Real Mallorca: Utz Claassen geht zum Angriff über

Der deutsche Aktionär über die Notwendigkeit „fundamentaler" Veränderungen nach dem Abstieg und seine Rolle dabei

20.06.2013 | 01:15
 „Den Club zu verlassen, ist keine Alternative": Utz Claassen beim MZ-Gespräch
„Den Club zu verlassen, ist keine Alternative": Utz Claassen beim MZ-Gespräch

Monatelang hat Utz Claassen geschwiegen und sich den Absturz von Real Mallorca von Deutschland aus angesehen. Dort pflegte er von Januar bis zu ihrem Tod im April seine schwerkranke Mutter. Der ehemalige EnBW-Manager mischte sich während dieser Zeit nicht ins Tagesgeschehen beim Club ein, an dem er 20 Prozent der Anteile hält. Auch, weil er die Mannschaft nicht noch weiter verunsichern wollte, wie er sagt. Jetzt, nach dem Abstieg, rechnet er mit Sportdirektor und Hauptaktionär Llorenç Serra Ferrer ab und bringt sich auch als neue Führungsperson in Stellung.

Sie kommen nach Monaten zurück auf die Insel und finden Ihren Club in der Zweiten Liga wieder. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Es war ja absolut vorhersehbar, dass es so kommen musste. Als wir elf Punkte hatten und auf dem dritten Platz standen, fingen schon einige an, von der Champions League zu fantasieren. Ich habe gesagt: Wir haben jetzt elf Punkte gegen den Abstieg. Denn aus meiner Sicht hatten drei unserer besten Spieler den Club vor der Saison verlassen: Chico, Ramis und Chori Castro. Chico und Ramis als Innenverteidiger waren die zentrale Säule des Erfolges. Denn auch in der Saison davor haben wir wenige Tore geschossen, aber wir hatten eine sehr stabile Abwehr. Diese drei Spieler haben wir nicht adäquat ersetzt. Ein weiterer schwerer Fehler in dieser Saison war auch, nicht auf mich zu hören, als ich forderte, den Trainer unverzüglich zu wechseln. Der Club hat es drei Wochen später getan. Aber mit drei Spielen mehr unter der Führung von Manzano hätten wir die Klasse zweifellos gehalten. 

Wer ist schuld?
In diesem Club wurden alle sportlichen Entscheidungen von einer Person getroffen. Deshalb hat der Abstieg einen Namen: Llorenç Serra Ferrer. Es ist sein Abstieg. Die Statistik lügt nicht: Drei Abstiege in drei Jahren (auch die zweite Mannschaft und die Jugendmannschaft sind abgestiegen, Anm. d. Red.). Wenn wir das hochrechnen, ist klar, was im vierten Jahr passiert. Das ist ein strukturelles Problem. Hier muss sich etwas fundamental ändern. Geschieht das nicht, landen wir eher in der Segunda División B als in der Primera División. 

Was muss jetzt passieren?
Serra Ferrer muss vor allem als Sportdirektor umgehend zurücktreten. Auch als Vize-Präsident und kommissarischer Präsident wäre ein Rücktritt angebracht. Aber in jedem Fall sollte er sofort eine Verwaltungsratssitzung einberufen, damit wir ein neues Projekt angehen können. 

Ihre Rücktrittsforderung würde einen Umbau im Club nach sich ziehen. Wie soll der aussehen?
Der Sportdirektor hat deutlich bewiesen, dass er mit seinen Methoden nicht fähig war, die sportlichen Ziele zu erreichen. In meinem Leben habe ich mehrere große Unternehmen erfolgreich restrukturiert. Die Leute, die ein Unternehmen vor die Wand fahren, sind nie die, die das Unternehmen danach wieder flott machen. Bei uns im Club gibt es auf der sportlichen Ebene viele Dinge, die gerichtet werden müssten: Die Atmosphäre untereinander, die Struktur der Mannschaft oder die Beziehung zwischen erster und zweiter Mannschaft. 

Und auf institutioneller Ebene?
Hier ist die Situation mehr als absurd. Der Club hat seit sechs Monaten keinen Präsidenten, er hat keinen unterschriftsberechtigten Vorstandssprecher. Und dazu einen Aktionär – eben Llorenç Serra Ferrer –, der sagt, er sei in der Lage, den Club zu „dirigieren", aber nicht Präsident sein möchte. Damit ist doch schon alles gesagt. Dass der kommissarische Präsident nach dem Abstieg eine offizielle
Pressekonferenz einberuft, noch bevor er eine Verwaltungsratssitzung ansetzt, ist für mich eine Provokation. Wir sind an einem Samstag abgestiegen. Wir hätten uns sofort am Montag darauf versammeln müssen, um zu besprechen, was zu tun ist. Aber was macht Serra
Ferrer? Er spricht ohne jegliche Legitimation mit Spielern und Trainern. Das ist unfassbar. Und was war das für ein Chaos mit dem Trainer: Am einen Tag Manzano, am nächsten Herrera, am nächsten Tag Oltra. Es gibt keine Logik, keine Stringenz, keine Konzepte. 

Das hört sich so an, als würden Sie sich als Kandidat für das Präsidentenamt ins Gespräch bringen.
Wenn das institutionelle Setting stimmt, würde ich mich für die Zukunft des Vereins einsetzen. Ich sage nicht, dass ich Kandidat für diesen oder jenen Posten bin. Aber wenn wir hier vernünftig zusammen arbeiten, mit Respekt, mit Logik und gegenseitigem Zuhören, dann bin ich bereit, mitzuhelfen, die Situation zu verbessern.

Sie denken weiterhin nicht daran, den Club zu verlassen?
Das ist keine Alternative. Aber ändern sich die internen Ab­läufe nicht, dann werde ich sagen: Das ist euer Projekt. Ich bleibe zwar Aktionär, aber ich werde alle rechtlichen Schritte einleiten, um die Verhältnisse in der Führungs­etage zu ändern. Ich habe ja dann keine Alternative.

Am Montag wurde der neue Trainer José Luis Oltra ohne Rücksprache mit dem Verwaltungsrat vorgestellt. Was heißt das für Sie?
Ich werde ab sofort jeden Vertrag anfechten, den Serra Ferrer unberechtigt unterschreiben sollte, beziehungsweise persönliche Schadenersatzforderungen stellen. Wenn Serra Ferrer unlegitimiert Verträge aushandelt und abschließt, dann soll er sie doch am besten aus eigener Tasche bezahlen. 

Was könnten Sie denn beitragen, um Real Mallorca wieder zum Aufstieg zu verhelfen?
Meine Kontakte, meine Ideen, meine Konzepte, meine Erfahrung in Umgestaltungen. Dreimal in meinem Leben habe ich Unternehmen aus sehr schwierigen Situationen heraus zügig restrukturiert. Mein Managementkonzept hat 20 Jahre lang in jedem Unternehmen gute Ergebnisse erbracht. Und natürlich habe ich auch einen Trainer im Kopf und einen Sportdirektor. Ich könnte sie morgen präsentieren. Aber ich will nicht eine Diktatur durch eine andere ersetzen. Die Zukunft ist deshalb nicht, dass ich sage: Du bist der Trainer, du der Sportdirektor, du Stürmer, du Verteidiger. Ich habe eine andere Herangehensweise. Alle, die Erfahrung und Kompetenz haben, können etwas beitragen. 

Ihr Projekt „Força Vermella 2020", das Real Mallorca neben Real Madrid und dem FC Barcelona ansiedelte, kann mit dem Abstieg ad acta gelegt werden.
Das Potenzial des Clubs hat sich nicht verändert. Kurzfristig gesehen ist der Abstieg natürlich ein Desaster. In der Zweiten Liga kannst du nicht die gleichen Sponsoren begeistern wie in der Ersten Liga. Aber langfristig können wir das Ziel weiterhin erreichen, wenn wir die richtigen Schlüsse aus den Fehlern ziehen. Schauen wir mal, ob der Club die Fähigkeit hat, sich zu ändern. Ich bekomme Briefe von mallorquinischen Geschäftsleuten, die mir sagen: Sobald sich hier etwas ändert, sind wir bei Dir mit dabei. 

Mangelt es auch an der lang­fristigen Planung?
Es gibt keinen systematischen Plan, etwa für das Scouting. Ein Positivbeispiel ist da für mich Borussia Dortmund und der Fall Neven Subotic, für mich einer der besten Verteidiger der Welt. Die Tatsache, dass er bei Dortmund spielt, ist das Resultat von zehn Jahren systematischer Arbeit.
Subotic begann in Deutschland seine Karriere. Dann ging er als junger Spieler nach Kanada. Und Jürgen Klopp, der damals noch in Mainz Trainer war, hielt den Kontakt. Später hat Mainz Subotic unter Vertrag genommen, dann Dortmund. So etwas fehlt hier. Und die Frage ist nicht, ob wir morgen Messi oder Ronaldo unter Vertrag nehmen, sondern, wie wir die Arbeit in allen Bereichen professionalisieren können. Dazu gehört auch das Sponsoring: Ich bin zwar glücklich, dass uns Riviera Maya als Trikotsponsor unterstützt, aber es tut mir weh, dass die Handelnden keine Alternative hatten zu einem Verband, der die mexikanische Konkurrenz zu Mallorca bewirbt. Und vielen Mallorquinern tut es auch weh.

Zum Unternehmen Wiederaufstieg: Wie finden Sie, dass mit Aouate, Nunes und Pep Lluis Marti drei Spieler der Abstiegssaison als Schlüsselspieler für die Zweite Liga feststehen? Sieht so ein Neuanfang aus?
Zunächst mal: Ich fand immer, dass Nunes ein Supertyp ist. Martí hat mich in den letzten Spielen durch seine Einstellung überzeugt. An Aouate gefällt mir, dass er sich klar zur Insel bekennt, die spanische Zweite Liga der Ersten englischen vorzieht. Aber die erste Frage sollte doch sein: Was für eine Mannschaft wollen wir? Wie viel Erfahrung, welches technische Niveau, welche Altersstruktur wollen wir? Wollen wir mit Erfahrung oder mit Talent und Jugend wieder aufsteigen? Ich habe solche Überlegungen bisher nicht gesehen. Ich bin nicht gegen Nunes, Martí oder Aouate, aber wir handeln hier wieder, bevor wir über diese Themen überhaupt nachgedacht haben. Wir beginnen die neue Saison mit den gleichen Fehlern wie die vergangene Spielzeit. 

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 13. Juni (Nummer 684) lesen Sie außerdem:

- Der weise Rafael VIII.

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