Große Ferien auf Mallorca: Elf Wochen ganz auf sich allein gestellt

Für viele Kinder in sozialen Brennpunkten und aus zerrütteten Familien ist der Sommer kein Vergnügen. Eine Bestandsaufnahme auf Mallorca

23.08.2017 | 06:11
Das Bild ist gestellt, das Phänomen real: Etwa 580.000 Schlüsselkinder werden in Spanien während der Sommerferien allein gelassen.

Im kleinen Hafen des Club Náutico in Portixol in Palma de Mallorca herrscht fröhliches Treiben. Geschickt manövriert Guillermo (13) ein kleines Segelboot an die Anlegestelle, auch Alessandro (7) hilft mit. „Gut gemacht", lobt Betreuerin Marta Colóm. „Jetzt gibt es Essen", freut sich Alessandro und fügt hoffnungsvoll hinzu: „Vielleicht wieder Paella."

Guillermo und Alessandro sind Teilnehmer der Sommer-Segelkurse, die der Club Náutico Portixol während der Sommerferien organisiert. Für 120 Euro pro Woche wird 5- bis 17-Jährigen werktags von 10 bis 14 Uhr das Segeln beigebracht. Danach gibt es gemeinsames Mittagessen im Restaurant am Hafen. Elf Wochen Sommerferien – für Alessandro und Guillermo vergehen sie wie im Flug. „Nächstes Jahr machen wir wieder mit", sagen beide mit strahlenden Augen.

Rund 2,5 Kilometer insel­einwärts, in Palmas Brennpunktviertel Son Gotleu, heult ein kleines Mädchen vor Wut auf. Sie ist sechs Jahre alt, sieben vielleicht. „Lass mich in Ruhe", schreit sie einen etwas älteren Jungen an, der sie an den Haaren gezogen hat. Leo – so stellt er sich kurz darauf auf MZ-Nachfrage vor – hat dieselbe dunkle Hautfarbe und die krausen schwarzen Locken wie seine kleine Schwester Maryah. Die Geschwister wohnen in einem der heruntergekommenen Plattenbauten einige Straßen weiter. Von spannenden Segelabenteuern, wie sie Guillermo und Alessandro erleben, können die Geschwister nur träumen – ganz zu schweigen von Urlaubsreisen oder Feriencamps mit Übernachtung. Viel zu teuer sind die Angebote, als dass ihre Eltern sie bezahlen könnten. Stattdessen verbringen Leo und Maryah die Sommer­ferien tagsüber größtenteils auf der Straße oder im Park um die Ecke. In der Regel allein. „Mama hat gesagt, wir dürfen immer nur zum Essen in die Wohnung kommen und sollen sonst draußen bleiben, damit wir sie und unsere zwei kleinen Geschwister nicht stören", erklärt Leo.

Monatelang fast auf sich allein gestellt – ähnlich wie Leo und Maryah ergeht es auch anderen Kindern. In Spanien bleiben laut einer Studie der Hilfsorganisation Educo etwa 580.000 Kinder und Jugendliche während der Sommerferien tagsüber kurzzeitig oder auch stundenlang allein. Zum einen gibt es die Schlüsselkinder, deren Eltern außer Haus sind, weil sie arbeiten müssen. Schließlich kann sich kein Arbeitnehmer elf Wochen lang freinehmen – erst recht nicht auf Mallorca, wo die Sommermonate für viele die einzige Zeit sind, in der sie Arbeit finden. Zum ­anderen gibt es Kinder wie Maryah und Leo, deren Eltern zwar zu Hause sind, sich aber trotzdem nicht angemessen kümmern.

„Häufig ist die Armut der Familien schuld daran, dass die Kinder nicht an Betreuungsangeboten teilnehmen können", so Educo-Sprecherin Vanessa Pedrosa. Doch was ist Armut? Die balearische Sozialministerin Fina Santiago verweist auf Daten des spanischen Statstikamts INE. Demzufolge leben rund 15,5 Prozent der Kinder auf den Balearen an der Armutsgrenze. „2014 waren es noch 21 Prozent. In keiner anderen Region Spaniens ist die Quote so stark zurückgegangen", so Santiago. Als „arm" werden diejenigen Haushalte bezeichnet, deren Jahreseinkommen 60 Prozent unter dem spanischen Durchschnittseinkommen liegt. Bei einer Familie mit zwei Kindern sind das etwa 16.800 Euro. In Unicef-Studien werden andere Berechnungen angestellt, denen zufolge sogar ein Viertel aller Kinder auf den Inseln an oder unter der Armutsgrenze lebt.

So oder so, Fina Santiago weiß, dass auch 15,5 Prozent Kinderarmut noch weit vom Idealzustand entfernt ist. Doch dass alle Kinder aus sozialschwachen Familien ohne Betreuungsangebote auskommen müssen, weist sie entschieden zurück. „Ich kann nicht garantieren, dass wir 100 Prozent aller Fälle abdecken, aber die finanziellen Hilfen, die wir bieten, ermöglichen so gut wie allen Kindern ein Mindestmaß an öffentlicher Betreuung im Sommer."

Neben den generellen Hilfsmitteln wie der langfristig angelegten Sozialhilfe (renta social) und der punktuellen Sozialhilfe (renta mínima de inserción) gibt es spezielle Fonds an den Schulen: Rund 1,5 Millionen Euro hat das balearische Sozialministerium an die öffentlichen Bildungseinrichtungen auf den Inseln verteilt, um bedürftigen Kindern dort eine kostenlose oder günstigere Mittagsmahlzeit zu ermöglichen. Eine weitere Million Euro gibt es für soziale Notfälle an Schulen. „Die Gemeinden, die die Finanzen verwalten, verwenden die Gelder auch dazu, Schulangebote während der Sommerferien zu subventionieren."

Escuelas de verano nennen sich die Angebote, die fast alle öffentlichen Schulen in der Ferienzeit anbieten. Statt Lehrer sind ­monitores de tiempo libre im ­Einsatz, statt auf Mathematik oder Rechtschreibung liegt der Schwerpunkt auf Spiel- und Bastelangeboten. Rund 60 Euro pro Woche müssen Teilnehmer für das Halbtagsangebot zahlen, gut 30 Euro kommen für anschließendes Essen in der Schulmensa hinzu. Viele Gemeinden organisieren zudem gemeinsam mit Sportvereinen Betreuungsangebote zu günstigen Preisen. In Palma beispielsweise können Eltern ihr Kind für 185 Euro im Monat für die sportliche Halbtagsbetreuung anmelden.

Das ist günstig, aber für sozial Schwache nicht zu stemmen. „Aber es gibt für sie zahlreiche Möglichkeiten, die Gebühren teilweise oder komplett erstattet zu ­bekommen", so Irene López vom Rathaus in Palma. Allerdings: Die Familien müssen die Unterstützung selbst beantragen. Ganz nach dem Motto: Hilfe bekommt, wer um Hilfe bittet. „Das liegt dann in der Verantwortung der Eltern", betont Fina Santiago. Und der kommen eben nicht alle nach, so, wie es auch bei Maryah und Leo aus Son Gotleu der Fall zu sein scheint.

Das weiß auch Raquel Ríos von der Caritas Mallorca. Sie arbeitet mit bedürftigen Familien zusammen, die in den verschiedensten Lebenslagen Hilfe benötigen. Oft brächten finanzielle Probleme psychischen Stress mit sich, erklärt Ríos. „Manchmal scheitert es aber auch an sprachlichen Barrieren." In diesem Sommer organisierte die Caritas deshalb ein einwöchiges Feriencamp für Kinder aus ebenjenen Familien. Sechs Tage zelten in Colònia de Sant Jordi. „Damit die Kinder auch was Spannendes zu erzählen haben, wenn die Schule wieder losgeht." Und damit die Eltern – zum Großteil Arbeitslose mit Migrationshintergrund – für einige Tage entlastet werden. „Es kann problematisch werden, wenn die Kinder die gesamten Ferien über mit ihren Eltern zusammen sind", so Ríos.

Dabei sei es grundsätzlich erst einmal gut, wenn Kinder von ihren Eltern betreut würden, sagt Vanessa Gleede. Die deutsche Psychologin betreibt eine Praxis in Palma und hat selbst zwei Kinder. „Das ist normalerweise sogar besser als so manche escuela de verano." Nur wenn die Eltern überfordert seien, könne es pro­blematisch werden.

Auch die Situation der Schlüsselkinder, deren Eltern ihr Kind allein in der Wohnung lassen, schätzt Gleede nicht per se schlecht ein. „Es kommt natürlich vor allem auf das Alter und die Reife des Kindes an", sagt sie. Und auch darauf, ob Nachbarn oder Großeltern in der Nähe seien, die mal nach ihm schauen. Im besten Fall fördere das – je nach Charakter des Kindes – sogar dessen Selbstständigkeit. „Aber jeder Mensch braucht Struktur und Stimuli und zwar nicht nur vom Fernseher oder der Spielkonsole." Kleine Kinder könnten sich eine solche Struktur nicht allein schaffen. „Ein Kind mit sechs Jahren den ganzen Tag allein zu lassen ist Vernachlässigung und ein Fall fürs Jugendamt", so Gleede. Denn Langeweile tue nicht gut und könne Kinder auf dumme Gedanken bringen. „Von der Sicherheit ganz zu schweigen."

Doch wie deckt man solche Fälle auf? Gerade im Sommer ist das schwierig, denn öffentliche Zentren in den Stadtvierteln wie die casals del barri, in denen Kinder und Jugendliche oft zusammenkommen, sind in den Sommermonaten geschlossen, und auch auf die Schulen, die Probleme in Familien mitbekommen, ist im Sommer nicht zu zählen. „Das ist in der Tat ein Pro­blem", sagt Núria Estaras. Sie ist die Leiterin des Centro de Servicios Sociales in Son Gotleu. Seit Januar 2016 arbeiten hier elf fest angestellte Kräfte daran, gezielt im Brennpunktviertel zu intervenieren. „Auch wir können vor allem dann helfen, wenn uns Lehrer oder Familien von sich aus kontaktieren", so Estaras. Für fast alle Fälle gebe es dann Lösungen, die Kindern die Teilnahme an Sommeraktivitäten zu ermöglichen – wenn die Eltern bereit sind zu kooperieren. Zudem geht eine Mitarbeiterin im Sommer auch gezielt auf die Straße, um Kinder aufzutreiben, die durch das Raster fallen. So wie Leo und Maryah. „Sie animiert dann zum Fußballspielen und nimmt Kontakt mit den Kindern auf", so Estaras. Sie weiß: Ideal ist das nicht. „Ich freue mich, wenn die Schule wieder losgeht. Dann wird alles einfacher."

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