Britische Radprofis: Das sind unsere Jungs

Der britische Radsport ist zur Supermacht geworden. Möglich ist das nur dank eines staatlichen Geldsegens, eines Mannes namens David Brailsford - und einer über Jahre beibehaltenen systematischen Vorbereitung auf Mallorca

06.09.2016 | 17:37
Chris Froome bei der Aufholjagd am Montag (29.8.) auf der Vuelta-Etappe zu den Lagos de Covadonga.
Chris Froome bei der Aufholjagd am Montag (29.8.) auf der Vuelta-Etappe zu den Lagos de Covadonga.

Auf zwei Rädern macht den Briten derzeit kaum wer etwas vor. Bei den Olympischen Spielen holten ihre Bahnrad-Fahrer sechs Goldmedaillen, und auf der Straße hat Chris Froome vom Rennstall Sky neben Gold beim Zeitfahren in Rio dieses Jahr schon seine dritte Tour de France gewonnen. Derzeit ringt der 31-jährige gebürtige Kenianer mit englischen Eltern mit dem Kolumbianer Nairo Quintana um das Rote Trikot bei der Vuelta de España.

Einer der Stützpfeiler dieses Erfolgs ist - ohne zu übertreiben - Mallorca. Die Insel dient den meisten britischen Radsportlern als zweite Heimat. Bradley Wiggins, Tour-Gewinner von 2012, Stunden-Weltrekordhalter und achtfacher Medaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen (in Rio Gold im Mannschaftsfahren auf der Bahn) besitzt eine Wohnung in Port de Pollença und ist Stammgast in der Bar des Mallorquiners Tolo.

Wiggins fuhr lange Jahre, Froome fährt immer noch für das Team Sky, das seit Jahren sein inoffizielles Winterquartier im Vanity Golf Hotel in Port d´Alcúdia aufschlägt. Zwischen Dezember und März vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens ein oder zwei Fahrer des Rennstalls zum Training auf Mallorca weilen. Und mehrere Wochen lang radelt im Januar das gesamte Team über die dann angenehm freien Inselsträßchen im Norden. Der General Manager von Sky, David Brailsford, legt allergrößten Wert darauf, dass dazu wirklich alle Teammitglieder vor Ort sind.

Mit dabei ist dann auch meist Notarzt Juan Antonio Jaume Mercadal, einer von neun Teamärzten von Sky. Der Mallorquiner, der zuvor das spanische Nationalteam betreute, arbeitet seit zwei Jahren beim englischen Rennstall, nachdem die Verantwortlichen bei einer Rundfahrt auf ihn aufmerksam wurden.

Der britische Radsport, so Mercadal, sei Mallorca seit 1997 treu. Damals, die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta hatten für Großbritanniens Teilnehmer mit nur einer Goldmedaille geendet, blies London zu einer sportlichen Generaloffensive und gründete die mit Lotterie-Geldern finanzierte staatliche Agentur UK Sport. Als Berater für die Sparte British Cycling wurde ein Radtrainer namens David Brailsford engagiert, der zuvor schon den Deal mit der staatlichen Lotterie eingefädelt hatte: Rund 75 Prozent des Etats von UK Sport kommt aus dem Glücksspiel.

Es war David Brailsford, der für die Radsportler die Mallorca-Abstecher vorschlug. „Als die Verantwortlichen merkten, dass die Ergebnisse nach den Trainingscamps stimmten, kamen sie immer wieder auf die Insel", erklärt Mercadal. Irgendwann dachte man dann gar nicht mehr darüber nach, woanders hinzufahren, zumal Palma seit 2007 auch über ein modernes Velodrom für die Bahnradfahrer verfügt. Hauptquartier aber ­wurde der Norden der Insel. „Die Briten haben sich dort über Jahre hinweg ein Netzwerk erarbeitet und kennen alle wichtigen Politiker dort. Außerdem haben sie die Infrastruktur auf sich ausgerichtet, und die Hotels nehmen Rücksicht auf jeden Sonderwunsch", erzählt Mercadal.

Als David Brailsford im Jahr 2010 als General Manager zum Team Sky wechselte, behielt er die Mallorca-Camps für den Rennstall bei. Die Vertrautheit mit der Insel ermöglichte ein punktgenaues Training unter besten Bedingungen. Und bei Brailsford liefen alle Fäden zusammen. Der 52-Jährige und sein Team dürfen wohl als geistige Väter des britischen Radsporterfolgs gesehen werden. „Seine vorausschauende Planung macht den Unterschied zu anderen Rennställen", sagt Teamarzt
Mercadal.

Und die persönliche Betreuung, gerade seitens der neun Teamärzte: „Bei Sky wird aus medizinischer Sicht manchmal sogar mehr gemacht, als nötig wäre. Aber dafür gehört das Team auch zu den wenigen, die sich um jeden einzelnen Fahrer Gedanken machen und wo die Fitness jedes einzelnen Fahrers jederzeit überwacht wird", sagt Mercadal.

Wobei auch die Trainings-Intensität den Unterschied zu anderen Teams mache, wie Bahnrad-Weltmeister David Muntaner sagt. Der Mallorquiner trainiert die irische Nationalmannschaft sowie die verschiedenen Jugendteams der Iren auf Mallorca. „Sky trainiert einfach härter als viele andere Mannschaften. Die Teamchefs verlangen mehr von ihren Fahrern und veranstalten mehr gemeinsame Trainingslager. Das schweißt zusammen und bringt ganz nebenbei noch einen konditionellen Vorsprung." Muntaner weiß das aus eigener Erfahrung von gemeinsamen Ausfahrten mit Sky-Team­mitgliedern.

Brailsford sei dank, ähneln sich die Methoden bei Sky und den britischen Nationalteams. Dazu ­gehört auch, dass das Geld gezielter ausgegeben wird als bei vielen anderen Teams. Sowohl die Briten als auch die Iren beschäftigen möglichst wenig festes Personal. „Dafür ist mehr Geld für gute Räder oder technische Feinheiten sowie für Reisen zu wichtigen Rennen da."

Das gilt für das Team Sky, das von dem gleichnamigen TV-Konzern gesponsert wird, aber noch mehr für British Cycling und UK Sport. Die Dimensionen des britischen Olympia-Budgets sind gewaltig: Für den Zeitraum von 2013 bis 2017 stellt UK Sport den olympischen und paralympischen Athleten knapp 400 Millionen Euro bereit. Einzelne Sportler bekommen im Jahr rund 75.000 Euro an Fördergeldern. Damit lässt sich natürlich motiviert und sorgenfrei trainieren. Und beim reinen Geldsegen ist noch lange nicht Schluss: UK Sport investiert darüber hinaus in Ärzte, Betreuer, Infrastruktur und Ausrüstung. Ein weiterer wichtiger Baustein: Talentscouts, die mögliche Nachwuchstalente bereits frühzeitig ausfindig machen.
All das trug dazu bei, dass Großbritannien in Rio seine Edelmetall-Ausbeute nach Olympia im eigenen Land noch steigern konnte. Und es ist nicht zu erwarten, dass sich daran in nächster Zukunft etwas ändert. Die Geldverteilung erfolgt strikt nach dem Leistungsprinzip: Sportarten, die Medaillen holen, bekommen noch mehr Geld, Sportlern, die ihre Medaillenvorgaben nicht erreichen, wird ihre Unterstützung deutlich zusammengestrichen.

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