Raus aus der Tabuzone, rein ins Leben

Vom Tod redet in der Spaßgesellschaft keiner. Dabei gibt es viel Informationsbedarf zum Thema „würdevolles Sterben" – auch auf Mallorca

04.11.2015 | 13:11
Die Versorgung in den Krankenhäusern auf Mallorca, wie hier in Sant Joan de Déu in Coll d´en Rabassa, kommt einem würdevollen Sterbeprozess schon ziemlich nahe.

Der Fall der 12-jährigen Andrea aus Galicien hat kurz vor Allerheiligen das Thema würdevolles Sterben wieder ins Bewusstsein der spanischen Öffentlichkeit gebracht. Das Mädchen starb letztendlich Anfang Oktober im Krankenhaus von Santiago de Compostela nach einem monatelangen Tauziehen zwischen Eltern, Ärzten und der Ethik-Kommission der Klinik. Andrea war mit einer äußerst seltenen neurodegenerativen Krankheit auf die Welt gekommen, die nicht heilbar war, und befand sich in der Endphase.

Der Ethikbeirat des Krankenhauses empfahl, die lebens­erhaltenden Maßnahmen und die künstliche Ernährung abzustellen und entsprach damit dem Wunsch der Eltern. Die Ärzte allerdings weigerten sich – Andrea wurde weiterhin künstlich am Leben gehalten. Erst eine Gerichtsentscheidung, die den Eltern und dem Ethikbeirat Recht gab, beendete das Leben des Mädchens.

Doch wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ein Leben nicht mehr lebenswert ist? Wie weit darf man in sein eigenes Leben eingreifen oder andere bitten, es zu beenden? Prinzipiell sind in Spanien die Sterbehilfe, das heißt das Verabreichen von Medikamenten, die zum Tod führen, sowie der assistierte Selbstmord verboten und unter Strafe gestellt. Darüber hinaus aber sind diese Fragen nicht gesamtstaatlich geklärt. Jede Region hat ihre eigene Gesetzgebung. Die der Balearen zählt zu den liberalsten.

Fortschrittliche Balearen
Schwerstkranke haben auf den Inseln seit März dieses Jahres mehr Möglichkeiten, ihr Leiden zumindest zu lindern. Die „Ley de derechos y garantías de la persona en el proceso de morir", wie das Gesetzeswerk heißt, soll dem Patienten eine größere Autonomie am Ende seines Lebens und eine stärkere Einflussnahme auf den Sterbeprozess geben. Sein Wille steht an erster Stelle und soll respektiert werden. Neben den Balearen gibt es erst vier autonome Regionen in Spanien, die ein derart weit reichendes Gesetz auf den Weg gebracht haben.

So hat der Patient etwa das Recht, eine von den Ärzten angeordnete Operation zu verweigern, obwohl diese Entscheidung sein Leben in Gefahr bringen könnte. Auch eine Sedierung in der Endphase kann nun beantragt werden. Patienten, die im Sterben liegen, haben außerdem das Recht auf ein Einzelzimmer, in dem sie rund um die Uhr von ihren Familienangehörigen begleitet werden können.

Im Krankenhaus Sant Joan de Déu in Palmas Stadtteil Coll d´en Rebassa ist all dies bereits Wirklichkeit. Hier gibt es auf der Palliativ­station mehrere Bereiche, die ähnlich einer Wohn­gemeinschaft eingerichtet sind: mit je zwei Ein-Bett-Zimmern, aber einem Gemeinschaftsraum, den die Angehörigen nutzen können, um sich etwa einen Tee zu kochen oder Kraft zu sammeln. Abgeschaut hat man sich dieses Modell in Deutschland.

Zusätzlich müssen alle Krankenhäuser auf Mallorca über einen Ethikbeirat verfügen – etwas, das für das Landeskrankenhaus Son Espases bereits genauso gilt wie für das Krankenhaus Son Llátzer an der Schnellstraße nach Manacor. Darüber hinaus sollen die Angehörigen des Sterbenden eine umfangreiche Betreuung erhalten, auch über den Tod des Patienten hinaus.

Die neue Rechtsprechung entspricht einer mittlerweile weit verbreiteten Lehrmeinung in der internationalen Medizin. Sie hat in den vergangenen Jahren deutlich von der Prämisse Abstand genommen, einen Patienten mit allen Mitteln am Leben zu erhalten. „Inzwischen gibt es unter den Ärzten eine weitreichende Einigkeit darüber, den Tod zu beschleunigen, wenn der Patient in eine nicht umzukehrende Endphase eingetreten ist", erklärt Luis Feliu, Arzt auf der Palliativ­station des Hospital General auf Mallorca.

Wenig Patientenverfügungen
Das neue Gesetz räumt auch den Patientenverfügungen mehr Gewicht ein. Ein entsprechendes Register ist bereits vor neun Jahren auf den Balearen geschaffen worden. Die Angaben tauchen dann in der Patientenakte für jeden behandelnden Arzt sichtbar auf. Womöglich weil damit auch ein Behördengang einhergeht, haben sich bisher aber lediglich gut 5.100 Menschen dort eingetragen.

Patienverfügungen: Vorsorge für den Ernstfall

Fina Santiago (Més), Sozialministerin der Balearen, reicht die neue Gesetzgebung noch nicht. Die linke Politikerin spricht sich für eine weitere Öffnung hin zur aktiven Sterbehilfe aus. „Ich befürworte die Euthanasie, auch wenn ich viele Argumente dagegen gut nachvollziehen kann. Andererseits ist es aber absurd, dass der Staat den freien Willen einer Person unter Strafe stellt", sagte sie der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca". Sie wünsche sich endlich eine spanienweite Debatte über das Thema, es habe keinen Sinn, dass jede Region das Sterben für sich regele.

Informationsbedarf zum Thema „würdevolles Sterben" gibt es auf jeden Fall, wie eine Tagung mit dem Titel „Den Tod erleben" im Krankenhaus Sant Joan de Déu am Dienstag (27.10.) verdeutlichte. Einer der Gastredner, Bruder Miguel Martín, Mitglied im Ethik-Komitee des Krankenhauses Sant Joan de Déu in Barcelona (siehe Interview auf Seite 5), sprach dort vor mehr als hundert Zuhörern, zumeist aus dem Gesundheits­bereich, ein grundlegendes Problem an. Martín nannte den Tod und das Sterben das „neue Tabu" unserer Gesellschaft. „Durfte man früher nicht über Sex sprechen, ist an diese Stelle in unserer Konsumgesellschaft der Tod getreten. Er kommt Pornografie gleich, soll möglichst im Verborgenen stattfinden."

Habe man in der Vergangenheit den Tod in der Familie als etwas Natürliches erlebt, etwas das Teil des Lebens war, werde er inzwischen verdrängt, mit Schwerkranken und Trauernden wisse die Spaßgesellschaft nichts anzufangen. Dieses Ausblenden sei kontraproduktiv, denn es betreffe auch die Ärzte selbst, die oft nicht genau wüssten, wie sie sich in den letzten Stunden eines unheilbar Kranken verhalten sollten, speziell wenn es sich um Kinder oder Jugendliche handelt.

Doch es gehöre nun mal für den Patienten zu einem würdevollen Sterbeprozess dazu, genau zu wissen, was ihm bevorstehe, gerade auch bei Minderjährigen. Jeder habe das Recht auf eine lückenlose Information – und auf einfühlsame Kommunikation. „Unsere Erfahrung ist, dass die allermeisten Minderjährigen sehr genau wissen wollen, was mit ihnen passiert – und es oft gefasster wegstecken als Erwachsene", berichtete Psychologin Ana Maria Daviu, die in den Krankenhäusern Sant Joan de Déu und Son Espases in Palma arbeitet.

Verunsicherte Ärzte
Daviu befragte für eine Studie Krankenhausmitarbeiter und fand heraus, dass viele Ärzte und Krankenpfleger sich nicht adäquat ausgebildet fühlen. Mit der Folge, dass sie selbst ängstlich und unsicher werden. Doch das sei fatal: „Die Angst des medizinischen Fachpersonals überträgt sich direkt auf die Eltern", hat Daviu beobachtet. Wie wichtig einfühlsame Kommunikation ist, unterstrich der Autor und Journalist Carlos Garrido. Er sprach über seine ­persönlichen Erlebnisse beim Krebstod seiner 22-jährigen Tochter Alba im Jahr 2002. Das medizinische Fachpersonal in Barcelona habe damals nicht souverän reagiert. Der Arzt sei an einem Freitagnachmittag ­sieben Stunden später als geplant im Zimmer erschienen und habe vor den Augen der ­Tochter Garrido eröffnet, er müsse mit ihm unter vier Augen sprechen. „In einem Pausenraum, wo andere Mitarbeiter gerade ihre belegten Brötchen auspackten, hat mir der Arzt dann eröffnet, dass meine Tochter noch ein halbes Jahr zu leben hat", erzählte Garrido. Aus den sechs Monaten wurden zwei Jahre, und Alba durfte – erneut gegen ärztliche Widerstände – daheim in ihrer gewohnten Umgebung im Kreise ihrer Familie sterben.

Daheim sterben
Diese Möglichkeit soll inzwischen auf Mallorca vor allem bei Kindern zur Norm werden. Die Psychologin Ana Maria Daviu berichtete, dass im Landeskrankenhaus Son Espases behandelte krebskranke Kinder im Endstadium nach Möglichkeit nach Hause entlassen werden, wo sie weiterhin vom Klinikpersonal versorgt werden können.

Es werde darauf geachtet, dass Familie und Freunde in die Pflege mit eingebunden werden, die Kinder sollen nach Möglichkeit bis zuletzt mit ihren Freunden und Geschwistern spielen. Daneben gibt es in Son Espases eine weitere Einheit für krebskranke Kinder im Endstadium, die nicht nach Hause wollen oder können. „Bei der Einrichtung des Zimmers wurde darauf geachtet, die Wirkung des Todes zu minimieren. Es gibt Kuschelbären und nahezu keine medizinischen Apparate", berichtet Daviu. Die Eltern können jederzeit kommen. Wie Andrea in Galicien sterben viele Kinder in den Armen ihrer Eltern, wenn alle Sonden und Kabel abgenommen wurden.

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