Die Urlauber sind weg - jetzt geht die Arbeit los

Von einem auf den anderen Tag verwandeln sich viele Küstenorte zum Ende der Urlaubssaison in Geisterstädte. Doch von Ruhe kann nicht die Rede sein – hinter den Kulissen beginnt für einige Branchen die Maloche jetzt erst richtig

13.11.2017 | 17:52

Pärchen mit kurzärmliger Kleidung schlendern an den Souvenir- und Kleidungsgeschäften der Hauptstraße von Cala Ratjada im Nordosten von Mallorca entlang, Kinder schlecken Eis, Erwachsene genießen kühle Drinks an der Meerespromenade oder kaufen Mitbringsel in Feinkostläden. Fast kommt Sommerstimmung auf an diesem Mittag Ende Oktober. Die 26 Grad Lufttemperatur und der blaue Himmel tun ihr Übriges. Auch im nahe gelegenen Aparthotel Green Garden ist noch allerhand los. Gäste tummeln sich in der Lobby oder im Poolbereich, über der Rezeption befestigt ein Mitarbeiter Kunststoff-Spinnweben und haarige Plastikachtbeiner – in das Familienhotel zieht ein Stück Halloween-Tradition ein.

Kaum zu glauben, dass die quirlige Urlauberhochburg schon wenige Tage später im alljährlichen Winterschlaf versinken wird. Trotz Saisonverlängerung – der 31. Oktober ist noch immer für viele Hoteliers und Ladenbesitzer in den Küstenorten der Stichtag. Dann wird dicht gemacht, dann werden die Sonnenliegen und -schirme an den Stränden eingeräumt, die Badeaufsicht abgezogen, viele Restaurants schließen. Saisonarbeiter von außerhalb reisen ab, einheimische Arbeitskräfte gehen in die Winterpause. Bis zum Frühling werden die Bordsteine sinnbildlich hochgeklappt, ganze Orte verwandeln sich in Geisterstädte.

Doch während die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen Anfang November regelmäßig in die Höhe schnellt, fängt das Malochen für einige Firmen jetzt erst richtig an. „Bei uns stehen mal wieder Renovierungsarbeiten auf dem Programm", sagt Joan Company. Beschwingten Schrittes geht der Hoteldirektor des Green Garden durch die weitläufige Lobby und nickt den Rezeptionisten zu, die noch immer mit dem Montieren der Halloween-Deko kämpfen. „Bis zum letzten Moment bieten wir den vollen Service", betont er. Deshalb seien auch noch alle Liegen am Pool aufgebaut. „Das große Aufräumen beginnt dann ab dem 1. November."


Der Winterschlaf will gut vorbereitet sein

In einem Gebäudetrakt des Green Garden, hinter verschlossenen Türen, hat das Einmotten bereits begonnen. „Wir haben Ende Oktober nur noch 40 Prozent der Betten belegt, da konnten wir ein paar der 236 Apartments
schon mal winterfest machen", sagt er und öffnet eine Zimmertür in einer der oberen Etagen. Der Kühlschrank ist abgetaut, die Sofas gestapelt, die Betten und der Fernseher sind mit Schutzlaken abgedeckt. „Wegen des Baustaubs. Alle Badezimmer werden komplett erneuert", erklärt Company. Man nutze grundsätzlich die -Wintermonate für Renovierungsarbeiten, dieses Jahr besonders – auch die Außenterrasse und der Restaurantbereich sollen umgestaltet werden. In den ersten zwei Wochen nach der Schließung werden Teile des Stammpersonals noch gebraucht, um alles winterfest zu machen. Schließlich müssen jegliche Textilien gereinigt, Küchenzeilen mit Vaselin behandelt, Klimaanlagen- und Wasserhahnfilter abmontiert, Laternen im Außenbereich abgedeckt und Kücheninventar nachgezählt werden. Bei den Bauarbeiten werden dann nur noch etwa zehn der im Sommer 90 Beschäftigten unterstützen, alle anderen Hotelmitarbeiter werden erst bei der Saisoneröffnung im Frühling wieder angestellt. Bis dahin -herrschen auf dem weitläufigen Gelände die Baufirmen.

Durch leere Hotels zu streifen und zu schuften, wo im Sommer andere entspannen, das kennt Ricardo Lusso nur allzu gut. Seit 30 Jahren ist der Argentinier in der Baubranche auf Mallorca als Selbstständiger tätig. Von Anfang an wurde er damit konfrontiert, dass der Großteil der Arbeit erst im Herbst beginnt. „Das war schon immer so, auch während der Boomphase in den 90er-Jahren", berichtet er. Durch zahlreiche geschäftliche Reisen weiß er, dass es in nördlicheren Ländern, wie zum Beispiel in Deutschland, genau andersherum ist. „Da pausieren die Arbeiten, wenn es zu kalt wird. Hier wird pausiert, wenn die Urlauber kommen." Gerade bei Hotelrenovierungen sitze der Zeitdruck daher immer im Nacken. „Die Hotelbetten fürs kommende Jahr sind ja oft schon reserviert, wenn wir gerade erst anfangen. Wenn die Saison wieder losgeht, muss alles fertig sein, komme was wolle." Derzeit arbeitet Lusso auf einer Großbaustelle nahe Artà, wo ein Landhotel kernsaniert wird. Anders als viele Angestellte bei Baufirmen kann er als Selbstständiger auch in den Sommermonaten flexibel Projekte von Privatpersonen annehmen. „Ich arbeite immer, das Geld muss ja reinkommen", sagt er. Vor allem um Palma herum sei das ganze Jahr über einiges zu tun. „Aber im
Winter ist es gerade in den Küstenorten deutlich einfacher, Aufträge zu erhalten."


Baumaterial will von A nach B gebracht werden

„Letztlich leben wir doch alle vom Tourismus, manche nur eben gegen den Zyklus", sagt Lorenzo Galmes. Der Mallorquiner sorgt dafür, dass auf Baustellen wie denen von Ricardo Zement, Steine und andere schwer zu transportierende Stoffe zuverlässig angeliefert werden. Genau wie bereits sein Vater und sein Großvater – das Familienunternehmen Ca'n Mac koordiniert seit acht Jahrzehnten von Porto Cristo aus den Transport von Baumaterialien. Wenn in Manacors Hafen die Touristen verschwinden, geht das Beladen der Lastwagen hier besonders geschäftig zu. „Wir haben in den Wintermonaten etwa 50 Prozent mehr Aufträge als im Sommer", so Galmes, der die meiste Zeit über im Büro verbringt, Aufträge annimmt und seine Fahrer koordiniert. Direkt nebenan in der Lagerhalle stapeln sich Zementsäcke und Paletten, die seine Mitarbeiter in den acht firmeneigenen Lastwagen ausliefern. „Wir haben viel zu tun, alle Hotels wollen ja momentan umbauen, um mehr Sterne zu bekommen", so Galmes. Und die Hotels machten etwa 40 Prozent der Kunden des Ca'n Mac aus. „Während der Krise hatten wir auch Arbeit, aber jetzt ist es wieder deutlich mehr." Die neun Angestellten im Ca'n Mac arbeiten deshalb auch zwölf Monate im Jahr. „Im Sommer bereiten wir Bestellungen vor. Aber da geht es deutlich ruhiger zu."

Antonio Zapico hat nicht so viel Glück. Er ist nur als fijo discontinuo (Saisonkraft mit Festvertrag) bei der Firma De Cabo Yacht Painting angestellt. Im Sommer ist er arbeitslos, von Oktober bis März streicht und poliert er Schiffe und Yachten in der riesigen Werft der IPM-Group an der Alten Mole in Palma. Auch hier beginnt die Arbeit da, wo die Urlaubersaison endet. Die meisten Schiffsbesitzer nutzen die kalte Jahreszeit, um ihre Gefährte warten zu lassen. „Immerhin habe ich meine arbeitslosen Monate im Sommer, da kann ich den wenigstens genießen", so der junge Antonio Zapico halb im Scherz, halb resigniert und taucht die Anstreicherrolle in schwarze Spezialfarbe, um den Rumpf der gut zehn Meter langen Segelyacht weiter zu behandeln. Es ist eins von rund 1.100 Schiffen, die pro Jahr in der Alten Mole durchgecheckt und teilweise komplett renoviert werden.

Gigantische Yachten liegen hier, einige sind gänzlich von Baugerüsten umgeben, andere von speziellen Schutzzelten, um giftige Lackiergase nicht in die Umwelt zu pusten. „An Land können hier bis zu 80 Meter lange Gefährte gewartet werden", sagt José María Campuzano, der als CEO von IPM arbeitet und von seinem Büro im Verwaltungsgebäude der Servicios Técnicos aus eine gute Sicht auf das Treiben hat. Fünf spezielle Riesenlifte können die teuren Yachten an Land heben, für die größten sind im Wasser Stapelplätze vorhanden. Seit zehn Jahren leitet die Group IPM das 105.000 Quadratmeter umfassende Werftgelände, auf dem zahlreiche Firmen und bis zu 1.800 Angestellte gleichzeitig arbeiten können. „Mehr geht vom Platz her nicht, aber die Nachfrage steigt ständig, deshalb dehnt sich die Saison doch etwas aus. Viele Schiffe müssen schon im Spätsommer gewartet werden, sonst kriegen wir gar nicht alle unter", so Campuzano.

„Ich habe auch schon im September wieder angefangen zu arbeiten", bestätigt Handwerker
Cristian Serafimidis von der Firma Absolute Boat Care und mustert zufrieden das Schiff vor ihm, das er mit seinen Kollegen in den vergangenen acht Tagen behandelt hat. „Hier fehlt nur noch der letzte Schliff, morgen geht's ins Wasser, wir brauchen den Platz", schreit er gegen den Lärm an, den zwei Männer nebenan beim Schweißen eines Schiffsteils veranstalten. „Ihr müsstet mal sehen, wie es hier im Januar zugeht, da ist es rappelvoll."

Volles Haus im Winter, davon kann Rosie López ein Lied singen. Doch bei ihr wird nicht gebaut, bei ihr wird gelernt. Als Leiterin der Sprachschule Schwa Smilearning in Cala Ratjada langweilt sie sich in den Sommermonaten fast. „Da könnte ich genauso gut schließen. Im Winter dagegen brauche ich Hilfe." 13 Angestellte beschäftigt sie in den Standorten Cala Ratjada und Sineu, die meisten aber nur zwischen Oktober und März. „Dann haben die Saisonkräfte aus Hotelerie und Gastronomie frei und nutzen die Monate, um Sprachkurse zu machen", so López. Deutsch und Englisch seien besonders gefragt, ohne Sprachkenntnisse komme man im Tourismus eben nicht weit. Los gehen die Kurse Anfang November, der Stichtag 31. Oktober ist auch hier fest verankert.

„Außerdem haben wir viele deutsche Residenten, meist Rentner, die auf Mallorca überwintern und gerne Spanisch lernen wollen." Auch die Nachhilfe- und Zusatzkurse für Schüler finden hauptsächlich im Winter statt, wenn das Schuljahr in vollem Gange ist, berichtet López und gewährt Einblick in einen der bunten Kursräume. Hier unterrichtet Xisca Sureda gerade eine Gruppe Jugendlicher in Englisch. Die vielen Spiele in den Regalen an der Wand deuten auf lockere Lernmethoden hin. „Wir versuchen hier Spaß am Lernen zu vermitteln, das ist uns wichtig", so die junge Leiterin und geht wieder in die gemütliche Vorhalle.

Durch die Glasfront scheint die warme Oktobersonne, ein Pärchen bleibt kurz stehen und schlendert dann weiter in Richtung Einkaufsstraße. Noch ein Eis essen, solange es das zu kaufen gibt – der Winter ist halt nicht ganz so süß
wie der Sommer.

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