Miquel Capó: 100 Kilometer zu dir selbst

Der Extremsportler über Sport als Sucht, den Zustand der Tramuntana und die Einsamkeit des Läufers

16.02.2017 | 15:13
Wäre aus Inca auch zu dem Interview in Palma gelaufen, nahm dann aber doch das Auto: Miquel Capó.

Er sei an einem Punkt angelangt, an dem es sich nicht mehr lohnt, gegen den Körper zu kämpfen, sagte der mallorquinische Extremsportler Miquel Capó Ende 2014 und beendete seine Karriere. Doch es scheint Rennen zu geben, für die sich ein Comeback lohnt. Im vergangenen November hat Capó 167 Kilometer und mehr als 38.000 Höhenmeter beim Everest Trail Race rund um den höchsten Berg der Welt zurückgelegt. Und kaum war er aus dem Himalaya zurück, da lief er mehr als 15 Stunden lang durch die Tramuntana. Für 2017 hat sich Capó mehr als 200 Kilometer bei einem siebentägigen Rennen in Marokko vorgenommen.

Wie sind Sie zu uns ins Verlagsgebäude gekommen. Gelaufen?
Ich bin mit dem Auto hier. Aber ich bin den Weg schon oft gerannt. Die Strecke Inca – Palma schaffe ich in zwei Stunden und 25 Minuten.

Wie viele Kilometer laufen Sie im Jahr?
An die 120 Kilometer in der Woche. Vor meiner Verletzung vor zwei Jahren habe ich es sogar auf 160 Kilometer geschafft.

Würden Sie eine Woche Stillsitzen aushalten?
Das packe ich keinen einzigen Tag. Dann werde ich unruhig und nervös. Sport ist die stärkste Droge überhaupt. Die 50 Minuten um zwölf Kilometer zu laufen, kann mir keiner nehmen. Wenn ich hibbelig werde, rät mir meine Frau immer, rennen zu gehen.

Mallorquiner sind dafür bekannt, dass sie eher die Ruhe schätzen.
Im alltäglichen Leben gehöre ich auch zu den ruhigen Zeitgenossen. Das hilft mir bei den Wettkämpfen sehr, da ich mich so nicht an der Startlinie verrückt machen lasse. In diesem Moment weiß ich, dass noch ein langer Weg vor mir liegt. Mein größter Konkurrent ist dann kein anderer Läufer, sondern die 130 Kilometer, die es zu bewältigen gilt. Es ist wichtig, sich die Kraft einzuteilen und nicht mit vollem Tempo loszuspurten. Bei jedem Rennen gibt es vier oder fünf Sportler, die vorneweg rasen und dann auf der Strecke bleiben.

Mallorca hat sich zu einem Paradies für Extremläufer entwickelt.
Das ist gut für die Athleten, für das ganze Umfeld und auch für einen hochwertigen Tourismus. Die Leute sollen gut essen und sich nicht besaufen. Ein Läufer bringt seinen Kindern Werte bei, die sie in einer Bar nie lernen würden.

Rennen wie der Ironman sind aber auch ein großes Geschäft.
Für die Veranstalter sind sie das. Deswegen wurde Ironman von den Chinesen gekauft. Die haben jetzt den Wettbewerb von Port d´Alcúdia nach Italien verlegt. Da haben wir mal etwas Wertvolles und verlieren es so leichtfertig. Der Triathlon bietet dir eine Werbe-Plattform, die die 350.000 Euro Veranstaltungskosten locker wieder einspielt.

Die Rennerei schadet der Tramuntana. Wie stehen Sie dazu?
Die 500 Läufer schaden nicht mehr als die 500 Wanderer, die jeden Sonntag Ausflüge in die Berge unternehmen. Als ich 14 Jahre alt war, lief ich durch die Serra, nur mit Wasser und ein paar Quely-Keksen ausgerüstet, ohne auf eine Menschenseele zu treffen. Selbst bei schlechtem Wetter sind es heute 50 Leute. Bei gutem sogar gar mehr als 100.

Noch mal: Die Tramuntana verkommt.
Für das Gebirge ist es schlimmer, dass die Landesregierung kein Geld investiert, als dass ein Läufer tausend Mal auf einen Stein tritt. Ich war schon am Mont Blanc laufen und da waren viel mehr Menschen unterwegs als hier auf Mallorca.

Was sagen die Ärzte zu Ihrem Extremsport?
Wenn es kein Sportarzt ist, dann glaubt er immer, dass ich Probleme mit dem Herzen hätte, weil es etwas verzögert schlägt. Zudem ist mein Ruhepuls mit 42 sehr niedrig. Das viele Laufen bringt muskuläre Probleme mit sich und schadet dem Rücken sowie den Knien.

Während eines Rennens Blut zu pinkeln, klingt auch nicht sonderlich gesund.
Das kann passieren, wenn ich dehydriert bin oder nicht auf meine Leber und Nieren achtgebe.

Können Sie vom Laufen leben?
Das ist sehr schwer. Ich drehe jeden Cent zweimal um. Durch Antrittsgelder und Werbeeinahmen verdiene ich etwas. Früher waren die Siegprämien höher. Heute gibt es genügend Läufer, die an den Rennen teilnehmen wollen, und die Veranstalter müssen sie nicht zusätzlich ködern. Normal zu arbeiten, ist mir auf jeden Fall lieber.

Bei Ihren Wettkämpfen gibt es so gut wie nie Zuschauer.
Das gefällt mir. Ich will lieber unerkannt bleiben. Die Ehrungen in meinem Heimatort Sa Pobla machen mich schon größer, als ich bin. An der Sporthalle, in der ich arbeite, hat die Stadt meinen Namen angebracht. Ich ziehe jedes Mal vor Scham den Kopf ein, wenn ich daran vorbeigehe.

Was rennt jetzt alle Welt ziellos durch die Gegend?
Als ich mir mit 14 Jahren die Trainingshose angezogen habe, haben die Fußballer von Sa Pobla mich ausgelacht. Heute ziehen sie sie selbst an, weil die Generation zwischen 30 und 60 Jahren eingesehen hat, dass Joggen und Sport gut für die Gesundheit sind.

Die Frauen sind gut dabei.
Früher war das nicht so. Heute erhalten die Frauen aber die gleichen Preisgelder wie die Männer, obwohl das leider noch nicht in allen Rennen der Fall ist. Neben dem Aspekt der Gesundheit gibt es ihnen ein Gefühl der Gleichberechtigung. Außerdem fühlen sie sich dadurch schön und wertgeschätzt.

Heutzutage ist es keine große Sache mehr, einen Marathon zu laufen.
Ja, der wird nicht mehr wertgeschätzt. Um jemand zu sein, muss man heute 100 Kilometer oder den Ironman absolvieren.

Erleidet man als Champion auch mal einen Schwächeanfall?
Bei einem Rennen über 100 Kilometer kommt der kurz nach der Hälfte. Ich motiviere mich dann damit, mich zur nächsten Versorgungsstelle zu schleppen, wo ich Wasser und Gel bekomme.

Fühlen Sie sich bei den Extremläufen einsam?
Das Rennen muss das einzige Problem sein. Wenn man läuft, blendet man alles andere aus. Deswegen wird diese Distanz auch zur Therapie genutzt. Die Endorphine bringen dich mit dir selbst in Verbindung.

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