Wo die kleinen Inselbürger zur Welt kommen

In Son Espases werden knapp 2.000 Kinder im Jahr geboren. Ein Besuch auf der Station

23.01.2017 | 01:00
So winzig, die Füßchen: in einer Frühchenstation auf Mallorca.

Die kleine Chloe schläft tief und offenbar zufrieden in den Armen ihrer Mutter Manuela von Oppenheim. Die Spanierin mit deutschem Großvater hatte in der Nacht auf Samstag (17.12.) starke Wehen verspürt und war ins Krankenhaus Son Espases gefahren. Dort behielt man sie gleich da. Chloe kam am Samstagmorgen um 7.10 Uhr zur Welt – mit fast vier Kilogramm, und das, obwohl sie fünf Tage vor dem errechneten Termin geboren wurde. Die Geburt war schnell durchgestanden. „Wenn ich keine Periduralanästhesie beantragt hätte, wäre Chloe wohl schon gegen 5 Uhr geboren worden. Ich wollte eigentlich keine PDA, aber im Endeffekt haben die Nerven nicht mitgespielt", sagt Manuela von Oppenheim. Die Verantwortlichen in Son Espases hätten sie keinesfalls zur Anästhesie gedrängt.

Mercedes Torrecilla, die Koordinatorin der acht Kreißsäle und der Geburtsstation im Landeskrankenhaus bestätigt, dass im Prinzip versucht wird, die Geburt ohne Betäubung durchzustehen. „Die Frauen müssen aber aktiv darum bitten und eine Einverständniserklärung unterschreiben." Trotzdem werden immer noch zwischen 60 und 70 Prozent der Geburten in Son Espases mit PDA vollzogen. Auch die Kaiserschnitt-Quote ist in Son Espases höher als in den drei anderen öffentlichen Krankenhäusern der Insel, Son Llàtzer, Inca und Manacor. Das liege allerdings daran, dass in Son Espases die schwierigsten Fälle aller vier Balearen-Inseln behandelt werden und die Mütter etwa bei befürchteten Frühgeburten teilweise schon Wochen oder gar Monate vor dem eigentlichen Termin im Krankenhaus ankommen. Dort wird dann versucht, die Kinder möglichst lange im Mutterbauch zu halten.

Drei Ultraschalltermine
Wenn eine Schwangerschaft nach Plan verläuft, dann kommt die Mutter mit dem Krankenhaus vor der Geburt eher selten in Berührung. Drei Ultraschalluntersuchungen sind während der knapp zehn Monate üblich, pro Trimester eine. Die übrigen Vorsorgeuntersuchungen bekommen die Frauen direkt im Gesundheitszentrum ihres Heimatortes bei einer Hebamme. Im Unterschied zu Deutschland ist die Begleitung durch Hebammen in Spanien aber deutlich weniger ausgeprägt. Nach der Geburt steht hierzulande die Hebamme nicht wie in Deutschland bereit, um die junge Familie zu besuchen und Tipps zu geben.

Die Geburten selbst, sollten sie keine Komplikationen mit sich bringen, laufen in Son Espases inzwischen sehr individuell ab, erklärt Geburtshelfer Kike Luján. Die Frauen könnten selbst die für sie angenehmste Geburtsposition wählen. „Wir haben viele Frauen, die auf allen Vieren gebären oder auch knieend", erklärt der Sevillaner. Im vergangenen Jahr wurden in Son Espases 1.806 Kinder geboren. Auf den Balearen waren es insgesamt 10.597, davon 3.519 von mindestens einem ausländischen Elternteil.

Die Reaktionszeit vom Eintreffen der Frau in der Notaufnahme bis hin zur Versorgung ist auf der Insel rasch. Wenn eine Frau mit starken Wehen oder nach Platzen der Fruchtblase im Krankenhaus ankommt, wird sie innerhalb weniger Minuten in den Geburtstrakt gebracht, wo nach einer kurzen Untersuchung festgelegt wird, ob es in den Kreißsaal geht oder ob zunächst das Zimmer bezogen werden kann. „Innerhalb von 15 Minuten kann eine Frau bei uns sogar von der Notaufnahme im Kreißsaal für den Kaiserschnitt liegen, wenn es nötig ist", sagt Kike Luján.

Bei komplikationsfreien Geburten kommt in Son Espases inzwischen überhaupt kein Arzt mehr zum Einsatz, da reichen eine Hebamme und eine Arzthelferin aus. Nach der Geburt geht es dann auf die Station, wo die Frauen mit ihren Neugeborenen zwischen zwei und drei Tagen bleiben, bevor sie nach Hause entlassen werden. 34 Betten in neun Doppel- und 16 Einzelzimmern stehen zur Verfügung. „Wir hatten in diesem Jahr aber auch schon 36 Betten zur gleichen Zeit belegt", sagt Mercedes Torrecilla. Normalerweise werden die Doppelzimmer auch wie Einzelzimmer gehalten. „Nur wenn es voll ist, werden zwei Mütter in ein Zimmer gelegt." In Son Espases gibt es für die Väter lediglich einen verstellbaren Klappsessel – das ist nicht ganz so bequem wie beispielsweise in Son Llàtzer, wo sie ein Beistellbett bekommen.

Frühchenstation
Komplizierter wird der gesamte Vorgang, wenn es sich um eine Risikogeburt handelt, so wie bei Aran. Die Tochter von Roser und Jaume kam Ende September in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt und wog nur 670 Gramm. Dass sie trotzdem lebt, hat sie der modernen Medizin und dem Team des Landeskrankenhauses Son Espases zu verdanken, das Aran per Kaiserschnitt zur Welt brachte und seitdem 24 Stunden rund um die Uhr bewacht.

Die Streicheleinheiten von Eltern und Personal zeigen Wirkung. Gut 2.100 Gramm wiegt Aran Anfang dieser Woche beim MZ-Besuch auf der Neugeborenen-Station, den neonatos in Son Espases, wo Frühgeburten oder Babys mit schweren Krankheiten aufgepäppelt werden. Die Erfolgsquote ist hoch, sagt Koordinator Carlos Berdeal, der ein 120-köpfiges Team in Son Espases leitet. „Im vergangenen Jahr sind 500 Neugeborene bei uns eingeliefert worden, 300 davon in der Intensivstation. Bei 15 haben all unsere Bemühungen nicht gefruchtet." Die Neugeborenen, die auf die Frühchen-Station müssen, werden in zwei Gruppen aufgeteilt: die schweren Fälle, die in die 14 Bettchen umfassende Intensivstation kommen, und die weniger schweren, die daneben in einem Raum für 28 Kinder gepflegt werden. Die Kriterien dafür, welches Baby wo liegt, sind ganz klar: Neugeborene, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, weniger als 1,5 Kilo wiegen oder sofort eine Operation benötigen, müssen auf die Intensivstation.

Dort wird alles dafür getan, dem Baby vorzuspielen, es liege noch immer im Mutterbauch. Es gibt nur fahles Licht, die Rollos bleiben Tag und Nacht heruntergelassen, der Geräuschpegel ist so niedrig wie möglich – man unterhält sich lediglich im Flüsterton – und die Heizung brummt. Die Neugeborenen werden von den Krankenschwestern immer wieder in die Embryohaltung gebettet, wenn sie sich bewegen.

Roser Puy und Jaume Oliver sind erschöpft, ab und an macht zumindest einer von beiden eine kurze Pause und tankt ein paar Stunden daheim Kraft. „Das ist ein merkwürdiges Gefühl – du bist mit dem Kind im Bauch hierhergekommen und gehst dann ohne Bauch, aber auch ohne Kind zurück in die Wohnung", sagt Roser Puy. In der kommenden Woche wird Aran noch einmal operiert. Der Kleinen wird ein Stück künstlicher Darm eingesetzt. An Weihnachten zu Hause ist also nicht zu denken.

* Vater der beiden auf Mallorca geborenen Kinder Lucas (knapp 3 Jahre) und Sophia (2 Monate).

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