Bratwurst auf Mallorca: Hundefutter, Sattmacher, Delikatesse

Seit 70 Jahren wird der Imbiss auf der Insel verkauft. Das Geschäft ist hart umkämpft. Erkundungen in einem deutschen Universum

19.07.2017 | 11:51
Der halbe Meter ist der Hit im Sommer. In der Nebensaison ist die klassische Bratwurst beliebter.

Der jüngste Neuzugang ist Hubert Grapentin. „Lotterleben" hat er den Bratwurst-Stand in Palmas zentraler Markthalle Mercat de l'Olivar genannt. So richtig brummt das mit zwei Partnern betriebene Geschäft noch nicht. Grapentin schiebt das auf die Konkurrenz der Markthalle von Santa Catalina und darauf, dass die Kreuzfahrt-Urlauber mit vollem Magen durch die Stadt ziehen. Doch Grapentin ist beim großen Business mit der Bratwurst auf Mallorca dabei – und greift dafür auf die Würste der Metzgerei Karl Oberst zurück.

Die Pioniere

Karl Oberst, das ist der Bratwurst-Pionier schlechthin auf der Insel. Ein Deutscher, der mit 17 Jahren in den Zweiten Weltkrieg ziehen musste und nach seiner Zeit als Kriegs­gefangener in Frankreich eine Katalanin kennenlernte. „Gemeinsam beschlossen sie, eine deutsche Metzgerei auf Mallorca zu eröffnen", erzählt sein Sohn Alberto Oberst. Aus der Beziehung wurde nichts, aus dem Geschäft schon. Im Jahr 1947 brachte Karl Oberst die Bratwurst auf die Insel. „Die Anfänge waren hart. Die Mallorquiner dachten, mein Vater will ihnen Hunde­futter verkaufen." Die Fabrik hat sich bis heute in Palmas Gewerbe­gebiet Son Castelló gehalten.

Die Konkurrenz kam 1969 auf die Insel. Horst Abel, ein Metzgermeister aus Fulda, witterte bei einem Inselurlaub das große Geschäft und investierte zunächst 30.000 Mark in eine kleine deutsche Metzgerei in Arenal. 1971 eröffnete der geschäftstüchtige Unternehmer einen ersten Imbiss in Peguera – der Grundstein für die Abel's-Kette, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolges Ende der 80er-Jahre mehr als ein Dutzend Lokale auf der Insel betrieb. Der „Wurstkönig" starb 2008, sein Unternehmen wird heute von seinen Kindern Dirk und Alexandra geführt und beschränkt sich hauptsächlich auf die Fleischerei. „20.000 Bratwürste produzieren wir pro Woche", sagt Dirk Abel. Vertrieben werden sie an zwei eigenen Verkaufspunkten im Alcampo-Einkaufszentrum und in Peguera sowie über Partnergeschäfte.
Wie die Metzgerei Karl Oberst bezieht auch Abel's das Fleisch aus Katalonien. „Auf Mallorca gibt es keine richtige Schweinefarm", sagt Dirk Abel. Die Gewürze lassen sich die Metzger aus Deutschland liefern. Das hat einen guten Grund: Bratwürste auf Mallorca müssen nach deutschen Bratwürsten schmecken – sonst werden sie nicht gekauft. Zwar gibt es auch auf Mallorca ähnliche Produkte – die spanische longaniza etwa oder die katalanische botifarra –,
aber sie werden gewöhnlich weder als Imbiss gereicht noch schmecken sie wie die salchichas alemanas.

Big Business an der Playa

„Die spanischen Schweine leben in einem anderen Klima und werden anders gefüttert. Das merkt man im Geschmack", findet auch Markus Engstler, der das Grillmeister-Franchise leitet. Die Qualität des Fleisches in Deutschland sei höher. Grillmeister, das ist derzeit der Branchenprimus in den Urlauberhochburgen: zwölf Läden an der Playa de Palma – fünf davon im Bierkönig –, einer an Palmas Paseo Marítimo und einer in Peguera. Die Wurstwaren werden von einer Fleischerei in Thüringen bezogen. „Die Produkte werden nur für uns hergestellt. Die gibt es nicht im Einzelhandel und in keinem anderen Restaurant", wirbt Engstler. Gegründet wurde die Kette bereits 2002. Da der Name Grillmeister außerhalb von Spanien schon rechtlich geschützt war, heißen weitere Filialen in Portugal und Deutschland Wurstmeister.

Bratwürste an deutsche Urlauber zu verkaufen, die nichts mit Tintenfisch anzufangen wissen, das ist heute wie damals ein gutes Geschäft. Und es ist umkämpft. Als Konkurrenz zur Bierkönig-Grillmeister-Kette lancierte Megapark-Besitzer Cursach vor fünf Jahren die Wurstkönig-Kette. Auch hier war der Name nicht unproblematisch. Ein Unternehmen aus Bochum hatte ihn bereits für den europäischen Markt schützen lassen und gewann den Rechtsstreit. Deswegen musste der Wurstkönig vergangenes Jahr zum Wurstkaiser mutieren.

Heute gehören fünf Filialen an der Playa und eine in Peguera dazu. Sie werden beliefert von der Kölner Wurstfabrik Hardy Remagen. 100 Tonnen im Jahr kämen da schon zusammen, sagt Wurstkaiser-Chef Gerald Kendlbacher und wirbt seinerseits: „Hardy Remagen ist auch für das Catering in deutschen Fußballstadien zuständig." Nur die
Käsekrainer lässt der Österreicher aus seiner Heimat von der Firma Kletzl liefern. In der Hochsaison sei der halbe Meter Bratwurst für 3,90 Euro der Hit, sagt Kendlbacher. „Die älteren Touristen in der Nebensaison haben die klassische Bratwurst lieber." Die gibt es für 2,90 Euro. Der Imbiss direkt am Eingang des Mega­parks mache an einem Tag am Wochenende über 10.000 Euro Umsatz, verrät ein Mitarbeiter.

Der Bratwurst-Boulevard

Auf den Geschmack der Bratwurst gekommen ist inzwischen auch das deutsche Privatfernsehen mit seinen Auswanderersendungen. Grillmeister gegen Grillkaiser findet hier seine Entsprechung in Müller gegen Lorenz. Ballermann-Sternchen Melanie Müller hat im Carrer Llaüt auf Höhe des Balneario 7 Mitte April eine Grillmeister-Filiale übernommen und wird seither vom Fernsehen begleitet.

Direkt gegenüber liegt das Crazy Curry Wurst Haus von Patrick Lorenz, der bereits seit vergangener Saison an der Playa grillt und bei der Wahl des Standortes bewusst auf die Nähe zur Konkurrenz setzte: „Die Grillmeister-Filiale gibt es seit vielen Jahren, und die läuft so gut, dass sich immer eine lange Schlange bildet. Ich hoffe, dass die Leute keine Lust haben zu warten und zu mir kommen." Auch Lorenz lässt sich von Kameraleuten über die Schulter ­blicken – das Geplänkel zwischen den beiden soll die Zuschauer fesseln.

Kulinarisch setzt der 25-jährige Patrick Lorenz auf sieben hausge­machte Currysaucen und unterschied­liche Schärfegrade. Seine Würste bezieht er wie der Wurstkaiser von der Firma Hardy Remagen, und auf den Grill kämen sie erst bei Bestellung: „Dauert zwar länger, schmeckt aber besser." Aus dem Grillmeister-Franchise-Programm hervorstechen will auch Melanie Müller. „Das ist hier nicht wie bei McDonald's, wo die Lage vom Salatblatt haargenau vorgeschrieben ist." Das Standard­angebot hat sie mit einem Menü erweitert: Champagner und Currywurst für 8 Euro. Zudem lässt sich die 28-Jährige Lachsbratwürste aus Usedom liefern. „Die sind weniger fettig, schmecken aber nach Fisch."

Stilvoll in Port d'Andratx

Das klingt schon ein klein wenig nach der edlen Variante, die im noblen Port d'Andratx feilgeboten wird. In „Curry&Style" gibt es keine Neonbeleuchtung. „Wir sehen herkömmliche Imbissbuden nicht als Konkurrenz, wir ziehen ganz anderes Klientel an", so Besitzer Benjamin Seitz. „Wir haben Champagner, aber eben auch Currywurst. Fast Food kann gemütlich und qualitativ hochwertig sein." Seine Wurstwaren bezieht er, wie die Wurstkaiser-Gruppe, von Hardy Remagen in Köln.

Solide in Cala Ratjada

Dass Bratwurst auch ganz anders geht, nämlich qualitativ hochwertig, wissen Harry Brill und seine Frau Anita schon lange. Die beiden betreiben seit dem Jahr 2000 im Insel­osten, in Cala Mesquida, eine Landmetzgerei: Leberkäse, Bockwürstchen, Pasteten und Streichwürste lassen vergessen, dass man sich auf Mallorca befindet. In den Kühlkammern lagert rohes Fleisch vom spanischen Festland. Die Handarbeit und die Insellage haben ihren Preis: Der Brill nimmt 50 bis 60 Prozent mehr als in Deutschland für seine Ware. Zur Landmetzgerei kommen weder Schnäppchenjäger noch zufällige Laufkundschaft – zu abgeschieden ist die Lage, zu günstig ist es bei Discountern wie Lidl oder Aldi. „Heute bestellen manche Leute ihre Wurst sogar im Internet aus Deutschland und lassen sie sich bis vor die Haustür auf Mallorca liefern." Beschweren über zu wenige Aufträge können sich die Brills trotzdem nicht – eher über zu viele. „Hotels beliefern wir grundsätzlich nicht, nur ein paar ausgewählte Restaurants im Umkreis." Privatleute kommen von der ganzen Insel, trotz der Entfernung. „Es geht alles über Qualität", sagt Brill.

Eine solide Wurst gibt es in Cala Ratjada auch bei „Bernd und Elli". Seit 2015 leiten Bernd und ­Elisabeth Grönebaum den Meck'l Grill. Gewürze lassen sie aus Deutschland anliefern, nicht aber die Würste. „Die bekommen wir von zwei Schlachtern aus Palma, die sie extra an unsere Wünsche anpassen." Eine Kette steckt nicht hinter ihrem Grill. „Wir machen das ganz eigenständig und das ist auch gut so", sind sich die beiden einig. Sie klingen nicht traurig darüber, dass Grillmeister und Co. im Inselosten keine Ableger haben. Auch sonst haben sie in Cala Ratjada keine direkte Konkurrenz, von Restaurants, die neben vielem anderen auch Currywurst auf der Karte haben, einmal abgesehen. Lachend deutet Bernd Grönebaum auf seine Schürze. „Grillgott – es kann nur einen geben" steht darauf. „Nein", sagt er besänftigend und zwinkert. Er wolle ja keinen Ärger mit den Großen. „Jeder soll sein Ding machen. Wir verkaufen das, was uns selbst schmeckt, einfache Kost, aber gut."

Bei María rund um die Uhr

Und die Spanier? Für die ist Bratwurst immer noch etwas Exotisches. „Mallorquiner kaufen die kaum. Höchstens diejenigen, die schon mal Bratwurst in Deutschland gegessen haben", sagt Werner Wiedemann, seit 28 Jahren im Geschäft und derzeit mit Würsten von Karl Oberst auf Wochenmärkten zugange.

Was nicht heißen soll, dass die Spanier nicht wüssten, was das für ein Geschäft sein kann. María Mota betreibt mit ihrem Mann eine Würstchenbude direkt neben dem Mega­park. Auf dem Schild steht Abel's. Der deutsche Fabrikant beliefert den Imbiss, die Geschäftsleitung obliegt aber dem spanischen Ehepaar. Es ist der einzige Imbiss an der Playa, in dem es rund um die Uhr, 24 Stunden lang, Bratwurst gibt.

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