"Nehmt keine Rücksicht"

Sonderbehandlung? Nein, das wollen die jungen Judoka aus Marburg nicht. Obwohl sie sehbehindert sind und gegen Normalsehende antreten. MZ traf die Nachwuchsportler in Cala Ratjada

30.05.2017 | 09:48
Trainer Markus Zaumbrecher kam mit seinen Nachwuchssportlern aus Marburg nach Mallorca

Zwei Tage vor dem Wettkampf am Samstag (20.5.) ist die Stimmung in der kleinen Sporthalle des Judo Club Renshinkan in Cala Ratjada gelöst, aber konzentriert. Die jungen Judoka wälzen sich, ineinander verkeilt, auf den Matten, Trainerinnen gehen umher, korrigieren oder geben Tipps. Sie alle sind aus dem hessischen Marburg angereist, fürs Trainingslager – und um als einzige deutsche Mannschaft am Wettkampf „Internacional Trofeu Renshinkan" teilzunehmen, bei dem 183 Sportler aus zahlreichen europäischen Ländern in dem nordöstlichen Küstenort von Mallorca aufeinandertreffen.

Nur wer seine volle Aufmerksamkeit auf die Marburger Sportler richtet, der merkt, dass die Trainer all ihre Handlungen genau erklären, anstatt sie nur vorzumachen. Und dass einige Jugendliche ihre Augen während der Übungen geschlossen halten. Die Gäste aus Deutschland sind sehbehindert.

„In verschiedenen Ausprägungen und aus verschiedenen Gründen", sagt Markus Zaumbrecher. Er ist der Cheftrainer und Gründer des Landesleistungszentrums blista Marburg. Alle seiner 13- bis 19-jährigen Schützlinge, die im Mallorca-Trainings-Camp dabei sind, gehen auf die Marburger Blista-Schule, einem bundesweiten Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. Viele von ihnen kennt Zaumbrecher schon seit Jahren aus seinen Judokursen. „Mit der Zeit entwickelt man mit jedem eine eigene Kommunikation und das ist auch sehr wichtig", sagt er. Denn ohne Kommunikation geht es nicht – erst recht nicht, wenn man, so wie auf dem anstehenden Turnier in Cala Ratjada, ausschließlich gegen Normalsehende antritt.

Zusammen mit seinem 19-jährigen Schüler Schugga Nashwan macht Zaumbrecher es vor: Wenn Nashwan die Hand hebt, ruft Zaumbrecher ihm die noch verbleibende Kampfzeit zu – denn die Anzeigetafel kann er nicht erkennen. Kommt Nashwan dem Mattenrand zu nah, ruft Zaumbrecher eine kurze Warnung und der Judoka reagiert sofort.

Nashwan hat Retinitis pigmentosa, eine Netzhauterkrankung, die sein Augenlicht mit der Zeit immer mehr einschränkt. „Ich kann viele Flecken nur noch verschwommen wahrnehmen", erzählt er. Vor allem, wenn die Kontraste fehlen, fällt ihm das Sehen schwer. „Die Übungsmatten hier sind perfekt für mich, sie sind orangefarben und der Rand ist blau. Aber Wettkampfmatten sind oft gelb. Da ist der Kontrast zum weißen Judoanzug für mich sehr schwer zu erkennen."

Und dennoch wünscht sich Nashwan keine Extrabehandlung bei den Wettkämpfen. Manchmal habe er mitbekommen, dass jemand seine Gegner ermahnt, nicht so doll zu machen im Kampf gegen einen Behinderten, erzählt er. „Wenn er dann geschlagen auf dem Boden liegt, sage ich ihm: Hättest du mal lieber doller gemacht."

Jedes Mal vor einem Wettkampf mit Normalsehenden, spricht Trainer Zaumbrecher vorher mit den Ausrichtern, den anderen Trainern und Athleten, um sie darüber aufzuklären, dass er eine inklusive oder gänzlich sehbehinderte Gruppe dabei hat. „Und jedes Mal sage ich ihnen, dass sie keine Rücksicht nehmen sollen." Allein um den anfänglichen Griffvorteil der Normalsehenden auszugleichen, bittet er manchmal darum, den Kampf mit einer Berührung zu beginnen. „Die meisten nehmen uns sehr gut auf", so Zaumbrecher. Nur ganz selten werde gemurrt. Dass die sehbehinderten Sportler Vorteile hätten, weil ihre anderen Sinne besser ausgeprägt seien. „Aber Judo-Lernen wird nicht dadurch leichter, dass jemand nichts sieht", erwidert ­Zaumbrecher dann.

Nashwan hat den braunen Gürtel und überlegt, bald die Prüfung für den schwarzen zu machen. Regelmäßig gewinnt er Kämpfe – gegen Normalsehende und gegen blinde Judoka. Auch auf dem internationalen Turnier in Cala Ratjada hat er in den vergangenen Jahren stets einen Platz auf dem Siegertreppchen belegt. Doch neben dem Erfolgsgedanken und den Wettkämpfen ist für ihn Judo auch im alltäglichen Leben eine Bereicherung. „Es bringt Körperbeherrschung und Balance. Man lernt, schneller zu reagieren und sicherer zu fallen und bekommt ein besseres räumliches Empfinden. Das hilft. Denn oft übersehe ich Laternen oder Ähnliches auf dem Gehweg."

Wer sich detailliert über die Blista-Schule informieren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich melden unter: nachwuchs@sg-judo.de

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