Stressig, so ein erster Sommer

Im Frühjahr hat die MZ drei Neu-Gastronomen vorgestellt, die zum Saisonbeginn ein Lokal in Peguera übernommen haben. Nun wollten wir wissen: Wie ist es gelaufen? Sehr gut bis gut, beteuern zwei – aber das Schicksal von Nummer 3 hängt in der Luft

21.10.2015 | 10:58
Lernten die Tücken von All-inclusive kennen: Caroline und Markus Schönekerl von der „Strandperle?

Caroline und Markus Schönekerl wirken ein bisschen müde, abgekämpft, ausgelaugt. Auch wenn sie für ihre Gäste nach wie vor ein freundliches Lächeln auf den Lippen haben und sich gern Zeit für einen kleinen Plausch nehmen – die vergangenen sechs Monate sind an den beiden Deutschen, die im März das Café „Strandperle" in Peguera eröffnet haben, nicht spurlos vorüber­gegangen.

„Seitdem hatten wir täglich auf", sagt Markus – der ausnahmslos jeden Tag die Stellung hielt, während seine Frau zumindest am Wochenende mal zu Hause blieb, um sich um die beiden Kinder, den Haushalt oder die Buchhaltung zu kümmern. Unterstützung hatte das Paar zeitweise von zwei Aushilfsbedienungen. „Aber manchmal waren wir allein und kamen einfach mit dem Spülen nicht mehr hinterher. Da sah es hier hinter dem Tresen so chaotisch aus, dass uns sogar unsere Gäste anboten, zu helfen", erzählt der gelernte Koch.

Über die Schönekerls hat die MZ bereits Anfang April berichtet. Wir stellten damals drei deutsche Existenz­gründer vor, die pünktlich zum Saisonstart in der Urlauberhochburg Peguera einen Gastronomiebetrieb übernommen haben. Nun, am Ende der Hauptsaison, statteten wir ihnen erneut einen Besuch ab – um nachzufragen, wie es ihnen denn so ergangen ist während ihres ersten Sommers auf Mallorca.

Markus und Caroline Schönekerl sagen, sie seien zufrieden. Nur Anfang Juli hätten sie kurzzeitig Panik bekommen. „Da wurde die Kundschaft auf einmal abrupt weniger." Inzwischen hat das Paar dafür eine Erklärung parat: Es muss am All-inclusive gelegen haben. Im Frühjahr und Herbst könne man in vielen Hotels nur die Übernachtung buchen – sodass zahlreiche Urlauber schon das Frühstück in der Strandperle, keine 50 Meter vom Meer entfernt, einnahmen. Im Juli und August hingegen böten viele Häuser nur Vollpension. Umso überraschter waren die beiden angesichts des riesigen Andrangs im September, dem bislang „stressigsten Monat".

Die Zweite im Bunde der damals vorgestellten Neuzugänge in Pegueras Gastronomie-Szene war Sabine Kern, die seit März das zwischen Boulevard und Strand gelegene Café Europa betreibt. Auch sie will nicht klagen, hatte aber gerade in der Hauptsaison mit mehr Umsatz gerechnet. „Im Juli und August schauten die Gäste sehr aufs Geld, manche saßen zu zweit vor einer Cola." Angesichts der Hitze, vermutlich aber auch wegen der vielen All-inclusive-Touristen, habe sie im Hochsommer kaum Mittagessen verkauft. Jetzt hingegen kämen Leute, die sich etwas gönnten. „Da sind es dann auch mal drei Bier oder Garnelen zur Vorspeise", berichtet Kern.

Immer noch stutzig macht die gelernte Fachkraft für Systemgastronomie allerdings, dass sich ihr Eindruck von der Hochsaison mit dem vieler anderer Geschäfts­treibender deckt: Die Inhaber der umliegenden Modeboutiquen und Souvenirläden, aber auch ihre Bier- und Klopapierlieferanten klagten, dass sie seit Langem keine so schlechte Saison mehr erlebt hätten. „Wie passt das zu den ganzen Rekordmeldungen, die in den Medien verbreitet werden?", fragt sich die Deutsche. Manche hätten sogar Personal entlassen müssen – wobei auch Sabine Kern ihr Café inzwischen ohne die zunächst eingestellte Kellnerin und Köchin schmeißt und nur noch von ihrem Mann in der Küche unterstützt wird.

Gastro-Betrieb Nummer drei, der im Bericht von damals gerade eine neue Chefin bekommen hatte, war das „Sturm der Liebe"-Café. Derzeit sei allerdings nicht klar, ob das zur gleichnamigen ARD-Telenovela  gehörende Café in der bisherigen Form weiterbestehen werde, heißt es. Möglicherweise werde das Lokal an einen neuen Pächter überschrieben.

Liefen die Geschäft also so schlecht? „Da war nie was los, wir gehen da immer mit dem Hund lang", sagt Mitbewerberin Sabine Kern. Schuld daran dürfte in ihren Augen allerdings vor allem die Lage sein. „Alle, die am Boulevard weiter ortsauswärts liegen, haben es schwer, denn der Urlauberstrom reißt hier an unserer Ecke ab." Auch zwei Boutiquen in der Gegend hätten deshalb schon dicht gemacht.

Fragt man die Schönekerls und Sabine Kern, ob sie ihren Schritt ins Wirte-Dasein auf der Insel bereut haben, antworten sie einhellig mit einem klaren Nein. An ihren ­anfänglichen Konzepten haben aber auch sie im Laufe der Saison herumprobiert und nachgebessert. In der „Strandperle" gingen vor allem die selbstgebackenen Kuchen und Torten von Konditormeisterin Caroline weg wie warme Brötchen – bis die Temperaturen im Juli in die Höhe kletterten. Da war der Moment gekommen, Eisbecher und Eis in der Waffel ins Sortiment aufzunehmen.

Spanische Tapas wie Garnelen in Knoblauch, mit denen das größtenteils deutsche Publikum eher weniger anfangen konnte, werden dagegen von der Karte fliegen. Die Ausweitung der Öffnungszeiten in den Abend hinein – inklusive Cocktail-Karte – blieb indes ein Versuch. „Wir können nicht von 8 bis 23 Uhr im Laden stehen", sagen die Schönekerls – die mittlerweile gelernt haben: „Unser Kerngeschäft sind Frühstück und Kaffee und Kuchen, darauf müssen wir uns beschränken."

Auch Sabine Kern hat im Café Europa seit April so einiges verändert. Die zuvor von einem Spanier geführte Bar bekam eine Spielecke, auf der Terrasse steht seit Neuestem eine Hollywoodschaukel und im typisch deutschen Vorgarten prangen zwischen all der Blumenpracht kleine Holzzäunchen mit Auszügen aus der Speisekarte. Die Burger aus Angus-Rind-Fleisch gibt es inzwischen – wegen der großen Nachfrage –
in vielen Variationen. Und auf der Getränkekarte sind mittlerweile auch mallorquinische Bierspezialitäten aus Sóller und die Insellimonaden „Pep Lemon" und „Pep Cola" zu finden.

Überrascht hat die Schönekerls die Anzahl der Stammkunden, die oftmals während ihres ganzen Urlaubs täglich wiederkehrten. „Manche kennt man dann schon mit Namen, viele verabschieden sich vor der Abreise", erzählt Caroline. Sabine Kern staunte indes, wie gemischt das Publikum ist. „Mir wurde gesagt, Peguera sei Klein-Deutschland. Das stimmt definitiv nicht." Es kämen neben Deutschen und Briten auch Schweizer, Italiener, Franzosen, Russen, Rumänen – und etwa ein Viertel der Kundschaft seien Einheimische: Angestellte der umliegenden Läden und der Müllabfuhr, Surfer-Jungs, ältere Damen. Seitens der Mallorquiner sei ihr allerdings manchmal auch schon richtige Ausländerfeindlichkeit entgegen geschlagen. „Mir sagten zum Beispiel Leute, dass ihre Chefs ihnen verboten hätten, bei mir Kaffee zu trinken, weil ich
Ausländerin bin."

Ansonsten klappe es mit der Integration ganz gut. Sabine Kerns kleiner Sohn geht in den Kindergarten, sie und ihr Mann haben bereits erste Kontakte zu Einheimischen. „Soweit man sich verständigen kann." Der sechsjährige Sohn der Schönekerls besucht mittlerweile nicht mehr die deutsche Ecolea-Schule in Marratxí, sondern eine Grundschule in Peguera. „Der muss endlich Spanisch lernen", findet seine Mutter.

Obwohl nun das Saisonende naht – an Erholung ist für unsere Gastronomen noch nicht zu denken. Die Schönekerls wollen ihr Café durchgehend öffnen, nur in den Weihnachtsferien soll es zwei Wochen nach Deutschland gehen. Sabine Kern will ihr Café nur von Mitte ­Dezember bis Mitte Januar schließen – um endlich einmal die Insel zu erkunden, von der sie bisher nicht viel gesehen hat. „Wenn mich Gäste fragen, was ich empfehlen kann, muss ich immer sagen: Ich kenne nur das Büro meines Steuerberaters und das Finanzamt." Neben Valldemossa, wo sie unbedingt hinwolle, möchte Kern auch einigen ihrer Lieferanten einen Besuch abstatten und etwa in der Kaffeerösterei Rico´s in Palma eine Führung mitmachen.

Das „Sturm der Liebe"-Café blieb bisher immer von November bis ­Februar geschlossen. Eine große Party zum Saisonende am 31. Oktober wird es auch diesmal geben – egal ob und wie es weitergeht.

Die Gastro-Szene Pegueras ist eben von einem steten Kommen und Gehen geprägt. Eine, die ebenfalls erst in dieser Saison neu hinzukam, ist Hannelore Schiller, die in ihrer „Essbar" seit Ende April Fischbrötchen, Matjesteller, Bockwurst oder Frikadellen serviert. Obwohl die Kölnerin den Laden seitdem fast alleine schmeißt, ist sie auch Anfang Oktober noch bestens gelaunt. „Ich hatte zehn Jahre lang eine Konditorei in Düsseldorf, was soll mich noch schocken", scherzt sie.

Und dann verrät die Mutter dreier erwachsener Söhne ihr wahres Geheimrezept: „Ich habe keine hohen Ansprüche. Mehr ginge immer, aber ich bin mit dem zufrieden, was der Laden abwirft". Und zwar ohne rund um die Uhr hinterm Tresen zu stehen. „Ich öffne von 10 bis 19 Uhr und mittwochs ist Ruhetag." Stressmindernd wirke zudem die Einsicht, dass man sich nun mal in Spanien befände, wo manches anders, ja vielleicht auch langsamer laufe als in Deutschland. „Aber wir sind hier die Gastarbeiter, die sich anpassen müssen."

Sabine Kern will im nächsten Sommer abends länger öffnen, dafür mittags ein paar Stunden Pause machen – und eventuell dienstags und mittwochs vormittags schließen. Ein ganzer Ruhetag allerdings käme nicht infrage. „Da würde man zu viel Geld verlieren." Caroline und Markus Schönekerl indes wollen sich in der kommenden Saison einen freien Tag gönnen. „Jetzt jedenfalls bin ich froh, wenn es im Winter ein bisschen ruhiger wird", sagt der Wuppertaler. „Aber auch nicht zu ruhig."

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