"Sie werden nicht anfangen zu arbeiten"

Der Chef des Drogendezernats der Nationalpolizei auf Mallorca über die Clans in Son Banya

29.01.2018 | 09:01
Will nicht erkannt werden: der Leiter der Drogenfahndung im Präsidium der Nationalpolizei auf Mallorca

Wie viel Geld verdienen die Clans von Son Banya mit dem Drogenhandel auf Mallorca?
Der Verkaufspunkt von „El Moreno" (Bruder der legendären „La Paca", Anm. d. Red.) und dessen Frau „La Rosario" bringt rund 3.000 Euro am Tag ein. Reinerlös.

Das ist mehr als eine Million Euro im Jahr. Was machen sie damit?
Sie vergraben es. Sie wissen nicht, was sie damit machen sollen. Es ist ihre Lebensversicherung, ihre Altersvorsorge. Ich habe sie mal gefragt, warum sie weiterhin in Son Banya wohnen bleiben. Sie fühlen sich dort sicher. Auch wenn sich die verschiedenen Familienclans dann und wann untereinander umbringen wollen, sind sie unter sich. Sie lassen die Kinder so auf der Straße herumlaufen und fühlen sich wohl ... Im Inneren sind die Häuser sehr luxuriös.

Einige Clans sind seit vielen Jahren aktiv, sie wandern immer wieder ins Gefängnis und kommen wieder raus. Wie kann das sein?
Sie haben keine andere Möglichkeit und kennen keinen anderen Lebensstil. Sie sagen dir: „Was soll ich denn machen, wenn ich rauskomme?" „La Guapi" hat eine Zeit lang als Zimmermädchen in einem Hotel gearbeitet und dabei 600 Euro im Monat verdient. Mit Drogen kann sie 2.500 Euro am Tag machen ... Sie haben niemanden umgebracht, sie handeln nur mit Substanzen, die heutzutage als illegal gelten. Wer ist schuld? Letztlich die Käufer. Wir beklagen den Drogenhandel, aber solange die Konsumenten weiter kaufen ... Wo eine Nachfrage ist, ist auch ein Angebot. Die Clans werden weitermachen. Auch wenn man Son Banya abreißt. Dann werden sie woanders hinziehen. Sie werden nicht anfangen zu arbeiten. Es braucht soziale Hilfestellungen.

Die eine oder andere größere Bande haben Sie aber zerschlagen.
Ja, aber das kostet sehr viel Arbeit. Gegen den Clan von „El Ove" mussten wir dreimal ermitteln. Er flüchtete, und als wir herausfanden, wo er wohnte, und dorthin fuhren, saß er am Kamin und sagte: „Ich habe schon auf euch gewartet, das ist kein Leben." So etwas gelingt aber nicht mit einer oder zwei Operationen. Da müssen schon eine ganze Reihe an Verurteilungen zusammenkommen.

Die meisten Banden leben immer noch am Rand der Gesellschaft wie in Son Banya, und es wirkt nicht, als würden sie ihren Reichtum besonders zur Schau stellen.
Sie verdienen viel mehr, als sie ausgeben. Sie schwimmen im Geld, aber machen nicht viel daraus. Sie haben gelernt, mit weniger luxuriösen Autos zu fahren, ein unauffälliges Leben zu führen.

Wie ist die Situation in Son Banya? Ist es immer noch Mallorcas Haupt­umschlagpunkt für Drogen?
Ja. In den vergangenen neun Jahren haben wir dort 14 oder 15 Razzien gemacht, mehr als je zuvor. Heute führen die Frauen die Clans: „La Rosario", „La Guapi", „La Dina", „La Eva" ... Es war relativ ruhig, aber im vergangenen Jahr haben wir gemerkt, dass die Kinder größer werden, rebellischer und anfangen, Steine zu werfen € In fünf Jahren wird diese Generation zu Männern herangewachsen sein und Probleme bereiten, wenn sie ihr Gebiet und ihren Drogenverkaufspunkt einfordern. Warum attackieren wir Son Banya so? Weil es ein guter Ausgangspunkt für unsere Ermittlungen ist. Um herauszufinden, wer die Drogen nach Mallorca liefert, gehen wir in den Laden, also nach Son Banya.

Wie viele Clans verkaufen dort Drogen?
Zwischen zehn und zwölf Clans, das variiert monatlich. In der Siedlung gibt es 135 Bauten, 20 bis 25 davon sind Verkaufsstellen. Andere sind Lagerräume. Die Variation ergibt sich daraus, dass, wenn jetzt etwa „El Ico" festgenommen worden ist, sein Verkaufspunkt weiterbesteht. Ein Neffe oder Cousin übernimmt ihn ... und schon ist da ein neuer Clan aktiv.

Sind alle Bewohner von Son Banya Drogenhändler?
Nein. Eine Minderheit sind Schrotthändler und Leute, die wirklich Hilfe und würdigere Behausungen brauchen. Etwa 30 bis 40 Prozent leben in absolutem Elend. Es ist frappierend, wie dort Menschen zu unmenschlichen Bedingungen in Ruinen hausen, während der unmittelbare Nachbar im Luxus schwelgt.

Ist es für die Polizei besser, dass es einen Ort wie Son Banya gibt, an dem sich ein Großteil des Drogenverkaufs konzentriert?
Das Beste ist, mehr Ressourcen und Zugänge zu den Kommunikations- und Transportnetzen der Händler zu haben. Son Banya müsste es nicht geben, aber selbst wenn es nicht existierte, gäbe es Drogenhandel. Das Einzige, was wir tun können, ist, immer wieder anzugreifen. Mehr Ressourcen und Personal wäre nicht schlecht, aber für die wenigen, die wir sind, arbeiten wir sehr gut.

Son Gotleu ist ein anderer heißer Drogenumschlagspunkt.
Dort dominieren Nigerianer, die die Hauptimporteure von Heroin sind. Vieles läuft über Paketversand, mit kleinen Mengen von wenigen Gramm alle paar Tage aus der Türkei oder aus Nigeria. Sie beliefern die Clans von Son Banya mit Heroin, wobei es auch in Son Gotleu ein paar Verkaufspunkte gibt. Es ist viel schwieriger, gegen die Nigerianer vorzugehen, weil sie viel mobiler sind. Sie sind eine Zeit lang auf der Insel, dann wieder nicht, sie haben keine Papiere...

Wie ist auf der Insel das Verhältnis der Drogenhändler unterei­nander? Gibt es Konfrontationen?
Es ist alles sehr gut aufgeteilt, sie treten sich nicht gegenseitig auf die Füße. Auch wenn sie sich nicht mögen: Das ist ein Geschäft, es geht um Geld. Jeder kümmert sich um seinen Bereich.

In den vergangenen Jahren ist wieder mehr Heroin sichergestellt worden – dabei schien der Konsum rückläufig.
Auf der Insel haben wir eine Zunahme von Heroin-Verkaufspunkten in Son Banya festgestellt. Je mehr Nachfrage, umso mehr Verkaufspunkte. In den vergangenen zwei Jahren sind sie von fünf auf sieben gestiegen.

Wie kommen die Drogen hierher?
Es gibt verschiedenste Systeme. Die großen Mengen kommen über den Seeweg, kleinere Mengen per Post. Nur ein sehr geringer Teil kommt mit dem Flugzeug. Das Kokain stammt aus Süd- und Zentralamerika, das Heroin aus Ländern des Mittleren Ostens wie Afghanistan und das Marihuana offenbar ausschließlich von der Insel selbst, denn die klimatischen Anbaubedingungen sind gut. Deshalb gibt es auch Banden, die es nach Deutschland liefern, wo sie den Verkaufspreis verfünffachen.

Und das Haschisch?
Marihuana hat Haschisch verdrängt. Es ist billiger, es gibt keine Zwischenhändler, es wird hier angebaut, und man hat Qualität und Sorten unter Kontrolle. Wir verzeichnen eine Zunahme von Grow Shops. Sie verkaufen kleine Pflanzen, Ableger ohne den Wirkstoff THC, das ist legal. Die Clans versorgen sich in diesen Läden damit.

Die Drogen gehen durch viele Hände, bis sie beim Konsumenten ankommen. Wie groß ist die Gewinnspanne?
Jährlich werden in der Welt rund 1.000 Tonnen Kokain produziert. 250 davon gelangen nach Europa, hauptsächlich nach Spanien. Von dort geht die Reise weiter. Das merkt man vor allem am Preis. Ursprünglich kostet ein Kilo 9.000 Euro, wenn es in Spanien ankommt, sind es schon 34.000 Euro. Die Clans auf Mallorca kaufen es für 42.000 Euro und verkaufen es für 60.000 Euro. Sie gehören zu denjenigen, die am meisten verdienen, aber auch am meisten aufs Spiel setzen, denn sie stehen mit den Endverbrauchern in Kontakt.

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