Huub Stevens: "In mir brennt es immer noch"

MZ-Interview mit dem Fußballtrainer nach der Saison 2014/15 beim VfB Stuttgart, wo man den 61-Jährigen unfair behandelt hatte

27.10.2015 | 19:08
Rettete den VfB Stuttgart vor dem Abstieg: Huub Stevens.

Huub Stevens hat erst einmal ein paar Wochen Ruhe auf Mallorca gebraucht. Der 61 Jahre alte Trainer-Haudegen aus den Niederlanden floh Ende Mai förmlich aus Deutschland, wo er den VfB Stuttgart zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren vor dem Abstieg in die Zweite Liga bewahrt hatte. Die Saison hat Nerven gekostet, auch Kränkungen und Verletzungen verursacht. Stevens war bereits ein Verbleib in Schwaben in Aussicht gestellt worden, als auf einmal im März mit Alexander Zorniger (ehemals RB Leipzig) ein Nachfolger für die Saison 2015/16 präsentiert wurde. Doch Stevens machte weiter, rettete den VfB, und versprach den Journalisten, nach einer Erholungsphase in Cala Ratjada mit den Medien zu sprechen.

Auf einem Hügel über dem Ort mit einem traumhaften Rundumblick über den Strand des Ortes und die Cala Agulla empfängt er nun die Reporter, die sich für seine Geschichte interessieren. Hier oben harrt Stevens in einer angemieteten Villa aus, bis sein Feriendomizil in Font de Sa Cala fertiggebaut ist. In sechs Monaten soll es soweit sein.

Sie sind jetzt schon seit Saison­ende auf Mallorca. Was haben Sie die ganze Zeit hier gemacht?
Am Anfang nicht sehr viel. In den vergangenen Tagen kam viel Besuch vorbei. Viele der Co-Trainer, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind da gewesen. Ich habe auch viel Kontakt zu Leuten hier im Ort. Außerdem habe ich in der vergangenen Woche mein Ferienhaus in Cala Murada verkauft.

Aber warum jetzt Cala Ratjada? Ist das nicht ein bisschen zu deutsch hier?
Ach, mir gefällt es hier. Ich muss ja nicht runter in den Ort gehen und die Deutschen sehen, wenn ich nicht will. Wenn ich alleine hier oben sitze, finde ich meine Ruhe.

Das dürfte nötig sein€
Ja, diesmal war es wirklich ziemlich knapp. Man muss sich das noch mal vor Augen halten: Wir waren am letzten Spieltag zunächst abgestiegen, dann auf dem Relegationsplatz, und am Ende haben wir uns tatsächlich noch gerettet. Zum Glück war ich diesmal ausgeruhter als in der vergangenen Saison. Damals kam ich direkt aus Saloniki nach Stuttgart und war wirklich sehr müde.

War es diesmal komplizierter als vergangene Saison?
Ja, weil noch mehr Vereine in den Abstiegskampf verwickelt waren. Als ich diesmal den Job in Stuttgart annahm, stand ja sogar noch Dortmund tief im Keller.

Dafür haben Sie diesmal Ihre Mission für einen Feuerwehrmann ungewöhnlich früh schon im November begonnen.
Das stimmt, aber der Kader war in dieser Saison anders zusammengestellt als beim letzten Mal. Es gab so eine gefährliche Grundstimmung im Verein, dass man das schon irgendwie schaffen würde. Kaum jemand war sich wirklich bewusst, wie ernst die Lage war.

Das scheint ja ein Grund­problem der Stuttgarter zu sein, dass man mit minimalen Mitteln maximalen Erfolg verlangt€
Wenn man auf das Budget schaut, kann der Anspruch eben nicht sein, in Europa oder gar Champions League zu spielen. Das kann mal mit Glück klappen, aber man kann es nicht auf Dauer verlangen.

Wie haben Sie die Spieler vom Ernst der Lage überzeugt?
Zum Glück hatte ich die Kraft, sie zu motivieren. Natürlich hilft mir meine jahrzehntelange Erfahrung inzwischen auch. Ich weiß, dass die Spieler Ruhe brauchen, und ich muss diese Ruhe ausstrahlen. Das Trainerteam stand diesmal sehr eng zusammen, wir haben uns ständig abgestimmt und diskutiert. Irgendwann haben die Spieler dann auch kapiert, worum es ging und Woche für Woche besseren Fußball gespielt.

Kommt bei Ihnen eher Psychologie zum Einsatz oder Zuckerbrot und Peitsche?
Das ist situationsabhängig. Im Endeffekt müssen es die Spieler richten. Sie müssen sehen, dass sie kein Alibi haben. Ich habe es mit vielen persönlichen Gesprächen versucht, ab und zu auch mal mit der Peitsche oder mit einem Schulterklopfen. Der VfB hatte eineinhalb Jahre lang keine zwei Spiele in Folge gewonnen. An den letzten drei Spieltagen haben wir mit drei Siegen den Abstieg noch verhindert. Das musste einfach klappen.

Aber jetzt reicht es erst einmal mit dem VfB Stuttgart, oder?
Ja, ich will kein drittes Mal kommen müssen. Ich hoffe, die Spieler haben ihre Lektion gelernt und das Umfeld auch.

Sie haben die ganze Zeit über geschwiegen, obwohl hinter ihrem Rücken mit einem Trainer verhandelt wurde. Wie lief das damals ab?
Im Wintertrainingslager hat mir Präsident Wahler verkündet, dass er sich eine längere Zusammenarbeit mit mir vorstellen kann. Ich habe auch immer wieder mit Robin Dutt (Sportdirektor, Anm. d. Red.) zusammengesessen. Da ging es teilweise auch schon um die nächste Saison. Im März hat dann plötzlich ein Außenstehender ausgeplaudert, dass Zorniger kommt. Daraufhin bin ich zu Robin Dutt, der mir das auch gleich bestätigt hat. Ein Präsidiumsmitglied des VfB hat dann noch einmal das Störfeuer mit Zorniger ins Spiel gebracht. Das war ganz schlecht für die Mannschaft und unsere Mission.

Warum haben Sie nicht gleich den Koffer gepackt?
Wer mich kennt, weiß, dass ich in solchen Momenten kämpfen werde. Ich habe immer gesagt, ich will Stuttgart in der Bundesliga halten. In solchen Situationen finde ich meine Motivation. Es kommt vielleicht auch aus meiner persönlichen Lebensgeschichte. Meine Familie hatte immer ein gutes Leben. Dann ist mein Vater bei einem Autounfall gestorben, als ich 16 war. Da lernst du, dass alles relativ ist. Ich musste das in Stuttgart einfach aus innerer Überzeugung zu Ende bringen.

Machen Sie jetzt erst einmal eine Pause oder stehen Sie schon für den nächsten Job bereit? Immerhin hatte Zweitligist 1860 München schon angefragt und Sie haben abgelehnt.
Ich lasse es auf mich zukommen, werde aber die nächste Zeit erst einmal mit meiner Familie genießen. Trotzdem: In mir brennt und kribbelt es immer noch. Wenn also eine Anfrage kommt, schaue ich mir das Projekt genau an. Es muss aber ein Umfeld sein, in das ich passe und in dem ich mich wohlfühle. Ich muss ehrlich zu mir sein.

Zu Real Mallorca wird Ihr Weg nun schon mal nicht mehr führen.
Ach, haben die jetzt einen Trainer? Wer ist es denn geworden?

Albert „Chapi" Ferrer, der ehemalige Weggefährte von Miguel Ángel Nadal beim FC Barcelona. Er soll jetzt den Aufstieg schaffen.
Chapi Ferrer? Das ist doch dieser Kleine? Ja, den kenne ich auch noch. Der hat ja auch mal in Holland trainiert. Aber das ist schon eine Mission, den Aufstieg in die Primera División zu schaffen.

Wäre der Inselclub mal eine Option für Sie?
Ich verfolge nicht wirklich, was bei Real Mallorca los ist. Es müsste einen qualitativ hochwertigen Kader und eine klare Vorstellung von dem geben, was man erreichen will. Dann könnte so etwas für mich auch mal interessant sein.

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