Miriam Welte: "Spritzigkeit und Explosivität"

Die Bahnrad-Olympiasiegerin auf Stippvisite im Robinson Club Cala Serena. Ein Gespräch über ihre Rolle als Anfahrerin, den Bahnradboom und Keirin in Japan

24.03.2015 | 10:21
Kurz darauf war sie auf und davon: Miriam Welte im Robinson Club Cala Serena

Ihren Saisonhöhepunkt hat die Bahnrad-Olympiasiegerin und vierfache Weltmeisterin Miriam Welte für dieses Jahr schon hinter sich. Bei der WM im französischen Saint-Quentin-en-Yvelines nahe Paris im Februar holte die 28-jährige Kurzstrecken-Spezialistin über die 500 Meter Zeitfahren immerhin eine Bronzemedaille. Im Teamsprint verpasste sie mit ihrer Partnerin Kristina Vogel Edelmetall. Mit ihrem Stiefvater und Trainer Frank Ziegler ist Welte am Mittwoch (11.3.) für eine Woche in den Robinson Club Cala Serena gekommen. Direkt nach dem Gespräch mit der MZ sauste sie mit dem ehemaligen deutschen Radprofi Danilo Hondo, der seit seinem Karriere­ende im vergangenen Jahr auf Mallorca lebt, auf einer Trainingsfahrt davon.

Die WM hat Ihnen einmal Bronze eingebracht. Für eine Athletin, die zwei Weltmeister­titel zu verteidigen hatte, klingt das nach einem enttäuschenden Resultat.
Klar, in der Endabrechnung ist es ein bisschen schade, dass es nur zu einer Medaille gereicht hat. Aber für einen WM-Titel muss eben alles passen, und bei mir hat es das nicht. Ich lag kurz vor der WM mehrere Tage mit einem grippalen Infekt flach. Das soll nicht als Ausrede gelten, aber vor Titelkämpfen ist so etwas sehr ärgerlich. Denn die Schnelligkeit für den Wettkampf fahre ich normalerweise erst unmittelbar vor den Rennen auf. Ich bin trotzdem nicht unzufrieden, denn meine Zeiten waren gut. Über die 500 Meter bin ich sogar meine drittbeste Zeit gefahren. Es waren eben diesmal zwei Fahrerinnen schneller.

Was ist denn der Zweck Ihres Aufenthalts auf Mallorca? Erholung nach der WM oder Training für die nächsten Wettkämpfe?
Beides. Wobei ich auf der Insel kein Bahn-Training mache, nur ein bisschen Straße. Das darf ich nur sehr dosiert machen, zu viel Ausdauertraining macht mich auf Dauer langsamer.
Frank Ziegler: Vor Kurzem ist der UCI-Rennkalender veröffentlicht worden, und hier haben wir Ruhe, um uns den genau anzuschauen und die Saisonplanung zu machen. Miriam braucht ja eine gewisse Punktzahl, um sich für die Weltmeisterschaften und Weltcups zu qualifizieren.

Das Bahnrad und Sie – war das Liebe auf den ersten Blick?
An der Bahn hängt mein Herz. Da kann ich meine athletische Stärke, die ich mir als Jugendliche beim Leichtathletiktraining geholt habe, perfekt nutzen. Ich bin früher alles Mögliche gefahren: Rennrad, Mountainbike, Bahnrad. Aber wenn es bergauf ging, war ziemlich schnell Schluss. Bei einem Mountainbike­Rennen in Südfrankreich zum Beispiel war ich von Beginn an abgehängt. Da habe ich beschlossen, das Ganze wie eine Radtour zu sehen und die herrliche Landschaft zu genießen.

Ihr nächstes großes Ziel ist wohl die Titel­verteidigung bei Olympia 2016 in Rio im Teamsprint – diesmal auf sportlichem Wege. 2012 in London wurden die Chinesinnen wegen eines Wechsel­fehlers disqualifiziert.
Es war ja nicht so, dass wir in London etwas geschenkt bekamen. Es gibt schließlich beim Bahnradsport genauso Regeln wie in der Leichtathletik, und wer in der Wechselzone die Regeln verletzt, der verschafft sich einen Vorteil und wird dementsprechend disqualifiziert. Meine Renn-Partnerin Kristina Vogel und ich sehen dieses Thema eher entspannt. Nur für die Medien war das ein Aufreger. Aber natürlich wollen wir dieses Mal wieder Gold holen.

Streben Sie auch über die 500 Meter Einzelfahren die Goldmedaille an?
Schön wäre es, aber der Fokus liegt ganz klar auf dem Teamsprint. Dafür trainiere ich, und mein Training unterscheidet sich dabei ziemlich von einem Training für ein Einzelfahren. Im Team bin ich die Anfahrerin, und Kristina diejenige, die den hoffentlich herausgefahrenen Vorsprung hält oder ausbaut.

Inwiefern unterscheidet sich dafür das Training?
Das verrate ich nicht, sonst schaut sich die Konkurrenz noch etwas ab. Nur so viel: Für mich als Anfahrerin geht es in erster Linie um die Spritzigkeit und Explosivität.

Auf der Bahn ist zurzeit der Stundenwelt­rekord das beherrschende Thema. Wäre der auch etwas für Sie?
Nein, eine Stunde ist für mich als Sprinterin zu lang. Mit Kristina Vogel habe ich immerhin mal den Weltrekord über die 200 Meter Teamsprint geknackt, und auch beim fliegenden Start habe ich über die 200 Meter einen Weltrekord aufgestellt.

Es scheint, als komme Bahnradsport zurzeit wieder in Mode. Mit Bradley Wiggins zieht es ab April einen prominenten Profi zurück zu seinen Wurzeln ?
Ja, unser Sport boomt zurzeit richtig. Das ist klasse. Und man muss eigentlich den Briten dankbar sein, denn sie haben den Sport bei Olympia 2012 in London wieder großgemacht. Dort herrschte eine riesige Begeisterung, natürlich auch wegen der guten Bahnradfahrer, die es dort gibt.

Hat der Bahnradsport vom Doping-Sumpf im Straßenradsport profitiert?
Nein, auch uns hat die Dopingdebatte eher geschadet. Man sieht es an der medialen Aufmerksamkeit. Früher haben ARD und ZDF hin und wieder mal Bahnradwettkämpfe übertragen. Inzwischen kommt das nicht mehr vor. Das hat neben dem Doping auch mit der Verlagerung der Wettkämpfe in den Winter zu tun. Da wird lieber Wintersport übertragen. Die Rechte für die Weltmeisterschaften etwa hat Eurosport an einen Sender in Russland übertragen. Und der wollte, dass man ihm die Rechte für den Preis eines Fußballspiels abkauft. Das ist illusorisch. Das hat natürlich kein Sender gemacht.

Im Bahnradsport ist Doping kaum ein Thema, obwohl es auch zur Leistungssteigerung eingesetzt werden könnte.
Wir haben gar nicht das Geld für Doping. Frank Ziegler: Das lohnt sich bei uns nicht, schließlich gibt es lange nicht so viel Geld zu verdienen wie im Straßenradsport. Ich bin jetzt über 30 Jahre dabei und habe noch keinen Dopingfall miterlebt.


Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 19. März (Nummer 776) lesen Sie außerdem:

- Malik Fatihs gebrauchter Tag
- Der Gipfel der Schuldenmacher

auf Twitter teilen
auf Facebook teilen


Sport

Ex-Sportministerin muss Rafael Nadal Schadensersatz zahlen

Die ehemalige französische Sportministerin Roselyne Bachelot hatte den Tennisspieler des Dopings...

Brandon Thomas fängt wieder bei Null an

Brandon Thomas fängt wieder bei Null an

Zweimal rettete der 22-Jährige Real Mallorca vor dem Abstieg, im Juli wechselte er zu Stade...

Deutscher Fußballer auf Mallorca: Carl Klaus greift neu an

Deutscher Fußballer auf Mallorca: Carl Klaus greift neu an

Ein Jahr lang Bank drücken ist für einen jungen Fußballer die Höchststrafe. Torwart Carl Klaus hat...

Mallorca hat einen Weltmeister mehr: Joan Mir holt sich Moto3-Titel

Mallorca hat einen Weltmeister mehr: Joan Mir holt sich Moto3-Titel

Der 20-Jährige aus Palma sichert sich die Gesamtwertung bereits im drittletzten Rennen der Saison

Deutsche Pleite beim Palma Marathon Mallorca

Deutsche Pleite beim Palma Marathon Mallorca

In der Königsdisziplin triumphierten die Spanier. Keine Medaille für Deutschland über die ganze...

25 Mal Vereinssport auf Mallorca

Vereinssport auf Mallorca

Hier finden Sie Ihren Sportverein!

Von Basketball über Fechten bis Volleyball: 25 Sportarten im Überblick und mit Links zu den Vereinen auf Mallorca.


 

Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |