Endlich mal normale Leute auf Mallorca

Es gibt sie noch: Urlauber, die auf die Insel kommen, um ganz friedlich eine Woche mit Sonne, Strand und ja, auch mit Sangría, zu verbringen. Der Rummel um die Party-Urlauber lässt das vergessen.

07.08.2017 | 12:55
Timo (l.), Diana, Carola mit Emil und Bernhard in einem Restaurant an der Playa.

Es ist eine dieser ganz einfachen Wahrheiten, die leider oft überhört werden: Wer am lautesten schreit, hat noch lange nicht recht. Gerade ist das Gepolter um ein Mallorca der Exzesse, eine Insel im Ausnahmezustand groß. "Nazi-Skandal am Ballermann", hieß es in deutschen Medien, nachdem eine Neonazi-Gruppe im Umfeld der Bierfahnen im Bierkönig am 9.6. mit einer Kriegsflagge provozierte. "Malle im Prügelwahn" war zu lesen, nachdem Flip-Flop tragende Deutsche an der Playa aufeinander losgingen.

Auch die MZ berichtete über diese und weitere Fälle, weil sie besorgniserregend sind. Gleichzeitig stellen sie aber den Urlaubsalltag all jener in den Schatten, die hier in aller Ruhe die sonnige Seite des Lebens genießen wollen. Wie Familie King aus den Niederlanden. Sylvia (39), Dennis (42) und Destiny (13) machen Badeurlaub auf der Insel – und zwar am Ballermann. "Wir sind eine Woche hier, um den Strand zu genießen", sagt Sylvia. Von dem ganzen Rabatz der letzten Wochen haben sie gelesen, mitbekommen aber nichts. "Wahrscheinlich schlafen wir schon, wenn es hier losgeht", sagt Bauarbeiter Dennis. Das Einzige, was sie sich wünschen würden, wären mehr Kinder am Strand, mit denen ihre Tochter spielen könnte.

Johanna E. (22) und Christian W. (27) sind jung, zum Spielen ist das Paar aus Rheinland-Pfalz aber nicht hier. Dass sie am Ballermann gelandet sind, war eher Zufall. "Wir haben verschiedene Hotels angeschaut und uns dann eher nach dem Preis als nach der Lage entschieden", sagt Johanna. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin, er hat gerade sein BWL-Studium beendet. Mit dem Mietwagen wollen sie die Insel erkunden. Ins Tramuntana-Gebirge fahren, sich das Cap Formentor anschauen. Ja, den Megapark haben sie sich auch schon angesehen. Um 11 Uhr morgens sei da schon eine Menge los. "Ich finde es aber viel zu schade, die ganze Woche nur mit Trinken zu verbringen", sagt Johanna.

Die Playa sei Qualität


Wie sich das anfühlt, weiß Lehramts-Referendar Timo Pach (29) aus Oberhausen (Nordrhein-Westfalen). Wir treffen ihn und seine Familie in einem Restaurant, in der ersten Reihe an der Playa. Er, seine Frau Diana (29), Sohn Emil (22 Monate) verbringen hier den Nachmittag zusammen mit den Großeltern Carola (48) und Bernhard (58), die für drei Wochen auf einer Finca in der Nähe von Artà wohnen. Timo ist lieber am Ballermann. Seit 2007 macht er hier mehr oder weniger regelmäßig Urlaub. "Mit dem Fußballverein", sagt er. Mit seiner Familie ist er zum ersten Mal hier. Weil der Strand schön und auch gepflegt ist. Das sei die Qualität der Playa, und die sei in den letzten Jahren sogar gestiegen, berichtet er.

Juan Miguel Ferrer wird sich sicher freuen, das zu hören. Der Unternehmer aus Mallorca ist Mitbegründer der Marketing-Offensive "Palma Beach". Die Vereinigung mehrerer Hoteliers und Gastronomen hat dem ­Sauftourismus den Kampf angesagt. Sie wollen den „normalen" Tourismus an der Playa fördern. Doch was meinen sie damit? "Normal ist, wer nicht um 11 Uhr morgens betrunken ist, sich auf der Straße übergibt, den Strand verschmutzt, herumschreit, Leute belästigt und Schlägereien anzettelt", sagt Ferrer der MZ. Beim Stichwort
Qualitätstourismus komme es nicht darauf an, wie viel Geld jemand verdiene, sondern wie er sich verhält.

Und wie gewinnt man solche Touristen? "Indem man qualitativ hochwertige Angebote schafft", sagt Goran Goic, Sprecher von Alltours, deren Hotelkette Allsun mit 26 Häusern auf der Insel Marktführer ist. "Damit gemeint sind hochwertige Zimmer, Fitness, Wellness oder auch hauseigene Fahrradwerkstätten." Allsun-Hotels sind auf Zielgruppen abgestimmt. An der Playa betreibt man ein Lifestyle-Boutiquehotel. Wichtig sei es, dass man "preisstabil bleibe", sagt Goic diplomatisch auf die Befürchtung, dass Qualität auch koste.

Die größte Gruppe ist die der Familien

Wie groß ist die Gruppe der Partytouristen? "Wir können sagen, wir haben gut 33 Prozent Familien, 52 Prozent Paare, fünf Prozent Singles und 10 Prozent Kleingruppen wie Kegelvereine", sagt Mario Köpers, Sprecher des Reiseveranstalters Tui. Der Großteil der Urlauber wolle Strand- und Erholungsurlaub machen und sich vielleicht auch noch sportlich betätigen. Wobei man die Partytouristen nicht verteufeln wolle, solange das Feiern im Rahmen bleibe.

Auch bei Thomas Cook sei die Mehrheit der Gäste Familien, Pärchen oder Alleinreisende, die Ruhe und Erholung suchen, so Sprecher Sascha Büsseler. "Partyurlauber sind eine kleine Minderheit, die sich beispielsweise an der Playa de Palma konzentriert", sagt Brüsseler. Und die kräftig angezogenen Preise? "Die Preise sind in den letzten Jahren aus zwei Gründen etwas gestiegen. Zum einen haben die hohen Investitionen dazu beigetragen. Es ist ja sehr gut nachvollziehbar, dass ein Hotelier, der mehrere Millionen investiert, die Preise anziehen muss." Der andere Grund für die Preissteigerung sei die gestiegene Nachfrage. "Für die nächste Saison rechnen wir nur noch mit einem leichtem Anstieg, da im Allgemeinen die Kaufkraft der Urlauber nicht viel größer geworden ist."

So geht es in Cala Ratjada zu

Wie sieht es in Cala Ratjada aus, der deutschen Hochburg im Nordosten? Im Green Garden Apartmenthotel hat man sich auf Familien spezialisiert. Tagsüber wimmelt es an der großen Pool-Landschaft von Kids, vor allem das große Piratenboot ist ein Highlight. Zehn Animateure bespaßen die Kleinen und Größeren aller Altersklassen. "Allgemein ist in den vergangenen Jahren eine Veränderung spürbar", sagt Hotel­direktor Joan Company. "Die Hotels segmentieren viel mehr als früher. Es gibt immer mehr Adults-only-Hotels."

Früher sei nicht so strikt getrennt worden. "Auch die Reiseveranstalter achten mehr darauf, keine Trinktouristen mehr zu uns zu schicken. Denn letztlich gibt es dann doch nur Beschwerden wegen Ruhestörung." Einwohner warnen immer wieder davor, dass der Küstenort sich zum zweiten Ballermann entwickeln könnte. "Wir sagen den Gruppen beim Einchecken ganz klar, dass sie sich im Hotel vertan haben und dass wir ein Familienhotel sind. Wir bieten ihnen an, ihr Geld zurückzubekommen, wenn sie sich ein anderes Hotel suchen", so Hoteldirektor Company.

Ähnlich strikt geht es im R2 Bahia Playa Hotel zu, wenige Hundert Meter vom Green Garden entfernt, zu. Hier ist der Zutritt ab 18 Jahren. Doch auch Adults only ist mitnichten gleichbedeutend mit Partyvolk. "Es ist total ruhig hier", sagt Alica Mordhorst, die zusammen mit David Passer in Cala Ratjada Urlaub macht. Das Paar ist aus der Nähe von Lübeck angereist, will eine Woche ausruhen und Natur und Meer genießen. "Mit 19 war ich mal am Ballermann. Das war etwas ganz anderes. Hier ist es entspannt", sagt er.

Das bestätigen auch Sebastian Herrmann (20) und seine Freundin Jana Kunkel (19), die ebenfalls im Bahia Playa wohnen. "Wir sind jeden Tag am Strand, und abends gehen wir mal einen Cocktail trinken", sagt sie. Von Besäufnissen kann nicht die Rede sein. "Meist sind wir um 23 Uhr schon wieder zurück im Hotel." Ihnen gefällt die gute Mischung aus Bars und Ruhe im Ort. "Hier beschränkt sich die Feierei ja auf eine Straße." Eben jene heißt Carrer Eleonor Servera und ist die Hauptstraße des Urlaubsorts. Hier befinden sich zahlreiche Discos und Kneipen.

Mit denen haben Hermann (71) und Marion Klose (69) nicht viel am Hut. Sie kommen seit Jahrzehnten nach Cala Ratjada in den Urlaub. "Die jungen Leute sollen sich nachts ruhig vergnügen, wenn sie nicht übertreiben", sagt Marion. Hermann wacht meist schon gegen sechs, halb sieben morgens auf. "Wegen meines Rückens", sagt er. Dann nutzt er die Ruhe und Kühle für einen Morgenspaziergang am Meer. "Wir lesen viel, gehen baden, machen Ausflüge mit dem Mietwagen", berichten sie. "Und lecker Essen gehen gönnen wir uns auch mal im Urlaub." Normalsein tut halt gut. Nicht nur der Insel.

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