Industrieerbe auf Mallorca: vergessene Schätze unter Taubenkot

Die Insel ging im Zeitalter der Industrialisierung ihren eigenen Weg. Erst jetzt werden eindrucksvolle Zeugnisse dieser Zeit allmählich wiederentdeckt

03.11.2016 | 11:01
Industrieerbe auf Mallorca: vergessene Schätze unter Taubenkot

Josep Ramis öffnet ein Vorhängeschloss am Tor der Fabrikhalle. Das Knarzen der Tür scheucht Tauben auf. Es ist das einzige Lebenszeichen auf dem verlassenen Gelände von Sa Garrovera in Pont d´Inca. Wo früher riesige Mengen Johannisbrotschoten industriell zu Alkohol und Mehl verarbeitet wurden, riecht es feucht und nach Taubenkot. „Dabei haben wir das Zeug vor ein paar Monaten tonnenweise entsorgt", meint der Kulturdezernent der Gemeinde Marratxí. Ein Käfig in der Hallenmitte, mit dem die Tauben gefangen werden sollen, ist leer. Bunte Graffitis überdecken Wände, im Dach klaffen Löcher.

Wären nicht die Spuren der Verwahrlosung, könnte man meinen, die Zeit wäre stillgestanden, seit hier der Betrieb Anfang der 90er-Jahre eingestellt wurde. In einer Ecke stehen 50-Kilo-Säcke mit der Aufschrift „Made in Spain", Mehl rieselt heraus. Im zweiten Stock türmen sich Schalenreste neben einer hölzernen Häckselmaschine. „Hier wäre ein idealer Ort für ein Museum", meint Ramis. Es könnte von einem industriellen Zentrum erzählen, das jährlich bis zu 4.800 Tonnen seines Vorzeigeprodukts Aprestagum über eine Eisenbahn­linie direkt in Palmas Hafen schickte und von dort in die ganze Welt verschiffte. Auch für die weiteren Räumlichkeiten des 5.500 Quadratmeter großen Komplexes, der im vergangenen Jahr in Gemeindebesitz überging, hat Ramis konkrete Vorstellungen – einen Ausstellungsraum, ein Auditorium, eine Bibliothek.

Die Industrialisierung der Insel – die Zeit der Dampfmaschinen und der anlaufenden Fließbänder – ist aus dem Straßenbild wie auch aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. „Viele meinen, die Insel wäre von der traditionellen Landwirtschaft direkt in den Tourismus geschlittert", sagt Aina Serrano, Koordinatorin der Abteilung für Kultur- und Industrieerbe beim Inselrat. „Dem war aber nicht so."

Wenn von der Industrialisierung in Spanien die Rede ist, dann geht es vor allem um Katalonien, das mit seinen Webstühlen streckenweise sogar mehr Innovation an den Tag legte als England, sowie um das Baskenland mit seiner Stahlindustrie. Und Mallorca? „Die Insel hat ihren eigenen Weg genommen, ist dabei aber keineswegs außen vor geblieben", sagt Serrano. Charakteristisch sei zum Beispiel, dass lange Zeit traditionelles Handwerk und industrielle Produktion nebeneinander fortbestanden. Und dass es nicht nur in Palma Fabriken gab. Sóller webte Baumwolle, Esporles spezialisierte sich auf Wolldecken, Andratx stellte Seife her, Pont d´Inca veredelte landwirtschaftliche Erzeugnisse, Inca, Lloseta und Alaró fertigten Schuhe, Manacor Möbel, Pollença Teppiche.


Bewegung im Denkmalschutz

Erleben lässt sich diese industrielle Vergangenheit derzeit nirgends so richtig: Ein Museum gibt es nicht, und die wenigen restaurierten Industriedenkmäler wurden zu kulturellen oder sozialen Einrichtungen umfunktioniert, so etwa Can Ramis in Inca oder Can Fortuny in Esporles. Jetzt treibt der Inselrat jedoch mehrere Projekte voran. Derzeit laufen Verhandlungen zum Kauf von Mallorcas früher größter Bodega in Felanitx, Es Sindicat. Auch die Textilfabrik Fábrica Nova in Sóller soll von den Erben erworben werden. Drittes herausragendes Industrieerbe auf Mallorca ist das frühere Kraftwerk von Alcúdia. Es soll jetzt endlich unter Denkmalschutz gestellt werden.

Die drei Komplexe wurden als Einzige auf Mallorca in eine Art Top 100 aufgenommen, die das spanische Institut für Industrieerbe erstellt hat. Weil es dafür Informa­tionen vom Inselrat anforderte, liegen zumindest für diese drei Anlagen Dossiers vor – das restliche Industrieerbe Mallorcas dagegen wartet auf seine Erweckung aus dem Dornröschenschlaf. Zuständig sind dafür die Gemeinden, sie müssen laut Gesetz Listen schützenswerter Objekte in ihren Kommunen erstellen und vom Inselrat absegnen lassen. Diesen langwierigen Prozess haben nur Alcúdia, Artà, Calvià, Esporles, Inca und Son Servera abgeschlossen.

Unter Denkmalschutz (BIG) stehen derzeit nur Es Sindicat in Felanitx sowie ein Turm des allerersten Elektrizitätswerks auf Mallorca, das im Jahr 1901 in Alaró erbaut wurde. Dem unscheinbaren Turm kommt eher symbolische Bedeutung zu – schließlich ist der elektrische Strom neben der Dampfmaschine eines der Kennzeichen des Industrie­zeitalters, das Wasser, Wind und Tierkraft als Energiequellen ablöste.

Neben dem BIG gibt es eine zweite, schwächere Rechtsfigur, mit der Industriedenkmäler, aber nicht deren Umgebung, geschützt werden. Solche „katalogisierten Güter" (BIC) sind auf Mallorca die ehemalige Teppichfabrik Can Morató in Pollença, Bahnhöfe auf der Strecke Palma–Inca, ein historischer Motor in Binissalem sowie die Töpferei Can Palou in Pòrtol.


Fàbrica Nova in Sóller: Stoff für ein Museum

Die „neue Fabrik" von Sóller ist so etwas wie der Rohdiamant des Industrieerbes auf Mallorca: Die 1922 in Betrieb gegangene Anlage der Gesellschaft Rullán y Mayol konzentrierte den gesamten Verarbeitungsprozess der Stoffherstellung und ist als Einzige von einstmals elf Fabriken in Sóller erhalten. Vor allem aber schlummern in der bis 1970 aktiven Fabrik Webstühle und sonstige Maschinen – nicht nur von Sa Fàbrica Nova, sondern auch von weiteren Betrieben, deren Mobiliar vor ihrem Abriss hierhin ausgelagert wurde. Auch Stoffe und Pläne haben überlebt – ein Sammelsurium, das dokumentiert, ausgewertet und aufbereitet werden muss.

Ursprünglich wollte der deutsche Unternehmer Franz Kraus, Besitzer des Lebensmittel-Vertriebs „Fet a Sóller", zusammen mit den Erben die Fabrik restaurieren und in ein Museum umwandeln. Er hat es sich aber angesichts der bürokratischen Hürden anders überlegt, wie er sagt: Da ein Teil des Grundstücks im Flächennutzungsteil als Grünfläche definiert sei, müsste dieser zunächst umgewidmet werden. Zudem sei das Gebäude inzwischen sehr ruinös, so Kraus zur MZ. Der Unternehmer beschränkt sein Engagement nun zusammen mit den Behindertenwerkstätten Estel Nou auf den Aufbau eines Marmeladenbetriebs in einem 800 Quadratmeter großen Nebengebäude, das früher die Endfertigung und ein Lager von Sa Fábrica beherbergte.


Es Sindicat: Weintanks im neoklassizistischen Gewand

Ebenfalls in Verhandlungen ist der Inselrat im Fall von Es Sindicat bei Felanitx, das seit 1991 dem Verfall preisgegeben ist. Auf einem Gelände von 19.000 Quadratmetern erhebt sich der 1920 von Architekt Guillem Forteza entworfene, 8.000 Quadratmeter große Bau, der die Genossenschaftskellerei beherbergte. Das im Stil des Noucentisme, der katalanischen Form des Neoklassizismus, und in vier Bauphasen errichtete Gebäude zieht heimliche Besucher nicht nur durch seine Fassade in den Bann, sondern auch durch die weitläufigen Innenräume, etwa den Hauptsaal mit seinen 104 jeweils mehrere Meter hohen Weintanks aus Beton.

Ein lokaler Weinhändler, der das Gelände 1994 aus der Konkursmasse ersteigert hatte, suchte vergeblich nach privaten Investoren, die etwa ein Hotel hätten einrichten können – die Denkmalschutzerklärung von 2001 zieht der künftigen Nutzung enge Grenzen. Zuletzt verhandelte die Gemeinde Felanitx mit dem Besitzer und hatte Zusagen von Miquel Barceló, dem wohl bekanntesten Insel-Künstler, einer in Es Sindicat angesiedelten Kulturstiftung vorzustehen. Jetzt ist der Inselrat am Zug – in trockenen Tüchern ist aber noch nichts.


Kraftwerk bei Alcúdia: die Industrie-Kathedrale

Während es um Es Sindicat zuletzt wieder still geworden ist, ­schreckten im Fall des früheren Kraftwerks von Alcúdia vor Kurzem angebliche Abrisspläne die Denkmalschützer auf. Ein entsprechender Antrag des Stromversorgers Endesa, dem das Gelände in Alcanada gehört, war bei der Gemeinde eingegangen. Dabei ging es aber in erster Linie um die Entsorgung asbesthaltigen Baumaterials, weiß Serrano. Die Meldung bewirkte in jedem Fall, dass die Industrieruine wieder auf die politische Tagesordnung kam: Der Inselrat will den Komplex jetzt schnell unter Denkmalschutz stellen. „Über einen Kauf wird derzeit aber nicht verhandelt", so Serrano.

Dabei gäbe es bereits ein Konzept, wie die knapp 60 Jahre alte Anlage in ein Industrie- und Kunstmuseum umgewandelt werden könnte. Entsprechende Pläne stellten Gemeinde und Consell bereits 2004 vor, 2007 folgte ein Ideenwettbewerb, bei dem ein 22 Millionen Euro teures Projekt von Miguel Ángel Alonso gewann, das die Umwandlung des Gebiets in einen Landschaftspark vorsah.

Für den damals siegreichen Architekten ist die von Ramón Vázquez Molezún erbaute Anlage mit ihren zwei Schornsteinen nicht nur ein Wahrzeichen der Bucht, sondern eine Art Industrie-Kathedrale. Gebäudeteile mit eigenem Charakter, dynamische Perspektiven, die an Entwürfe des italienischen Architekten Giovanni Battista Piranesi aus dem 18. Jahrhundert erinnern – der Komplex aus Ziegel, Beton und Metall habe nicht nur historischen, sondern auch architektonischen Wert, heißt es im Dossier des spanischen Instituts für Industrieerbe. Zumal nicht nur das Kraftwerk, sondern eine komplette Siedlung mit Nebengebäuden und Wohnhäusern konzipiert wurde. Und auch ein Großteil der Maschinen noch erhalten ist.

All diesen Projekten gemeinsam ist, dass sie noch einen langen Weg vor sich haben, bis sie ihre Pforten als Museum wieder öffnen können. Serrano vom Inselrat schaut da neidisch nach Katalonien und auf sein Netz von Industriedenkmälern, in denen auch die damalige Produktion mit museumspädagogischen Projekten nachgestellt wird. Ganz anders Mallorca: Im Fall von Sa Garrovera in Pont d´Inca etwa hat die Historikerin gerade mal vorbeischauen und Tipps geben können, was von dem vorgefunden Sammelsurium erst mal nicht entsorgt wird.

Auf die Gemeinde Marratxí wartet ein Berg Arbeit: Da sind zum einen die baulichen Maßnahmen, deren Preis die Kaufsumme von 4,4 Millionen weit übersteigen dürfte: So muss etwa das gesamte asbestbelastete Wellblechdach ersetzt oder isoliert werden. Und da ist zum anderen die Aufarbeitung der Objekte und Dokumente. In den früheren Büros wurden Mitarbeiterakten gefunden, die bis in die 40er-Jahre zurückgehen. Auch die damaligen Unternehmer sind einer Würdigung wert. Der Chemiker Josep Sureda beispielsweise, der in München beim Nobelpreisträger Heinrich Otto Wieland studiert und geforscht hatte. Als Fabrikdirektor legte er später den Grundstein für die industrielle Herstellung von Johannisbrotkernmehl. Das 1947 unter dem Namen Aprestagum patentierte Produkt ist in seiner verfeinerten Form heute in der Lebensmittelindustrie als Verdickungsmittel E-410 bekannt.

Diesen Boom sollte die Fabrik in Pont d´Inca nicht mehr erleben – sie verpasste den Anschluss an die technischen Entwicklung. Ein Fall fürs Museum eben.

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