"Party, Palmen, Weiber, Bier!" - sexuelle Belästigung an Mallorcas Partymeilen

Dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist, kapieren alle Männer. Doch dass die Grenze vom harmlosen Flirt bis zur angsteinflößenden Annäherung schnell überschritten ist, geht oft im biergetränkten Balzverhalten unter. Gerade an Feier-Hotspots wie der Playa de Palma und Cala Ratjada

29.08.2017 | 10:13
Die Stimmung an den Urlaubsorten auf Mallorca ist oft angeheizt. Sexistische Partyschlager wirken nicht gerade deeskalierend.

Frau ist auf einer Party, hübsch zurechtgemacht, gut gelaunt. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird getanzt und gelacht. Doch alle paar Minuten nähern sich ihr unbekannte Männer. Auf dem Weg zur Toilette rufen sie ihr anzügliche Sprüche hinterher, auf der Tanzfläche kommen sie näher als angemessen. Einige lassen sich schnell abwimmeln, andere versuchen, nach ihr zu grapschen. Auf dem Nachhauseweg schlägt sie ängstlich einen Bogen um männliche Passanten.

Es gibt wohl keine Frau, die diese oder ähnliche Erfahrungen nicht schon einmal gemacht hat. Sexuelle Belästigung – mal mehr, mal weniger schwerwiegend – gehört zum Alltag der Frauen dazu. Vor allem in den touristischen Partyhochburgen auf Mallorca bleibt davon im Sommer niemand verschont.

Es ist 17 Uhr am Freitagnachmittag und die Sonne scheint warm auf die Playa de Palma. Noch sind hier auch Familien unterwegs, alles ganz harmlos. Doch rund um den Balneario 6 zeichnet sich bereits ab, worauf es hier wie jeden Abend in der Urlaubssaison hinauslaufen wird. Die Mehrheit der Urlauber beginnt mit dem Trinken, viele davon ganz im Zeichen von Peter Wackels Schlager-Hit: „Party, Palmen, Weiber und ein Bier". Eine junge Deutsche berichtet der MZ: „Klar werden wir hier ­ständig angemacht." Die Abiturientin ist mit vier Freundinnen aus Frankfurt angereist, jetzt liegen sie im Sand und genießen den Meerblick. „Die Jungs dort hinten waren schon drei Mal bei uns, um uns zum Trinken zu animieren." Als sie sich zu ihnen auf die Handtücher gelegt haben, schickten die Freundinnen die Jungs weg. „Das war uns dann doch zu viel", sagt die 18-Jährige und deutet auf eine Gruppe Deutscher, die etwa 50 Meter weiter weg liegen und Bier aus Dosen trinken. „Ich finde es schon okay, wenn sie flirten wollen. Aber manche checken einfach nicht, wo die Grenzen sind."

Grenzüberschreitung, sie ist wohl das größte Problem im Balzverhalten einiger Männer. „Dass Vergewaltigung schlecht ist, wissen alle. Aber bei sexueller Belästigung ist das für viele längst nicht so klar", bewertet Lucía Segura. Palmas Stadträtin weiß: Man muss unterscheiden zwischen sexueller Belästigung agresión sexista – also entwürdigenden oder beschämenden Bemerkungen und Handlungen oder unerwünschten körperlichen Annäherungen – und sexuellem Missbrauch agresión sexual, bei dem sexuelle Handlungen aufgezwungen werden. Lucía Segura ist als Gleichstellungbeauftragte mit dafür verantwortlich, dass im Jahr 2016 die Kampagne „No i Punt" (Nein und Punkt) ins Leben gerufen wurde. Ihr Ziel: belästigende Verhaltensweisen gegenüber Frauen sichtbar machen, die für viele als ganz normal gelten und hingenommen werden – und zwar von Männern wie auch von Frauen. „Häufig wird die Frau ja sogar belächelt, wenn sie klar sagt, dass sie es nicht in Ordnung findet, wenn ein Mann ihr einen Klaps auf den Po gibt. Dann wird sie als diejenige hingestellt, die keinen Spaß versteht."

Davon kann María ein Lied singen. Die 28-Jährige kellnert in einem der Bistros in erster Meereslinie an der Playa de Palma, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, wo die Abiturientinnen aus Frankfurt ihr Sonnenbad nehmen. Sie ignoriert die oft lüsternen ­Blicke der Männer, die vorübergehen. Schwieriger sei es mit denen der Kunden. Hier muss sie bis zu einem gewissen Punkt höflich ­bleiben. „Aber wenn sie mich anfassen, dann ist Schluss", berichtet die Spanierin energisch bei einer Zigarettenpause. „Manche denken ja hier, sie könnten sich alles erlauben, nur weil sie Männer und im Urlaub sind." Ob sie jemals jemanden deswegen angezeigt hat? „Ach was, dafür ist das doch viel zu normal hier", sagt sie. „Da würde die Polizei ja gar nicht hinterherkommen." In einigen Extremfällen sei wenigstens ihr Chef zur Hilfe geeilt und habe den Gästen Hausverbot erteilt. „Mehr kann man nicht erwarten."

Dass viele so denken wie María, vermutet auch Rosa Cursach. Die Leiterin des balearischen Frauen­instituts „Institut Balear de la Dona" beschäftigt sich täglich mit Gleichstellungsthemen. Sexuelle Belästigung ist an der Tagesordnung. Statistiken gebe es zu dem Thema nicht. „Aber wir schätzen, dass nur etwa 20 Prozent der härteren Fälle zur Anzeige gebracht werden, und das sind dann meist bereits schlimme Beispiele", so Cursach.

So, wie die Tat beim Piratenfest in Sóller Mitte Mai 2017: Vier Männer in Piratenkostümen umzingeln eine junge Frau, hindern sie minutenlang an der Flucht, begrapschen sie am ganzen Körper und versuchen, ihr die Hosen auszuziehen. Danach bagatellisieren sie den Fall. Oder Ende Juni, als eine Italienerin einen deutschen Urlauber anzeigte, der mitten in der Nacht in ihr Hotelzimmer einstieg, um sie zu befummeln. Oder Anfang Juli, als eine 34-Jährige bei der Polizei meldete, dass ein Teilnehmer des traditionellen Feuerlaufs Correfoc in Cala Ratjada ihr während des Spektakels unter den Rock gegriffen und sie an den Genitalien berührt hat. „Es ist traurig, dass es überhaupt so weit kommt", sagt Cursach. Sie ist aber über jeden Fall froh, der angezeigt und in den Medien aufgegriffen wird. „Das Thema muss auf den Tisch." Gar nicht förderlich sei hingegen die Geschäftspolitik vieler Diskotheken und Nachtlokale. „Wenn sie schon auf den Plakaten für Partys mit halb nackten Frauen werben und im Innenraum Go-go-Girls an der Stange tanzen lassen, dann wird die Frau automatisch zum Begierde-Objekt anstatt zu einer Person mit Rechten." Das sieht Sonia Vivas genauso. Die Pädagogin leitet das Büro für Hassdelikte der Ortspolizei von Palma. „Es fängt schon damit an, dass Frauen oft kostenlosen Eintritt in Discos haben. Dann bezahlen die Männer quasi dafür, dass Frauen da sind, und dementsprechend ist dann die Erwartungshaltung vieler Männer. Das ist Diskrimierung."

Mittlerweile ist es 18 Uhr und an der Playa de Palma steigt der Alkoholpegel langsam, aber sicher. „Geh mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich", tönt Mickie Krauses Stimme vom Band aus den Lautsprechern am Bierkönig. Auch eine blonde Mittvierzigerin grölt beherzt mit und scheint den Avancen ihres Nebenmanns alles andere als ablehnend gegenüberzustehen. „Die Frauen, die ein bisschen Körperkontakt nicht abkönnen, können ja zu Hause bleiben. So etwas regt mich sowieso immer auf, wenn grade die jungen Mädels nicht wissen, was sie wollen und dann einen Aufstand machen, weil es ihnen zu weit geht", wettert sie im Ruhrpott-Slang. „Ein bisschen Spaß kann doch nicht schaden."

Doch wo hört Spaß auf und wo beginnt die Belästigung? „Das ist immer unterschiedlich, von Person zu Person und von Situation zu Situation. Es ist dann Belästigung, wenn frau es als solche empfindet", erklärt Sonia Vivas. Sie hat beruflich viele Erfahrungen mit Belästigung gemacht und weiß: „Frauen sind häufig die größten Feinde der Frauen." Denn oft schlagen sie sich in kritischen Situationen auf die Seite der Männer, um selbst besser dazustehen. „Dabei ist die Unterstützung durch das Umfeld der Schlüssel, um Belästigung vorzubeugen oder zu unterbinden", so Lucía Segura.

Wenn ein Unbekannter auf der Straße plötzlich hinter einer Ecke hervorspringt und ein Mädchen bedroht, dann kann diese normalerweise auf die Loyalität der Zeugen hoffen. Eine andere Sache aber sei es, wenn sich beispielsweise Mann und Frau auf einer Party kennenlernen, gemeinsam an der Theke ein Bier trinken oder tanzen und sich näherkommen. „In den Köpfen vieler reicht das dann schon als Freibrief dafür, dass der Mann so weit gehen kann, wie er will", so Rosa Cursach.

Im schlimmsten Fall endet das anfängliche Techtelmechtel in sexuellen Aggressionen oder gar Vergewaltigung. So, wie bei dem Fall Anfang Juni, als ein 23-jähriger Deutscher an der Playa de Palma eine Landsfrau in einer Diskothek kennenlernte. Die Frau ging mit ihm auf sein Hotelzimmer, als er mit ihr schlafen wollte, lehnte sie jedoch ab. Eine Grenzsetzung, die er nicht akzeptierte.

Claudia Ernst hat von solchen Fällen schon gehört, auch im Insel­osten. Im Sommer 2015 war die deutsche Polizistin zur Unterstützung der spanischen Guardia Civil in Cala Ratjada im Einsatz und ist seitdem regelmäßig vor Ort. Dort geht es ruhiger zu als am Ballermann, dennoch seien auch hier Belästigungen an der Tagesordnung, sagt sie. „Und ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer." Oft sei Alkohol im Spiel. Gerade bei jungen Leuten, die damit nicht umgehen können, wird das manchmal zum Problem. Vor allem Männer in größeren Gruppen neigten dazu, sich aufzuspielen und Frauen zu belästigen. „Häufig sind die Mädels auch betrunken und schnell mit der Situation überfordert." Viele würden anzügliche Kommentare oder unsittliche Berührungen einfach schlucken oder irgendwann weggehen, anstatt sich offen zur Wehr zu setzen.

„Es reicht ohnehin nicht aus, wenn allein bei den Frauen ein Umdenken stattfindet", so Sonia Vivas. Ihrer Meinung nach müssten auch die Männer umerzogen werden. Und zwar von Kindesbeinen an. „Die Geschlechterrollen sind so tief verankert. Uns wird in die Wiege gelegt, dass der Mann stark und dominant und die Frau lieb, gefügig und hübsch sein muss."

Wie zur Bestätigung weht nahe des Bierkönigs an der Playa de Palma nun der Hit der Ballermann-Stars Jörg und Dragan durch die Straßen: „Wenn ich dich seh, dann denk ich an ein Auto, denn deine Hupen sind so wunderschön." Und alle singen mit.

Wer Probleme mit sexueller Belästigung hat, kann sich an das „Ofícina de Delitos de Odio" in Palma wenden. Telefon: 650781644. Im Notfall direkt die 091 wählen

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