Mallorca-Franzosen: Zumindest die Kinder freuen sich auf die EM

Wir haben etliche Insel-Franzosen befragt, das Ergebnis ist ernüchternd: von Euphorie keine Spur. Eher im Gegenteil. Aber so sind sie wohl, die Franzosen

10.06.2016 | 01:00
Da können sich ihre Eltern eine Scheibe abschneiden: fußballbegeisterte Schüler am Lycée Français in Palma.
Da können sich ihre Eltern eine Scheibe abschneiden: fußballbegeisterte Schüler am Lycée Français in Palma.

Dass die Franzosen zurzeit mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit der Fußball-Europameisterschaft, kann man ihnen ja gar nicht übelnehmen. Das Land befindet sich in einer Art Ausnahmezustand, die verheerenden Überschwemmungen in den vergangenen Tagen nagen an den Nerven der Menschen in der Region um Paris. Dazu tobt ein erbitterter Kampf gegen geplante Arbeitsmarktreformen, der öffentliche Verkehr kommt immer wieder zum großen Teil zum Erliegen. Von Euphorie rund um den Fußball war auch wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Rumänen wenig zu spüren. Und über allem wabert die Angst vor neuen Terroranschlägen.

Kein Wunder, dass auch die Franzosen auf Mallorca nachdenkliche Töne anschlagen. Die MZ hat mit zahlreichen Inselresidenten gesprochen. Uneingeschränkte Vorfreude war bei keinem feststellbar.

Schon gar nicht bei Jacques Aboutboul. Der 65-Jährige besitzt ein Restaurant in Palmanova und hat selbst in den 60er-Jahren mal Fußball gespielt. In der Jugend des Clubs Red Star Paris war das damals. „Zu meiner Zeit war der Fußball noch nicht so versaut wie heute", sagt Aboutboul. Heute bestehe der Sport nur noch aus Geschäft und Spektakel, ein bisschen wie Brot und Spiele im alten Rom, um die
Bevölkerung zufriedenzustellen und ruhigzuhalten. „Das klappt in Frankreich aber nicht so einfach wie vielleicht in anderen Ländern. Wir sind einfach doch mehr auf Protest gebürstet." Zumal die schwerwiegenden politischen und sozialen Probleme im Land den Leuten keine Ruhe ließen. „Ich habe das Gefühl, die Menschen in Frankreich sind diesmal ein wenig müde, was das ganze Theater angeht."

In Gesprächen mit seinen Landsleuten ginge es daher auch wenige Tage vor Beginn der EM so gut wie nicht um Fußball. „Ich bin kein Freund davon, in diesen vier Wochen alles dem Fußball unterzuordnen und das politische Tagesgeschehen aus dem Auge zu verlieren. Und ich glaube, da bin ich nur einer von vielen Franzosen, denen es so geht."

Auch der Töpferkünstler Stanislas Carrelet hält die politischen Probleme momentan für wichtiger als die Begegnungen der Europameisterschaft. „Und das, obwohl ich Fußball mag. Ich habe selbst als kleiner Stöpsel in einem Garten in Paris gespielt." Doch es gebe derzeit zu viele Störfeuer im Land und auch innerhalb des französischen Teams. Dort belastet allen voran die Debatte, ob Karim Benzema aufgrund eines mutmaßlichen Erpressungsversuchs mit einem Sextape aus der Nationalmannschaft verbannt wurde oder ob seine Nichtberufung nicht doch eher rassistische Gründe hat, wie der algerischstämmige Stürmer unlängst äußerte. „Das Land spricht mehr über diesen Skandal als über die EM an sich, da geht die Stimmung ein Stück weit kaputt."

Auch sportlich sieht Carrelet für seine Èquipe Tricolore keinen Grund für große Hoffnungen. Einen Titelgewinn traut er seinen Landsleuten beim besten Willen nicht zu. „Wir haben alle wichtigen Abwehrspieler durch Verletzung und einen Dopingfall verloren, wie willst du so ein Turnier gewinnen?" Verfolgen werde er die Spiele seiner Nationalmannschaft, so gut es geht. Französisches Fernsehen besitze er zwar nicht, doch „irgendeine Bar wird die Spiele schon zeigen". Auf der Insel kann auch Carrelet keine große EM-Begeisterung unter seinen Landsleuten feststellen. „Man spricht so gut wie gar nicht über die Europameisterschaft."

Eine Aussage, die auch der 33-jährige William Tetard unterschreibt. Der Koch eines Restaurants im Inselosten hat sich vor Beginn der EM kaum mit dem Team und dessen Chancen auseinandergesetzt. „Ich glaube, wir haben im Moment andere Sorgen, und ich denke nicht, dass der Moment für eine EM in Frankreich günstig ist." Klar, absagen könne man das Turnier so kurz vorher auch nicht, zumal die Wirtschaft des Landes durchaus davon profitieren könnte. Tetard macht sich aber Gedanken über das Image von Frankreich in der Welt. „Wenn das Benzin im Land knapp wird oder wieder einmal kein Zug fährt, wird die Welt negativ über unser Land sprechen."

Tetard selbst werde die Spiele seines Teams aufgrund seiner Arbeitszeiten wohl nicht verfolgen können. „Das raubt mir jetzt aber auch nicht den Schlaf. Und ich werde schon gar nicht einen Tag frei nehmen, wenn Frankreich spielt. Auch nicht, wenn es das Team bis ins Finale schaffen sollte." Der 33-Jährige wünscht sich, dass der Beste gewinnen möge und erinnert zum Abschied daran, dass auch nach der EM das Leben wieder ganz normal weitergeht.

Etwas mehr Interesse an seiner Équipe scheint der 40-jährige Cirille Giordano zu haben, der seit drei Jahren auf der Insel lebt. Er ist in erster Linie ein Verfechter des aktiven Fußballs, doch auch einer EM in seinem Heimatland kann der Komponist etwas abgewinnen. „So ein Mega-Ereignis ist vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes positiv." Nach den Anschlägen in Paris brauche die Nation nun mal wieder einen positiven Input. Was die französischen Chancen auf ein erfolgreiches Turnier betrifft, da ist Giordano weitaus skeptischer. „Es herrscht ein riesiges Chaos im Team, vor allem durch den Sextape-Skandal von Karim Benzema. Der hat schon vor Beginn der EM die Moral der Mannschaft ein Stück weit gebrochen." Er sei zwar kein Fan von Benzema, aber unstrittig sei doch, dass der aus Nordafrika stammende Stürmer einer der besten Spieler der Equipe Tricolore sei. Immerhin habe er als Organisator hinter den Spitzen auch bei Real Madrid eine gute Saison gespielt. „Er ist ein bisschen das, was auch Ribery macht." Nein, gewinnen werde Frankreich diese EM nicht, ist sich auch Giordano sicher. Zu den Favoriten auf den Titel zählt der 40-Jährige Spanien, Deutschland, Belgien und Italien. Und vielleicht noch ein Team aus Osteuropa, Kroatien wäre da ein Kandidat.

Was Giordano dennoch Hoffnung macht, ist der Trainer. „Dass Didier Deschamps diese Aufgabe übernommen hat, ist die beste Nachricht seit Jahren in der Nationalmannschaft. Er war einer der erfolgreichsten Akteure unseres Landes und kann die Spieler mit seiner Erfahrung und seiner Begeisterungsfähigkeit anstecken und auf ein neues Level führen." Wenn die Équipe es schaffen sollte, die Spannungen innerhalb der Mannschaft auszuschalten und Deschamps seine gesamte Leidenschaft in die Waagschale wirft, dann könnte es vielleicht doch noch eine gute EM werden. Aber nur dann.

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