Deutsche Wasserspringer: Auf Mallorca fliegt´s sich besser

Eleganz ist eine Frage harten Trainings: Wie sich Deutschlands beste Wasserspringer in Palma auf die EM in Ungarn vorbereiten. Für einen Wackelkandidaten geht´s noch um die Wurst

22-07-2010  
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Unter Beobachtung: Bundestrainer Lutz Buschkow beäugt Wasserspringer Patrick Hausding beim Training in Palma
Unter Beobachtung: Bundestrainer Lutz Buschkow beäugt Wasserspringer Patrick Hausding beim Training in Palma Foto: Nele Bendgens

MARTIN ROLSHOVEN Viereinhalb Saltos in eineinhalb Sekunden? Das alles möglichst ästhetisch und beim Eintauchen ins Wasser bitte ohne große Spritzer. Für die neun Schützlinge von Chefbundestrainer Lutz Buschkow eine Herausforderung, aber nicht unlösbar. Denn sie sind Deutschlands beste Wasserspringer. Noch bis Sonntag (25.7.) bereiten sich die vier jungen Frauen und Männer in Palmas Schwimmstadion Son Hugo auf das wichtigste Turnier des Jahres vor: die ­Schwimm-Europameisterschaft in Ungarn. Vom 9. bis 15. August messen sich dort auch die Wasserspringer. Das vom Chef ausgerufene Ziel: mindestens sieben Medaillen nach Hause holen – so viele waren es bei der EM 2006.
Buschkows Springer müssen sich in Ungarn also keineswegs verstecken. Die deutsche zählt neben der ukrainischen und der russischen zu den drei besten Mannschaften Europas. Seit etwa zwei Jahrzehnten springt man ganz oben mit. Und damit das auch so bleibt, wird weiter hart trainiert. Kaum im Sprungbecken von Son Hugo gelandet, müssen die Wasserspringer auch schon wieder ran. Sie springen im Akkord.
„Mensch, Christian, da ist ja meine Oma schneller", brüllt Buschkows Trainerkollege Jan Kretzschmar vom Beckenrand. Er ist zuständig für die drei Berliner Sportler im EM-Kader. Mit einem von ihnen, Christian Picker, ist der 58-Jährige an diesem Montagnachmittag nicht zufrieden: „Der ist mir noch zu lahm." Dabei muss sich Picker (22) diese Woche besonders anstrengen, denn noch hat er den EM-Startplatz nicht sicher. Ob er in Budapest um Medaillen springen wird, will Bundestrainer Buschkow bis Sonntag entscheiden. „Christian hat den ­internen Leistungsnachweis verpasst", sagt er. Anders gesagt: Er war diese Saison nicht gut genug, hat seinen Trainer bei Wettkämpfen nicht überzeugen können.
„Freitag oder Samstag prüfen wir Christian ausgiebig – unter Wettbewerbsbedingungen." Es werde ein Trainingswettkampf simuliert, und am Ende zähle die erreichte Punktzahl. Antreten müsse er gegen Sascha Klein, einen der Stars des Nationalteams. Bei den diesjährigen deutschen Meisterschaften in Berlin gewann der 24-Jährige im Turmspringen, seiner Paradedisziplin, souverän den Titel. 2008 holte er bei den Olympischen Spielen in Peking im Turm-Synchronspringen mit Patrick Hausding die Silbermedaille. Klein sei bereits für die EM gesetzt und beim Trainingswettkampf das Maß der Dinge. „Es geht darum, wie nah Christian punktetechnisch an Sascha herankommt", erklärt Buschkow.

Aber auch seine Mannschaftskameraden werden gefordert und müssen beweisen, dass sie zu Recht für die EM nominiert wurden. Auch der 21-jährige Patrick Hausding. Seine Laufbahn steht stellvertretend für viele Wasserspringer. Mit sieben Jahren wurde er von einer Nachwuchstrainerin in der Berliner Grundschule entdeckt und gefördert. „Mit zehn Jahren ging es dann richtig los", erinnert er sich. Hausding wechselte auf eine sportorientierte Schule und begann mit dem Leistungstraining. 2009 hat er Abitur gemacht. Etwas später als normal, weil er ein Jahr länger die Oberstufe besucht hat: „Damit ich mehr trainieren konnte." Warum der ganze Stress? „Na, aus Spaß." Derzeit arbeitet er bei der Bundeswehr, die ihn auch sportlich fördert. Er ist Obergefreiter und im zehnten Monat dabei. Im nächsten Jahr möchte er ein Studium beginnen, gerne an einer Bundeswehruniversität. Vielleicht im sportlichen Bereich, genau wisse er das aber noch nicht. „Auf keinen Fall aber etwas Naturwissenschaftliches."

Fest steht allerdings, dass sich Patrick Hausding seinen Lebensunterhalt nicht mit Wasserspringen verdienen kann. Dafür ist sein Sport nicht bekannt genug. Das Problem haben auch seine Mannschaftskollegen. „Wasserspringen ist nach wie vor eine Randsportart – wie Turnen oder Volleyball", sagt er. Entsprechend gering sei das Interesse der Medien. „Nur bei Olympischen Spielen sind wir stärker im Fokus der Öffentlichkeit." Da seien die Einschaltquoten so hoch wie sonst nie. Das allein reiche aber nicht, damit die Sponsoren mit den Sportlern auch nur annähernd solche hochdotierten Verträge abschließen, wie es zum Beispiel im Fußball oder Tennis üblich ist. Gerecht ist das nicht: „Vor allem, weil die Wasserspringer häufig mehr und härter trainieren als ihre hochbezahlten Kollegen aus den bekannten Sportarten", findet Buschkow.
Apropos Training: Die Bedingungen auf Mallorca sind laut Buschkow ideal. In Deutschland gebe es keine vergleichbar ausgestattete, sogenannte „wettkampf-­normische Außenanlage" wie das olympische Schwimmzentrum in Palma. „Zu Hause müssen die Springer immer in Hallen trainieren." Draußen herrschen aber ganz andere Verhältnisse, betont Buschkow. Da es keine Decke gibt, müssen sich die Springer andere Orientierungspunkte suchen. Die Lichteinstrahlung ist anders, und der sich häufig drehende Wind muss vor jedem Sprung erneut berücksichtigt werden.

Was den Wind angeht, haben es Wiebke Jeske (19) und Edith Zeppenfeld (20) leichter: Der macht den beiden Synchronschwimmerinnen aus Flensburg nichts aus. Zusammen mit ihrer Trainerin Petra Obermark bereiten sie sich ebenfalls in Son Hugo auf die Europameisterschaft vor. Lutz Buschkow hatte das Trio eingeladen. „Die Mädchen müssen noch an ihrer Höhe und Spritzigkeit arbeiten", sagt Obermark. Weiter aus dem Wasser herauszuragen und schneller von A nach B zu kommen, sei sehr wichtig. „Bis Sonntag arbeiten wir auch noch an der Choreografie – da müssen noch Überraschungseffekte eingebaut werden", sagt die Trainerin.

Wenn die Spitzensportler mal nicht ins Wasser springen oder darin turnen, müssen sie ihre Körper stählen. „Ganz in der Nähe ist eine Turnhalle, in der das Team die akrobatischen Übungen machen kann", sagt Buschkow. Auf dem Programm stehen ­Bodenturnen und Ballett, das verbessere Haltung und Körperspannung. Wichtig für den Wettkampf, denn die Ästhetik spielt bei der Bewertung eine große Rolle. „Deshalb haben wir Ballettmeister Bernd Weiße mitgenommen. Er trainiert die Mannschaft."

Sehr zufrieden ist Cheftrainer Buschkow auch mit der Unterkunft, dem Vier-Sterne-Hotel Europe Playa Marina in Illetes. Der Komplex liegt abgeschieden, direkt an der Küste, Meerzugang inklusive. „Für die Entspannung nach dem Training." Und trotzdem ist man innerhalb einer Viertelstunde in Son Hugo. Zurück im Hotel, bekommen die Sportler eine auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Kost serviert. Vor allem für die Frauen im Team sei das prima: „Denn nicht alle sind so gut durchtrainiert wie unsere Männer", sagt er und lacht. Schließlich lobt er noch das konstant schöne Wetter. „Dadurch werden die alle hoffentlich ein bisschen brauner – wegen der Ästhetik."


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