Nachhaltigkeit im Tourismus: das dehnbare Schlagwort

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum Jahr des nachhaltigen Tourismus erklärt. Klingt gut, und von Regierung über Veranstalter und Hoteliers bis hin zu den Urlaubern sind alle dafür. Aber was heißt das eigentlich? Und ist das auf Mallorca überhaupt machbar?

13.03.2017 | 14:02
Relativ ressourcenschonend: Partyurlaub am Ballermann und daneben hoher Schadstoff-Ausstoß: Kreuzfahrtschiffe in Palma.

Es ist so ein herrlich unkonkretes Wort: Nachhaltigkeit. Alle verwenden es und niemand weiß so genau, was es wirklich aussagen soll. Nun hat die Weltorganisation für Tourismus der Vereinten Nationen (UNWTO) 2017 zum „Jahr des Nachhaltigen Tourismus" gemacht. Laut der UNWTO ist Tourismus nachhaltig, wenn seine ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen voll berücksichtigt und die Bedürfnisse der Besucher, der Industrie, der Umwelt und der Einheimischen einbezogen werden. Damit geht diese Definition über die von so manchem Nachhaltigkeitsexperten hinaus, der das Thema vor allem aus ökologischer Sicht angeht. Die Balearen arbeiten mit der UNWTO aus Anlass des Ak­tionsjahres eng zusammen. Doch geht es da um mehr als um Symbolpolitik? Ist nachhaltiger Tourismus auf den Balearen angesichts der für die An- und Abreise nötigen Flugreisen überhaupt möglich?

Die Expertenmeinung ist einhellig: „Zu 100 Prozent ist das an den allerwenigsten Urlaubszielen möglich, natürlich auch nicht auf Mallorca, wo ja der Flugverkehr eine so große Rolle spielt", sagt stellvertretend Harald Zeiss, Professor an der Hochschule Harz und bis vor Kurzem Nachhaltigkeitsbeauftragter des Reiseriesen Tui. Manche Urlaubsregionen aber kommen der vollständigen Nachhaltigkeit schon recht nah, wie der Vorreiter auf diesem Feld, Costa Rica, oder auch die Mongolei. Andere sind Lichtjahre entfernt, wie etwa einige fernöstliche Länder. Mallorca dürfte – nach Beurteilung verschiedener Experten – irgendwo in der Mitte liegen.

Fangen wir doch bei den guten Nachrichten für Mallorca an. Zeiss sieht die Insel auf einigen Gebieten nicht schlecht aufgestellt. „Man macht sich durchaus Gedanken, wie man stärker nachhaltig agieren kann. Dazu zählen unter anderem die Ansätze, die Playa de Palma zu revitalisieren, mehr Qualität in den Tourismus zu bringen, direkte Busverbindungen vom Flughafen in die Urlauberhochburgen einzurichten, und nicht zuletzt natürlich auch die Touristensteuer."

Worte, die bei Pilar Carbonell, Generaldirektorin für Tourismus auf den Balearen, runtergehen wie mallorquinische herbes. Im Gespräch mit der MZ plädiert sie vor allem dafür, das Thema Nachhaltigkeit nachhaltig anzugehen. Es dürfe nicht nur dieses Jahr auf der Agenda stehen. Viele Unternehmen seien aus Anlass des Aktionsjahres freiwillig auf sie zugekommen und hätten diverse Projekte angeleiert. Ihre Generaldirektion wolle sich jetzt erst einmal einen Überblick verschaffen und erstelle nun eine Liste mit Maßnahmen und Unternehmen, die am Thema dran seien. Daraus soll zum Jahresende ein Buch werden.

Etwas konkreter wird Carbonell – die das Thema Nachhaltigkeit vor allem aus der ökonomischen Per­spektive betrachtet – dann aber doch: Vor allem bei der Verlängerung der Nebensaison gebe es Fortschritte: 7,4 Prozent mehr Urlauber im Vergleich zum November 2016 seien eine gute Nachricht. „Je besser ein Hotel über das Jahr gesehen ausgelastet ist, desto nachhaltiger ist es", sagt auch Hartmut Rein, Geschäftsführer des Instituts BTE für Tourismus- und Regionalberatung, einer der größten Consulting-Firmen in Deutschland auf diesem Gebiet.

Wobei die zeitliche Verteilung der Touristen das eine ist, ihre räumliche Verteilung das andere. Es habe schließlich wenig Sinn, wendet Harald Zeiss ein, wenn sich die Leute am Es-Trenc-Strand gegenseitig auf dem Handtuch liegen, während andere Buchten – die vielleicht nicht mit Auto oder Bus so einfach zu erreichen sind – beinahe leer sind. Wobei das eher ein Gedankenexperiment ist: Im vergangenen Sommer etwa gab es auf Mallorca so gut wie keine leeren Strände mehr.

Auch sonst liegt auf der Insel so einiges im Argen. Hartmut Rein steht den angeblichen Nachhaltigskeitsbemühungen auf der Insel skeptisch gegenüber. „Bei Alcúdia steht ein Kohlekraftwerk, wo Kohle aus Afrika verheizt wird. Das ist ein völliger Irrsinn." Auch, dass an manchen Tagen sieben Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig in Palma einlaufen, alles andere als nachhaltig. Hier sei die Regierung in der Pflicht. „Die Regierung kann durchaus Schiffe, die eine hohe Belastung für die Umwelt darstellen, daran hindern, den Hafen anzulaufen." Zum Glück gebe es in manchen Reedereien inzwischen ein Umdenken, die neu in Auftrag gegebenen Schiffe seien zumeist sparsamer. Vor allem aber würden die Passagiere selbst inzwischen umweltfreundlichere Schiffe verlangen.

Als Beispiel für nachhaltige Tourismus-Varianten nennt Hartmut Rein den Wanderurlaub in der Serra de Tramuntana. Wegen des großen Andrangs sehen das mittlerweile viele Eigentümer und Umweltschützer anders, aber Rein schwebt eine verträglichere Variante vor: sogenannte Volunteer-Touristen sollen die Schönheit der mallorquinischen Bergwelt nicht nur beim Wandern bewundern, sondern auch aktiv – etwa mit Aufräumarbeiten im Wald – zu ihrem Erhalt beitragen. In Zusammenarbeit mit Amics de la Terra bereitet er gerade ein entsprechendes Projekt vor, das im Herbst starten soll.

Viel im Gebirge unterwegs ist auch Thomas Petermann, Geschäftsführer des Reiseveranstalters MiTourA in Palma. Sein Unternehmen, das vor allem Aktivreisen wie Wandern oder Radfahren anbietet, setze neben kleinen Gruppen in der Serra de Tramuntana mit maximal 14 Personen auch auf nachhaltige Unterkünfte und Restaurantbesuche bei Mallorquinern. „Neben der ökologischen Komponente wollen wir, dass vor allem die Leute, die hier leben, mit unseren Kunden ihr Geld verdienen." Die Sorge, dass es in der Tramuntana zu voll werden könnte, teilt Thomas Petermann nicht. „Wer sich da­rüber beschwert, der sollte mal im Sommer in die Alpen fahren."

MiTourA setzt sich nach eigenen Angaben auch für nachhaltigere Energieproduktion ein. „Wir machen da gegenüber unseren Partnern Druck, dass etwa unsere Unterkünfte mit Sonnenenergie beheizt werden, ein Thema, das auf Mallorca trotz der perfekten Bedingungen noch viel zu zaghaft angegangen wird."

Das A und O der Nachhaltigkeitsdebatte ist, so die Experten, dass man die Nachhaltigkeit als Qualitätsgewinn verkaufen muss. „Man darf nicht die durchaus vorhandenen Einschränkungen in den Vordergrund stellen, sondern den Mehrwert, den nachhaltiges Urlauben mit sich bringt", sagt Hartmut Rein. Zumindest bei Deutschen, so auch der Eindruck von Harald Zeiss, sei die Bereitschaft, für eine solche Form des Tourismus etwas tiefer in die Tasche zu greifen, gegeben. Es gibt Schätzungen, nach denen etwa 30 Prozent der deutschen Urlauber dazu bereit wären.

Dazu gehört zwar vermutlich eher nicht der klassische Ballermann-Tourist, der aber – auch wenn er es meist nicht ahnt – die Ressourcen der Insel ungleich mehr schont als der Urlauber, der sich auf eine Finca auf dem Land oder in einem Anwesen an der Küste einmietet. Das zumindest ist die Grundthese der häufig zitierten Studien der deutschen Wissenschaftler Angela Hof und Thomas Schmitt der Universität Bochum. Demnach verbraucht zum Beispiel ein Pauschaltourist im Schnitt etwa 200 Liter Wasser am Tag, ein Urlauber in einem Haus mit Pool und Garten hingegen rund 1.200 Liter.

Pilar Carbonell will das nicht so ohne Weiteres stehenlassen. Ökologisch möge das vielleicht stimmen, aber dafür schaffe der wohlhabende Urlauber oder Resident mit Zweitwohnsitz auf der Insel mit seinem Haus und Garten vielleicht Arbeitsplätze und gebe außerdem mehr Geld aus als die Pauschaltouristen. „Und dann ist er auf der sozialen und ökonomischen Schiene auch ein nachhaltiger Urlauber."

Fazit: Die Frage, ob Mallorca-Urlaub nachhaltig sein kann, wird vor allem dadurch beantwortet, welche Definition man für das Wort zugrunde legt.

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