister, und José Amaya, dem Sprecher, bilde er nun die Führungsriege von Son Banya – zumindest nach außen hin.

Denn neben den Amayas gibt es noch zig andere Clans, die sich zum Teil spinnefeind sind. Ein gewisser Pedro Cortés, der sich ebenfalls als Sprecher ausgibt und zunächst bereitwillig Auskunft gibt, wird schnell in die Schranken gewiesen. „Lass´ dir von dem nix erzählen", warnen ein paar Halbwüchsige, die die gleiche Frisur und das gleiche Blümchen-Sweatshirt tragen. „Antonio ist unser presidente."

Der berichtet stolz, dass unter seinem Regiment erstmals Vertreter von Son Banya mit Palmas Stadtregierung in Kontakt getreten seien und sich vor rund zwei Wochen mit dem neuen sozialistischen Bürgermeister José Hila getroffen hätten. Der versprach allerlei Verbesserungen – und im Gegenzug wollen die drei Männer vom Amaya-Clan dafür sorgen, dass die Siedlung in Zukunft sauber und die neue Infrastruktur in Ehren gehalten wird. Darauf ein Handschlag in der Ratsstube, und ein Gruppenfoto für die Presse. Den Zeitungssausschnitt hütet Antonio Amaya wie seinen Augapfel.

Doch was zumindest aufseiten einiger gitanos als geschichtsträchtiger Moment verbucht wurde, dürfte an der Situation der Menschen in Son Banya in naher Zukunft nur wenig ändern. „Was wir wirklich brauchen, wäre Arbeit, um eine anständige Wohnung zu zahlen", sagt ein anderer Antonio, der mit einem Fahrrad mit großem Korb unterwegs ist und beteuert, sich als Schrottsammler einen spärlichen Lebensunterhalt zu verdienen. „Wenn mir die Stadt einen Job gibt und eine Wohnung, wäre ich der erste, der Son Banya verlassen würde", bekräftigt er. Andere Bewohner, die nach eigenen Angaben ebenfalls mit Schrott handeln, putzen gehen oder sich auf dem Bau als Handlanger verdingen, pflichten ihm bei. Antonio Amaya indes hält sich bedeckt, weiß den fragenden Blick aber schnell zu deuten. „Wir können über alles reden, aber nicht über Drogen", stellt er klar.

Schlecht zu sprechen sind die Amayas auch auf die Umsiedlungspläne für Son Banya, die unter der früheren Mitte-Linksregierung (2007-2011) im Umzug einiger weniger Familien in Sozialwohnungen mündeten. „Die Leute wurden ganz schnell allein gelassen, sie hatten keine Perspektive", poltert José Amaya. „Wenn sie uns hier weghaben wollen, müssen sie uns schon eine würdige Alternative bieten", fährt er fort und kramt eine vergilbte Urkunde aus seiner Wohnzimmerkommode. „Diktator Franco hat mir mein Haus vor 46 Jahren überlassen, und nun will man es mir mitten in der Demokratie wegnehmen? Das kann doch nicht sein", redet sich der schlacksige alte Mann in Rage.

Die rund 120 Hütten umfassende Siedlung wurde 1969 errichtet, um die gitanos, die damals an der Playa de Palma hausten, aus dem Sichtfeld der ersten Mallorca-Touristen zu verbannen. Was als Zwischenlösung für ein paar Monate gedacht war, bis man eine andere Bleibe für die Familien gefunden hatte, wurde zum Dauerzustand für aktuell mindestens tausend Bewohner – so genau kennt die Zahl niemand.

Dass die Leute nun allerdings erwarteten, dass die Stadt ihnen ein gemachtes Nest– am besten inklusive Festanstellung – biete, ist in den Augen von Catalina Trobat vom Fachbereich Soziales in Palmas Rathaus nicht in Ordnung. „Zumal wir seit über 40 Jahren mit öffentlichen Geldern Strom und Wasser für die Siedlung zahlen, wo in vielen Hütten die Klimaanlagen laufen, während sich andere Bürger das nicht leisten können", sagt Trobat, die zugleich die Stelle für Umsiedlung und Resozialisierung leitet, deren aus Sozialpädagogen und Streetworkern bestehendes Team sich um die sozialen Probleme der Son Banya-Bewohner kümmert. „Wir helfen diesen Menschen gern, aber nicht mehr und nicht weniger als allen anderen Bürgern."

Das bereits von der früheren Linksregierung erfolglos anvisierte Ziel, den Schandfleck Son Banya von der Landkarte zu löschen, scheint momentan unerreichbarer denn je. Für die Umsiedlung aller Bewohner gebe es nicht ausreichend Sozialwohnungen und für Jobprogramme schlichtweg kein Geld, stellt Catalina Trobat umumwunden klar. 88 Wohnungen bräuchte man, um alle Familien anderweitig unterzubringen und Son Banya dem Erdboden gleichmachen zu können. Der Rest verfügt nach Informationen der Stadt über eine Wohnung oder sogar ein Landhaus irgendwo auf der Insel. „Das sind die Leute, die mit dem Drogenhandel gutes Geld verdienen."

Doch genau hierin liegt das Paradox von Son Banya: Die, die es sich leisten könnten, woanders zu leben, wollen um keinen Preis weg. Und die anderen, die bei den lukrativen Drogengeschäften leer ausgehen oder von den mächtigen Clans als billige Dealer missbraucht werden, wünschen sich sehnlichst ein anderes Umfeld, können es alleine aber kaum schaffen.

Wo genau die Fronten verlaufen, ist von außen nicht ersichtlich. Dicke Geländewagen oder abgedeckte Cabriolets sind recht eindeutige Hinweise. Ob sich in den Hütten aber Bäder aus Marmor befinden oder Toiletten mit Panzertüren, um den Stoff im Falle einer Razzia in Ruhe hinunterspülen zu können, wie man sich erzählt, wissen nur die Bewohner selbst. „Fest steht nur: Son Banya ist zutiefst gespalten", sagt Trobat. Und das mache es für die Stadt umso schwerer. „Die Sozialbehörden müssen so handeln, wie wenn es die Drogen nicht gäbe." Die Entscheidung, wie mit den Drogenbaronen verfahren werden soll, müsste hingegen auf höchster politischer Ebene getroffen werden – und zwar unter Einbezug der Polizei, der Verwaltung und der Gesundheitsbehörden, fordert Trobat, die in ihrer dreieinhalbmonatigen Amtszeit immerhin schon zwei Mal vor Ort war, um sich ein Bild von der prekären Situation zu machen.

Die für Son Banya zuständige Beamtin, Antonia Roca, hingegen, wagt sich seit Jahren nicht mehr in die Siedlung. Auf ihre Kappe geht der Abriss der einstigen Schule von Son Banya im Jahr 2010, den ihr die Bewohner bis heute nicht verziehen haben. Danach wurden die Kinder auf Schulen in Coll d´en Rabassa und Molinar verteilt, wohin sie ein von der Stadt bezahlter Schulbus bringt und wo sie ein kostenloses Mittagessen bekommen – so sie denn überhaupt erscheinen.

Encarna Cortés, Mutter von sechs Kindern, zuckt nur mit den Schultern: „Wenn wir hier direkt eine Schule hätten, würden die Kinder auch öfter hingehen." Antonia, die mit ihrer Schwester ihren 13-jährigen Neffen groß zieht, erzählt, dass es früher in der Schule auch am Nachmittag Aktivitäten für die Kinder gegeben habe. Auf dem Fußballfeld, das heute einer Rumpelpiste gleicht, hätten früher sogar ab und zu Spieler von Real Mallorca mit den Jugendlichen aus Son Banya trainert, erinnert sich Anwohnerin Estefania. „Aber inzwischen wurden wir völlig vergessen. Nicht einmal einen Spielplatz für die Kinder vergönnen sie uns."

Catalina Trobat sieht die Sache anders. Die Schließung der Schule sei eine „exzellente Idee" gewesen – sie wurde nur wahnsinnig missverstanden. Denn statt die Kinder von Son Banya weiterhin in ihrem Ghetto zu belassen, wo sie meist viel zu spät und manchmal auch im Schlafanzug zum Unterricht kamen, habe man sie in anderen Schulen der Stadt integrieren wollen. Das selbe gelte für die Freizeitaktivitäten für die Kinder und ebenso für die Bildungsangebote für Erwachsene. „Wir finanzieren gerne Mitgliedschaften im Fußballverein oder Alphabetisierungskurse. Aber die Leute müssen sich dazu aus ihrem Kosmos rausbewegen", sagt Trobat. Inklusion statt Exklusion müsse die Devise lauten.

An der Straße nach Son Banya haben sich inzwischen fünf Streifenwagen der Policía Local in Stellung gebracht. Ein junger Mann, der sich gerade in einem verbeulten Golf auf den Weg nach Palma macht, imitiert bei dem Anblick eine Sirene. „Damit machen sich die Bullen nur lächerlich", ruft er aus dem Autofenster und stellt sich als Juan vor. „Die sollen lieber die fangen, die das große Geld verdienen, und nicht harmlose kleinen Dealer." Er lässt den Motor aufheulen und braust davon.

Die Siedlung selbst hat die Policía Local nach eigenen Angaben jedoch schon vor Langem zur No-go-Area erklärt und das Feld den Kollegen von Nationalpolizei und Guardia Civil überlassen. Aber auch dort will man kein Statement zur momentanen Lage in Son Banya abgeben – um den Ort nicht zu „kriminalisieren". Ein Teil des Drogengeschäfts habe sich inzwischen nach Palma, etwa ins Son Gotleu-Viertel verlagert, heißt es. An Kundschaft mangelt es dennoch nicht. In der Abendsonne rollt ein schickes Auto nach dem anderen in die Siedlung. Der Fahrer eines TT in weißen Shorts und Flipflops hält zielstrebig vor einer der Barracken an. Drei Minuten später steigt er wieder ein und verschwindet, ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht.

Auch Antonio Amaya lächelt zum Abschied freundlich. „Ich bin zufrieden", sagt er noch einmal. Ist doch eigentlich alles in Ordnung, da draußen in Son Banya.

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