„Unser Sport ist heute vorbildlich´

Mikel Zabala verantwortet das Training beim spanischen Radrennstall Movistar. Der Anti-Doping-Prediger im Gespräch über die Sünden der Vergangenheit, die Wege aus dem Betrug und die neue Realität im Radsport

20.02.2014 | 02:30
Hat die Fäden beim Movistar-Training in der Hand: Mikel Zabala (li.)
Hat die Fäden beim Movistar-Training in der Hand: Mikel Zabala (li.)

Mikel Zabala ist ein echter Tausendsassa. Der 39-Jährige aus Navarra hat Ende 2012 die Verantwortung für das Training des spanischen World-Tour-Radrennstalls Movistar übernommen. In dessen Reihen fahren unter anderem der Sieger der Vuelta a España 2009, Alejandro Valverde, sowie der kolumbianische Hoffnungsträger Nairo Quintana, Zweiter der Tour de France 2013. Zabala hat sich vor allem als Sportwissenschaftler einen Namen gemacht. Unter anderem ist er Begründer der Website Cycling Research, die auch Amateur-Fahrern Tipps fürs Training gibt. Sein zentrales Anliegen aber ist der Kampf gegen Doping. Zabala sprach beim ersten Cycling Meeting in Palma am Freitag (7.2.) über seine Arbeit. Die MZ erwischte ihn nach der zweiten Etappe der Mallorca Challenge am Telefon.

Herr Zabala, wie steht es ein Jahr nach dem Doping-Fall Lance Armstrong um den internationalen Radsport? Haben die Rennställe angemessen reagiert?
Aus meiner Sicht haben die Teams vor allem bei der Planung der Trainingseinheiten einen Quanten­sprung gemacht. Inzwischen wird dieses Thema sehr ernsthaft angegangen. Man legt Wert auf jedes einzelne Detail. Auch technische Innovationen werden jetzt sehr gewissenhaft ausprobiert und dosiert eingesetzt. Bei uns zum Beispiel wird jedes technische Hilfsmittel akribisch getestet. In der Vergangenheit sahen sich die Teams gar nicht zu solchen Innovationen genötigt.

Weil es ja noch die Spritzen vom Arzt gab?
Genau. Das ist der Grund dafür, dass die meisten Rennställe erst seit relativ kurzer Zeit wirklich an einer methodischen Verbesserung der Trainingsmethoden arbeiten. Das Doping hat auch in diesem Punkt unserem Sport sehr geschadet, denn es hat jeglichen Ansporn zunichte gemacht, die Konkurrenz auf andere Art und Weise zu übertrumpfen.

Das klingt gruselig: Wurde ausschließlich dem Doping-Arzt vertraut?
Es war tatsächlich so. Aber ich muss fairerweise sagen, dass der Radsport schon viel länger sauber arbeitet, als die Öffentlichkeit das wahrhaben will. Seit etwa zwei Jahren wird hervorragende Arbeit geleistet. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass unser Sport heute vorbildlich ist, was Fairplay angeht.

Im Umkehrschluss heißt das, dass in anderen Sportarten weiterhin betrogen wird?
Ich möchte niemanden beschuldigen, aber in anderen Sportarten wurde lange nicht so ein harter Maßstab angelegt wie im Radsport. Die Kontrollen waren deutlich seltener und laxer.

Aber Sie sind schon damit einverstanden, dass im Radsport gründlich entrümpelt wurde?
Ja, natürlich! Es war unbedingt nötig, dass wir uns aus diesem Sumpf befreien und neu beginnen. Womit ich aber nicht einverstanden bin, ist die Reaktion einiger Politiker in Spanien, die die Doping-Sünder beinahe wie ­Mörder an den Pranger stellten. Wer schuldlos ist, werfe den ersten Stein. Die Politiker haben hier Verhaltensweisen von den Sportlern eingefordert, die sie selbst nicht an den Tag legen. Es scheint mir übrigens absolut aufrichtig und ­ehrlich, wenn ein deutscher Minister von seinem Amt zurücktritt, weil herauskommt, dass seine Doktorarbeit ein Plagiat ist. Eine solche Konsequenz lassen die meisten Politiker hier vermissen.

Apropos Konsequenz: Alejandro Valverde hat bewiesenermaßen gedopt, war zwei Jahre gesperrt und ist bei Movistar untergekommen. Wie lässt sich das mit Ihrer Philosophie vereinbaren?
Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Viele geständige Doping-Sünder stellen sich später der Presse und räumen theatralisch ihre Schuld ein, aber nur, um gut dazustehen. Alejandro hat das nie gemacht. Dafür hat er aber dem Team gegenüber ganz klar gesagt, wie sehr er seinen Fehler bedauert. Ich sehe Alejandro jeden Tag und ich bin überzeugt, dass er mit dieser Episode abgeschlossen hat.

Weniger Geduld hatten Sie mit Álex Marque. Der Vuelta a Portugal-Sieger, den Movi­star im Sommer vom Team OFM-Quinta da Lixa verpflichtet hatte, wurde im Dezember nach einem Doping-Befund sofort entlassen.
Dieser Fall war völlig eindeutig. Wir hatten ihn unter anderen Voraussetzungen verpflichtet. Als der Doping-Befund herauskam, mussten wir den Vertrag sofort auflösen.

Wie soll in Zukunft verhindert werden, dass es wieder zu Betrügereien mit verbotenen Substanzen kommt?
Die einfachste Methode ist, die Strenge und die Häufigkeit der Kontrollen beizubehalten. Aber auch die Ausbildung und die Sensibilisierung der Fahrer selbst spielt eine wichtige Rolle. Die Generation, die gerade heranwächst und in den kommenden Jahren an der Weltspitze fahren wird, hat eine andere Einstellung zum Thema Doping. Die jungen Fahrer entscheiden sich aus eigenem Antrieb für einen sauberen Sport.

Wie sieht diese neue Realität im Radsport etwa bei Ihrem Team Movistar aus?
Jeder Fahrer bekommt einen individualisierten Wochenplan mit Trainingstagen und Ruhetagen. Denn man kann nicht dem ganzen Team vorschreiben: Ihr macht am Mittwoch und am Samstag Pause, und die restlichen Tage fahrt ihr. Jeder Körper reagiert anders auf Belastung. Inzwischen wissen wir auch, dass mehr Training nicht unbedingt zu mehr Erfolg führt. Es gibt ein Trainingsmaximum, und wenn darüber hinaus weitertrainiert wird, ist die Erschöpfung zu groß, der Fahrer wird wieder langsamer. Die Erholungsphasen sind ein wichtiger Bestandteil des Trainings.

Schaut man sich solche Erkenntnisse auch bei anderen Rennställen ab?
In diesem Fall muss ich unserem Konkurrenten Sky ein Kompliment machen. Das Team hat auf diesem Gebiet die ersten Schritte unternommen. Dieser Rennstall ist ein Glücksfall für alle anderen, denn dort wurde von Beginn an mit höchster Professionalität und individualisierter Betreuung gearbeitet, was dem gesamten Radsport zugute kommt. Inzwischen gehen wir auch so gewissenhaft zu Werke. Jede Woche sprechen wir Trainer mit den Verantwortlichen über jeden einzelnen Fahrer. Und natürlich stehen wir auch mit jedem Fahrer ständig im Dialog. Das ist sehr zeitaufwendig, aber die Ergebnisse geben uns recht. Außerdem rückt das ganze Team auf diese Weise eng zusammen. Denn im Grunde ist der Mannschaftsgeist das Wichtigste. Wo die Stimmung gut ist, stimmen auch die Ergebnisse. Und wir haben Glück, dass die meisten unserer Fahrer Spanier sind. Da gibt es wenig Raum für interkulturelle Konflikte.

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