Half Ironman in Port d´Alcúdia: Ist ja nur ein halber

Vor ein paar Jahren noch wurde dem, der die Distanz bewältigte, Respekt gezollt. Damit ist es längst vorbei. Zwei Insider erklären, warum es heute immer extremer sein muss

30.04.2015 | 02:30
Schwierig ja, unmöglich nein: Triathleten haben längst ihren Heldenstatus verloren

Wie sich die Zeiten ändern: Noch vor wenigen Jahren klangen die 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und der abschließende Halbmarathon bei einem Ironman 70.3 – wie dem, der am Samstag, 9. Mai, in Port d´Alcúdia ansteht – für die meisten Menschen nach einer nahezu aussichtslosen Herkules-Aufgabe. Voller Bewunderung und Neid blickte man auf die Athleten, die diese Distanzen überwanden und im Ziel noch halbwegs geradeaus gehen konnten.

Heutzutage kann man mit solchen Heldentaten niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Wer als verwegen gelten will, der muss schon mit anderen Herausforderungen ankommen: etwa einem 112 Kilometer langen Lauf zu Fuß durch die nächtliche Serra de Tramuntana oder einem 312 Kilometer langen Radrennen einmal rund um die Insel. Oder auch mit einer neuen Veranstaltung namens ­Ultra515 Europe, bei der vom 12. bis 14. September schwimmend, Rad fahrend und laufend 515 Kilometer zurückgelegt werden müssen.

Kein Wunder also, dass sich den Ironman 70.3 in Port d´Alcúdia immer mehr Menschen zutrauen. Über 3.600 Athleten werden in diesem Jahr am Start erwartet, viel mehr geht dann wirklich nicht mehr. Damit ist die Veranstaltung auf der Insel der Halb-Ironman mit den meisten Teilnehmern weltweit.

Das war noch vor zehn Jahren undenkbar, als es in Europa gerade mal eine Handvoll größerer Veranstaltungen gab: „Damals war der Marathon der Mount Everest des kleinen Mannes", sagt der ehemalige Triathlet Harald Eggebrecht aus Kempten im Allgäu. Eggebrecht betreibt nach seiner aktiven Laufbahn in mehreren semiprofessionellen Teams inzwischen das Triathlon-Portal tri2b.com. „Noch vor ein paar Jahren hätte sich kaum jemand ernsthaft an einen Ironman gewagt, wenn er nicht schon lange im Geschäft war. Inzwischen machen das Leute, die gerade mal ein Jahr lang den Sport betreiben."

Der Hauptgrund dafür liegt nach Meinung von Nis Sienknecht, Chefredakteur der Zeitschrift „Triathlon" in der Leistungsgesellschaft. „Ich habe das Gefühl, dass man in vielen Bereichen des Lebens immer krassere Dinge machen muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden." Früher sei es eine außergewöhnliche Leistung gewesen, wenn man überhaupt einen Triathlon zu Ende gebracht habe. „Jetzt wird ein Half Ironman von vielen schon gar nicht mehr ganz ernstgenommen."

Manager wollen leiden
„Es ist ein bisschen zum Statussymbol geworden, leidensfähig zu sein", sagt Sienknecht. Das gelte besonders für den Triathlon. Triathleten seien ohnehin eine besondere Spezies Mensch. Viele seien stark auf ihr Ego bedacht und stünden darüber hinaus auch beruflich unter großem Leistungsdruck. Beispiele von Geschäftsführern mit 70- bis 80-Stunden-­Wochen, die regel­mäßig beim Triathlon an den Start gehen, gibt es zuhauf.

Auch der Ironman 70.3 in ­Mallorcas Norden geht auf die Initiative eines Managers zurück. Michael Tenzer, Deutschland-Chef von Thomas Cook, ist selbst begeisterter Triathlet und schob die Veranstaltung vor vier Jahren an. Und solche Halbprofis oder Amateure betreiben den Sport oft verbissener als die Profis selbst. „Oder haben Sie schon mal von einem professionellen Triathleten gehört, der sich darauf spezialisiert hat, einen Dreifach- oder gar Zehnfach-Ironman zu absolvieren?", fragt Sienknecht. Amateure, die Derartiges auf sich nehmen, finden sich sehr wohl.

Und sie müssen nicht einmal jung und durchtrainiert sein. Die Altersgruppe der aktiven Hobby­triathleten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Triathlon, so sagt Harald Eggebrecht, sei zu seiner aktiven Zeit eher eine Sache von 20- bis 30-jährigen Studenten gewesen, die viel Freizeit hatten. „Heute sind die meisten Hobbyathleten zwischen 30 und 50 Jahre alt, stehen im Beruf, haben Familie und schneiden sich trotzdem noch die Zeit für ihr Training heraus."

Wo der Ehrgeiz so groß und das Ego so ausgeprägt sind, und wo es inzwischen eher um Bestzeiten als um das bloße Mitmachen geht, da ist es nicht weit bis zum Einsatz unerlaubter Substanzen. Triathlon sei keineswegs frei von Doping, sagt Sienknecht, der allerdings keinen Prozentsatz sich dopender Triathleten beziffern kann. „Ich glaube allerdings, dass es noch ein geringeres Problem als in anderen Ausdauersportarten ist." Außerdem funktionieren offenbar die Kontrollmechanismen. Nach Radsport und Leichtathletik sei ­Triathlon der Sport mit den meisten Doping-
Kontrollen.

Die Industrie verdient mit
Auch die Ausrüstung für die Athleten und das Wissen um den Sport haben sich in den vergangenen Jahren sprunghaft verbessert. Vor allem das Fahrrad hat eine regelrechte Revolution durchgemacht. Vor gut 15 Jahren seien Profi-Räder für 2.500 Mark zu bekommen gewesen. Heute zahlt man für ein solches Gefährt bis zu 10.000 Euro. „Und der Preisanstieg ist durch den Entwicklungssprung durchaus gerechtfertigt", sagt Sienknecht. Der Unterschied zu früher sei, dass inzwischen viele Amateure keine Kosten scheuten und sich die teuersten Modelle anschafften.


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