Wer gibt wann wie viel, wenn überhaupt

Mit dem Trinkgeld in Spanien ist es so eine Sache: Ältere geben es meist, Jüngere kaum noch. Worauf zu achten ist, wenn man nichts falsch machen will

12-08-2010  
Angenehme Gepflogenheiten in Spanien: Der Gast entscheidet frei, wie viel er zusätzlich auf dem Tisch lässt.
Angenehme Gepflogenheiten in Spanien: Der Gast entscheidet frei, wie viel er zusätzlich auf dem Tisch lässt.  Foto: Nele Bendgens

THOMAS FITZNER Auch in deutschen Medien zirkulieren zum Thema Trinkgeld in Spanien Behauptungen, die dem Realitätstest nicht standhalten. So schreibt „Die Welt", dass umso mehr Trinkgeld erwartet werde, je weiter der Reisende in den Süden vorstößt, und dass in Spanien 5 bis 10 Prozent fällig seien.

Falsch. Zwar lassen manche Touristen tatsächlich so viel liegen, doch die Tradition in Spanien ist eine andere. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geht der Trend eher zu weniger propina (Trinkgeld), eine Entwicklung, die sich mit Einsetzen der Krise zum Teil dramatisch verstärkt hat.

In einigen Bereichen haben ganz banale Neuerungen dazu beigetragen, dass immer weniger Münzen in aufgehaltene Hände fallen. In der Reisebranche etwa die Ausbreitung des Koffers mit Röllchen, der nicht mehr von Kofferträgern oder Hoteljungen getragen werden muss. Selbst in luxuriösen Hotels ist das Personal mittlerweile daran gewöhnt, dass Gäste nicht mehr wie früher Trinkgeld geben. Man belohnt, wenn man denn will, den Kofferträger (ein Euro in normalen Hotels, in Luxushotels sind bis zu fünf Euro üblich), den Rezeptionisten (nur wenn er dem Gast über das zu erwartende Maß hinaus nützlich war) und manchmal auch das Zimmermädchen (ein paar Münzen auf den Nachttisch).
Doch wie gesagt: Selbst in der Spitzenklasse ist Trinkgeld freiwillig. Neben der Krise sind gesellschaftliche Veränderungen dafür verantwortlich, dass auch in anderen Bereichen meist auf den Cent genau bezahlt wird.

So sind es Boten, Installateure und der Lieferant der neuen Waschmaschine, die früher mit einem finanziellen Dankeschön rechnen konnten, heute gewohnt, mit leeren Händen abzuziehen. Unter anderem deshalb, weil die Kunden der Ansicht sind, der Spaß komme sie ohnehin teuer genug, aber auch, weil die Empfänger der Dienstleistung sozial nur noch selten klar über den Dienstleistern angesiedelt sind. Trinkgelder haben historisch viel mit Klassenunterschieden zu tun.

Daher wird hier auch ein Generationenwechsel spürbar. Spanier über 50 geben mehr und eher Trinkgeld, Jüngere weniger. Etwa beim Friseur, wo es in Spanien üblich ist, dem Bediensteten, der den Kunden behandelt hat, direkt ein Zugeld in die Hand zu legen (zwei Euro wären ein anständiges Minimum), vor allem nach längeren Terminen, und zwar bei Herren- wie Damenfriseuren. Viele jüngere Spanier aber sehen den Friseur als normales Dienstleistungsunternehmen wie jedes andere und verweigern mit dem Argument „mir gibt ja auch niemand Trinkgeld" den Aufschlag. Man sollte jedoch bedenken, dass Friseure auf das Erscheinungsbild Einfluss nehmen, weshalb ein Motivationsaufschlag keine schlechte Idee ist – vor allem, wenn man einen guten Stammfriseur gefunden hat.

Für Taxifahrer ist die Bedeutung der freiwilligen Aufzahlung, die sich normalerweise auf das Aufrunden der Rechnungssumme beschränkt, weit geringer als beispielsweise in der Gastronomie. Trinkgelder machen nach Angaben der landesweiten Taxifahrergewerkschaft lediglich zwei bis drei Prozent des Umsatzes aus, oder drei bis fünf Euro pro Arbeitstag.

Auch im Gastgewerbe ist Trinkgeld freiwillig und ein direkter Ausdruck der Zufriedenheit mit der gebotenen Dienstleistung. Gibt jemand keines, versteht der Betroffene in aller Regel, warum. Das Prozedere schließt psychologischen Druck nahezu aus: Man bestellt die Rechnung. Der Kellner stellt ein Tellerchen mit dem Rechnungszettel auf den Tisch. Man legt das Geld auf das Tellerchen, und irgendwann kommt der Kellner mit dem Retourgeld zurück und lässt es auf dem Tisch stehen. Dieses Ritual sollte man nicht mit einem así vale (stimmt so) durchbrechen, denn wahrscheinlich wird der Kellner tun, als hätte er nichts gehört, und das Wechselgeld trotzdem bringen.

Je nachdem, wie üppig das Wechselgeld ausfällt und wie zufrieden man mit dem Service war, kann man nun entscheiden, wie viel man liegen lässt. Wie diskret die Trinkgeldfrage gehandhabt wird, lässt sich auch daran ablesen, dass die Tellerchen mit dem Trinkgeld oft stehen gelassen werden, bis der entsprechende Gast das Lokal verlassen hat.

Diskretion ist auch in anderen Situationen anzuraten: Trinkgeld ist in Spanien keine barmherzige Spende, sondern eine Anerkennung, die sich jemand verdient hat. Daher sollte man auch kein großes Aufheben machen.

Selten holen Spanier zusätzliches Geld aus dem Portemonnaie, um ein Trinkgeld zu bezahlen, und selten übersteigt dieser Betrag fünf Prozent (außer in Luxus­etablissements). Bei kleinen, runden Beträgen – zum Beispiel drei Euro für einen Eisbecher – ist es üblich und zulässig, gar nichts liegen zu lassen. Ein wenig Etikette wäre jedoch zu beachten. Für Ärger sorgt etwa, wenn man sich lediglich seiner winzigen Cent-Münzen entledigen will.

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