Christian Ziege: "Es gibt kein stärkeres Team"

Der Trainer von Atlético Baleares wurde vor genau 20 Jahren mit Deutschland Fußball-Europameister. Auch der Truppe von Joachim Löw traut der ehemalige Abwehrspieler den Titel zu

03.07.2016 | 14:25
"Das einzig Bedauerliche ist, dass wir jetzt schon im Viertelfinale auf Italien treffen."
"Das einzig Bedauerliche ist, dass wir jetzt schon im Viertelfinale auf Italien treffen."

Christian Ziege weiß, wie man erfolgreich eine Fußball-EM bestreitet. Der 44-Jährige, seit November Trainer beim mallorquinischen Drittligisten Atlético Baleares, holte auf den Tag genau vor 20 Jahren (30. Juni 1996) mit Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Co. in England den Titel. Darüber und über die Chancen der deutschen Elf in Frankreich sprach die MZ mit Ziege, der sogar seinen Urlaub mit der Familie auf Mallorca verbrachte.

Wenn selbst der angeschlagene Jérôme Boateng trifft, dann läuft´s bei Deutschland, oder?
Das Team spielt bis hierher sehr souverän. Auch wenn manche versucht haben, am Anfang wieder alles negativ darzustellen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es keine leeren Phrasen sind, wenn man sagt, man muss in so ein Turnier erst einmal hineinkommen. Das einzig Bedauerliche ist, dass wir jetzt schon im Viertelfinale auf Italien treffen.

Das wäre sicher auch ein ganz interessantes Finale geworden.
Es sind die beiden Mannschaften, die bisher am überzeugendsten aufgetreten sind. Die Anordnung des Tableaus war problematisch. Die erste Hälfte besitzt bei Weitem nicht das Niveau der zweiten. Dort waren mit Deutschland, England, Italien, Spanien und Frankreich alle Großen. Die wären spätestens im Halbfinale aufeinandergetroffen. Jetzt könnte es gut sein, dass es ein Finale zwischen Deutschland und Wales gibt.

Welche Chancen geben Sie Deutschland auf den Titelgewinn?
Die Mannschaft kann auf jeden Fall etwas reißen. Es gibt kein stärkeres Team bei der EM und keines, das besser in Form ist als die Deutschen.

Die Spieler scheinen sich auch untereinander gut zu verstehen. Oder haben Sie da ein anderes Gefühl?
Nein, die Spieler verhalten sich hoch professionell. Sicher wird nicht jeder mit jedem zu hundert Prozent auf einer Wellenlänge liegen. Aber von außen betrachtet, sieht das alles schon sehr gut aus. Viel tragen auch die Rahmenbedingungen zum Erfolg bei. Deutschland hat wahrscheinlich den besten Betreuerstab und die beste medizinische Abteilung. Man muss sich nur mal Boateng anschauen, der eine individuelle Behandlung bekommen hat und trotz seiner Waden­verhärtung gegen die Slowakei schon wieder auf dem Platz stand.

War das 1996 bereits ähnlich?
Ja, wir hatten damals auch schon sehr gute Bedingungen. Ich weiß noch, dass die ganze Mannschaft damals 24 Stunden vor dem Finale auf der Massageliege lag.

Die Vorzeichen heute sind aber anders als vor 20 Jahren. Damals war Deutschland nicht der große Favorit. Spielt das eine Rolle für das Team?
Ich glaube schon. Die jetzige Mannschaft hat zwar den Favoritendruck, aber sie hat auch ein riesiges Vertrauen in ihre Stärke. Für uns war es damals etwas komplizierter, weil wir nicht unbedingt eine Mannschaft hatten, die man im Finale erwartet hätte. Der Druck ist zwar derselbe, aber wir konnten uns damals der Sache nicht so sicher sein.

Wie geht man als Spieler in die K.?o.-Spiele oder gar ins Finale?
Jeder hat da seine eigene Strategie. Der eine braucht viele Gespräche, um sich abzulenken. Der andere möchte gerne alleine sein und benötigt viel Ruhe. Ich war immer gerne mit Leuten zusammen und habe auch viel mit den Zeugwarten gesprochen. Da redest du mal andere Sachen als mit den Spielern. Ich habe auch gerne Karten gespielt und war eher der gesellige Typ.

Was passiert denn so wenige Tage vor einem Viertelfinalspiel gegen Italien noch? Trainieren müsste die Mannschaft ja eigentlich nicht mehr.
Ich denke, dass Joachim Löw zumindest bis Freitag im Training noch einige taktische Kniffe einstudieren lässt, vielleicht überraschende Standardsituationen. Die Vorbereitung ist entscheidend. Jeder italienische Spieler ist natürlich bestens bekannt, aber gerade Sami Khedira kennt viele seiner Teamkollegen bei Juventus Turin hautnah und kann Jogi Löw sicher noch genauer verraten, welche Schwächen der ein oder andere hat.

Ist es ein Problem für eine Mannschaft, wenn sie, wie jetzt die Deutschen, sechs Tage Pause bei einem Turnier hat?
Ich glaube, wenn der nächste Gegner Italien heißt, bleibt die Spannung automatisch hoch. Es ist gut, dass das Team jetzt ein paar Tage Zeit hat. Natürlich hätte die Partie auch ohne Probleme ein, zwei Tage früher stattfinden können, aber die meisten dürften froh sein über die Pause.

Theoretisch könnte Deutschland mit Island im Halbfinale aufeinandertreffen. Trauen Sie den Isländern einen Sieg gegen Frankreich zu?
Die Franzosen haben mich bisher noch nicht überzeugt. Außerdem stehen sie daheim sehr unter Druck. Für mich ist die Partie offen. Die Isländer haben bisher so viel Freude und Leidenschaft ins Turnier gebracht. Und sie hauen nicht nur den Ball nach vorne, sondern können richtig gut spielen. Man merkt, dass viele Spieler und Trainer schon in anderen europäischen Ländern aktiv waren und jede Menge Know-how zusammengetragen haben.

Für Spanien dagegen ist schon wieder Schluss.
Ich bleibe trotzdem dabei, dass mit der beste Fußball der Welt in Spanien gespielt wird. Ich glaube nicht, dass das Aus für Spanien ein großes Drama ist. Die Spanier haben sich von den Italienern zu Beginn überraschen lassen und nicht als Einheit gearbeitet. In der zweiten Hälfte hat man aber gesehen, wie gut die Spanier Fußball spielen können.

Können Sie die Kaderzusammenstellung von Vicente del Bosque nachvollziehen?
Warum Torres nicht dabei war, wo er doch nachweislich ein Superstürmer ist, verstehe ich nicht. Am Ende macht es aber die Mischung. Spanien sollte sich von seinem Weg nicht abbringen lassen und weiterhin mit diesem Mix aus älteren erfahrenen und jüngeren Spielern arbeiten. Das Talent geht ihnen so schnell nicht aus. Es gibt genügend Topspieler, die für das Nationalteam bereitstehen.

Bei Atlético Baleares geht die Personalplanung in die heiße Phase. Sie haben schon wieder mehrere deutschsprachige Spieler verpflichtet. Ihre Idee?
Enzo Marchese zum Beispiel kenne ich noch aus Begegnungen gegen mich, das ist ein fantastischer Spieler. Und dass Marcel Ndjeng zu uns kommt, ist eine tolle Sache. Wer würde nicht einen ehemaligen Bundesliga­spieler nehmen, wenn er könnte? Wir sind aber nicht losgegangen und wollten deutsche Spieler verpflichten. Wichtiger als die Herkunft ist weiterhin die Qualität. Wir haben auch wieder viele Mallorquiner im Team, was sehr wichtig ist.

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