Urbia Voley Palma: Vom Retortenclub zur Familie

Palmas Volleyballerstligist Urbia Palma ist auf Kurs Titelverteidigung. Und das ganz ohne das Geld des eigenwilligen Mäzens Damià Seguí

04.12.2017 | 09:39
Der Zusammenhalt ist die Stärke von Urbia Palma in dieser Saison.

Aufstieg und Fall von Can Ventura

  • Vor drei Jahren übernahm der Volleyball-Narr Damià Seguí den Club Esporles Voley und führte ihn aus der dritten Liga bis zum Double aus Meisterschaft und Pokalsieg.
  • Für seine ehrgeizigen Pläne verpflichtete der ehemalige Besitzer der Showbühne Son Amar für viel Geld gestandene Profis. Allein vier Spieler warb er vom vorherigen Serienmeister Almería ab. Mit Jorge Fernández konnte Seguí auch den Kapitän der spanischen ­Nationalmannschaft ­verpflichten.
  • Der Erfolg entfachte die Begeisterung für Volleyball auf Mallorca neu. Doch die Euphorie endete im Juni abrupt. „Ich gehe, und Can Ventura verschwindet", verkündete der Mäzen. „Der Arzt meinte, wenn ich so weitermache, erlebe ich das Ende der nächsten Saison nicht."
  • Auf den letzten Drücker fand Trainer Marcos Dreyer mit Urbia Services einen neuen Hauptsponsor und konnte sein Team in der ersten Liga einschreiben.

Einer der Kritikpunkte an finanziellen Engagements von Mäzenen im Sport ist, dass der Verein sich in eine existenzielle Abhängigkeit begibt. Dreht der Sponsor den Geldhahn zu, steht der Club vor der Auflösung oder verschwindet aus professionellen Regionen. So erst kürzlich beim TSV 1860 München geschehen. Investor Hasan Ismaik stellte die Zahlung ein, und der Verein muss fortan in der vierten Liga spielen. Ein ähnliches Szenario drohte auch Mallorcas Volleyballclub Can Ventura. Doch der amtierende spanische Meister hat es nach dem gesundheitsbedingten Abschied von Mäzen und Präsident Damià Seguí geschafft, erneut eine schlagfertige Truppe zusammenzustellen, die um den Titel mitspielt. Nach dem 3:2-Sieg in der Halle von Son Moix am Sonntag (26.11.) gegen Teruel führt Urbia Voley Palma – wie der Club nun nach der Seguí-Ära heißt – als einziges ungeschlagenes Team in dieser Saison die Tabelle an.

Um das Überleben zu sichern, musste sich Palmas Volleyballclub neu erfinden. Statt auf die Millionen des eigenwilligen Rentners setzt der Verein nun auf Zusammenhalt. Kopf des neuen Projektes ist der brasilianische Trainer Marcos Dreyer, der vor zwei Jahren noch selbst mit der Vorgängermannschaft aus Esporles auf dem Feld stand. Es war er, der in der Saisonpause verzweifelt nach Sponsoren suchte und mit dem Versorger Urbia Services schließlich auch einen fand. Wahrscheinlich hätte er sich als Erfolgstrainer auch von einem anderen Verein abwerben lassen können. Doch Dreyer ist auf der Insel mittlerweile fest verwurzelt. Seine Frau ist Trainerin bei den Volleyballdamen von JS Hostels Cide, wo auch die gemeinsame Tochter spielt.

Mit vollem Engagement dirigierte der Brasilianer am Sonntag an der Seitenlinie das Spitzenspiel gegen den Verfolger Teruel. Am liebsten würde er wohl bei jedem gewonnenen Punkt auf das Feld rennen, um mit seinen Spielern zu feiern. Dass das Team an die sensationelle Leistung der Vorsaison anknüpfen kann, hätte er nie erwartet, sagt er nach dem Spiel der MZ. Acht Spiele, acht Siege, so lautet die Ligabilanz von Urbia Palma in dieser Saison. Darunter Erfolge in Almería, auf den Kanaren und gegen Teruel – alles Spiele, die die Meistermannschaft der Vorsaison verloren hatte.

Zur neuen Erfolgsgeschichte von Palmas Volleyballfamilie gehören auch die Zuschauer. Auch sie haben dazu beigetragen, dass der Verein in dieser Saison antreten kann. Per Crowdfunding kamen immerhin 11.405 Euro zusammen. Zudem lässt sich der Anhang nicht davon abschrecken, dass in dieser Spielzeit erstmals 5 Euro Eintritt fällig werden. Beim Spiel gegen Teruel sind es knapp 2.000 Zuschauer, die in der Halle von Son Moix ihr Team anfeuern. In den Schwächephasen, wie dem mit 23:25 kassierten Ausgleich zum 2:2 nach Sätzen, schreien junge Mädchen die Mannschaft nach vorne. Im Takt eines einzelnen Trommlers setzt sich Urbia Palma im Tiebreak dann sicher mit 15:9 durch.

Im Entscheidungssatz ist es Jorge Fernández, der mit seinen Punkten Verantwortung übernahm. Der 28-Jährige ist trotz attraktiver Angebote anderer Vereine geblieben. Mit Publikumsliebling Fran Ruiz, Andrés Villena, der als bester Spieler der vergangenen Saison ausgezeichnet wurde, und Guilherme Hage hatte Palma dennoch einen qualitativen Aderlass erlitten. „Wir haben zwar nun etwas weniger individuelle Qualität, aber das gleichen wir durch Teamgeist aus", sagt Dani Macarro, Mittelblocker aus Madrid. Er erhält durch die Abgänge nun wesentlich mehr Spielzeit.

Zur Not wird auch mal über die Werbebande hinter dem Ball hergesprungen. Der Einsatz der Spieler ist bemerkenswert, wobei er nicht von selbst kommt. Noch vor vier Wochen setzte es gegen eben jenes Teruel eine 0:3-Klatsche in der Supercopa – einer Trophäe, die zwischen Meister und Pokalsieger ausgespielt wird. Da Palma beide Titel zuvor gewann, war Teruel als Gegner nachgerückt. „In der Supercopa hat jeder zu sehr für sich selbst gespielt. Nach der Niederlage haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wie wir besser als Team auftreten können", sagte Jorge Fernández.

Mit dem ehemaligen Mäzen hat das Team kaum noch Kontakt. „Zu unseren ersten beiden Spielen kam er als Zuschauer, danach nicht mehr", sagte Fernández. Dabei könnte Urbia Palma noch einen weiteren Traum des 81-Jährigen erfüllen: eine Rückkehr in den internationalen Wettbewerb. Als Meister war Can Ventura dafür qualifiziert. Für Damià Seguí waren die Kosten einer Teilnahme aber zu hoch. Sollte der Nachfolger Urbia Palma nun weiter so erfolgreich spielen, könnte Trainer Marcos Dreyer bald schon auf Sponsorensuche gehen. Denn anders als die Fußballer von 1860 München haben die Volleyballer den Wechsel vom Retortenclub zur erfolgreichen Familie zügig gepackt.

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