„Miquel hat das in sich"

Bei Santa Eugènia ist ein Elfjähriger dabei, Hirte zu werden. Das bedeutet viel Verantwortung – und Verzicht. Er selbst sieht das ganz anders

08.01.2016 | 09:24

Bis jetzt hatte die junge Ziege eigentlich gut gehört. Sie war sogar neugierig zu den Besuchern gekommen und hatte sie beschnuppert. Das ist nun vorbei. In zwei Sätzen ist sie auf dem Vordach, unter dem sie eigentlich eingesperrt werden sollte. „Cagondeu sagrat", ruft Miquel einen Gottesfluch, den wir hier mal nicht übersetzen. „Komm runter." Er hat noch ein wenig die hohe Stimme eines Kindes, aber sie vermischt sich mit dem typisch rauen, fast krächzenden Tonfall des Inselinneren.

Er versucht, die Ziege mit seinem Hirtenstock zu erwischen. „Man muss sie jetzt schlagen, während sie noch oben ist. Sie wird sich nicht erinnern, dass ich sie geschlagen habe, aber sie wird nicht mehr raufgehen. Wenn ich sie später schlage, hat das keinen Sinn."

Miquel Ramis Mulet ist elf Jahre alt und lebt in Ses Olleries bei Santa Eugènia. Und er ist Hirte. Eigentlich schon sein ganzes Leben lang. „Als ich drei war, habe ich meine ersten Hühner bekommen. Später kamen die Schafe dazu." Davon hat er mittlerweile drei, die er selbst aufgezogen hat. Die beiden Ziegen sind in diesem Jahr dazugekommen. Auch zwei Hasen hat er, und ­Rebhühner.

Miquel ist auf dem Weg, zu einer kleinen Berühmtheit zu werden, seit der Regisseur Borja Zausen eine Dokumentation über ihn ins Internet gestellt hat (siehe Seite 5). Miquels Alltag hat das nicht geändert. Jeden Morgen steht er um halb sieben auf und kümmert sich um seine Tiere, füttert sie. Jeden Morgen. Egal ob Sommer oder Winter, ob er krank ist oder gesund, ob Schule ist oder nicht. Abends geht er mit den Schafen in den Wald, der hinter dem Garten der Familie beginnt. Dort hält er seine Tiere. „Eigentlich führt der Umstand, dass man jeden Morgen und jeden Abend hier sein muss dazu, dass man die Arbeit noch mehr liebt."

In die Wiege gelegt wurde ihm das Hirtendasein nicht. „Ich weiß nicht, wo er es her hat. Seit er ein kleiner Junge ist, hat er sich für Tiere interessiert", sagt seine Mutter, Rosa Mulet. Sie ist Lehrerin, ihr Mann Feuerwehrmann.

Während seine zwei Jahre ältere Schwester gerne vor dem Bildschirm hängt, sich mit Freundinnen trifft, wie man es von einem Teenager erwartet, kann Miquel solchen Dingen wenig abgewinnen. Fußball? Interessiert ihn nicht. Whatsapp? „Nein." Facebook?
Schulterzucken. Playstation? „Habe ich mal gesehen, hat mich aber nicht so interessiert." Mal verreisen? „Habe ich keine Zeit für. Meine Mutter reist gerne, aber für mich ist das nichts." Ein Handy hat er, ja, aber kein Smartphone. Er hat es auch nur dabei, damit seine Mutter ihn lokalisieren kann, wenn er mal länger mit seinen Schafen durch die Gegend tingelt.

Das heißt nicht, dass Miquel ein Einzelgänger ist. Er versteht sich gut mit den anderen Jungs in der Schule. Mit ein paar Freunden hat er sogar einen Verein gegründet. Zusammen bewirtschaften sie ein kleines Stück Land, und auch die anderen halten Tiere. „Sie können zwar die Handgriffe, aber sie verstehen die Tiere häufig nicht", sagt Miquel. „Und dann kommt es vor, dass sich einer Tiere anschafft, und ich irgendwann frage, wie es läuft, und die dann sagen: Oh, ich war seit drei Tagen nicht mehr da. Da waren die Tiere natürlich schon tot."

Miquel ist in Palma geboren. Als er ein Jahr alt war, zog seine Familie mit ihm ins Dorf, das nur aus einer Straße besteht, Häuser links und rechts, fast wie in einem Ort im Wilden Westen. Zurück in die Stadt will er nicht: „Ich fühle mich dort eingeengt. Lauter Lichter und Menschen, die sich anschreien. Hier steht man morgens auf und geht raus. Was macht man in Palma nach dem Aufstehen?" Pause. „Siehst du!"

Seine Kenntnisse über das Hirten­dasein hat er von älteren Männern im Dorf gelernt. Mit Toni Palou, einem Hirten, hat er jahrelang die Nachmittage verbracht. Palou hat ihm gezeigt, wie man die Tiere zusammentreibt, wie man Hühner schlachtet, wie man einen Hirtenstock schnitzt. Was man halt so braucht für ein Leben als Viehwirt. „Das Wichtigste ist, dass man die Tiere kennt. Und dass man ihnen einen geregelten Tagesablauf gibt. Wenn ich nicht in einer halben Stunde zu den Hühnern da gehe, werden sie nervös. Nicht, weil sie Hunger haben, sondern weil sie darauf eingestellt sind, dass zu der Zeit jemand kommt. Dasselbe würde passieren, wenn ich morgens nicht zu den Schafen und Ziegen ginge."

Was empfindet er für die Tiere, mit denen er täglich so viel Zeit verbringt? Der Junge denkt einen Moment nach, das einzige Mal während des ganzen Gesprächs. „Ich würde sagen, es sind Freunde. Aber besser. Ein Freund kann dir in den Rücken fallen. Ein Tier nicht. Nicht, wenn du es gut behandelst." Wenn Zeit ist und die Tiere viel Milch geben, macht er Käse. Er kocht gerne. Und vor zwei Jahren hat er angefangen, die Tiere auch zu schlachten. Auch deshalb würde er ihnen keine Namen geben. „Dann wäre es unmöglich, sie zu töten."

Wie Miquel so redet, hat man manchmal das Gefühl, er sei selbst ein älterer Mann. Da ist zum einen diese natürliche Autorität, die er ausstrahlt, dieses unzerstörbare Selbstbewusstsein, alles eigentlich richtig zu machen. Will er mal Frau und Kinder haben? „Ich habe nie darüber nachgedacht. Aber ich habe einen Onkel, der alleine ist und glücklich. Er kann machen, was er will. Wenn man eine Frau hat, muss man immer hinterher sein. Dies und das machen, damit die Dame glücklich ist. Das klingt ziemlich anstrengend." Seine Mutter lacht.


Som Pastor (I am a shepherd) from Borja Zausen on Vimeo.



Von der Schule hält er nicht viel. „Zu langweilig. Ich lerne da nichts, was mich interessiert." Auch Lesen hält er nicht für eine sonderlich einträgliche Beschäftigung – Rosa Mulet, die Lehrerin, lächelt diese Bemerkung souverän weg. Zumal Miquel schon gebeten wurde, ob er nicht mal in der Sekundarstufe ein wenig Unterricht geben könnte. Unterricht im Schafehüten? „Ja, das auch. Aber vor allem über meine Art zu denken." Es ist kaum anzunehmen, dass er deswegen die Bodenhaftung verliert. Genauso wenig wie über die TV-Teams und Reporter, die jetzt mit ihm sprechen wollen. Wobei auch er weiß: „Mir ist klar, dass das nicht normal ist, was ich mache."

Und die Zukunft? „Nun ja", sagt Miquel. „Schlimmer als jetzt kann die Situation für Hirten nicht werden. Entweder es geht bergauf oder wir sterben alle aus." Da ist er wieder, dieser unbekümmerte Fatalismus des alten Mannes Miquel. „An Hunger wird man schon nicht sterben", sagt er und setzt zu einem kleinen Exkurs an, wie es sich überleben ließe, wenn man die Hühner in einer bestimmten Zeitspanne groß zieht und wie viele Ziegen und Schafe man bräuchte für die Milch und das Fleisch. Spätestens hier wird klar, dass dieser Junge längst nicht nur aus Spaß dem Tiere­hüten nachgeht. Er hat die ökonomischen Grundlagen des Berufes verstanden.

Aber hat er keine Alternativen, die er sich vorstellen kann? „Feuer­wehrmann, wie mein Vater, das könnte mir gefallen. Er hat einen Job an einem kleinen Flughafen. Dort gibt es keinen Chef, der einem auf die Nerven geht. Das wäre okay." Er hat seine Familie verändert. Abends, wenn er sich wie so oft ein Lagerfeuer im hinteren, höher gelegenen Teil des Grundstücks macht, besuchen sie ihn manchmal. Dann grillen sie etwas über dem offenen Feuer und genießen die Dunkelheit und die Ruhe.

„Miquel hat eine außerordentliche Sensibilität für die Natur", sagt seine Mutter. „Ich lerne viel von ihm. Manchmal nimmt er mich bei der Hand und sagt: Mama, schließ die Augen. Und dann hören wir gemeinsam die Geräusche. Etwa die verschiedenen Tiere, die er alle benennen kann. Es gibt so viel, das einem entgeht, weil wir es gar nicht mehr gewohnt sind, richtig zuzuhören. Miquel aber hat das in sich. Und er bringt es uns wieder bei."

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