Transsexualität: Das zwischen den Beinen...

... ist eigentlich gar nicht so entscheidend. Zumindest wenn es um die geschlechtliche Identität eines Menschen geht. Aber wie lebt es sich als Transsexueller auf Mallorca? Drei Begegnungen

26.10.2016 | 21:06
„Seit ich wie ein Mann aussehe, behandeln mich die Menschen automatisch anders", sagt der 25-jährige Max.

Für Leo ist es ein großer Tag. Von ihrem Kopfhaar hat sie sich ein paar Haare abgeschnitten und sie sich in filigraner Arbeit zu Koteletten und einem kleinen Kinnbart zusammengeklebt. Jetzt steht sie auf der Bühne des Teatre Principal in Palma, zusammen mit Catalina Carrasco, der bekannten mallorquinischen Tänzerin und Choreografin, sowie fünf anderen Menschen, die sich als transsexuell oder als transgender bezeichnen. „Crotch" – ein englischer Begriff für Geschlecht – heißt das Stück. Sie werden tanzen, sie werden von ihren Erfahrungen berichten, manche von ihnen werden sich ausziehen. Doch Leo hat einen ganz anderen Grund nervös zu sein: Die Mutter und die kleine Schwester sitzen im Publikum. „Meine Mutter hatte mir nebenbei gesagt: Ich sehe, du trittst im Teatre Principal auf. Ich habe mal Karten geholt." Stopp, habe Leo gerufen: „Wir müssen da über etwas reden."

Von Leo als einer Sie zu sprechen, ist schon mal verkehrt. Rein körperlich ist Leo zwar eine Frau. Aber das war es auch schon, denn Leo sieht sich nicht als Frau. Als Mann aber auch nicht. „Ich habe transgender für mich als geschlechtliche Identität gewählt", sagt Leo ein paar Tage nach der Aufführung bei einem Bier in einer Bar in Palma.

Wenn man sein ganzes Leben lang gelernt hat, die Menschen in Frauen und Männer zu unterscheiden, ist diese Information erst mal wenig aussagekräftig. Klar, transsexuell hat man schon mal gehört. Wie etwa bei Ivonne, eine Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde. Oder bei Max, der schon als kleines Mädchen wusste, dass er, wenn er groß ist, ein Junge werden wollte. Aber irgendwas
dazwischen?

Leo ist 31, Max ist 25, Ivonne ist 51. Das, was sie gemeinsam haben, ist, dass sie sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, mit dem sie geboren wurden. Leo liebt es, mit den verschiedenen Identitäten zu spielen. Mal klebt sie sich einen Bart an. Wenn sie das macht, kann sie sich auch ein Kleid anziehen. Sonst läuft sie in Jeans rum. In ihren Teenager-Jahren war sie ausschließlich im Trainingsanzug zu sehen. Als Kind habe sie mit ­Jungen und Mädchen gleichermaßen gespielt, bei Rollenspielen aber häufig männliche Charaktere angenommen.

Max und Ivonne waren da anders. Max hat schon immer eher mit Jungs gespielt. Ivonne fand ihre ehemaligen Geschlechtsgenossen immer zu brutal. Max hat kurze Haare und ein wenig Bart. Er redet viel und lacht häufig dabei. Man muss aufpassen, über seine ganze Fröhlichkeit nicht zu vergessen, dass er zeitweise sehr
gelitten hat.

Als er ein Mädchen war, wollte er immer nach dem Sport bei den Jungs duschen, bei Klassenreisen in den Jungszimmern schlafen. Immer wieder wurde es ihm erlaubt. „Da war ich immer so glücklich. Den anderen Jungs war das egal, ich habe ohnehin die ganze Zeit mit ihnen verbracht." Die Pubertät veränderte alles, auch für Leo und Ivonne. Max bekam die Regel, seine Brüste wuchsen. Er begann sich zu verstecken, seine Gefühle zu unterdrücken. Weite Klamotten, die Schultern eingeknickt, um seine Brüste zu verstecken. Das Schlimmste aber war, diese Gefühle zu ordnen.

Mit 19 fing Max eine Beziehung mit einem anderen Mädchen an. Doch als er 23 war, wurde ihm klar, dass das nicht alles war. Er fühlte sich als Junge. Seine ­Freundin half ihm dabei, es den Eltern zu erklären. Wenige Monate später ­trennten sich Max und seine Freundin aber. „Sie wollte mit einer Frau zusammen sein." Max begann mit der Hormontherapie.

Wer in Spanien sein Geschlecht ändern will, muss erst einmal zum Psychologen, um zu klären, ob nicht eine psychische Störung dahinterliegt. Wie lange, das hängt ein bisschen von der Region ab. Bei Max waren es drei Monate, dann bekam er das Gutachten, das ihm die Hormoneinnahme erlaubte. In manchen Regionen, etwa in Madrid, gibt es einen Frage­bogen. Da stehen dann so Fragen wie: „Mögen Sie Fußball? Mögen Sie Heimwerken? Kochen Sie gern?" Als ob so die Geschlechter­zugehörigkeit eindeutig definiert werden könnte.

Die ersten Behandlungen waren wie ein Rausch. Drei Tage lang war alles anders, dann ließ die Wirkung langsam nach. Mit der Zeit wurde die Stimme tiefer, die Haare wuchsen an Stellen, wo vorher keine waren. „Und irgendwie wurde ich durch das Testosteron abgeklärter."

Nach einigen Monaten beschloss Max, sich die Brüste abnehmen zu lassen. „Die beste Entscheidung meines Lebens." Zum ersten Mal seit seiner Kindheit konnte er ohne T-Shirt an den Strand gehen. Irgendwann ließ er sich die Eierstöcke entfernen. Nur einen Penis, den hat er sich nicht machen lassen. Es gibt da zwei Optionen, beide scheinen ihm nicht sehr verlockend. „Egal", sagt Max. „Ich brauche keinen Penis, um mich als Mann zu fühlen."

Härtetest Dorffest
Max kommt aus Santa Maria, lebt aber in Palma, wo er als Koch arbeitet. Der erste Härtetest kam für ihn, als er nach Beginn seiner Hormonbehandlung zu den Dorffesten fuhr. „Es war toll, viele haben mich gleich bei meinem neuen Namen genannt." Seit einiger Zeit geht er ins Fitnessstudio, auch wegen des krummen Rückens. „Wenn ich in der Umkleidekabine nicht meine Unterhose ausziehe, merkt keiner, dass ich nicht als Junge geboren wurde."

Max hat relativ früh erkannt, was in ihm vorgeht. Bei Leo ist die Selbstdefinition als transgender gerade mal ein paar Monate alt. Ob sie mal Hormone nehmen wird, kann sie nicht sagen. „Ich hätte gern die tiefe Stimme und den Bart. Andererseits ließe sich die Entscheidung nicht rückgängig machen." Gerade genießt sie das Spiel mit den Geschlechtern.

Dass sie so offen darüber reden kann, zeigt, wie sehr sich ­Mallorca in den vergangenen Jahren verändert hat. Das Dörfchen Sa Cabaneta bei Marratxí bestand Mitte der 90er-Jahre aus wenig mehr als aus einer Hauptstraße und ein paar Querstraßen. Drei Bars, ein Tante-Emma-Laden, ein Bäcker. Noch war kaum etwas von den Neubauten zu sehen, die heute das Dorf prägen. Ivonne war damals 32 Jahre alt, und hatte mit ihrer Frau zwei Kinder. Ihr Sohn war acht, die Tochter gerade geboren, als Ivonne beschloss, dass sie
dieses Leben nicht mehr mitmachen konnte. Das, was sie lange unterdrückt hatte, musste raus. Der Mann, der damals Ivonne war, outete sich. Zunächst als schwul. Vor seiner Frau, vor seinen Kollegen in der Fabrik. „Natürlich war meine Frau am Boden zerstört." Bei den Kollegen war die Reaktion zunächst positiv. „Alle haben gesagt, das ginge in Ordnung, aber das war gelogen. Letztlich haben sie mich alle hintergangen."

Ivonne ist vorsichtig. Ihr Schmerz, die bitteren Enttäuschungen, die sie seit ihrem Outing gemacht hat, sind in jedem Wort zu spüren. Zum Gespräch hat sie zwei Begleiterinnen mitgebracht. Sie sagt nicht warum, vielleicht sollen sie aufpassen, dass keine falschen Fragen gestellt werden. Als Ivonne von den Erfahrungen mit den Arbeitskollegen berichtet, fängt eine der Begleiterinnen, ebenfalls eine Transfrau, an zu weinen. Ansonsten sagen sie nicht viel.

In einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft ist der Schritt, sich als Transfrau zu outen, brutal. Der umgekehrte Weg hingegen bringt offensichtlich Vorteile. „Seit ich wie ein Mann aussehe, behandeln mich die Menschen automatisch anders", sagt Max. „Es ist absurd. Wenn ich etwas sage, scheint es, als ob jemand ein unhörbares Si­gnal geben würde: ´Jetzt haltet mal alle die Klappe, ein Mann redet.´ Das war früher nie so." Wenn er sich in der Bar einen Saft bestellt und seine Freundin einen Kaffee, bekommt er ihn serviert. „Männer trinken wohl Kaffee, Frauen Saft – anders kann ich es mir nicht erklären", sagt er in einer Mischung aus Belustigung und Ungläubigkeit.

Bei Ivonne hingegen steht in der Wahrnehmung der anderen ihre Sexualität im Vordergrund. „Wir Transfrauen werden am Tage verachtet und in der Nacht begehrt. Wir gelten als lüstern und verdorben. Dass wir Menschen mit Interessen und Gefühlen sind, scheint keiner groß wahrzunehmen."

Als Ivonne sich geoutet hatte, begann sie in Palma auszugehen, in eine Gay-Bar an der Plaça Gomila. „Ich war Anfang 30 und hatte keine Ahnung, wie diese Szene tickt. Irgendwann habe ich dort einen Mann kennengelernt, der bis heute mein Partner ist." Ivonne fällt es nicht leicht, über ihre Entscheidung zur Hormonbehandlung oder ihre Operationen zu reden. Es muss etwa zehn Jahre nach dem Outing begonnen haben. Ihr Partner habe das zunächst nicht verstanden. „Ich will mit einem Mann zusammen sein, sagte er, wieso wirst du jetzt zur Frau?", erzählt Ivonne. Er habe es aber akzeptiert, mittlerweile denkt er offenbar selbst ernsthaft darüber nach, zur Frau zu werden.

In Spanien muss man zwei Jahre in hormoneller Behandlung sein, bevor man den Namen auf seinem Ausweis ändern kann.
Das ist eine lange Zeit, vor allem, wenn man irgendwann schon nicht mehr nach der Person auf dem Foto aussieht und erst recht nicht nach jemandem, der den Namen trägt, der auf dem Dokument vermerkt ist. Weder Leo noch Max noch Ivonne nennen ihren Geburtsnamen während der Gespräche. Nicht einmal nebenbei. Nicht einmal, wenn Max erzählt, wie er einmal einer Kioskbesitzerin erklären musste, dass seine Eltern ihm mit diesem Mädchennamen nicht nur einen bösen Streich gespielt hatten. Nicht, wenn Ivonne davon erzählt, wie unmöglich es ist, einen Job zu finden. Wenn Max erläutert, wie kompliziert das Reisen sein kann.

Wenn man Ivonne fragt, ob sich die mallorquinische Gesellschaft in den letzten Jahren hinsichtlich der Transsexuellen verändert hat, sagt sie, alle würden jetzt auf ­supertolerant tun, aber die Einstellung sei dieselbe. „Das merkt man vor allem, wenn man sich mit jemandem streitet. Dann heißt es gleich ?" Und Ivonne beginnt eine Liste an Schimpfworten für Schwule und Transsexuelle zu rezitieren. „Sofort wird alles wieder auf dieses eine Detail ­konzentriert." Ivonnes Begleiterin kommen wieder die Tränen.

„Die junge Generation hat es leichter", sagt Ivonne. „Der größte Unterschied ist die Akzeptanz bei den Eltern. Meine Mutter ist nie darüber hinweggekommen." Das heißt nicht, dass es einfach ist. Max´ Vater hat eine Weile gebraucht, um damit klarzukommen, dass seine Tochter lesbisch ist, um dann darüber informiert zu werden, dass sie gedenkt, ein Junge zu werden. Wie sollte er das den Leuten in der Bar erklären? Aber auch das ist vorbeigegangen. „Wenn wir jetzt streiten, dann nur weil wir vom Charakter her dazu neigen, aneinanderzu­geraten." In Ivonnes Familie hat nur ihr Sohn die Entscheidung seines Vaters akzeptiert. „Er ist meine größte Stütze." Ihr Begleiterinnen nicken still.

Als das Tanztheaterstück vorbei ist, herrscht ein wenig Chaos im Teatre Principal. Die Darsteller hatten Teile des Publikums auf die Bühne gebeten, um zu tanzen. Dem abschließenden langen Applaus schließen sich persönliche Gratulationen an. Inmitten des Trubels kommt Leos Mutter auf Leo zu. Sie umarmen sich. „Nun, Leo", sagt die Mutter. „Willkommen in der Familie." Dem Vater, da sind sie sich einig, werden sie es irgendwann später erzählen.

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