Boxer Sissokho: Von Son Gotleu nach Rio

Youba Sissokho kam mit sechs Monaten aus dem Senegal nach Palma. Der 24-Jährige ist der erste mallorquinische Boxer bei Olympischen Spielen seit 1948 – und kann auf eine Medaille hoffen

24.08.2016 | 10:32
Fröhliches Lachen, flinke Fäuste und immer einen Kopfhörer um den Hals: Youba Sissokhos Markenzeichen.

Kopfhörer sind das Markenzeichen von Youba Sissokho. Er besitzt sie in vielen Farben und Formen. „Ich habe ein halbes Dutzend daheim, Musik ist neben dem Boxen das Wichtigste in meinem Leben", sagt der 24-Jährige aus Palma, der in der vergangenen Woche die Qualifikation für die Olympischen Spiele im August in Rio de Janeiro geschafft hat. Quasi in letzter Sekunde und als erster Mallorquiner seit 1948, als der legendäre Jaume („Jim") Oliver bei Olympia in London die Fäuste fliegen ließ.

Sissokho, der im Weltergewicht bis 69 Kilogramm antritt, kommt mit seinem Trainer Manuel Sánchez zum Treffen mit der MZ in die Palma Arena – gut gelaunt, mit einem Strahlen über das hübsche Gesicht und von erstaunlich schlanker Statur. So sieht ein Weltklasse-Boxer aus? Sissokho beginnt zu erzählen und hört kaum wieder auf. Doch er hat immerhin auch schon einiges erlebt.

Seine Familie, so hebt der Europameister von 2015 an, stammt aus dem Senegal. Sein Vater ist Musiker und hat mit zahlreichen namhaften Gruppen zusammengearbeitet. Über Umwege kam er nach Mallorca und blieb hier hängen. Den sechs Monate alten Youba und seine Mutter holte der Vater nach. Der Junge wuchs in Palmas Einwandererstadtteil Son Gotleu auf und sagt von sich: „Ich war kein einfaches Kind, sehr unruhig und nervös. In der Schule konnte ich mich nicht konzentrieren." Das Viertel, in dem er groß wurde, sei außerdem, wie man wisse, nicht gerade förderlich für eine beschauliche Kindheit.

An Silvester verdroschen
Mit dem Boxen kam er aber erst zum Jahreswechsel 2009/2010 in Berührung. Youba Sissokho feierte mit Familie und Freunden Silvester. Man scherzte, kippelte sich, und auf einmal forderten ihn ein paar Bekannte auf, gegen sie zu boxen. „Sie gaben mir einen Helm und Handschuhe und verdroschen mich ganz böse." Am Tisch saß in dieser Nacht zufällig ein argentinischer Boxtrainer, der trotz der Schmach bei Youba Sissokho ein Talent fürs Boxen erkannte.

Der damals 17-jährige Sissokho fand Gefallen an der Vorstellung, zum Boxtraining zu gehen, und ein Jahr später traf man sich am Silvesterabend wieder. Sissokho hatte sich eine Revanche vorgenommen. „Aber als die Anwesenden erfuhren, dass ich in meinem ersten Boxjahr schon spanischer Vizemeister wurde, nahmen sie Abstand von der Idee." Stattdessen rief ihn ein paar Tage später der Trainer des spanischen Boxverbandes an und lud ihn in die Nationalmannschaft ein. „Ich habe mich etwas gewundert, dass er nicht den spanischen Meister fragte, habe mich aber natürlich sehr gefreut. Vielleicht hat mein etwas unkonventioneller Boxstil den Ausschlag gegeben", vermutet Sissokho.

Tanzen statt schlagen
Der 24-Jährige, der seit mehreren Jahren im Leistungszentrum Blume in Madrid lebt, ist für seine Explosivität bekannt. Er bewegt sich ungemein schnell und elegant im Ring, trippelt oft um seinen Gegner herum oder macht konstant kleine Sprünge, um sich auf einen entscheidenden Schlag vorzubereiten. Sissokho begreift das Boxen tatsächlich wie einen Tanz. Es sei ein eleganter Sport, bei dem es keineswegs nur ums Austeilen geht. Seine Strategie heißt: so wenig wie möglich zuschlagen, dafür aber gezielt.

Ein paar Mal wird Sissokho in Rio aber schon zielen müssen, um seinen Traum, eine Medaille mit nach Mallorca zu bringen, zu erfüllen. Maximal fünf Kämpfe wird der Wahlmallorquiner dort bestreiten müssen. Gewinnt er alle fünf, darf er sich die Goldmedaille umhängen. „Ich rechne mir schon Chancen auf eine Medaille aus", sagt Sissokho. Er trifft in Rio ab dem 7. August ausschließlich auf Bekannte, die er nahezu alle schon einmal besiegt hat.

Drei Stunden Training am Tag
Einen speziellen Trainingsplan hat sich Manuel Sánchez für seinen Schützling nicht ausgedacht. „Wir versuchen, in den verbleibenden drei Wochen den Status Quo zu erhalten. Das bedeutet: eine Stunde Laufen am Morgen und zwei Stunden Boxtraining am Nachmittag." Damit, so glauben beide, geht Sissokho gut vorbereitet in die Spiele. Nervös ist der Boxer trotz seiner Olympia-Premiere kein Stück. Er weiß die Unterstützung seiner weiterhin in Son Gotleu lebenden Eltern hinter sich, obwohl sie voraussichtlich nicht mit nach Brasilien fahren können. „Aber sie haben mich immer motiviert, weiterzutrainieren. Gerade am Anfang, als ich nicht wusste, ob ich es schaffen würde, war dieser Rückhalt für mich überlebenswichtig."

Wenn alles so läuft, wie er es verdient hätte, kommt Youba Sissokho Ende August mit Edelmetall am Flughafen in Palma an. Dann dürften noch deutlich mehr Fans am Gate stehen und ihn mit selbst gemalten Plakaten empfangen als vergangenen Mittwoch, als er vom Qualifikationskampf aus Venezuela zurückkam. Auch in der Cafeteria der Palma Arena kommt der Boxer gut an. Nach dem Interview schießen zwei Kellnerinnen noch schnell ein Erinnerungs-
Selfie mit ihm.

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