Selbstmorde auf Mallorca: Reden über ein Tabu

Selbsttötung ist die häufigste nicht-natürliche Todesursache in Spanien. Damit sich das ändert, gehen Psychologen auch auf der Insel jetzt in die Offensive

03.11.2017 | 16:00
Wenn alles ausweglos scheint - ein Anruf beim „Telefon der Hoffnung" kann helfen.

Es gibt noch nicht einmal aktuelle Statistiken. Die jüngsten beziehen sich auf 2015: 93 Menschen haben sich in jenem Jahr auf den Balearen das Leben genommen. 62 von ihnen waren Männer, 31 Frauen. Suizid ist die häufigste nicht-natürliche Todesursache in Spanien und die häufigste Todesursache bei jungen Männern zwischen 15 und 29. Etwa 4.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Spanien das Leben; die Zahl der Versuche, sich das Leben zu nehmen, wird auf über 240 geschätzt - am Tag. Weltweit bringt sich alle 40 Sekunden ein Mensch um. Ein Drama, meinen nicht nur die, die beruflich damit zu tun haben.

Trotzdem findet das Thema abseits der großen öffentlichen Debatten statt. Medien berichten, wenn überhaupt, nur unregelmäßig über Fälle von Selbsttötungen. Und selbst in den Familien, in denen sich ein Mitglied umgebracht hat, verschweigt man das Thema nur zu oft.

All das führt dazu, dass dem Suizid nicht die Aufmerksamkeit geschenkt wird, die er erfahren sollte. Da sind sich diejenigen einig, die beruflich jeden Tag mit dem Thema zu tun haben. Einer von ihnen ist Oriol Lafau. Der Psychologe ist seit Ende 2015 Koordinator für seelische Gesundheit beim balearischen Gesundheitsdienst IB-Salut. „Wir müssen das Thema aus der Tabuecke holen und angemessen über Suizid reden", sagt er. Es würde nicht besser, wenn man nicht darüber spricht. „Die Zahl der Suizide ist dadurch nicht gesunken."

Auf den Balearen ist die Forderung nach einem offensiveren Umgang mit dem Thema inzwischen weit verbreitet. Die Verantwortlichen der NGO „Teléfono de la esperanza", des Telefons der Hoffnung, bei dem Depressive und Suizidgefährdete einen Ansprechpartner finden (S. 5), luden kürzlich zu einem Pressegespräch, wo eben darum gebeten wurde. Man müsse das Tabuthema endlich in die Medien bringen.

Uneinigkeit über das Wie

Marià Gastalver, Leiter des Telefons der Hoffnung auf den Balearen, hat eine deutliche Meinung dazu. Die Medien sollten detailliert über Suizide berichten, „so wie über jeden anderen Unglücksfall auch. Natürlich mit Respekt." Die wichtigsten Daten, wo, wann und wie etwas geschehen sei, sollten aus dem Artikel oder dem Fernsehbeitrag hervorgehen. Wichtig sei, nicht nur über Statistiken, sondern über jeden einzelnen Fall zu berichten. Lediglich, was Fotos oder Filmaufnahmen betrifft, schränkt er ein: „Man sollte auf die Bilder verzichten, die zur Nachahmung einladen", sagt Gastalver.

Etwas anderer Meinung sind Oriol Lafau und seine Kollegin Mariona Fuster, die eine psychologische Praxis in Palma betreibt. Auch sie sind dafür, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken, allerdings nicht um jeden Preis.

Problem Werther-Effekt

Man habe durchaus beobachtet, so Fuster, dass nach Berichten über Selbsttötungen das sogenannte Suizid­verhalten zugenommen hätte. „Das liegt allerdings nicht daran, dass über die Selbsttötung berichtet wurde, sondern vor allem daran, wie es getan wurde." Der sogenannte Werther-Effekt ist in Zeitungsredaktionen - auch in der MZ-Redaktion - das stärkste Argument, warum über Suizide in den meisten Fällen nicht berichtet wird. Der Werther-Effekt ist vor allem bei spektakulären Fällen nachzuweisen. So stiegen 2009 nach dem Schienensuizid des Torwarts Robert Enke (deutsche Nationalmannschaft, Hannover 96) die Selbsttötungen in Deutschland deutlich an. Vor allem in den ersten zwei Wochen nach dem Ereignis brachten sich deutlich mehr Menschen auf Eisenbahnschienen um als im Jahresdurchschnitt. Bei der Berichterstattung im Fall Enke wurde nach Ansicht von Experten fast alles falsch gemacht, was man nur falsch machen könne. Die Berichte warfen nur so mit Details über die Umstände des Todes um sich. Außerdem fand sich Enkes Frau im Mittelpunkt des Medien­interesses wieder.

Psychologe Oriol Lafau spricht sich angesichts solcher Fälle für eine zurückhaltende Berichterstattung aus. In den Berichten solle auf Details verzichtet werden, sprich den Ort und die genauen Todesumstände. Auch Namen oder gar Interviews mit Angehörigen gehörten nicht in die Medien. Auch sensationalistische Schlagzeilen sollten tabu sein. „Vielmehr muss es darum gehen, den Sachverhalt in angemessener, nüchterner Sprache darzustellen und vor allem Hilfsangebote zu machen."

Ansprechpartner vermitteln

Gute Erfahrungen hat man in dieser Hinsicht in Spanien vor allem beim Thema häusliche Gewalt gemacht. „Hinter vielen Artikeln stehen Telefonnummern, wo Betroffene Hilfe finden. So etwas brauchen wir auch beim Thema Suizid", fordern Lafau und Mariona Fuster einmütig. So solle sich hinter jedem Bericht über einen Suizid etwa die Telefonnummer des „Telefons der Hoffnung" finden, fordert Fuster.

Kritisch sehen Psychologen und Psychiater die oft stark vereinfachte Darstellung der Medien in Bezug auf Selbsttötungen. Wenn es zum Beispiel in der Schlagzeile heiße „Selbstmord wegen Scheidung" entsteht der Eindruck, der Betroffene habe sich ausschließlich aufgrund der Trennung von seinem Partner getötet. „Das greift aber viel zu kurz", bemerkt Mariona Fuster. „In den allermeisten Fällen führen viele verschiedene Gründe zu einem Suizid, eine Trennung ist dann nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt." Kaum jemand nehme sich aus einem Reflex heraus das Leben. „90 Prozent aller Suizide sind eng an eine seelische Erkrankung geknüpft, zumeist an eine jahrelange Depression."

Leid statt Leben beenden

Und: Viele Menschen, die einen Suizidversuch verüben, wollen ihrem Leben eigentlich gar kein Ende setzen. Oriol Lafau erklärt, dass Menschen, die beispielsweise eine Überdosis von Medikamenten nehmen, in erster Linie ihren Schmerz stillen wollen. „Sie möchten ausruhen, schlafen." Mariona Fuster sagt: „Sie wollen den Zustand, in dem sie sich befinden, beenden. Sie wollen mit ihrem Leid Schluss machen. Aber nicht mit ihrem Leben." Mit Unterstützung, jemandem, der zuhört, könnte oft das Schlimmste verhindert werden.

Vor allem sei es wichtig, das ärztliche Personal zu schulen. „Wir wissen, dass etwa 50 Prozent der Menschen, die Suizid begehen, in der Woche vor der Tat entweder in der Notaufnahme eines Krankenhauses oder in einem Gesundheitszentrum Hilfe suchen", sagt Fuster. Deshalb müsse es dort unmissverständliche Protokolle geben, wie zu verfahren sei. Zwar würden die Ärzte und Krankenpfleger inzwischen immer besser die Anzeichen einer suizidal gefährdeten Person deuten, doch zu oft sei noch Zufall im Spiel.

Es gibt berechtigten Anlass zur Hoffnung, dass sich auf den Balearen in den kommenden Jahren einiges zum Besseren ändert. So will IB-Salut noch vor dem Jahreswechsel das sogenannte „Observatorio de Suicido" in Gang setzen. Oriol Lafau wird für das Observatorium federführend zuständig sein. „Wir haben bereits einen Verantwortlichen unter Vertrag genommen, der in der nächsten Zeit zunächst einmal Daten sammeln soll", sagt Lafau.

Zunächst muss ermittelt werden, wie viele Suizide es auf den Inseln tatsächlich gibt. Denn die 93 Fälle aus dem Jahr 2015 sind laut Lafau „nur die Spitze des Eisbergs". Schließlich werden zahlreiche Suizide später als natürlicher Tod oder auch als Verkehrsunfall deklariert, weil nicht mehr herauszufinden ist, wie die tatsächlichen Todesumstände waren. Auch die Gründe, warum Menschen Suizid begehen, sollen in dem Observatorium aufgearbeitet werden.

Plan zur Prävention

Im zweiten Schritt soll dann ein Plan zur Suizid-Prävention erarbeitet werden, um die Öffentlichkeit mit Kampagnen für das Thema zu sensibilisieren. „Das hat ja schließlich mit den Kampagnen für mehr Verkehrssicherheit auch geklappt", sagt Lafau. Marià Gastalver vom Telefon der Hoffnung stellt hier besonders die Kommunikation heraus. „Es ist wichtig, dass die Menschen miteinander reden, dass sie ein Netzwerk haben." In einem dritten Schritt sollen diejenigen, die beruflich mit Suiziden zu tun haben, gesonderte Fortbildungen erhalten.

Das große Ziel ist, die Zahl der Suizide auf den Inseln deutlich zu reduzieren. Dazu ein wenig beitragen könnte auch ein derzeit auf internationalen Festivals gezeigter Film namens „Suicidio". Der Mallorquiner Juan Andrés Mateos hat ihn gedreht. Er erzählt die Geschichte von Javier, einem Unternehmer, dessen Firma pleite geht und der dadurch die Hypothek seines Hauses nicht mehr bedienen kann. Er verschweigt die Situation seiner Frau und flüchtet sich in Alkohol und Beruhigungsmittel. Schließlich zieht er sich in das Landhaus seiner Eltern zurück, sieht eine Dokumentation über Suizid im Fernsehen und fasst den Entschluss, sich zu töten. Psychologen erklären parallel die Entwicklung, die Javier in dieser Zeit durchmacht. Der Film endet dann doch noch positiv: Javier entscheidet sich für das Leben. Daheim erwarten ihn schließlich seine Kinder.

Hier finden Sie Hilfe:
Seit bereits 30 Jahren gibt es auf den Balearen das Telefon der Hoffnung, das „Teléfono de la esperanza". Auf dem spanischen Festland wurde es vor 46 Jahren eingeführt. Mehrere ehrenamtliche Mitarbeiter, die zuvor psychologisch geschult werden, sitzen in einem Büro nahe des Parc de ses Estacions in Palma de Mallorca, hören zu oder spenden Trost. Zumeist dauern die Gespräche zwischen 10 und 20 Minuten, damit andere Anrufer nicht zu lange warten müssen. Auf Mallorca sind im vergangenen Jahr 1.318 Anrufe beim Telefon der Hoffnung registriert worden, 23 davon mit klaren Suizidabsichten. Im Jahr zuvor waren es 36 Anrufer, die sich das Leben nehmen wollten. Laut dem Präsidenten der NGO, Marià Gastalver, konnte man alle 36 Selbsttötungen verhindern. Wer selbst Hilfe oder jemanden zum Zuhören braucht, kann sich jederzeit unter der Nummer 971-46 11 12 an das „Teléfono de la esperanza" wenden. Wer kein Spanisch spricht, kann die Telefonseelsorge in Deutschland kontaktieren. Telefonisch funktioniert das von Mallorca aus nicht. Unter www.telefonseelsorge.de gibt es aber eine Online-Beratung.

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