Katzen auf Mallorca: Tabu Räuber

Sie sind geliebte Haustiere, gefeierte Internetstars, aber auch gefährliche Jäger – und damit gerade für Inseln ein großes Problem. Doch darüber spricht man nur ungern. Die Balearen-Regierung will das jetzt ändern

04.03.2017 | 02:30
Nicht das Optimale, aber besser als nichts: Katzenkolonie in Palma.

Eigentlich müsste hier jeden Morgen und jeden Abend ein intensives Vogelgezwitscher erklingen. In dem Karree im Viertel Pere Garau in Palma gibt es einen verwilderten Garten mit mehreren Obstbäumen und dichtem Gestrüpp. Es ist ein kleines Refugium inmitten der dicht bebauten Gegend. Dass es hier trotzdem totenstill ist, dafür haben Kimchi, Nene, Tigretón und ein weiteres halbes Dutzend Katzen der Nachbarschaft mit ihren Raubzügen gesorgt. Hier lässt sich kein Vogel mehr blicken. Seit einiger Zeit sind auch die Geckos verschwunden oder den Jägern zum Opfer gefallen, die ihre Beute den Menschen, die sie füttern, dann auf die Türschwelle legen. Das Vogel­gezwitscher stammt jetzt aus einer Voliere der Nachbarin. Einmal verstummte auch dies: Die Frau hatte den Käfig abends versehentlich nicht richtig geschlossen. Am nächsten Morgen waren 20 Kana­rienvögel und Sittiche tot.

Dass Katzen Mäuse, Eidechsen oder Vögel jagen, weiß jedes Kind. Die meisten Menschen finden daran nichts: Das liegt halt in der Natur der Felis silvestris catus, wie die Hauskatze wissenschaftlich heißt. Vielleicht aber sollte man sich dennoch in einer Zeit rasanten globalen Artensterbens darüber Gedanken machen.

Eine Viertelmillion tote Vögel

„Es gibt Studien, die besagen, dass eine Katze etwa 100 Wirbeltiere im Jahr erlegt. An die 90 davon sind Nager oder kleine Reptilien, zehn sind Vögel", sagt Joan Majol, verantwortlich für Artenschutz in der Balearen-Regierung. „Nun rechnen Sie mal hoch: Allein in Palma gibt es über 25.000 Katzen. Macht eine Viertelmillion getöteter Vögel im Jahr."

Nun ist dies eine Schätzung, die auf Studien von anderswo beruht, keine genaue Berechnung. Es gibt auf der Insel, wie auch in den meisten anderen Gegenden der Welt keine genauen Zahlen, wie viele Katzen es überhaupt gibt, geschweige denn, wie viel sie fressen und jagen. Was Mallorca betrifft, ist kaum mehr zu finden als eine Studie aus dem Jahr 2009: Ein Wissenschaftler untersuchte den Kot von 75 an unterschiedlichen Orten auf
Mallorca mit Fallen eingefangenen verwilderten Katzen. In 55 Prozent der Proben fanden sich Reste von Mäusen, in 18 Prozent von Ratten, in zwölf Prozent von Vögeln und in sieben Prozent von Kaninchen.


Im Zweifel lieber Mäuse

So viel zu den unumstößlichen Fakten. Doch derartige Untersuchungen und Ergebnisse gibt es auch anderswo auf der Welt: „Die Ernährungsmuster sind überall ähnlich: Wenn Katzen genügend Mäuse, Ratten und Kaninchen als Beute vorfinden – auf großen Inseln ist das meist der Fall – jagen sie zu etwa 80 Prozent kleine Säugetiere und nur zu einem kleineren Teil Vögel und Reptilien", sagt Félix M. Medina. Der spanische Biologe leitete von den Kanaren aus eine internationale Forschungsgruppe zu den Auswirkungen von Katzen auf die Ökosysteme von Inseln. Das Problem: Je kleiner die Insel ist und je weniger Nagetiere es dort gibt, desto mehr machen sich Katzen auch über andere Tierarten her – bis zu deren Ausrottung. Medina und seine Kollegen machen verwilderte Katzen für 14 Prozent der weltweiten Fälle von bereits auf Inseln ausgestorbener Vögel-, Säuger- und Reptilien­arten verantwortlich. Zudem seien sie die größte Gefahr für acht Prozent der derzeit akut vom Aussterben bedrohten Arten.

Auf über 83 kleinen Inseln weltweit ist man in jüngster Zeit deswegen dazu übergegangen, die Katzenpopulationen mit mehr oder weniger brachialen Methoden ganz auszurotten. Auch der Nationalpark Cabrera – die Inselgruppe im Süden von Mallorca – ist laut Joan Majol mittlerweile weitgehend katzen- und marderfrei.


Sorge um Formentera

Gefahr für bedrohte Arten bestehe aber weiterhin vor allem auf Formentera und im Norden von Menorca. Insbesondere die Kolonien des Balearensturmtauchers – eine der bedrohtesten Vogelarten Europas – sind davon betroffen. „Wir verzeichnen hier erhebliche Rückgänge", sagt Majol. Dass die Situation auf den Nachbarinseln teilweise dramatisch ist, bestätigt auch Miguel McMinn. Der Biologe ist selbstständiger Berater in Fragen des Artenschutzes und hat an mehreren Publikationen über balearische Wasservögel mitgewirkt.

Abenteuerpark Katzenkolonie

Die größte Bedrohung, darin sind sich die Forscher einig, geht von den verwilderten Katzen aus, die ganz ohne Menschen auskommen und sich von der Jagd ernähren. Wie viele dieser gatos asilvestrados es auf Mallorca gibt, auch dazu gibt es keine Zahlen. „Manch Jäger berichtet aber, dass er nachts mehr Katzenaugen zu sehen bekommt als Augen anderer Tiere", sagt Majol.

Etwas mehr unter Kontrolle sind die gatos vagabundos, die Streuner, die häufig in Katzen­kolonien leben. Sie werden betreut von Freiwilligen wie Maria Bautista, die sich mit ihrem Verein „Miaus Mallorca" um vier
Standorte in Palma kümmert. Eine dieser Kolonien, im Norden von Palma, zeigt sie der MZ: Auf einem brachliegenden Gelände hinter einer hohen Mauer leben dort knapp 60 Katzen. Es gibt Bäume zum Klettern und Sträucher zum Verstecken; das Gelände wirkt fast wie ein kleiner Abenteuerpark. Wo genau die Brache liegt, das möchte Maria Bautista nicht veröffentlicht sehen. „Dann würden alle Leute ihre
Katzen, die sie nicht mehr haben wollen, hier hereinwerfen."


Fulltime-Job Katzenkolonie

Die Tiere zu betreuen sei eigentlich ein Fulltime-Job, komplett unter­finanziert und abhängig von privaten Spenden, erzählt Maria Bautista, die auch noch ein Lokal betreibt. Wie sie und ihr Verein kümmern sich noch etliche andere Freiwillige in Palma darum, die streunenden Katzen zu ernähren und auch zu sterilisieren. Die meisten von ihnen stehen im Kontakt zum Rathaus und verfügen über einen entsprechenden Ausweis. Offiziell anerkannt sind 111 dieser über das Stadtgebiet verteilten Kolonien. Pedro Morell, der Leiter der Tierauffangstation Son Reus, schätzt, dass 70 von ihnen auch tatsächlich aktiv sind. Wünschenswert, um die Population unter Kontrolle zu halten und auch die Nachbarn nicht zu belästigen, seien maximal zehn Katzen, so Morell. Wie in dem kleinen Abenteuerpark sind es aber meist viel mehr.

Medina und Majol halten Katzenkolonien für das kleinere Übel, geben aber zu bedenken, dass sie unter ständiger Kontrolle sein müssen und nicht im ländlichen Raum angesiedelt sein dürfen. Einige Gemeinden hätten das ganz gut im Griff, andere ignorierten das Problem und ließen nicht autorisierte Katzenkolonien mit über 100 Tieren zu. Hinzu komme ein saisonaler Aspekt: „In manchen Küstenorten werden die Katzen im Sommer von Urlaubern und Hotels versorgt und dann im Winter ihrem Schicksal überlassen – dann legen sie mit der Jagd los", sagt Joan Majol.


So unschuldig nicht

Maria Bautista sagt, sie habe in den Katzenkolonien noch nie einen toten Vogel gesehen. Lebende, wie Tauben, hingegen schon. „Manchmal trinken sie das Wasser der Katzen oder picken sogar ihr Trocken­futter." Katzen seien zwar Raubtiere, aber es hänge von der Situation ab, in der sie sich befinden. „Eine satte Katze wird nicht jagen. Und die Vögel können ihnen leicht entwischen."

Doch das ist, wie wissenschaftlich belegt, leider nicht ganz wahr. „Wenn es so wäre, wären wir ja beruhigt", sagt der kanarische Forscher Félix M. Medina. Wenn auch nicht im gleichen Ausmaß, besteht der Jagdtrieb der Katzen meist auch dann weiter, wenn sie gut ernährt sind – bei den verwilderten und streunenden Katzen sowieso, aber auch bei den Stuben­tigern daheim. Artenschutzexperte Joan Major macht sie alle gemeinsam dafür mitverantwortlich, dass auch auf ­Mallorca in den Städten die Zahl der Spatzen so stark zurück­gegangen sei.

Dass auch die an sich behüteten Hauskatzen nicht ohne sind, davon weiß auch Cristina Fiol zu berichten, die Leiterin von La Gola. Das Vogelschutzgebiet liegt in einer dicht besiedelten Gegend von Port de Pollença, und es sind Nachbarskatzen, die dort auf Jagd gehen. „Erst vor wenigen Tagen habe ich eine mit einer Samtkopf-Grasmücke im Maul gesehen. Sie hatte ein Halsband, also musste sie jemandem gehören."

Auf große Kampagnen in der Nachbarschaft habe sie dennoch bisher verzichtet, sagt Fiol. „Wir haben bisher eher das persönliche Gespräch gesucht. Man muss sehr vorsichtig sein. Viele Menschen fühlen sich schnell angegriffen."

Empfindliche Katzenfreunde

Ein passionierter birdwatcher äußert sich ähnlich vorsichtig: „Ich möchte Katzen nicht verdammen, auch weil meine Nachbarin sich um 20 von ihnen kümmert und sie eine ganz reizende Frau ist", sagt Michael Montier. Der 65-jährige Brite lebt seit zehn Jahren auf Mallorca, betreut wöchentliche Vogel-Seiten in der Zeitung „Majorca Daily Bulletin" und organisiert Vogeltouren, die sich einer immer größeren Beliebtheit erfreuen. „Wir müssen eine Lösung finden. Mir bricht es das Herz, wenn ich lese, wie viele Vögel von Katzen getötet werden", sagt aber auch er.

Noch etwas fällt auf, wenn man darüber recherchiert, was Katzen auf Mallorca anrichten können: Die sonst überaus auskunftsfreudigen Tierschützer halten sich bei dem Thema auffallend zurück. „Das ist heikel, da muss man vorsichtig sein", sagt ein führendes Mitglied des Umweltschutzverbandes Gob. Die Sprecherin des Tierschutz-Dachverbandes Baldea, der sich doch eigentlich engagiert für die Sterilisierung der Katzen einsetzt, stellt gleich ganz auf Durchzug und reagiert nicht auf Anfragen.

Wenn Forscher wie Félix M. Medina ihre Erkenntnisse veröffentlichen, werden sie auch schon mal persönlich bedroht. „Ich antworte dann immer: Ihr seid keine Tierschützer, ihr seid nur Katzen- und Hundeschützer."
Neben der innigen Beziehung des Menschen zu dieser Spezies – von der auch die Millionen Katzenvideos und -fotos zeugen – dürfte bei dieser Reaktion auch das Bewusstsein im Raum stehen, dass die andere Möglichkeit ja das Tierheim ist und dort womöglich die Einschläferung droht.

Im Tierheim

Keiner der befragten Experten plädiert für diese Lösung, aber es ist eine Tatsache, dass 2016 in der Tierauffangstation Son Reus 1.117 Katzen eingeliefert wurden, von denen nur ganz wenige vermittelt werden konnten. 350 starben an Krankheiten oder wurden eingeschläfert.

Aber noch mal: Das will keiner. In der Landesregierung hat sich am 25. Januar erstmals eine Arbeitsgruppe getroffen, um eine Strategie gegen die verwilderten Haustiere zu besprechen (zu denen auch Hunde gehören, die Schafe reißen). Am Tisch saßen Vertreter aller betroffenen öffentlichen Ressorts – von der Tiergesundheit, über die Landwirtschaft bis hin zum Artenschutz – sowie jener drei Gemeinden, in denen die Katzenkolonien noch am besten unter Kontrolle sind: Palma, Calvià und Marratxí.


Chip für Mensch und Katze

„Wir wollen uns jetzt regelmäßig treffen", sagt Joan Major. In Zukunft werden man auch andere Gruppen wie die Tierschützer in die Diskussion einbinden. „Aber erst einmal müssen wir uns einig sein." Eine erste ganz konkrete Maßnahme steht bereits fest: Zum Frühling will die Landesregierung eine Verordnung erlassen, die alle Katzenhalter dazu verpflichtet, ihre Tiere zu chippen. Mit der Ausarbeitung ist die Behörde für Tiergesundheit betraut, die Umsetzung und Überwachung muss dann aber auf Gemeinde­ebene erfolgen. Dass das ein langer Prozess sein wird, ist auch dem Artenschutz-Chef bewusst: Längst nicht alle Gemeinden werden dem Priorität einräumen, längst nicht alle
Katzenhalter werden mitmachen.

Letztlich aber ist das wohl der einzige Weg, darin stimmen alle überein: die Katzenhalter in die Verantwortung nehmen, auf dass sie nicht nur auf die Tiere aufpassen, sondern auch auf die Umwelt ihrer Lieblinge. Félix M. Medina spricht, mit einer spanischen Redensart, davon, dass man auch bei ihnen den „Chip austauschen", will heißen, sie für diese Fragen sensibilisieren müsse. Auch die Leiterin von La Gola, Cristina Fiol, will den Nachbarn das Bewusstsein über das Raubverhalten der Tiere in Zukunft verstärkt vermitteln. „Man kann doch auch kleine Lösungen finden", sagt sie. „Etwa, dass man der Katze ein Glöckchen um den Hals bindet."

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