Triathlon-Trainingscamp in Pollença: Doppelpack im Egoisten-Sport

Michael und Andreas Raelert erklären, wie man auch gemeinsam erfolgreich sein kann

09.04.2014 | 16:17
Wollen dieses Jahr endlich den Ironman Hawaii gewinnen: Michael (li.) und Andreas Raelert
Wollen dieses Jahr endlich den Ironman Hawaii gewinnen: Michael (li.) und Andreas Raelert

Es ist Samstagabend (29.3.), der große Saal im Pollentia Club Ressort ist voll mit deutschen Amateur-Triathleten, auch einige Dänen sind dabei. Auf der Leinwand werden Wettkampf-Videos gezeigt. Dann und wann klatschen oder lachen die Zuschauer. Alles verstummt, als ein Sprecher von Ironman das Wort ergreift. Es sei schade, dass einige heute schon aus dem Camp abreisen müssen. Eine Woche lang haben die Teilnehmer wie die Profis trainiert. 700 Euro kostete das Trainingslager, das mit knapp 180 Personen restlos ausverkauft war. Doch für Abschiedsstimmung ist es noch zu früh, denn ein Highlight steht noch bevor: ein Profitalk mit den Superstars des internationalen ­Triathlonsports Andreas (37) und Michael (33) Raelert.

Neben dem Bruderpaar nimmt auf der Bühne auch die deutsche Ironman-Chefriege Platz: Björn Steinmetz und Thomas Dieckhoff. Doch alles dreht sich um die Raelerts. Am Freitagabend sind sie gelandet und haben am Samstag die erste Trainingseinheit mit den Campteilnehmern absolviert. Eine sechsstündige Radausfahrt stand auf dem Programm. „Da wir sonst zu zweit trainieren, ist es mal was anderes", erklärt Michael Raelert. „In der Atmosphäre hier und mit der Gruppe hat es ganz viel Spaß gemacht."

Tag komplett verplant
Auch sonst ist es eine Abwechslung vom streng getimten Tagesablauf in der Heimat. Kurz vor fünf Uhr am Morgen stehen sie auf, um gleich um sechs eine erste Trainingseinheit in der Schwimmhalle zu absolvieren. Erst nach fünf bis sechs ­Kilometern im Wasser gibt es Frühstück. Dann wird den ganzen Tag weiter trainiert. „Wir werden für etwas bezahlt, was andere Leute in ihrer Freizeit machen. Das ist Ansporn genug", sagt Andreas ­Raelert. Am Abend stehen dann noch administrative Dinge an, denn schließlich sind die Brüder dabei, mit der Marke „raelert ­brothers" ihr eigenes Unternehmen aufzubauen. „Wir gehen immer möglichst früh ins Bett", sagt Michael später beim Interview und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Wir sind ­eigentlich totale ­Langweiler. Komplett uninteressant für Frauen."

In diesem Jahr wollen die Brüder bevorzugt in der Heimat in Rostock trainieren. „Im vergangenen Jahr waren wir etwa 300 Tage nicht zu Hause", meint Andreas Raelert. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, da sie im vergangenem Jahr trotz vieler Privilegien und internationaler Trainingslager unter ihren sportlichen Ansprüchen landeten. Von Verletzungen geplagt musste Michael den Ironman auf Hawaii absagen. Sein Bruder trat dort zwar an, konnte das Rennen wegen eines eingeklemmten Nervs aber nicht beenden – zum ersten Mal in seiner Karriere.

Obwohl Andreas Raelert mit 7:41:33 die Weltrekordzeit auf der Ironman-Distanz innehat, hat er noch nie die Weltmeisterschaft gewinnen können. Dementsprechend offensiv formulieren die Brüder ihre Ziele für die Saison. Neben der Weltmeisterschaft in Hawaii wollen sie die 70.3 Weltmeisterschaft in Mont-Tremblant in Kanada gewinnen. Am Liebsten wäre ihnen ein Doppelsieg. Ob Michael seinem Bruder dann den Vortritt zum Sieg lassen würde, fragt ­Moderator Till Schenk. Nein, in diesem Fall wollen sie Hand in Hand die Ziellinie überqueren.

Auch auf Mallorca sind die Brüder wieder am Start. Am 10. Mai treten beide beim Ironman 70.3 in Alcúdia an. Michael wird in der Einzelwertung und Andreas in der Staffel für Thomas Cook teilnehmen. Beim ersten Full-Ironman auf der Insel am 27. September sind sie jedoch nicht dabei.

Rivalität im positiven Sinn
Die Raelerts pflegen insgesamt ein sehr harmonisches Verhältnis – müssen es wohl auch. Der jeweils andere sei ein fester Halt während des Trainings und der Rennen. „Das ist etwas Besonderes, weil der Triathlon ein egoistischer Sport ist, man ist als Einzelkämpfer unterwegs", schildert Andreas Raelert. Aber auch die Rivalität untereinander spornt die beiden immer wieder zu neuen Höchstleistungen an. „Nur so entwickeln wir uns weiter", sagt Michael Raelert. „Der Vorteil ist, dass wir als Brüderpaar den direkten Vergleich haben. Aber immer positiv, wir gönnen dem anderen, wenn er besser ist." Der enge Zeitplan und das gemeinsame Training erlauben sowieso keine Streitigkeiten. Wie in jeder Familie, gibt es aber auch bei den Raelerts ab und an Ungereimtheiten. Doch die werden während des Trainings ausgeblendet – auch weil man durch und durch Profi ist.

Neben der hohen physischen Leistungsfähigkeit erfordert der Triathlon ohnehin eine besondere mentale Stärke. Bei durchschnittlich acht Stunden Renndauer auf der Ironman-Distanz ist es schwer, die ganze Zeit fokussiert zu bleiben. Es ist ein Kampf gegen sich selbst. Ständig die Frage nach dem Sinn, ob man nicht einfach stehen bleiben und aufhören soll. Doch der Scham und die Schmach danach sei ein zu hoher Preis, um ein Rennen abzubrechen, sagt Michael Raelert. Diese Einstellung und Nervenstärke sei seine große Stärke, sagt sein Bruder über ihn. Im Ausdauersport sind die Unterschiede zwischen den weltbesten Athleten nur marginal. Bei den Rennen entscheidet oft die Tagesform. „Da musst du über dich hinauswachsen und das gelingt Micha in einer Form, die einzigartig ist", sagt der ältere Bruder. „Danke, aber das musstest du jetzt auch für Mama sagen", witzelt der jüngere Michael daraufhin.

Nach dem Podiumsgespräch hat auch das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Warum überhaupt Triathlon, ist eine davon. Es sei einfach ein geiles Gefühl durch den Zielbogen zu laufen und von allen angefeuert zu werden, antwortet Michael Raelert. Andreas Raelert gibt noch die Anekdote zum Besten, dass er sich früher in der Jugend von Hansa Rostock als Fußballer probiert hat – im lauf­intensiven Mittelfeld natürlich. Etwas bedauert er die Entscheidung gegen die Fußballkarriere. Es sind einfache Fragen, die den Leuten auf der Zunge brennen. Die Raelerts beantworten geduldig jede Frage, erzählen, dass sie selbst ihre Räder waschen und warten, dass auch sie mal ein Eis essen. Am Ende unterschreiben sie noch alles, was das Fanherz signiert haben will. Doch während die Campteilnehmer in die Disco weiterziehen, geht es für die Profis zügig ins Bett, denn es ist schon deutlich nach zehn Uhr.


Konkurrenten: Ironman VS. Challenge

Ebenfalls Schlagzeilen in der ­Triathlonszene schreibt Björn Steinmetz. Er verkaufte im vergangenen Jahr sein Unternehmen Kraichgau Sportpromotion und wurde Managing Director bei Ironman. Ein überraschender Seitenwechsel: Mit seiner Firma hatte er zuvor einen exklusiven Lizenzvertrag mit der Team Challenge GmbH – der Konkurrenz von Ironman. Eine Klausel im Vertrag sah zudem eine Sperrfrist bei einem eventuellen Wechsel vor. Steinmetz hatte die Challenge Kraichgau seit mehreren Jahre organisiert – Ironman wollte diesen Triathlon unbedingt übernehmen. Zwischenzeitlich drohte ein Gerichtsstreit. Ob der größte ­Triathlon von Baden-Würtemberg überhaupt stattfindet, stand bis vor Kurzen in den Sternen.

Beim Profitalk auf der Insel konnte Steinmetz die Triathleten aber beruhigen. „Stand aktuell ist, dass das Rennen 2014 als Challenge-Rennen von meiner ehemaligen Firma durchgeführt wird." Die Übernahme durch Ironman soll dann 2015 erfolgen. Zur Zeit laufen die Gespräche mit den Kommunen. An der Veranstaltung soll sich aber möglichst wenig ändern. „Wir wollen das Rennen genauso weiterführen, wie es jetzt die ganzen Jahre erfolgreich lief," sagt Steinmetz. „Aber wir wollen der Region auch die Marke Ironman bieten."


Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 3. April (Nummer 726) lesen Sie außerdem:

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