Das Herz von Lluc schlägt schneller

Die Pilgerstätte in der Tramuntana modernisiert sich im Eiltempo – und will doch ihren mystischen Charakter bewahren

18.02.2016 | 09:42
Fotogalerie: Rundgang in Lluc

Kein Besucher von Lluc wird mehr sagen können, dass er den Herzschlag der Insel nicht gehört hätte. Von allen Seiten ist das rhythmische Pumpen in dem dunklen Kinoraum zu hören. Der dumpfe Klang mischt sich mit den Wind- und Regen­geräuschen, die aus der Dolby-Surround-Anlage dringen, und unterlegt verhuschte Bilder eines nächtlichen Spaziergangs durch die Pilgerstätte.

Hier oben in der Tramuntana, abgeschieden vom Rest der Insel, sei das spirituelle Zentrum der Insel, heißt es immer wieder: Lluc ist mal der Herzschlag, mal die Seele, mal die Identität Mallorcas. Lluc ist aber auch ein Herbergs­betrieb, der trotz aller Wertschätzung der jahrhundertelangen Tradition inzwischen nicht so viel anders verwaltet wird als eine Bettenburg an der Playa de Palma.

Kein Wunder – Juan Antonio Amengual war früher Hoteldirektor. Seit inzwischen fünf Jahren fungiert er als Tourismusbeauftragter von Lluc und hat den Herbergsbetrieb, der immerhin 81 Zimmer und 21 Apartments umfasst, an moderne Standards angepasst. Es gibt eine Zentralheizung, es gibt neue Matratzen, es gibt W-Lan, es gibt ein Online-Buchungssystem. „Die Urlauber sollen die Atmosphäre von Lluc erleben können, ohne zu frieren oder unbequem zu liegen", sagt Amengual.

Wer das spirituelle Zentrum und den wichtigsten Wallfahrsort Mallorcas in der Tramuntana-Gemeinde Escorca seit ein paar Jahren nicht besucht hat, wird eine ganze Reihe von Veränderungen feststellen. Wobei die Brüder von der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu Missionare (Missioners dels Sagrats Cors) mehr oder weniger zum Wandel gezwungen sind. Denn um die weitläufige Anlage in Schuss zu halten und den berühmten Kinderchor der Blauets zu finanzieren, müssen Einnahmen her – Subventionen vom Staat gibt es nicht mehr.

Hinzu kommen die Sturmschäden vom September 2012, als ein Tornado unter anderem einen Großteil des Dachs abdeckte. Die ­Reparatur schlug mit knapp 1,2 Millionen Euro zu Buche. Knapp vier Monate danach brach auch noch ein Brand in einem der Gästezimmer aus, bei dem auch die umliegenden Räumlichkeiten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht. „Wir haben die Gelegenheit genutzt, um umfassend zu sanieren", so Amengual.

Zimmer im neuen Glanz
Der Großteil der Zimmer ist inzwischen neugemacht. Dass es in den alten Gemäuern mit Wände ­streichen nicht getan ist, kann man noch in Zimmer 219 sehen, wo sich gerade Tolo Villarreal mit einem Kollegen zu schaffen macht. „Die meisten Wände waren sehr dünn und geräuschdurchlässig", erklärt der technische Leiter von Lluc. „Deshalb kommt jetzt Glasfaser drüber." Die Fenster werden doppelt verglast, Uralt-Klos durch moderne Sanitäranlagen ersetzt, klobige TV-Geräte gegen Flachbildschirme ausgetauscht, Metallschlüssel von Schlüsselkarten abgelöst.

Die ausrangierten Möbel sind willkommenes Brenngut für die Biomasse-Heizung, die 2013 ­installiert wurde und in der auch die zahlreichen vom Tornado abgeknickten Bäume verschwanden. Neben Holz aus den umliegenden Wäldern werden auch verbrannte Olivenkerne verschürt. Zudem verfügt Lluc über eine Photovoltaikanlage.

Auch wenn es jetzt sogar sechs Suiten gibt, soll der schlichte Charakter der früheren Zellen erhalten bleiben. Dekorations-Klimbim ist verpönt, nur mit blauen Elementen ist man großzügig – die Farbe der Soutanen des Kinderchores, die diesem auch seinen Namen gibt, ­findet sich als Leitmotiv vermehrt im Anstrich der Möbel und der Garnitur der Betten wieder. Diese müssen die Gäste im Übrigen auch weiterhin selbst beziehen. „Die deutschen Urlauber haben uns empfohlen, das auf keinen Fall zu verändern", sagt Amengual. Auch die Zusammensetzung der Besucher hat sich verändert. Zwar kommen nach wie vor die meisten Gäste im Frühjahr und Herbst, wenn es sich am besten in der Umgebung wandern lässt. Doch die Auslastung im Sommer habe deutlich von 35 auf 60 Prozent angezogen. Mit rund 18.000 Übernachtungen im Jahr liegt die durschnitt­liche Auslastung bei 40 Prozent. Während die Mallorquiner vor allem für ein Wochenende nach Lluc kommen, bleiben viele Deutsche eine Woche – sieben Tage gibt es schließlich zum Preis von sechs.

Beim Besuch der MZ vergangene Woche waren nur neun Zimmer belegt. „Würden wir rein nach Zahlen entscheiden, müssten wir eine Winter­pause einlegen", sagt Amengual. Aber die Pilgerstätte bleibt weiterhin 365 Tage im Jahr geöffnet. Auch der Verpflegungsbetrieb läuft ganzjährig. Zur neuen Philosophie gehört, dass Lluc das hauseigene Restaurant wieder selbst betreibt, statt es einer externen Firma zu überlassen. Die Einnahmen könne man schließlich gut gebrauchen.

Knabenchor war gestern
Über die Finanzen von Lluc wacht Sebastià Sureda. Die jährlichen Einnahmen in Höhe von 2,7 Millionen Euro würden zu hundert Prozent reinvestiert, betont der Geschäftsführer – in die Wartungs- und Sanierungsarbeiten, vor allem aber in den Kinderchor. Die derzeit 32 Jungen und 29 Mädchen erhalten in Lluc eine Ausbildung in einer halbstaatlichen Schule (colegio concertado) sowie eine intensive Gesangsausbildung, die sich nur zum kleinen Teil über Beiträge finanziert.

Die Kinder in den blauen Soutanen, die wochentags zwei Mal das Salve in der Basilika zu Ehren der Jungfrau von Lluc singen, zu hohen kirchlichen Festen auftreten und Konzerte geben, sind das ­musikalische Aushängeschild der Pilgerstätte – und das ist ebenfalls im Wandel begriffen. Nachdem erst vor zehn Jahren auch Mädchen zugelassen wurden, dürften diese bereits in Kürze die Mehrheit stellen. Das Wohnen im Internat ist nicht mehr vorgeschrieben, die Wochenendfreizeit wurde verlängert, die Schulzeit dagegen bis zur Sekundarstufe (ESO) ausgedehnt, sodass die Kinder länger im Chor bleiben. Kommt ein Junge in den Stimmbruch, singt er in der Kopfstimme weiter.

„Lluc modernisiert sich konstant und in jeder Hinsicht", sagt Chorleiter Ricard Terrades. „Aber an unserer eigentlichen Aufgabe, der Verehrung der Jungfrau von Lluc, ändert sich nichts." Nach wie vor sind 80 Prozent des Repertoirs Kirchenmusik, und wenn sich das Klangbild des früheren Knabenchors verändert habe, dann liege das nicht an den Mädchenstimmen, sondern schlicht daran, dass jeder nachrückende Jahrgang neue Stimmen einbringe.

Skandal um Ex-Prior
Noch nicht ausgestanden ist der Skandal um die Anzeige eines ehemaligen Chorknaben, der den früheren Prior Antoni Vallespir des sexuellen Missbrauchs beschuldigte. Das rechtliche Verfahren wurde erst eingestellt und dann wieder aufgenommen. Auch das kirchliche Verfahren läuft weiter, zudem ging im Dezember eine weitere Anzeige gegen Vallespir ein. „Alle Eltern haben uns ihre volle Unterstützung versichert", so Terrades, „wir gehen sehr offen mit dem Thema um und kommunizieren alle Neuigkeiten." Das Thema habe für viel persönliche Betroffenheit in Lluc gesorgt, räumt auch Amengual ein, aber „die Institution steht über den Personen". Angesichts der jahrhundertealten Geschichte wögen die Schlagzeilen nicht schwer.

Wie alles begann
Der Ursprung von Lluc verschwimmt zwischen Geschichte und Legende. Er kreist um eine Madonnen-Statue, die ein Hirtenjunge im 13. Jahrhundert zwischen den Felsen fand und mitnahm. Die Statue verschwand bald darauf und tauchte immer wieder an der Stelle auf, wo schließlich eine Kapelle gebaut werden sollte, zu der schon bald die Pilger strömten. Im 16. Jahrhundert wurde der Chor gegründet, um auf Geheiß von Papst Clemens VII. Messen zu Ehren der Jungfrau abzuhalten. Im 17. Jahrhundert kam die Basilika hinzu – sie beherbergt die Madonna, der rund 80 Wunder zugeschrieben werden.

Die Sache mit den Dachziegeln
Wie stark auch heute die Verehrung für Lluc ist, zeigte sich in einer Solidaritätsaktion nach den Tornado-Schäden: Gegen eine Spende konnten Interessierte ihre Unterschrift auf den Rundziegeln hinterlassen, mit denen das beschädigte Dach neu gedeckt wurde. Das Ergebnis waren nicht nur 150.000 Euro an Spendengeldern, sondern auch herzliche Widmungen für Lluc in Bild und Wort, die von Mallorquinisch über Deutsch und Englisch bis Arabisch reichten.

Die Sturmschäden sind heute längst repariert, Lluc erstrahlt an vielen Ecken in neuem Glanz. Die Darlehen zur Begleichung der Kosten müssen aber noch zwölf Jahre lang abgestottert werden, abzüglich einer Zahlung der ­Versicherung über 152.000 Euro.

Einnahmen beschert auch der Parkplatz: Das Tagesticket kostet inzwischen 6 Euro – Einnahmen, mit denen eine Konzessionsfirma die touristischen Angebote finanziert. Mit dem Ticket gibt es freien Eintritt zum Museum und den Multimedia-Aufführungen.

Tourismusverantwortlicher Amengual hat noch weitere Ideen. Nachdem bereits ein 25-Meter-Pool für Übernachtungsgäste freigegeben wurde, soll auch der Theaterraum des Chores für Tagungsgäste geöffnet werden. Neulich erst habe sich eine deutsche Wasserpumpen-Firma mit ihren Mitarbeitern in Lluc zurückgezogen. Die Modernisierung geht beständig weiter, so Amengual, „wir überspringen hier die Jahrzehnte".

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