Die Großen Fünf jenseits von Palma

Calvià, Marratxí, Manacor, Llucmajor und Inca: Sie alle haben Stärken und Schwächen, wie Zahlen des balearischen Statistikinstituts Ibestat belegen

05.10.2016 | 09:21
Calvià ist die wohlhabendste Gemeinde der Insel.

Calvià – der Wohlstand des Südwestens

Calvià ist zwar nicht die einkommensstärkste (das ist Marratxí), aber die bevölkerungsreichste Gemeinde unter den Großen Fünf. Und die mit dem höchsten Ausländer­anteil (32,8 Prozent). Mit 347 Einwohnern pro Quadrat­kilometer ist sie zudem vergleichsweise dicht besiedelt – der Inselschnitt liegt bei 237.

Dank auch der mehr als 2.500 angesiedelten Unternehmen fließen in die öffentlichen Kassen in Calvià mehr Steuergelder als andernorts. Für jeden Einwohner standen 2014 1.739 Euro zur Verfügung – fast doppelt so viel wie etwa in Inca. Öffentliche Einrichtungen wie Sportplätze befinden sich daher generell in einem gutem Zustand.

Wirtschaftsmotor ist die Hotellerie mit ihren über 60.000 Gäste­betten 2014 (Marratxí: nur 16). Im August 2016 waren dort sowie in der Gastronomie 15.493 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt (alle Branchen: 29.725). Die meisten Hotelgäste stammen aus Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern, Spanier steigen in den Urlaubsorten von Calvià weniger ab. Die gute Auslastung und die relative Unabhängigkeit von der spanischen Wirtschaftskrise brachten es mit sich, dass der Zimmerpreis zwischen 2009 und 2015 von 62,2 auf 84 Euro steigen konnte.

Die Arbeitslosenzahl ist die niedrigste der Großen Fünf. Ein weiteres Indiz für den Wohlstand der Gemeinde: Die Zahl der Lkw, Pkw und Motorräder ist zwischen 1996 und 2015 von 27.254 auf 46.734 sprunghaft angestiegen. Trotz der hohen Bevölkerungszahl und der Wirtschaftskraft gibt es anders als in Inca oder Manacor weder ein Amtsgericht noch eine Dependance des spanischen TÜVs (itv). Auch mit Abgeordneten im Landesparlament und im Inselrat ist die Gemeinde unterrepräsentiert.


Marratxí – wo sich die Inselhauptstadt bettet

Der aus den klar abgegrenzten Dörfern Pla de na Tesa, Pont d´Inca, Sa Cabaneta, Portòl und Marratxinet bestehende Gemeindezusammenschluss hat sich über die Jahre zu einer Art Schlafstätte des Großraums Palma entwickelt. Seit dem Jahr 2000 ist die Einwohnerzahl rasant gestiegen – von 16.180 im Jahr 1997 auf 35.726 im Jahr 2015. Wobei die meisten Bewohner (95,4 Prozent) Spanier sind, die in erster Linie auf den Balearen geboren wurden. Da sich in Marratxí vor allem Familien ansiedeln, lag die Geburtenrate im Jahr 2014 mit 349 deutlich über der Sterberate (199).

Nicht mitgehalten mit dem Bevölkerungswildwuchs (Dichte: 659 Menschen pro Quadratkilometer) hat die Entwicklung der Verkehrsverbindungen. Es mangelt an Bussen, die Menschen nach Palma, zu einem Bahnhof oder zum Gesundheitszentrum in Pont d´Inca bringen. Kein Wunder, dass die Zahl der Autos von nur 11.788 im Jahr 1996 auf 30.456 im Jahr 2015 explodiert ist. Von großer eigener Wirtschaftskraft kann keine Rede sein: Viel mehr als die Schnapsdestillen Túnel und Suau, die Filmproduktionsfirma Palma Pictures, der Zulieferungsbetrieb für Hotelessen Carma, einige weitere Unternehmen im dortigen Gewerbepark sowie das Töpfer­handwerk gibt es in Marratxí nicht. Von den insgesamt 15.622 im August 2016 beschäftigten Menschen arbeiteten die meisten im Handel. Wegen geringer Steuereinnahmen betrug der Pro-Kopf-Etat in Marratxí 2014 nur 748 Euro. Dafür sind aber auch die Preise für Wohnraum in Marratxí niedriger als etwa in Calvià – 2015 lagen sie statistisch im Schnitt bei 112.187 Euro pro Wohneinheit (Calviá: 116.710).


Manacor – keine großen Sprünge in der zweitgrößten Stadt der Insel

Zur zweitgrößten Stadt der Insel gehören auch die Küstenorte S´Illot, Cala Murada, Cales de Mallorca und Porto Cristo. Die Einwohnerzahl des relativ dünn besiedelten Gebiets mit noch weitgehend unberührten Küstenabschnitten wie Cala Varques stieg zwar, aber lange nicht so stark wie in Calviá und Marratxí (siehe rechts). Der Ausländeranteil betrug 2015 17,7 Prozent, doch der Prozentsatz der EU-Staatsangehörigen lag nur bei 3,9 Prozent.

Pro Einwohner standen der Stadt im Jahr 2014 im Schnitt 834,60 Euro zur Verfügung – wenig im Vergleich zu Calvià. Wie im Südwesten ist auch in Manacor das Gastgewerbe ausgeprägt: Über 3.000 Menschen arbeiten dort. Die Gäste stammten 2015 bei seit Jahren stabilen Übernachtungspreisen (2014: 59,3 Euro) vor allem aus Großbritannien und Deutschland.

Mehr Menschen waren im August 2016 allerdings im Handel (3.721 Erwerbstätige) und im restlichen Dienstleistungsgewerbe (6.134) sozialversicherungspflichtig tätig. Die traditionelle Möbel- und Perlenindustrie spielt zwar weiter eine gewisse Rolle, schrumpft aber. Die Arbeitslosenzahl war im Juli 2016 mit 1.694 Menschen bei geringerer Einwohnerzahl deutlich höher als im reichen Calvià. Die Zahl der Fahrzeuge ist von 22.508 in 1996 auf 35.975 in 2015 anders als in Calvià und Marratxí eher mäßig stark gestiegen.

Manacor verfügt mit seinem auch im Winter geöffneten Thea­ter und einem Multiplex-Kino anders als die anderen großen Vier über ein vorzeigbares Kulturleben. Wohnraum ist in Manacor viel erschwinglicher als in Calvià und Marratxí: Der Durchschnittspreis betrug nur 41.272 Euro.


Llucmajor – große Fläche, viele Schulden

Mit 327 Quadratkilometern ist Llucmajor die flächenmäßig größte Gemeinde der Insel. Sie ist dabei dünn besiedelt (105 Einwohner/Quadratkilometer). Zwischen 2000 und 2010 stieg die Einwohnerzahl fast genauso stark wie die von Marratxí, ging danach aber spürbarer als woanders zurück. Der Ausländeranteil liegt bei 15 Prozent (nicht spanische EU-Bürger: 6,8 Prozent). 2014 betrug der Etat pro Einwohner 976,89 Euro – und das trotz einer Schuldenlast. Die Pro-Kopf-Verschuldung betrug 2015 1.045 Euro, mehr als 20-mal so viel wie in Manacor.

Wohl auch weil im verkehrstechnisch nicht allzu gut erschlossenen Llucmajor viele Palma-Pendler wohnen, verdoppelte sich die Zahl der Autos seit 1996 von 14.432 auf 29.566. Das Gastgewerbe ist – ein Teil der Playa de Palma gehört zu Llucmajor – mit 3.397 von 12.302 Beschäftigten im August 2016 stark ausgeprägt, wobei der Zimmerpreis anders als in Calvià sogar sank (von 52,90 Euro im Jahr 2011 auf 51,30 Euro 2015). Im restlichen Dienstleistungsgewerbe arbeiteten 5.503 Menschen. Die Arbeitslosenzahl ist mit 1.470 im Juli 2016 geringer als in den wenig touristisch geprägten Gemeinden Marratxí und Inca. Wohnraum ist in Llucmajor mit 84.851 Euro pro Einheit günstiger als in Calvià und Marratxí, aber teurer als in Manacor.


Inca – gute Verkehrsanbindungen, viele Arbeitslose

Im Unterschied zu den anderen großen Vier ist die Bevölkerungszahl im dicht besiedelten Inca (525 Einwohner/Quadratkilometer) von 2000 bis 2015 stetig und dazu maßvoll gewachsen.

Mit 27.500 Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet ist Inca nach Palma und Manacor die drittgrößte Stadt auf Mallorca. Der Ausländeranteil liegt bei 15,1 Prozent, der der nicht spanischen EU-Bürger bei 4,3 Prozent.

Die Stadt hat eine lange Manufakturtradition, Incas Problem ist jedoch die Nähe zu Palma: Trotz Freiflächen und guter Verkehrsanbindungen (Autobahn, Zug) siedelt sich mittlerweile nur noch wenig Industrie dort an, Traditionsgewerbe wie das Schuhhandwerk schrumpfen. Kein Wunder, dass die Arbeitslosenzahl im Juli 2016 mit 1.878 Menschen die höchste der Großen Fünf war.

Der Handel ist die führende Branche, 2.032 Personen arbeiteten im August 2016 darin. Im wachsenden ländlichen Gastgewerbe waren 1.310 Menschen tätig. Eine positive Zahl ist die relativ geringe Pro-Kopf-Verschuldung, die 2015 374 Euro betrug. Wer es auf erschwinglichen Wohnraum nicht allzu weit weg von Palma abgesehen hat, kommt hier mit 78.306 Euro pro Wohneinheit (Wert: 2015) auf seine Kosten.

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