23. April 2018
23.04.2018

Wenn die Steckdose auf der Nachbarinsel ist

Bei Projekten für Hochspannungsleitungen spielen die balearenweite Vernetzung und neue Solarparks eine Rolle. Der Netzbetreiber geht Engpässe an, Anwohner kritisieren die Folgen für die Landschaft

23.04.2018 | 13:47
Einer der neuen Masten vor seiner Aufstellung im Gebiet der Marina in der Gemeinde Llucmajor.

Die Veränderungen sind schon von der Autobahn Llucmajor aus zu erkennen: Vor allem auf dem Abschnitt zwischen der Abfahrt nach s'Estanyol und der Landstraße nach Campos können Autofahrer die 40 Meter hohen Strommasten ausmachen, die derzeit im Gebiet der Marina de Llucmajor in die Höhe wachsen. „Die Skyline der Gemeinde hat sich völlig verändert", meint Marta Urbina, Sprecherin der Bürgerinitiative Alta Tensió Llucmajor, die jahrelang erfolglos gegen das Projekt ankämpfte. Sie selbst habe jetzt einen der Strommasten neben ihrem Grundstück: „Er ist so groß, dass man meint, er steht direkt neben dem Bett."

Die neuen Hochspannungsleitungen sollen das Umspannwerk Llucmajor, nordöstlich des Städtchens gelegen, mit einem neuen Umspannwerk verbinden, das zwar Cala Blava heißt, aber nicht in der „blauen Bucht" liegt, sondern nahe der Cala Pí weiter östlich. Zu zwei Dritteln sei die neue Verbindung inzwischen fertiggestellt, heißt es beim spanischen Netzbetreiber REE, das Teilstück Cala Pí–Arenal zu etwa einem Viertel.

Kabel zu Land und zu Wasser

Die insgesamt mehr als 30 Kilometer lange Stromleitung Llucmajor–Cala Pí–Arenal ist ein weiteres Puzzlestück im komplexen System zur Energieversorgung Mallorcas. Zunächst einmal sollen die Leitungen die Stromversorgung der stark gewachsenen Urbanisationen von Llucmajor garantieren. Aber sie sind auch von zentraler Bedeutung für die dort geplanten Solarparks und die Einspeisung der Sonnenenergie ins Netz. Eine weitere geplante Hochspannungsleitung im Nordosten der Insel soll die künftige Anbindung der Nachbarinsel Menorca per Unterseekabel sicherstellen – es ist derzeit durchtrennt, in Zukunft sollen hier aber zwei Kabel verlaufen. „Die Ecke ist bislang ein echtes Nadelöhr im Stromnetz der Balearen", meint Eduardo Maynau, Bereichsleiter von REE auf den Balearen.

Nicht zu vergessen der weiter steigende Stromverbrauch auf den Inseln. Nach einem Plus von 6,3 Prozent in den Nachkrisenjahren 2013–2017 stieg der Energiekonsum in den vergangenen zwei Jahren um weitere 3,4 Prozent an. Versorgungssicherheit ist denn auch ein häufig wiederkehrender Begriff in den Dokumenten von REE.

So strategisch wichtig die weitere Vernetzung des noch bis vor wenigen Jahren isolierten Inselsystems sein mag, so erbittert fällt der Widerstand der Anwohner gegen die neuen Hochspannungsleitungen aus. Während sich die Fincabesitzer im Hinterland von Llucmajor geschlagen geben mussten, bleibt die Plataforma en Defensa del Llevant weiter am Ball: Die Initiative half Anwohnern von Manacor, Sant Llorenç und Artà bei Eingaben gegen das bis vor Kurzem öffentlich ausgelegte Projekt und wird im langwierigen Genehmigungsverfahren weiter seinen Einfluss geltend machen. Dass die Gegner nicht machtlos sind, zeigt die Tatsache, dass ein erster Entwurf für die Hochspannungsleitung von 2013 wegen des massiven Widerstands schließlich zurückgenommen werden musste.


Big Player REE

Aber beim Netzbetreiber denkt man ohnehin langfristig und in Fünf-Jahres-Schritten – im Plan 2015–2020 gibt es einen zweiten Anlauf für die Leitung Manacor–Artà. Red Eléctrica España ist auf Mallorca erst seit acht Jahren vertreten. Vorher betrieb das bis dahin isolierte Inselnetz Ex-Monopolist Endesa, der heute im Sinne der Entflechtung des Energiemarktes nur noch Strom produziert und vermarktet, aber nicht mehr transportiert. Wofür in Deutschland die aus den Energieriesen ausgegliederten Netzbetreiber Amprion, TransnetBW, Tennet TSO und 50Hertz Transmission zuständig sind, übernimmt in ganz Spanien das börsennotierte, aber staatlich kontrollierte Unternehmen REE. Seinen Sitz hat es in den gläsernen Rundbauten an der Flughafen-Autobahn, als Nachbar des Tourismusunternehmens Hotelbeds. Hier ist auch das Kontrollzentrum angesiedelt, in dem in Echtzeit alle Informationen über Stromfluss und Stromverbrauch auf den inzwischen weitgehend vernetzten Balearen einlaufen.

REE hat in den vergangenen Jahren nicht nur das Netz modernisiert und an die Standards des Festlands angepasst, sondern auch als wichtigstes Projekt ein Stromkabel von dort zu den Balearen gelegt. Es steuert inzwischen 30 bis 40 Prozent der auf den Inseln verbrauchten Energie bei. Vernetzen, das heißt für REE Strom günstiger und nachhaltiger produzieren. Denn auf den Balearen beruht die nach wie vor regulierte Energieerzeugung mit bislang weniger als drei Prozent erneuerbaren Quellen vor allem auf Kohle, Erdöl sowie Erdgas und ist so kostenintensiv, dass die Mehrkosten auf alle spanischen Haushalte umgelegt werden.

Projekt Manacor–Artà

Aber auch der Strom der künftigen großen Solarparks müsse transportiert werden können, sei es per Hochspannungsleitung oder Unterseekabel zwischen den Inseln, wird argumentiert. Ein Beispiel: Ist Menorca erst einmal fest inte­griert ins balearische Stromnetz, braucht es auf der kleinen Nachbarinsel kein Heizkraftwerk mehr, argumentiert Balearen-Chef Maynau. Auch vor diesem Hintergrund habe die künftige Verbindung Manacor–Artà strategische Bedeutung – ohne sie ergebe es keinen Sinn, Menorca mit zwei Unterseekabeln an Mallorca anzukoppeln.

Doch gegen die neue Hochspannungsleitung mit 61 Masten von bis zu 56 Metern Höhe, die für eine sogenannte Höchstspannung von 220 Kilovolt ausgelegt ist, laufen die Anwohner Sturm. Die rund 24 Kilometer lange Strecke bedeute einen „beispiellosen massiven Eingriff" in die von Wäldern und Äckern geprägte Landschaft, heißt es bei der Plataforma en Defensa de Llevant – schließlich müsse eine mehr als zehn Meter lange Schneise entlang der Hochspannungsleitung angelegt werden. „Dieses Projekt kommt einem Todesurteil für die Entwicklung der Region Llevant gleich", beklagt ein Manifest der Initiative.

Bei einer Hochspannung von nur 132 Kilovolt, die nach Meinung der Gegner des Projekts ausreichend sei, könnten die Masten kleiner ausfallen. Die Gemeinde Sant Llorenç fürchtet zudem, dass die Stromleitungen den Lebensraum geschützter Greifvögel beeinträchtigen. Gefordert wird in Eingaben der betroffenen Gemeinden und Anwohner eine Verlegung der Kabel unter die Erde.

Bei REE hütet man sich vor Bewertungen aller Art – hier arbeiten Ingenieure nach technischen Kriterien und setzen politische Entscheidungen um. Maynau verweist aber darauf, dass fast die gesamte Verbindung im Gegensatz zum ersten Entwurf entlang der Trasse der ohnehin bereits bestehenden Verbindung gebaut werde, freilich mit höheren Masten wegen der Erhöhung auf 220 Kilovolt. Diese Leistung sei nötig, komme doch allein Menorca zu Spitzenzeiten im ­Sommer auf bis zu 125 Kilovolt. Eine unterirdische Verlegung des Kabels sei im Übrigen nicht nur teurer und komplizierter, sondern auch von der balearischen Landesregierung niemals beantragt worden.

Was ist konkret geplant? Das Umspannwerk Es Bessons nordwestlich von Manacor soll erweitert werden. Von dort verläuft die neue Hochspannungsleitung dann bis Cala Mesquida an der Nordostküste. Neu gebaut wird eine 2,1 Kilometer lange Trasse bis zum Umspannwerk von Artà, das ebenfalls ausgebaut werden muss. Hier werden laut REE nur acht Masten neu errichtet. Und die Leitung Artà–Capdepera sei bereits für eine Aufstockung der Spannung von 66 auf 132 Kilovolt ausgelegt, ohne dass Bauarbeiten nötig würden.

Llucmajor–Cala Pí–Arenal

Während es im Nordosten noch lange kein Datum für den Baubeginn gibt, kann im Süden Anwohnerin Gabi Dörflinger bereits mit zusehen, wie Kabel gespannt werden. „Das ist eine traurige Geschichte", meint die Deutsche über die komplett neu angelegten Trassen, mit 49 Masten auf dem Teilstück Llucmajor–Cala Pí und 61 bis Arenal. Während ihre Finca bei einem Abstand von rund 500 Metern vor allem optisch beeinträchtigt sei, machten sich Bewohner näher gelegener Fincas auch Sorgen um ihre Gesundheit. Die Messung elektromagnetischer Felder soll denn auch ein weiteres Betätigungsfeld der Bürgerinitiative sein, wie Sprecherin Urbina betont.

Letztendlich könnte das Projekt aber auch helfen, endlich das gesundheitsschädliche Kohlekraftwerk Es Murterar bei Alcúdia abzuschalten. Nachdem die Pläne für die neuen Leitungen bekannt gewesen seien, hätten Solarpark-Investoren den Standort der Marina de Llucmajor für sich entdeckt, erklärt Joan Groizard, zuständiger Generaldirektor im Landesenergieministerium. Die Investitionen seien also keine Folge, sondern eine Voraussetzung für die Solarparks Cap Blanc (42 Megawatt), Sa Caseta (22) und Can Xim (3,6), deren endgültige Genehmigung immer näher rückt.

Trotz des ansonsten fragwürdigen Projekts sei es ein gewisser Trost, dass die Investitionen in die Stromleitungen letztendlich dabei helfen, Solarparks anzuschließen und die grüne Energie fördern, meint Anwohnerin Dörflinger.

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