14. Juni 2018
14.06.2018

Warum lässt der Sommer auf Mallorca so lange auf sich warten?

Auf der Insel sind für den staatlichen Wetterdienst nicht nur 140 Hobby-Wetterbeobachter im Einsatz, sondern auch 1,20 Meter große Latexballons. Die starten zweimal am Tag von Son Bonet aus

14.06.2018 | 14:45
Aus der Kuppel auf dem Flughafen von Son Bonet starten jeden Tag zwei Wetterballons. Unten baumelt die Schachtel, die die Daten aufzeichnet.

Wer hat das Mallorca-Wetter kaputt gemacht? Seit Wochen stöhnen Verwandte und Bekannte in Deutschland unter der Hitze. Seit Wochen liegt die Temperatur in vielen deutschen Regionen deutlich über der auf Mallorca. Dazu noch der viele Regen auf der Insel – zurzeit scheint es, als hätten Mitteleuropa und Mallorca kurzerhand die geografische Position getauscht. María José Guerrero, die Balearen-Chefin der staatlichen Wetterbehörde Aemet bestätigt den gefühlten Trend (S. 5). „Es ist im Mai tatsächlich ungewöhnlich kalt und nass gewesen."

Die Basis der andalusischen Chef-Wetterfee auf den Balearen ist die Wetterstation von Aemet in Porto Pi am Hafen von Palma. Hin und wieder aber verlässt sie ihr Büro, um auf den kleinen Flughafen von Son Bonet in der Gemeinde Marratxí zu fahren und dort die Station für die Wetterballons auf Mallorca zu besuchen – eine von nur sieben derartigen Einrichtungen in Spanien. Die anderen stehen in La Coruña, Santander, Barcelona, Madrid, Murcia und auf Teneriffa. „Da haben Sie großes Glück, dass es hier auf Mallorca eine gibt", sagt Guerrero, als sie die MZ am Montagmittag (4.6.) in die Geheimnisse der Ballons einweiht.

Von außen sieht die Station reichlich unspektakulär aus. Ein Container, der etwa so groß ist wie eine Garage für ein Auto, mitten auf dem Feld hinter den Flughafengebäuden. An den Container angeschlossen gibt es eine Vorrichtung, aus der der Ballon in den Himmel aufsteigt, und auf dem Dach eine runde Antenne, um die Signale des Ballons zu empfangen.

In diesem Sommer feiern die Ballons auf Mallorca ihren 60. Geburtstag. Am 9. Juli 1958 nahm der spanische Wetterdienst seine erste Ballon-Basis auf der Insel in Betrieb, damals bereits in Son Bonet. Später wurde der Container in Porto Pi aufgestellt, bevor er 2003 wieder nach Son Bonet kam.

Gut 25 Kilometer nördlich davon misst Joan Puigserver jeden Morgen gegen 10 Uhr die aktuelle Temperatur, stellt fest, wie kalt es in der zurückliegenden Nacht und wie warm der vergangene Tag war. Puigserver, der längst in Rente ist, gehört zu den 140 Hobby-Meteorologen, die mit Aemet zusammenarbeiten und aus den verschiedenen Ecken der Insel Wetterdaten liefern. Seit „34 Jahren" mache er das schon, sagt Puigserver am Telefon. „Schon als Kind fand ich Blitze und Gewitter richtig spannend." Seine Wetteraufzeichnungen sind auch deshalb so wertvoll, weil der solleric seit 34 Jahren keinen einzigen Tag ausgelassen hat. „Die paar Male, die ich nicht selbst in Sóller war, hat meine Tochter oder ihr Mann die Daten abgelesen", sagt er. Somit gibt es für Sóller eine äußerst vollständige Wetterhistorie.

Gemeinsam mit den Satelliten sind die Hobbymeteorologen genauso wie die Wetterballons für Aemet-Leiterin Guerrero eine unverzichtbare Größe im täglichen Vorhersagerennen. Während Freiwillige wie Puigserver ihre Beobachtungen auf den Boden beschränken, erfahren die Meteorologen mit Hilfe der Ballons, wie sich das Wetter bis zu 30 Kilometer oberhalb der Insel verhält. So hoch können die Ballons steigen, bevor der Druck zu groß wird und sie platzen. Dann haben sie ihren Durchmesser von anfangs 1,20 Meter auf rund zehn Meter mehr als verachtfacht.

Jeweils mittags und nachts steigt von Son Bonet aus einer der Ballons mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde in den Himmel über Pont d'Inca. Es gibt ein internationales Abkommen, nach dem sich die Wetterstationen, immerhin 600 auf der ganzen Welt, dazu verpflichtet haben, dass ihre Wetterballons jeweils um 12 Uhr und 0 Uhr GMT, also Greenwich Mean Time, auf rund 5.000 Meter Höhe angekommen sind.

Das bedeutet für die Vorführung am Montag: Kurz vor 13 Uhr beginnt der Container in Son Bonet, durchdringende Piep-Geräusche auszustoßen, das Zeichen dafür, dass es bald losgeht. Um Punkt 13.15 Uhr Ortszeit öffnet sich mit einem lauten Klack die Haube über dem runden Anbau am Container in Son Bonet. „Mach dich bereit, das geht ruckzuck", warnt Guerrero noch die Fotografin. Da schwebt der Ballon schon aus seiner Röhre und nimmt erstaunlich schnell Fahrt auf. Nach kurzer Zeit ist er schon aus dem Blickfeld verschwunden. Nicht überall auf der Welt ist die Technik so weit wie in Son Bonet: Es gibt selbst in Spanien noch Stationen, in denen die Meteorologen die Ballons per Knopfdruck starten müssen.

Mit Flugzeugen kommen sie laut Guerrero bei ihrem Weg nach oben normalerweise nicht in Berührung, ihr sei kein Fall bekannt. Im Jahr 1970 allerdings kollidierte eine sowjetische Antonow der Fluglinie Aeroflot in der Region Nowosibirsk mit einem Wetterballon in 5.400 Metern Höhe. Das Flugzeug wurde dabei am Rumpf beschädigt und stürzte ab. Alle 45 Insassen kamen dabei ums Leben.

Die Chefin der Wetterbehörde kommt gut vorbereitet zum Termin. Sie hat eine Liste mit den deutschen Ballon-Stationen ausgedruckt – elf an der Zahl. Sie befinden sich an so unterschiedlichen Orten wie Norderney, Schleswig, Greifswald, Essen, Idar-Oberstein, Stuttgart, Oberschleißheim bei München, Lindenberg im Allgäu oder dem Hohenpeißenberg in Oberbayern.

Guerrero bezieht wertvolle Informationen aus dem Latexballon. Genauer gesagt aus der etwa zehn Zentimeter langen Schachtel, die unten mit einer Schnur am Ballon befestigt ist. Sie übermittelt per GPS die Wetterinformationen auf ihrem Weg nach oben an einen Computer im Container in Son Bonet. Temperatur, Druck, Wind und Luftfeuchtigkeit sind die vier Parameter, die der Ballon misst. Bei den ersten drei Werten bemerkt Guerrero keine Auffälligkeiten. „Die Wetterballons übermitteln auf ihrem Weg in etwa 30 Kilometer Höhe an 90 bis 100 Stellen die Informationen über den Ist-Zustand. Wenn wir diese Daten dann in unsere Wettermodelle einarbeiten, ermöglichen sie uns genaue Vorhersagen", sagt Guerrero.

Die Schachtel, die die Werte aufzeichnet, fällt, wenn der Ballon platzt, zur Erde zurück. Es öffnet sich ein kleiner Fallschirm, der bis dahin innerhalb des Ballons lag und an dem die Schachtel befestigt ist. Sie schwebt zu Boden und landet – im Fall des Wetterballons aus Son Bonet – irgendwo zwischen Capdepera und Menorca, meistens im Meer. „Der Wind entscheidet, wo die Schachtel landet. Je stärker er weht, üblicherweise aus Westen, desto weiter entfernt sich die Schachtel in Richtung Osten", erklärt Guerrero.

Sie bekomme immer wieder Informationen von Spaziergängern, die die Schachteln rund um Capdepera finden. Die meisten allerdings landen auf dem Grund des Mittelmeers. Aufgesammelt werden sie nicht, weder auf Land noch im Meer. Die Schachteln sind nach einmaliger Benutzung nicht mehr zu gebrauchen. Über die Plastikbelastung hat sich dabei noch niemand größere Gedanken gemacht. Zweimal am Tag ein Ballon, das macht 730 kleine Plastikschachteln im Jahr, die unkontrolliert im Nordosten von Mallorca auf der Erde oder im Wasser landen. Es gebe, soweit Guerrero wisse, derzeit keine Überlegungen, das Prozedere zu ändern oder das Plastik durch ein nachhaltigeres Material zu ersetzen. Auch finanziell sind die Wetterballons eine aufwendige Angelegenheit. 300 Euro koste der Flug eines solchen Ballons, sagt Guerrero.

Da ist Joan Puigserver in Sóller billiger. Er fertige seine Wetteraufzeichnungen für Aemet freiwillig an, weil das Wetter eine Leidenschaft für ihn sei. Zwar bekomme er auch eine kleine Aufwandsentschädigung. „Die ist aber eher symbolischer Natur." Die Hobby-Wetterbeobachter seien essentiell, sagt Guerrero über Männer wie Puigserver. Doch es werde immer schwieriger, Freiwillige zu finden, die jeden Tag bereit sind, die Werte aufzuzeichnen. Da hat Guerrero es mit den Wetterballons einfacher. Die setzen sich wie von Geisterhand selbst in Bewegung.

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