Mit dem Flüchtlingsboot nach Mallorca, ins gelobte Land

Immer mehr Nussschalen erreichen die Insel. Wie hart ist die Überfahrt? Woher stammen die Menschen? Und was passiert mit ihnen?

05.06.2017 | 18:06
Oft nur eine Nussschale: Blick in ein Flüchtlingsboot, das nach Mallorca gelangt ist

„Als wir in See stachen, sah ich die Lichter meiner Stadt. Und ich wurde traurig darüber, meine Eltern zu verlassen. Aber auf der anderen Seite war ich erfüllt von Hoffnungen auf das neue Land, das ich erreichen will."

Die Aufzeichnungen eines jungen Algeriers – er nennt sich „Lutfi" – über seine heimliche Überfahrt nach Mallorca, sind berührend. Der 23-Jährige schildert in seinem im Internet zugänglichen Bericht, wie er mit anderen jungen Männern beschließt, seine Heimatstadt Dellys (knapp 100 Kilometer von der Hauptstadt Algier entfernt) zu verlassen, ein Motorboot zu organisieren und in einer ruhigen Januarnacht gen Mallorca aufzubrechen. Die Aufzeichnungen stammen aus dem Jahr 2009. Was er erlebte und dachte, dürfte sich aber nicht viel von dem unterscheiden, was jene 18 junge Männer umtrieb, die Mitte Mai auf Mallorca gefasst wurden, nachdem sie von Algerien aus übergesetzt hatten.

„Die Zahlen sind höchst beunruhigend", sagte danach Maria Salom, die Vertreterin der spanischen Zentralregierung auf den Balearen. 67 Immigranten ohne gültige Ausweispapiere seien in diesem Jahr bislang über den Seeweg auf die Inseln gekommen, mutmaßlich in sieben entdeckten Flüchtlingsbooten. Im gesamten Jahr 2016 waren es nur 26 Menschen in drei Booten gewesen.

Die Routen

Die, die da kommen, sind männlich und zu rund 90 Prozent Algerier. Zumeist stachen sie in Dellys in See. Die Kleinstadt an der Küste Algeriens gilt als eine Hochburg der harragas, wie die, die sich „durchschlagen", in ihrem Heimatland genannt werden.

Dellys-Mallorca ist nicht die einzige Route nach Europa: Andere führen von West-Algerien zum südspanischen Festland und von Ost-Algerien nach Sardinien. Letztere wird wegen der geografischen Nähe auch von Flüchtenden aus Krisenländern im Nahen Osten und in der Subsahara genutzt.

Bei den großen Fluchtbewegungen spielt Dellys allenfalls eine Nebenrolle. Nach Italien beispielsweise gelangen Daten der EU-Grenzschutzagentur Frontex zufolge in nur einem Monat bis zu 27.000 Menschen über das Mittelmeer. Dort beträgt die Distanz vom afrikanischen Festland zur italienischen Insel Lampedusa lediglich 138 Kilometer – von Dellys nach Mallorcas Südspitze Ses Salines ist es fast doppelt so weit.

Die Überfahrt

Rund 20 bis 24 Stunden dauere die Überfahrt Dellys-Mallorca, heißt es in den auf Arabisch verfassten Berichten. „Man kann es sogar in einer Nacht schaffen, wenn das Meer glatt ist. Auch mit einem kleinen Motorboot", sagt Juan Poyatos. Er weiß, wovon er redet. Der studierte Kriminologe, Skipper und stellvertretende Chefredakteur der „Gaceta Náutica" hat die Strecke selbst bereits mehrmals zurückgelegt. Ungefährlich sei das nicht: „Oft sind die Boote viel zu voll und niemand ist dabei, der wirklich Ahnung von Seefahrt hat."

Die Guardia Civil wollte sich auf wiederholte MZ-Anfrage nicht äußern, stellte in der Vergangenheit aber klar, dass man nicht davon ausgehe, dass organisierte Schlepperbanden zwischen Algerien und Mallorca unterwegs sind. „Meist sind es Gruppen junger Männer, die sich recht spontan zur Überfahrt entschließen", sagt auch Poyatos: Draufgänger, die, ohne lange zu überlegen, eine Überfahrt organisieren. Zwar schreiben arabische Medien immer wieder über kleine Händler in Dellys, die den harragas bei der Beschaffung von Booten und GPS-Geräten helfen, doch von organisierten kriminellen Vereinigungen ist auch in Algerien fast nie die Rede. Lediglich im Jahr 2007 wurden elf Menschen festgenommen, die im größeren Stil Informationen zur Überfahrt bereitgestellt und den Ankömmlingen in Spanien geholfen haben sollen, bürokratische Hürden zu umgehen.

Im Fall des jungen Lutfi waren die Männer allein unterwegs. Ihre fehlende Erfahrung wurde ihnen beinahe zum Verhängnis. „Es kam fast zu einem Zusammenstoß mit einem riesigen Schiff. Die Wellen, die von ihm ausgingen, waren so groß, dass einige fast über Bord gingen", schreibt Lutfi über seine nächtliche Überfahrt nach Mallorca.

Die Ankunft

Schließlich erreichten die jungen Männer am frühen Morgen die Insel. „Wir versuchten, das Boot zu versenken, doch es wollte nicht sinken. Wir gingen in einen Wald und zogen uns um. Lichter führten mich zu einem Dorf. Als ich es sah, fühlte ich mich wie im Paradies." Doch die Hochstimmung hielt nicht lange an. Nur wenige Stunden später wurde Lutfi von Beamten der Guardia Civil aufgegriffen. Es war das Ende seines Traums vom Ausreisen.

„Die Immigranten werden fast immer entweder sofort nach ihrer Ankunft aufgespürt – oder gar nicht mehr", sagt Juan Poyatos, der 2006 zum ersten Mal über eine pateras, ein Flüchtlingsboot, das Mallorca ansteuerte, berichtete. Seitdem sind rund 40 hinzugekommen. Die meisten landeten an der Südküste bei Santanyí, Sa Ràpita und Ses Salines.

„In der Regel kommen die Immigranten ohne Papiere. Einige geben an, aus Syrien zu stammen", sagt Juan Poyatos. Doch anhand einer bestimmten Impfnarbe am Arm und mithilfe von Übersetzern könne meist schnell festgestellt werden, dass es sich um Algerier handelt. Helfer vom Roten Kreuz kümmern sich am Anfang um die Ankömmlinge, leisten erste Hilfe oder bringen Decken und Verpflegung. „Viele von ihnen sind erschöpft und hungrig von der langen Reise", berichtet Rote-Kreuz-Sprecher Xavi Poso.

Die Abschiebung

Nachdem der Gesundheitszustand der Einwanderer sichergestellt ist, geht es für sie schnell weiter. Manchmal bleiben sie noch nicht mal einen ganzen Tag auf Mallorca, sondern werden direkt in Auffanglager für illegale Einwanderer auf dem spanischen Festland gebracht.

So auch Lutfi. „In Valencia wurden uns Essen und Trinken angeboten und eine Schlafstätte", schildert er. Nach 15 Tagen brachten sie ihn weiter nach Alicante, dann zum Konsulat. Wenig später stach das Schiff zurück nach Algerien in See.

„Die ganze Prozedur dauert meist 30 bis 45 Tage vom Augenblick an, in dem die Menschen aufgegriffen werden", so Juan Poyatos. Einen Antrag auf Asyl stelle so gut wie niemand – es wäre ohnehin aussichtslos, sagt er. In Algerien herrscht kein Krieg und auch kein Hunger. Große Perspektiven haben die meisten jungen Menschen trotzdem nicht. „Es ist fast unmöglich, sozial aufzusteigen", sagt Juan Poyatos. „Diejenigen, die kommen, sind meist junge Männer aus der Mittelschicht, in ihrem Land haben sie kaum eine Möglichkeit, ihren Lebensstandard zu verbessern." Von Europa erhoffen sie sich genau dies. Mallorca sei dabei meist nicht das Ziel, sondern nur eine Art Trampolin in Richtung spanisches Festland oder Frankreich.

Das bestätigt auch Carlos Martín, Koordinator der Aufnahme-Kampagne „Jo acull" vom Balea­ren-Verband von Amnesty International. Doch er betont: „Vielen Menschen in Algerien geht es dauerhaft schlecht. Und einige hätten sehr wohl ein Anrecht auf Asyl." Gemeinsam mit seinen Mitstreitern plädiert Martín dafür, dass die EU und speziell die spanische Regierung den Menschen in Nordafrika legale Zugangsmöglichkeiten eröffnet . „Dass das Mittelmeer ein Massengrab ist, ist bekannt. Aber wie viele tausend Menschen tatsächlich jährlich darin sterben, kann niemand genau sagen."

Dass auch auf der Route von Dellys nach Mallorca Menschen umkommen, davon ist bisher nichts bekannt. Auszuschließen ist es nicht. Dunkelziffern und Vermutungen – sie spielen auch bei der Frage eine Rolle, wie viele harragas tatsächlich nach Mallorca gelangen. „Gezählt werden ja nur die, die gefasst werden. Und das ist nur ein Bruchteil", ist sich Juan Poyatos sicher. Ihm widerstrebt es deshalb auch, wie die Zentralregierung von einem Anstieg der Zahlen zu sprechen. Dass mehr Menschen aufgegriffen wurden, heiße nicht, dass vorher weniger gekommen sind. „Vermutlich funktioniert das Küstenwachsystem momentan einfach besser, auf das ist ja auch nicht immer voll Verlass."

Das Wachsystem

Die Rede ist vom „Sistema Integral de Vigilancia Exterior", kurz SIVE, das die spanischen Grenzen vor irregulären Einwanderern und Drogenschmugglern sichern soll und von der Guardia Civil geleitet wird. Es besteht aus einem Radarsystem und Kameras, die tags und nachts die Küstengewässer überwachen, sowie akustischen Sensoren. Nähere Angaben zu den Standorten der Installationen oder zu ihrer Zuverlässigkeit will die Guardia Civil nicht machen. Bekannt ist jedoch, dass SIVE beispielsweise ein Boot entdeckte, das in der Osterwoche nach Mallorca kam – nicht aber die drei pateras im Mai.

Ein neues Überwachungssystem soll bald für eine höhere Trefferquote sorgen. „Seahorse Mediterráneo" (Seepferdchen des Mittelmeers) nennt sich der neue, mit EU-Geldern finanzierte Satellit, der ab dem kommenden Jahr zuverlässig Boote schon weit vor der mallorquinischen Küste orten soll.

Je mehr Überwachung, desto besser, findet Juan Poyatos. „Nur, wenn es unmöglich ist, übers Meer nach Spanien zu gelangen, um dort ein neues Leben anzufangen, werden die Leute vielleicht aufhören, es zu versuchen. Das könnte viele Menschenleben retten."

Der junge Lutfi klingt in seinem Erfahrungsbericht nicht so, als ob ihn das abschrecken könnte. „Lieber werde ich zum Futter der Fische, als dass ich in diesem Land bleibe, das mir kein Leben bietet", schreibt er.

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