Ballwechsel mit Sokrates

Titelverteidiger Rafael Nadal muss sich derzeit bei den Australian Open bewähren. Ein neues Buch erklärt, was dahinter steckt: Philosophie

21-01-2010  
Rafael Nadal schlägt auf, Toni Nadal (u.) kommentiert. Der Trainer erklärt, wie er die legendäre Motivation seines Neffen fördert.
Rafael Nadal schlägt auf, Toni Nadal (u.) kommentiert. Der Trainer erklärt, wie er die legendäre Motivation seines Neffen fördert. Efe

THOMAS FITZNER Tennisspiele werden mit dem Kopf gewonnen (oder verloren). Dass Rafael Nadal seinen Gegnern zumeist mental überlegen ist, gilt als einer der Hauptgründe für seine Erfolge. Dass er aus dem seelischen Gleichgewicht geraten ist, als einer der Hauptgründe für die Misserfolge der vergangenen Monate. Was steckt hinter der Entschlossenheit und Nervenstärke des Mallorquiners, aber auch hinter seiner nahezu demütigen Einstellung, die zur Folge hat, dass er selbst als Nummer eins oder zwei der Welt nicht die Bodenhaftung verliert und ständig an sich arbeitet?

Eine ungewöhnliche Antwort darauf geben der Philosoph Pere Mas sowie Rafaels Onkel und Trainer Toni Nadal. Gemeinsam haben sie ein Buch geschrieben, das die Qualitäten des Spitzenspielers mit Maximen der klassischen Philosophie verbindet: „Sirve Nadal, responde Sócrates" (Nadal schlägt auf, Sokrates retourniert).

Die Autoren bieten zum Einstieg eine kurze Kulturgeschichte des Sports und philosophieren über die psychologische und soziale Funktion des Spektakels. „Während eines Tie-Breaks", resümieren Mas/Nadal in knackiger Sportlersprache, „denkt niemand an den Ursprung des Universums oder den Sinn des Lebens".

Doch dann plaudert Toni ­Nadal aus dem Nähkästchen, erklärt die Fragen und Probleme, mit denen sich ein Profispieler und sein Trainer herumschlagen müssen, und gewährt Einblicke in seine außergewöhnliche Beziehung zu dem sechsfachen Grand-Slam-Sieger. Mit einer kuriosen Anekdote illustriert er,
wie weit das Vertrauen seines damals noch jugendlichen Neffen ging. Einmal gelang es dem Trainer nicht, Rafa zur Teilnahme an einem Turnier zu überreden, für das er eigentlich zu jung war. Also versprach Toni seinem Schützling, dass er es regnen lassen werde, sollte es schlecht laufen, damit abgebrochen würde. Das Match begann und Toni fragte, ob er es nun regnen lassen solle, doch wie vorhergesehen genoss Rafa das Spiel und flehte seinen Onkel an, jetzt bloß nicht einzugreifen. Dummerweise begann es ganz von selbst zu regnen. Rafa stürmte sofort zu seinem Onkel und verlangte, er solle das abstellen. „Dieses übertriebene Vertrauen in mich hat sich mit der Zeit in ein großes Vertrauen in seine eigenen Möglichkeiten verwandelt", glaubt Toni Nadal.

Daneben stellt Spaniens ­effizientester Tennis-Onkel Betrachtungen über Roger Federer an, den er für den besten Spieler aller Zeiten hält. Genau deshalb müsse man sich fragen, warum der spielerisch unterlegene Rafa gegen dieses Genie so oft gewonnen habe. Tonis Vermutung: Federers ­enormes Talent habe verhindert, dass der Schweizer eine Mentalität entwickelt habe, die ihm in kritischen Momenten helfe. „Er hat nie leiden gelernt." Erst in den Jahren 2008/2009 habe Federer die Fähigkeit erlangt, mit echtem Biss zu spielen.

Ein wenig Schwärmerei sei den Autoren verziehen, etwa wenn sie eine Beziehung zwischen Rafa und den griechischen Göttern herstellen: „Nadal ist, was er ist, weil er zu lernen verstanden hat und mit der Ordnung, Proportion und Harmonie Apollos trainiert, und mit der Freude und hinreißenden poetischen Inspiration des Dionysos spielt."

Unter dem Titel „David gegen Goliath" finden sich Gedanken zur Evolution des Tenniszirkus der vergangenen 30 Jahre. Generell gebe es zwei Arten, das Spiel zu verstehen: eine, die von der Ästhetik der Anfangszeit geprägt sei (so anmutig hätten sich etwa die Spielerinnen bewegt, dass Tennis als „Spiel von Mädchen auf der Suche nach einem Gatten" beschrieben wurde). Und eine andere, pragmatische, eine Philosophie der „Kanoniere": Aufschlag-Volley. „Wir erleben einen guten Moment", meint Toni Nadal, denn ein komplettes „konzeptuelles" Tennis habe die Oberhand errungen.

In jedem Fall sei Tennis mehr als andere Sportarten ein mentales Duell, u.a. weil es keinen uneinholbaren Rückstand gebe. So philosophiert der Onkel darüber, aus welchem Holz ein Tennischam­pion geschnitzt sein muss, und warum es mancher hoch talentierte Spieler nie in die Top Ten schafft. Zu Themen wie diesen zitieren Mas und Nadal auch Profi-Philosophen, manchmal mit Augenzwinkern. Zu einem Grundproblem des Sports habe etwa Sartre einmal angemerkt, die Anwesenheit eines gegnerischen Teams mache „alles viel komplizierter."

Das Buch: „Sirve Nadal, responde Sócrates", Toni Nadal und Pere Mas, Debolsillo, 12,95 Euro.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
– Festung Son Moix: Real Mallorca siegt im Heimspiel
– Mit 58 Schlägen in die Golf-Elite: Sebastián García Grout im Porträt
– Radprofi Matthias Kessler nach Sturz auf Mallorca im Koma

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