Christoph Daum: Nicht jammern, sondern spielen

Der Trainer zählt die Deutschen in Brasilien zu den Favoriten. Auch ohne Marco Reus. Und selbst wenn Spanien wie ein Uhrwerk läuft

13.06.2014 | 10:53
„Wir sollten den Gigantismus bei Weltmeisterschaften hinterfragen": Christoph Daum in Santa Ponça.
„Wir sollten den Gigantismus bei Weltmeisterschaften hinterfragen": Christoph Daum in Santa Ponça.

Noch eine gute Woche tankt Christoph Daum in seinem Haus in Santa Ponça Kraft, dann geht es los in Richtung Brasilien. Der 60-jährige Fußballtrainer (unter anderem ­Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, Fenerbahçe Istanbul), der derzeit ohne Engagement ist, wird zum zweiten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ghana am 21. Juni anreisen. Bis zum Finale wird Daum unter anderem für die Fernsehsender N24 und Sky News sowie mehrere europäische Zeitungen die WM kommentieren.

Mit welchen Gefühlen reisen Sie nach Brasilien?
Wie immer mit Zuversicht. Die deutsche Mannschaft hat in den vergangenen Jahren herausragende Leistungen erbracht. Ich rechne sie auch diesmal zum Kreis der Titelanwärter. Das Team ist in der Lage, sich im Verlauf eines Turniers zu steigern. Nicht umsonst nennt man die Deutschen schon seit Langem eine „Turniermannschaft".

Auch wenn in den Vorbereitungsspielen noch nicht alles rund lief.
Hören Sie mir auf mit den Testspielen. Da ist noch bei allen Mannschaften Sand im Getriebe. Die Spieler haben eine lange Saison hinter sich und müssen sich erst wieder aufeinander einstellen. Außerdem legt in den Tests keine Mannschaft schon alle Trümpfe auf den Tisch.

Die deutschen Gegner haben es in sich.
Ja, wir haben eine schwierige Gruppe erwischt. Aber ich sehe es als großen Vorteil, dass wir zum Beispiel gegen einen Gegner wie Portugal gleich zum Auftakt spielen. Da muss die Mannschaft von Beginn an auf 100 Prozent hochfahren.

Woran liegt es, dass sich die Deutschen im Laufe eines Turniers oft deutlich steigern, wo doch Spieler und Trainer immer wieder komplett ausgetauscht wurden?
Das kommt hauptsächlich von den Strukturen, die um die Mannschaft herum existieren. Die waren bei den Deutschen seit jeher sehr gut. Schon Sepp Herberger hat zum Beispiel jedes Stadion vorher genau inspiziert und geprüft, wie der Sonnenstand zum Spielzeitpunkt ist. Die Deutschen waren immer optimal auf die Turniere vorbereitet und haben nie etwas dem Zufall überlassen. Andere Länder haben inzwischen natürlich aufgeholt.

Gegen Verletzungen wie die von Marco Reus ist man auch bei bester Vorbereitung nicht gefeit. Wie schwer wiegt sein Ausfall?
Er war der überragende Akteur der Bundesliga-Rückrunde und hat viele Spiele für Dortmund entschieden. Sicher hätte er innerhalb der Nationalmannschaft bei der WM eine Schlüsselrolle einnehmen können. Aber es hat die Deutschen schon immer ausgezeichnet, dass sie nicht jammern. Jetzt ergibt sich eben die Chance für Mario Götze oder Lukas Podolski, der sich diese Saison toll entwickelt hat.

2002 fehlte im Finale der Führungsspieler Michael Ballack, Deutschland hatte gegen Brasilien keine Chance. Könnte uns jetzt ohne Marco Reus nicht Ähnliches passieren?
Das kann man überhaupt nicht vergleichen. 2002 bestanden die Deutschen aus Ballack plus zehn. Er war Dreh- und Angelpunkt des Teams. Heute gibt es eine ganz andere Verteilung der Aufgaben auf viele Schultern. Ein Ausfall eines Spielers trifft das Team heute bei Weitem nicht mehr so wie 2002.

Wer sind neben den Deutschen noch Ihre Favoriten?
Ganz oben sehe ich weiterhin die Spanier. Die reisen mit 16 Welt- und Europameistern an. Das Team ist auf dem Zenit seiner Leistungs­fähigkeit und die reifste Mannschaft des Turniers. Sie funktioniert wie ein Uhrwerk. Die einzige Unbekannte ist, wie hungrig die Spanier noch sind. Sie müssen bereit sein, noch einmal über die Schmerz­grenze zu gehen. Das ist das Einzige, was Trainer del Bosque noch einmal schaffen muss.

Sonst hat er keine Aufgaben?
Im Prinzip nicht. Del Bosque ist nur noch ein Verbinder. Er muss nichts neu erarbeiten. Er muss der Kommunikator sein, der aus den Gesprächen mit den Spielern die richtigen Schlüsse zieht und vor allem muss er ein guter Zuhörer sein. Aber er ist ruhig und besonnen und bringt genau diese Fähigkeiten mit.

Wie sieht es mit Brasilien aus?
Klar, auch einer der Favoriten. Im Gastgeberland wäre das Enttäuschungspotential am größten, wenn es nicht klappt mit dem Titel. Der Verband bereitet das Turnier haarklein vor, es wird sogar darauf geachtet, dass ein guter Friseur das Team begleitet. Die Erwartungen an das Team sind riesig.

Sonst noch ein Favorit?
Ich sehe auch Argentinien als Titelanwärter. Lionel Messi ist in guter Verfassung und die Trainer haben eine gute Mannschaft um ihn herum aufgebaut. Wenn die Spieler sich im Turnierverlauf finden, können auch sie den Titel gewinnen. Die Argentinier sind hervorragend organisiert. Nicht umsonst heißen sie die tedeschi, also die Deutschen Südamerikas.

Was sagen Sie denn zu den Belgiern?
Ich glaube nicht, dass es dieses Mal einen Überraschungsweltmeister geben wird. Dazu sind die Favoriten zu stark. Die Belgier sind das erste Mal seit zwölf Jahren wieder dabei und setzen sich aus vielen Legionären zusammen, die sich erst einmal finden müssen. Wenn sie allerdings im Achtelfinale oder auch im Viertel­finale auf Deutschland treffen und gewinnen sollten, kann sie die Euphorie weit tragen.

Sehen Sie die Entwicklungen dort mit etwas Neid? Vor zwei Jahren haben Sie beim Verband selbst um die Stelle als Nationaltrainer angefragt.
Mich hat der Job damals gereizt, aber der Verband wollte es erst einmal mit Marc Wilmots probieren. Er hat zwei Spiele geleitet, die beide sensationell gelaufen sind. Deshalb ist er Trainer geblieben. Die Entscheidung war genau richtig. Ich freue mich für den belgischen Fußball.

Noch ein Wort zu Brasilien. Ist die WM dort bei allen Protesten richtig aufgehoben?
Ja. Es ist das fußballverrückteste Land dieser Welt. Dass man nach 1950 dort endlich wieder eine WM veranstaltet, ist eine logische Konsequenz. Wir sollten aber den Gigantismus bei Weltmeisterschaften oder auch Olympischen Spielen hinterfragen. Was war denn zuerst da? Der Sport oder das Geschäft? Wir dürfen dem Sport nicht seine Seele rauben. Ich hoffe, dass in Zukunft mehr Rücksicht auf die Eigenheiten jedes Landes genommen wird und nicht die Devise gilt: immer größer, immer moderner. Hier haben alle Beteiligten, nicht nur die FIFA, etwas das Augenmaß verloren.

Wann sieht man Sie eigentlich wieder auf der Trainerbank?
Das weiß ich nicht. Ich habe heute noch ein Gespräch auf Mallorca mit einem Club, dem ich schon telefonisch abgesagt hatte. Die Vereinsverantwortlichen wollten aber noch einmal persönlich mit mir reden. Nur so viel: Es ist kein Bundesligist.



25 Mal Vereinssport auf Mallorca

Vereinssport auf Mallorca

Hier finden Sie Ihren Sportverein!

Von Basketball über Fechten bis Volleyball: 25 Sportarten im Überblick und mit Links zu den Vereinen auf Mallorca.


 

Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |