Mallorca und der Fluch der Kohle

Warum sich die Insel so schwertut, das schmutzige Kraftwerk Es Murterar vom Netz zu nehmen

18.12.2017 | 13:20
Und es läuft und läuft und läuft: Das Kraftwerk Es Murterar auf Mallorca versieht seit 1981 seinen Dienst.

Rote Warnleuchten zeichnen sich gegen den wolkenverhangenen Abendhimmel über dem Feuchtgebiet s'Albufera ab. Auf drei Ebenen markieren sie den Schornstein, aus dem der Rauch in einer dünnen Säule emporsteigt. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt, Journalisten werden derzeit nicht empfangen. Wer unangemeldet vorbeischaut, bekommt nur die Sicherheits­posten zu sehen sowie die Lkw, die die Kohle aus dem Hafen von Alcúdia herankarren und zu riesigen Bergen aufschütten. In den ersten elf Monaten des Jahres wurden davon 901.729 Tonnen verbrannt – das sind mehr als im gesamten Vorjahr. Im Vergleich zu 2015 beläuft sich die Steigerung sogar auf fast 200.000 Tonnen Steinkohle, die hier für Mallorcas Energieerzeugung verschürt wurden.

Während die Debatte über die erneuerbaren Energien auch auf Mallorca immer intensiver geführt wird, Investoren auf die endgültige Genehmigung ihrer Solarparks warten und auf internationalen Klimakonferenzen neue Ziele zur Senkung der Kohlendioxidemissionen festgelegt werden, funktioniert Es Murterar weiter, als wäre nichts geschehen. Das 1981 in Betrieb gegangene und 1997 erweiterte Heizkraftwerk steuert weiterhin mehr als 40 Prozent der auf den Balearen verbrauchten Energie bei. Und die Landesregierung stößt auf massiven Widerstand bei ihren Plänen, Es Murterar schrittweise vom Netz zu nehmen. Die Pläne der Linkskoalition, zwei Produktions­linien bis 2020 abzuschalten und die zwei weiteren bis 2025, hat die Zentralregierung mit Verweis auf zu hohe Kosten zurückgewiesen.

„Wir setzen jetzt auf Europa", meint Joan Groizard (Més per Mallorca), General­direktor für Energie in der balearischen Landesregierung. Man wolle zunächst den spanischen EU-Kommissar für Klimaschutz und Energie, Miguel Arias Cañete, ins Gebet nehmen, so Groizard. Es werde aber auch geprüft, ob man neben Argumenten und Appellen einen Schritt weiter gehe und offiziell Klage einreiche.

Cañete gehört zwar der konservativen Volkspartei (PP) an und hatte als spanischer Umweltminister unter anderem wegen seiner Nähe zur Erdölindustrie von sich reden gemacht. Aber schließlich gebe es in Europa inzwischen einen Konsens und einen übergreifenden Trend zur Dekarboniserung, für die der Kommissar nun verantwortlich sei, so Groizard: „Einige Länder wollen ihre Kohlekraftwerke ganz abschalten. Spanien geht derzeit in die genau entgegengesetzte Richtung."

Die Argumente der Landesregierung: Da gibt es zum einen die EU-Richtlinie über Industrie-Emissionen, die 2020 in Kraft tritt und laut Madrid Investitionen von insgesamt rund 100 Millionen Euro für die Nachrüstung aller vier Produktionslinien von Es Murterar nötig macht – auch der zwei neueren. Und da gibt es zum anderen die Auflage der EU, dass derlei Investitionen nicht von der öffentlichen Hand, sondern von den Betreibern selbst aufgebracht werden müssen.

Derzeit prüft die EU ohnehin Subventionen in Höhe von 440 Millionen Euro, die Spanien seit 2007 an seine 16 Kohlekraftwerke gezahlt hat. Man wisse zwar nicht, an welche Kraftwerke diese Hilfen flossen, so Groizard, aber zumindest wolle man im Fall von Es Murterar für die Zukunft vorbauen. „Wir befürchten, dass die EU in fünf Jahren ein Verfahren gegen ­Spanien wegen derartiger Subventionen eröffnen könnte." Und noch eine Drohung: Die Landesregierung, so Groizard, könne ja auch die für die Nachrüstung nötige Genehmigung verweigern.

Mallorcas Energiemix

Obwohl der Stromversorger Endesa in der Debatte der Prügelknabe ist, will sich der Ex-Monopolist derzeit nicht öffentlich äußern – zu politisiert sei der Streit. Der Handlungsspielraum des Konzerns ist aber ohnehin begrenzt, wie auch Groizard klarstellt: „Endesa macht, was der spanische Staat sagt." Im Gegensatz zum spanischen Festland ist der Strommarkt auf den Balearen wegen der Insellage und der hohen Produktionskosten nach wie vor streng reguliert, und über die Frage, welche Kraftwerke täglich wie viel Strom einspeisen, entscheidet letztendlich der spanische Gesetzgeber.

Angesichts von Überkapazitäten sind die Kraftwerke nur zum Teil ausgelastet. Derzeit können auf Mallorca nach Angaben des Netzbetreibers Red Eléctrica de España (REE) insgesamt bis zu 1.687 Megawatt Leistung produziert werden. Zum Vergleich: Die bisherige Höchstmarke beim Stromverbrauch in der touristischen Hauptsaison, wenn die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen, lag zuletzt im August dieses Jahres balearenweit bei 1.349 Megawatt. Rund ein Fünftel des auf den Balearen benötigten Stromes wird zudem über ein Unterwasserkabel vom spanischen Festland bezogen.

Nur 111 Megawatt der auf Mallorca installierten Leistung entfallen auf erneuerbare Energien – demgegenüber steht das Kraftwerk Es Murterar mit 534 Megawatt. Die restliche installierte Leistung von 1.042 Megawatt entfällt hauptsächlich auf die mit Erdgas vom Festland gespeisten Kraftwerke Cas Tresorer an der Flughafen-Autobahn sowie Son Reus nördlich von Palma – nicht zu verwechseln mit der Müllverbrennungsanlage auf dem gleichnamigen Gelände, die die Konzessionsfirma Tirme betreibt. Die beiden Gas-Kraftwerke, die wie Es Murterar ebenfalls Endesa gehören, sind neu und effizient, dank integrierter Dampfturbinen, die mit den heißen Abgasen der konven­tionellen Turbinen betrieben werden.

Bei einer definierten Betriebsdauer von 25 Jahren würden die älteren Produktionslinien von Es Murterar schon jetzt nicht mehr für die offizielle Kalkulation der Versorgungssicherheit berücksichtigt, argumentiert Groizard. Ähnliches werde in absehbarer Zeit für die zwei neueren Produktionslinien gelten.

Für die Zentralregierung entscheidender als die Versorgungs­sicherheit sind aber wohl die niedrigen Produktionskosten. Das längst amortisierte Kraftwerk liefert schmutzige, aber sehr billige Energie. Und deren Vorzug ist sogar gesetzlich festgeschrieben – im Real Decreto 738/2015, das die Stromproduktion auf den spanischen Inseln reguliert und das somit auch Endesa befolgen muss. „Die Nachfrage muss unter Berücksichtigung der Kosten jedes Erzeugers zu den geringstmöglichen Kosten gedeckt werden", heißt es in einer Stellungnahme von REE gegenüber der Mallorca Zeitung. „So wird erreicht, dass der Endkunde den geringstmöglichen Preis für die verbrauchte Energie zahlt."

Die Höhe der Stromrechnung ist ein wirkungsvolles Argument in der öffentlichen Debatte in Spanien, in der beständig über die im europäischen Vergleich hohen Tarife geklagt wird – auch wenn diese nicht ans deutsche Niveau heranreichen. Die spanische Regierung kalkuliert mit 40 Millionen Euro, die durch die Abschaltung der zwei älteren Produktionslinien von Es Murterar jährlich auf die Stromkunden umgelegt werden müssten – im Fall der Komplettabschaltung mit 150 Millionen Euro. Die Landesregierung kommt für die Teilabschaltung auf lediglich 10 Millionen Euro.

Erklären dürfte diesen Widerspruch zum Teil, dass Madrid der balearischen Linksregierung nicht abnimmt, in absehbarer Zeit die geplanten Megaprojekte für Solarparks umzusetzen, die nicht nur saubere, sondern inzwischen auch vergleichsweise günstige Energie erzeugen. Und dann gibt es auch noch die sozialen Kosten: Was passiert mit den 300 zum Teil hoch qualifizierten Mitarbeitern des Kohlekraftwerks, zumal auf einer Insel, die wenig Industrie zu bieten hat? Ein Sprecher der Belegschaft bezweifelte gegenüber der Zeitung „El Mundo", dass die Mitarbeiter so einfach Jobs in den geplanten Solarparks finden könnten.

Dabei ist auch den Endesa-Verantwortlichen bewusst, dass die Kohlekraftwerke früher oder später vom Netz gehen müssen. In einem öffentlichen Strategiepapier hat sich der Konzern auf die schrittweise und schließlich vollständige Dekarbonisierung festgelegt – allerdings erst bis zum Jahr 2050. Und auch die spanische Regierung bastelt an einem Gesetz zur Energiewende. Ein Datum gibt es aber noch nicht. Bis dahin haben erst einmal die Lobbyisten hinter den Kulissen das Wort.

Kommentar: keine Gnadenfrist für Es Murterar

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