Fragen und Antworten: Eine Insel lechzt nach Regen

Nach niederschlagsarmen Monaten droht Mallorca eine Trockenheit

07.02.2016 | 07:46
Fragen und Antworten: Eine Insel lechzt nach Regen

Während Mallorcas Winterurlauber die sonnigen, trockenen Tage genießen, wächst nicht nur bei den Bauern die Sorge: Grundwasserpegel sinken, Pflanzen gehen ein, Viehfutter fehlt – und in den Jubel über die guten Aussichten für die Tourismussaison mischen sich Sorgen um knappe Wasserressourcen auf einer von Urlaubern überfüllten Insel. Der seit rund drei Monaten ausbleibende Regen hat jetzt die Politik auf den Plan gerufen. In den Gemeinden, im Inselrat und bei der Landesregierung werden Aktionspläne und Notfallprotokolle vorbereitet. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zur derzeitigen Trockenheit zusammengestellt.

Ist die Lage bereits ernst?
„Noch nicht", sagt Juana María Garau, Leiterin des balearischen Wasserwirtschaftsamts – aber es fehle nicht viel. Es gebe derzeit eine ganze Reihe von Punkten, die Anlass zu Sorge böten: der hohe Wasserbrauch im heißen Sommer 2014, viel zu wenig Regen im Herbst, praktisch keine Niederschläge in den vergangenen drei Monaten, rasch sinkende Pegelstände. Garau hat zudem eine Grafik vor sich liegen, die die prognostizierten Niederschläge für die kommenden Monate zeigt. Die Kurve ist im roten Bereich, der Regen bleibt unterdurchschnittlich, mit Regen ist erst in der zweiten Februarwoche zu rechnen. „Auf Ibiza ist die Lage bereits jetzt sehr ernst", so die Politikerin.

Wie steht es genau um die Pegelstände?
Die großen Stauseen im Tramuntana-Gebirge, Cúber und Gorg Blau, sind derzeit zu rund 25 Prozent, gefüllt – das sind 43 Prozentpunkte weniger als im Januar vergangenen Jahres. Kein Wunder: 2015 wurden in dem Gebiet nur 1.044 Liter pro Quadratmeter Niederschläge ­registriert, etwa 300 weniger als im Durchschnitt. Im Juli und Dezember regnete es praktisch überhaupt nicht. Auch in den Grundwasserreservoirs Mallorcas ist der Pegelstand deutlich gesunken. Als wichtige Referenz gilt s´Estremera in der Gemeinde Bunyola: Der Wasserspiegel wird in einer Tiefe von 115 Metern verortet – fast 20 Meter tiefer als vor einem Jahr. Die Landesregierung hat inzwischen beschlossen, das Reservoir nach und nach zu schließen, um es für den kommenden Sommer zu schonen. 

Wer leidet bislang am meisten unter der Trockenheit?
Die Viehhalter. „Ich kann mich an keinen Winter mit so wenig Regen erinnern", so der 64-jährige Martí Solivellas von der Lammzucht-Kooperative in Pollença. Etwa 500 Landwirte, deren Höfe an die 200.000 Schafe, Ziegen, Rinder oder Schweine zählen, sind bereits gezwungen, Viehfutter zuzukaufen, da das Weideland nicht mehr genug hergibt und die Heu- und Grünfutter­ernte um rund 50 Prozent schlechter ausgefallen ist als üblich. Besonders schlimm ist die Situation in den Gemeinden Llucmajor, Campos, Ses Salines und Santanyí.

Das Landwirtschaftsministerium hat deswegen beschlossen, 1,5 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um die Verluste auszugleichen. Die Bauern sollen Direktsubventionen erhalten, um die zusätzlichen Kosten für Futtermittel stemmen zu können. Weitere Hilfen soll es für Saatgut geben, da Felder neu angesät werden müssen – ein schwieriges Unterfangen, gibt Solivellas zu bedenken: „Das Saatgut ist derzeit knapp und von schlechter Qualität." Zudem sollen Landwirte Vergünstigungen bei der Einkommenssteuer erhalten. Dem Bauernverband Asaja zufolge sind 6 bis 8 Millionen Euro nötig, um die Verluste der Insel-Landwirte auszugleichen.

Was unternimmt die Politik, um die drohende Dürre abzuwenden?
Die Landesregierung will einen Aktionsplan gegen die Trockenheit verabschieden. Dieser Plan de Sequía, an dem sich bereits die frühere Mitte-Links-Regierung versucht hatte, soll den gesetzlichen Rahmen für alle zur Bekämpfung der drohenden Dürre notwendigen Maßnahmen bieten. Bereits jetzt wurde die Produktion der Entsalzungsanlagen erhöht. In der größten Anlage in der Bucht von Palma – sie schafft theoretisch bis zu 23 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr, lief aber bislang wegen der hohen Kosten von 48 Cent pro Kubikmeter im Minimalbetrieb – werden zusätzliche Produktionslinien in Betrieb genommen. Lief bislang nur eine, kommen nun zwei weitere hinzu, so Garau vom Wasserwirtschaftsamt. Der Betrieb der restlichen sechs Linien werde vorbereitet. Im Fall der Anlagen in Andratx und Alcúdia soll das Leitungsnetz so ausgebaut werden, dass das entsalzte Meerwasser künftig auch in Nachbargemeinden gepumpt werden kann. Das Kalkül: Die Entsalzungsanlagen sollen die Grundwasserressourcen entlasten, um für die regenarmen Sommer­monate Monate gerüstet zu sein.

Maßnahmen zum Wassers­paren fallen in die Zuständigkeit der Kommunen. Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern werden jetzt dazu verdonnert, einen Notfallplan zu erarbeiten. Im Fall der kleineren Gemeinden sollen Auflagen zum Wasserverbrauch mittels Verordnungen erlassen werden – Tipps dazu will das Umweltministerium den Bürgermeistern in Kürze bei einem Treffen an die Hand geben.

Welche Restriktionen sind für die Bewohner denkbar?
Davon kann man im Bergdorf Deià berichten, wo im Sommer regelmäßig Tankwagen mit Trinkwasser geordert werden, um die Quellen nachzufüllen: Bereits mehrfach verbot das Rathaus, mit Leitungswasser den Pool zu befüllen oder Gärten zu bewässern. Des Weiteren gab es zeitliche Einschränkungen zum Wasserkonsum, an Sonntagen wurde der Hahn auch schon mal ganz zugedreht. Auch in Banyalbufar, Valldemossa oder Selva wird regelmäßig das Trinkwasser knapp.

Muss möglicherweise wieder Wasser in Schiffen auf die Insel gebracht werden?
Die Zeiten, in denen Mallorca mit Wasserschiffen vom Festland versorgt werden musste, liegen länger zurück: Von April 1995 bis November 1997 wurden in der „Operación Barco" 17 Millionen Kubikmeter – das sind 17 Milliarden Liter – auf die Insel geschifft. Die teure Aktion, die den Haushalt etwa von Calvià über Jahre hinaus belastete, war ein Wendepunkt in der Wasserpolitik: Die Landesregierung forcierte daraufhin den Bau von Entsalzungsanlagen und die Erschließung der sa-Costera-Quelle an der Nordküste. Eine weitere „Operación Barco" schließt Garau ohne zu zögern aus.

Woher kommt das Trinkwasser auf Mallorca?
Der durchschnittliche Wassermix besteht neben dem Grundwasser aus Stauseen, Quellen und Entsalzungsanlagen. Gorg Blau und Cúber sind zwar das eindrucksvollste Reservoir, an dem auf den ersten Blick die Situation der Wasserressourcen ablesbar ist. Im Gesamtmix spielen sie allerdings mit sechs Prozent eine untergeordnete Rolle. Sie unterstehen der Zuständigkeit von Palmas Stadtwerken Emaya und speisen vor allem Haushalte im Stadtgebiet – wo mit immerhin rund 100 Millionen Kubikmetern die Hälfte des ­Wassers auf Mallorca verbraucht wird. Die Entsalzungsanlagen, die bislang sparsam zum Einsatz kamen, steuern neun Prozent bei, der Rest des Wassers stammt aus Grundwasserresservoirs, Brunnen und Quellen.

Was ist mit der eigens erschlossenen sa-Costera-Quelle?
Auch sie gibt im Moment nicht viel her. In der Tramuntana regnet es zwar normalerweise dreimal mehr als auf dem Rest der Insel, und die vom Karstgestein gefilterten Niederschläge sprudeln besonders reichlich in der Quelle zwischen Port de Sóller und Sa Calobra. Floss das Wasser bis 2008 ungenutzt ins Meer, wird es heute im Innern des Felsens aufgefangen und durch ein aufwendiges Rohrsystem bis nach Palma geleitet. Flossen im regenreichen Jahr 2012 insgesamt rund vier Millionen Kubikmeter durch die Rohre, war es im vergangenen Jahr nur eine Million. Und derzeit ist der Ertrag besonders gering.

Wird das Wasser teurer?
Das hängt davon ab, ob die Gemeinden, die Wasser von den Entsalzungsanlagen hinzu kaufen müssen, die höheren Kosten an die Verbraucher weitergeben. Bei Palmas Stadtwerken Emaya zumindest will man von einer möglichen Tarifanpassung nichts wissen.

Warum stopft man nicht die Lecks in den Rohren?
Weil die Gemeinden andere Prioritäten setzen. Nach Zahlen der Landesregierung kommen inselweit 26 Prozent des Wassers nicht an - das ist in etwa so viel wie in der Regel in den Entsalzungsanlagen erzeugt wird. Die größten Lecks gibt es in Campanet, Ariany und Selva. Hier gehen sogar 62 Prozent verloren. Sollte die Trockenheit anhalten, könnte die Landesregierung die kommunalen Wassersünder zur Ausarbeitung von Sanierungsplänen verdonnern.

Und was ist mit den Touristen?
Sie verbrauchen just dann am meisten Wasser, wenn es am wenigsten auf Mallorca regnet. „Zwei bis drei Mal so viel wie Residenten", schimpft die Linksregierung in Palmas Rathaus angesichts der Hotelneubauten und -erweiterungen an der Playa de Palma. Im Umweltministerium dagegen will man erstmal genau ausrechnen, wie viel Wasser die Urlauber wirklich verbrauchen, um dann von den Hoteliers Investitionen in die Effizienz einzufordern. Und Garau stellt folgende Rechnung auf: „Dieses Jahr sollen drei Prozent mehr Urlauber kommen. Wir werden aber nicht drei Prozent mehr Wasser haben."

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